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Wiener Morgenzeitung · 1927-04-10 · Heft 2916 (10.4.1927) · p. Seite 5

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
9 (1927)
Issue
Heft 2916 (10.4.1927)
Date
1927-04-10
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 891# Wien, Sonntag Mienen Morgenzeitung 10. April 1927 Seite 5 «Ratet und feine Stau freigesprochen. Wegen Verleumdung verurteilt. ö'üx ■> Uhr nachmittags war die Urteils-Verkündigung angesetzt. Bereits eine Stunde vorher war der Saal bis aut das letzte Plätzchen nicht nur von Neugierigen, sondern auch von hohen richterlichen Funktionären besetzt, ein Zeichen dafür, /welchem ungeheuren Interesse der fast vierzehn Tage lang andauernde Prozeß um das abgehackte Bein begegnet/ Um 5 Uhr wurden die Angeklagten in dev Saal geführt. Emil Marek ruhig und gefaßt, wie während der ganzen Verhandlung. Martha Marek totenbleich, nur mehr ein vibrierendes Nervenbündel. Ebenso Paula Löwenstein, die vor Aufregung öfter aus dem Saal geführt werden mußte. Ruhig und apathisch die Nebenfiguren Karl und Marie Mraz. Eineinviertel Stunden währte diese unbeschreibliche Erregung, eineinviertel Stunden, die den Harrenden wie Jahre erschienen, dauerte die unsägliche Marter der Angeklagten. Um einviertel 7 Uhr erschien der Gerichtshof unter atemloser Stille des Auditoriums und verkündete das in der Hauptsache freisprechende Urteil. Befreit atmete alles auf und schüchternes Beifallsklatschen, das der Vorsitzende sofort rügte, wurde hörbar. Emil und Martha Marek wurden vom Versicherungsbetrug freigesprochen. Nur wegen Verleumdung und Verleitung zur falschen Zeugenaussage wurden beide verurteilt. Der Gerichtshof konnte trotz aller mit der größten Entschiedenheit abgegebenen Sachverständigengutachten doch zu keinem Schuldspruch gelangen. Er schätzte eben die Zeugenaussagen und die psychologischen Momente höher ein als die kunstvollen Versuche der gelehrten Herren am toten Knochen. Es ist nicht das erstemal, daß die Wissenschaft im Gerichtssaal Schifsbruch erlitt. In dubio pro reo sagten sich die Gelehrten und Laienrchter, denn höchst dubios waren für sie, trotz aller Gelehrsamkeit die Gutachten der zünftigen Wissenschaftler, die vorgeben, die Wahrheit in Erbpacht genommen zu haben. Freigesprochen wurde das Ehepaar Marek, verurteilt wurde aber auch nebst den Sachverständigen die Versicherungsgesellschaft, die durch ihre leichtfertige Geschäftsführung den Versicherungsbetrag, mit der schwindelhaften Summe dem „Kindemitdem V o l l b a r t", wie Emil Marek in der Verhandlung genannt wurde, ermöglicht hat. Das Prozessieren um die Versicherungssumme wird erst jetzt beginnen und es steht keineswegs so unbedingt fest, daß Emil Marek die ganze Summe von vierzehn Milliarden auch wirklich erhalten wird. Jedenfalls hat er jetzt seinen Rechtstitel, um seinen Anspruch geltend zu machen. ■ . - * . Gestern vormittags setzte Verteidiger Dr. Teirich sein Plädoyer für Martha Marek fort, nach ihm sprachen für Karl Mraz Dr. Sperber und für Marie Mraz Dr. B o n d y. Staatsanwalt und Privatbeteiligtenivertreter verzichteten auf die Replik, so daß sich der Gerichtshof nach einer kurzen Mittagspause zur Urteilsberatung zurückziehen konnte. Um einviertel 7 Uhr abends verkündete Präsident Hofrat Dr. Ganzwohl das Urteil. Emil Marek wurde vom.Verbrechen des Betruges' freigesprochen, dagegen wegen Verleumdung und Verleitung zur falschen Zeugenaussage zu vier Monaten schweren Kerkers verurteilt. Martha Marek wurde ebenfalls vom Versicherungsbetrug freigesprochen, dagegen wegen Verleumdung und Verleitung zur falschen Zeugenaussage zu drei Monaten schweren Kerkers verurteilt. Paula Löwenstein wurde wegen Vovschubleistung und Verbrechen zur Verleumdung unter Anwendung des außerordentlichen Milderungsrechtes und des Strafumwandlungsrechtes bedingt zu drei Monaten st r e n g e n Arrests und Karl Mraz wegen falscher Zeugenaussage und Verleumdung zu sechs Wochen schweren Kerkers verurteilt. Die Angeklagte Marie Mraz wurde gänzlich freigesprochen. In der umfangreichen Urteilsbegründung führte der Vorsitzende aus: Es ist erwiesen, daß Emil Marek bei Abschluß des Versicherungsvertrages unrichtige Angaben gemacht hat, indem er sich als Grubenbesitzer ausgab, und sein Alter erhöhte. Dadurch hat er die Gesellschaft irregeführt. Doch mußte der Gerichtshof die Frage, ob diese Angaben tatsächlich geeignet waren, die Versicherungsgesellschaft irrezuführen, verneinen. Die Versicherungsgesellschaft war verpflichtet, bei sachgemäßer wirtschaftlicher Geschäftsführung die Ueberprüfung dieser Angaben vorzunehmen, die sehr leicht zu bewerkstelligen gewesen wäre. Es hatte sich dabei sofort die Unwahrheit Herausstellen müssen. In der Unwahrheit, daß sich Marek als Grubenbesitzer ausgab, konnte der Gerichtshof keineSchadensabsichten erblicken, weil durch diese Angabe Marek der Versicherungsgesellschaft geradezu einen Dienst erwies, indem er sie auf das größere Risiko, das sic bei Eingehen der Versicherung auf sich zu nehmen hätte, aufmerksam machte. Ueberdies konnte Marek bei der von Sachverständigen festgestellten Seriosität des Burgenlandprojekts, an der Marek in gutem Glauben festhielt,, hoffen, bald zu, Vermögen zu kommen. Die Anklage, legt dem Emil Marek/ zur Last, daß er durch die!Vortäuschung eines Unfalles die Versicherungssumme an sich bringen wollte. Der Gerichtshof hat'sich zunächst mit den Beweggründen beschäftigt und ist zur Ansicht gekommen, daß Marek mit Recht annehmen könnte, bald aus seiner momentanen prekären Situation durch Verwirklichung des Burgenlandprojektes herauszukommen. . Außerdem stand.ihm,i n d e n Möbeln eine An unsere MWNer! / - Der E i n s e n d e t e r m i tt für unsere erste Preisrätfelkonkurrenz endigt am 25. A p r i l. Ort und Zeit der Verlosung werden wir noch.rechtzeitig vekanntgeben. Unsere Rätsellöser werden gebeten, die ausgefüttten Diagramme mit den dazugehörenden Kupons in einem Kuwert, auf dessen obere Ecke deutlich der Vermerk „R ä t s e lkonkurrenz" zu schreiben ist, an unsere Redaktion, Wien,. 2. Bez., Taborstraße 1—3, einzusenden. Fehlende Nummern können in unserer Administration noch nachbezogen werden. Klügelei der politischen Falschspieler, auf deren Schach-- brett man ihn als Stein herumschob. Er glaubte an gar nichts mehr. Aufgesessen war er. Gebrochen lag er da, selbst ohne den Wunsch, sich auszulehnen. „Nur schnell in den Pfuhl des Nichtseins sinken, wo man sich nicht mehr erinnert, je gewesen zu sein — ins tiefste Grab, das ewiges Vergessen deckt!" Er redete ohne Leidenschaft, ohne Heftigkeit, mit matter, verschleierter Stimme, so daß Annette von schllvesterlichem Leide durchdrungen lmrd... Ach, wie ähnlich waren sie sich in ihren entgegengesetzten Schicksalen! Dieser Mann, für den der Krieg nur Liebe bedeutet hatte, wie für sie nur Haß, — und beide hatten sich geopfert — wem? Für was? Tragischer Wahnwitz all dieser Opfer!... Und trotz alledem, trotz alledem... imUebermah der Bitterkeit (angesichts solchen Elends wagte sie sich das kaum emzugestehen) eine tragische Wollust!. Nein, nicht umsonst werden wir zerfetzt, zerstampft, zermalmt, wie Trauben! Und lväre es auch um nichts — ist es nichts, der Wein zu sein? Diese Kraft, die uns trinkt, lvas wäre sie ohne uns? Welch schreckensvolle Größe! Ueber den Blinden geneigt, sagte sie mit leiser, glühender Stimme: „Mit jeder Hingabe wird man zum Narren. Vicilleicht... Es ist besser, genarrt zu werden! Mir ist's auch widerfahren. Ich tät' es wieder. Und Sie?" Es packte ihn. „Ich auch!" Ihre Hände verschlangen sich: „Wenigstens haben wir keinen Nutzen davor: gehabt, oaß man uns zum Narren hielt. Es ist schön, genarrt zü werden!" Der Zug hielt. Dijon. Der Wärter erwachte und stieg aus, um sich beim Büfett anzufeuchten. Annette sah, wie der. Verwundete seinen Verband wegzuschieben suchte. * „Was tun Sie? Lassen Sie das in Ruhe!" ' „Nein, schon recht nicht!" „Was wollen Sie?" „Sie sehen, bevor es Nacht wird für mich." Die Binde wurde abgenommen. Wer er stöhnte auf: „Zu spät!...'Ich sch' Sie nicht." Er barg das Gesicht in den Härchen. Annette sagte: „Armer Kleiner! Sie sehen mich besser denn mit Augen. Ich brauche die meinen nicht, um Sie zu kennen. Rühren Sie meine Hände an! Unsere Herzen berühren, sich." Er rrmttammerte ihr Handgelenk, wie in Angst, sie zu verlieren. Er sagte: „Sprechen Sie rveiter! Sprechen Sie ju mir! Sprechen Siel" Seinen erstorbenen AUgen rvar diese Stimme ein Schattenriß an der Wand. Gierig prägte er sich diesen ein, indes Annette irr kurzen Zügen das Bich der vierzig Jahre des Höffens und Wollens entroarf, der vierzig Jahre des Berzichtens, der Niederlagen und des Neubegmnens, der vierzig Jahre Wirklichkeit und Traum (alles ist Traum), die ihr Antlitz geprägt hatten. „Ja, gut haben sie es modelliert," dachte er. „Die Seele tritt zutage...." Das schönste seiner Gemälde sah er jetzt. Wer keiner außer ihm sollte es sehen. Sie hielt inne im Sprechen. Bis die Nacht um war, sagten sie sich nichts mehr. Kurz vor der Ankunft entzog sie ihm ihre Hand, die sie ihm bis dahin gelassen hatte, und sagte: „Ich bin nur ein Weggenosse deines Elends. Wer ich segne dein« armen Augen, segne deinen Leib und dein Denken, dem Opfer und deine Güte... Und auch du segne mich! Wenn der Vater seine Kinder vergißt, ist es an den Kindern, sich wechselweise Vater zu fein." Reich zu werden Ist heutzutage leichter als früher. Das letzte Qehelmnis des Erfolges der Milliardäre, der sicherste Wegweiser zu Reichtum, Nacht und Ansehen Ist die Energie. Dazu bedtif es stählerner Nerven, einer widerstandsfähigen und wlderstandskräftlgen Konstitution und einer kampffreudigen Aus* datier. Wer von Kindheit auf DIANA Franzbranntwein mit Menthol! gebraucht, stählt seine Nerven, macht die Konstitution widerstandsfähig, kraftvoll und schafft eine kampffreüdlge Ausdauer. UeS»eraa91 er 9a Sb 9 dl £ da. finanzielle Reserve zur Verfügung, auf die er auch tatsächlich später 350 Millionen als Darlehen erhielt. Der Gerichtshof kam zur Ansicht, daß diese Beweggründe nicht ausgereicht hätten, eine so furchtbare Selbstverstümmelung vorzunehmen, um so mehr, als Marek durch Abtrennung eines kleinen Fingers leicht aus der finanziellen Bedrängnis hätte herauskommen können. Das wichtigste Beweisstück, das a b g e t r e n n t e B e i n, hat auf Grund der Sachverständigengutachten ergeben, daß mehrere Einhiebe feststellbar waren und daß das Bein auf einer festen Grundlage aufgelegen sein muß. Doch hat ein anderer Sachverständiger erklärt, daß ein Mensch, der mit dem Um-, gehen mit einer Hacke nicht allzusehr vertraut ist, durch Ungeschicklichkeit und unglückliche Zufälle die unglaublichsten Verheerungen aurichten kann. Der Gerichtshof hat sich diese Aussagen vor Augen gehalten und konnte deshalb nicht die v o l l e U e b e r z e u g u n g gewinnen, daß sich Emil Marek die Verletzungen mit Wsicht beigchracht hat und mußte deshalb ein fveisprechendes Erkenntnis fällen. Würde Emil Marek von diesem Anklagefaktum freigesprochen werden, so mußte notwendigerweise auch Martha Marek, die mit ihm in Einverständnis gehandelt haben soll, freigesprochen .werden. Der Schuldspruch der Angeklagten in dem Verleumdungsfaktum Mraz stützt sich aus die Angaben des Angeklagten Mraz, denen der Gerichtshof vollen Glauben schenkte. Paula Löwenstein hat hierzu Vorschub geleistet, doch an den Verleumdungen und an der falschen. Zeugenaussage selbst nicht teilgenommen. Marie Mraz war von der Anklage der abgelegten falschen Zeugenaussage freizusprechen. Karl Mraz war auf Grund seines Geständnisses schuldig zu sprechen, dagegen Marie Mraz von der. abgelegten falschen Zeugenaussage freizusprechen, weil sie nach dem persönlichen Eindruck, den der Gerichtshof von ihr gewonnen hatte, die Einsicht in die Strafbarkeit, ihrer Handlungsweise gefehlt hat. Ebenso konnte der Gerichtshof nicht als erwiesen annehmen, daß Karl Mraz seine Gattin über die Vorgänge mit dem Beine richtig informiert Hat. Bei der Strafbemessung wurde für die verurteilten Eheleute Marek die Konkurrenz zweier Delikte, nämlich die Verleitung zur falschen Zeugenaussage und die Verleumdung zweier Aerzte als erschwerend angenommen, als mildernd die Unbescholtenheit und die seelische Depression, in der sich beide wegen des ihnen amgelasteten Versicherungsbetruges befanden. Martha Marek wurde überdies noch zugute gehalten, daß sie bestrebt war, ihren Gatten zu retten. Bei Paula Löwenstein lag kein Erschwerungsgrund, dagegen mehrere Milderungsgründe vor. Bei Karl Mraz war erschwerend die Konkurrenz der Delikte, dagegen mildernd das reumütige Geständnis und die Unbescholtenheit. Bei sämtlichen Angeklagten wurde das außer-ordentliche Milderungsrecht angewendet und ihnen , die Untersuchungshaft eingerechnet. Demnach haben alle Angeklagten mit Ausnahme Emil Mareks durch die ausgestandene Untersuchungshaft ihre Strafe verbüßt. Emil Marek hat nur noch einige Tage von seiner Strafe zu verbüßen. Die Verteidigung sowie die Staatsanwaltschaft behielten sich Bedenkzeit vor. Während der Urteilsbegründung konstatierte der Vorsitzende, daß sich der Schriftführer ohne seine E i n.w illigung entfernt habe. Er fragte den Staatsanwalt und die Verteidiger, ob sie mit der Fortsetzung der Begründung auch in Abwesenheit des Schriftführers einverstanden seien, was diese bejahten. Nach Verkündigung des Urteils fielen Paula Löwen* stein und Frau Marek dem Emil Marek um den Hals, weinten und küßten einander. Dann traten Frau Marek und Paula Löwenstein vor den Vorsitzenden hin und dankten ihm für das milde Urteil. Lächelnd wehrte Hofrat Ganzwohl ab und sagte: „Mir haben Sie nichts zu danken, w i r h a b e n n u r u n-

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