Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 2915 (9.4.1927)
- Date
- 1927-04-09
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Wien, Samstag Wiener Morgerrzeitnng s. April ISS? Nr. SS1Ü DettL 0. Der Sohn des Moses Mautner Ein Wiener Roman von Leopold Hichler. Copyright 19» by R. L&vrit Terlag, Nk« - taijnht (5- Fortsetzung.) Der Reiz des Neuen, nebst dem einfacheren Lehrstoff der Bürgerschule, schienen eine Blüte seines Fleißes zu bewirken. Frau Sali wagte wieder zu hoffen und sogar zu träumen: Bon der Handelsschule, Handelsakademie, Kadettenschule, vielleicht sogar ins Gymnasium zurtick? — Wir aber, liebe Leser, trauen ihnr nicht mehr und nnt Recht, denn Im nächsten Jahre in der zweiten Klasse der Bürgerschule, stmid Gustav zum Schulschluß in dem sündigen Häuflein der Repetenten. ,Mas mir das Kind fiir Schmrd' macht," jammerte die Mutter, und der Vater seufzte resigniert: „Mbo! Was soll ich tun? Ich bin zu schoach für ihn. G Johr is verloren!" — .hierin sollte ihm Trost werden. Gustav blieb kein ganzes Jahr mehr in der Schule. Es war im April, an einem schönen Frühlingsmorgen, als Gustav, wie alltäglich, das Zimmer der „II 58" betreten wollte. Da stand der Schuldiener vor der Türe der „II 58"; sein Zeigefinger deutete zum zweien Stvck.re.k hinauf und er sprach die inhckttsschtveren Worte: „Nahn. Sie sollen gleich auf'ikummen zum Herrn Direktor!" Gustav ging lang'am zur Direktionskanzlei hinauf und dachte: „Warum sagt er „Sie" zu mir, und warum soll ich zum Direktor gehen?"- Der Direktor begann feierlich: „Mautner! Sie sind heute vierzehn Jahre alt. Wir sind nicht verpflichtet, Sie bis zum Schulschluß hier zu halten. Die Klasse ist ohnedies überfüllt und Ihnen wird's ja auch recht sein; darum geben wir Ihnen schon heute das Abgangszeugnis." Er nahm vom Schreibtisch ein grckir-weißes Blatt: „So, da haben Sie's."-- Gustav war nie gerne in der Schule gewesen. Das aber tat ihm weh. Der Direktor merkte es. „Sehn's, jetzt haben's Reue; aber früher haben's nur Spasselteln g'macht und Ham uns alle sekkiert! — Na, Vorwürfe haben jetzt keinen Sinn. Es soll alles vergessen sein und schaun's dazu, daß Sie im Leben ein braver Mensch wem!" — Er reichte dem Jungen die Hand, drückte sie fast, denn er 'hatte den Burschm lieb, aber „es is a Kreuz mit ihin!" waren seine Worte, wenn er über Gustav sprach. „Wissens Frau Mautner!" hatte er einmal zu Gustav's Mutter gesagt, „er is nicht dumm; er is nur voll Büberei und Ucbermut!" — „Was tut er denn so Schlechtes, Herr Direktor?" hatte Frau Sali bekümmert gefragt. „Er benützt jede Gelegenheit, um den Unterricht zu. stören. Einmal kriecht er unter den Bänken herum und brummt, daß die Lehrer und die Schüler erschrecken, und laßt Man ihn dann zur Strafe außerhalb der Bank stehen, schneidet er wieder solche Grimassen, und reizt die braven Burschen, die lernen wollen, zum Lachen, so daß man sich nicht zu helfen weiß! — Es is tt Kreuz mit ihm! Manchmal ve.blufft er wiä>:r durch seine Llntworten. Man sieht: der Bursch denkt, und es ist kein gewöhnliches Denken! Mit einem Wort: Der gehört se- REGINE ABEND SAMUEL MANHARD empfehlen sich als Verlobte. Wien, im März 1927 HIRSCH INTRATOR und FRAU zeigen hiemit die Verlobung ihrer Tochter EMMY mit Herrn Br. ISIDOB POHOBILLE an. Wien, 1m Nissan 5687. FÜR ALLE s s ■ Versicherungs - Abschlüsse bietet besonders günstige Bedingungent ■ Gemeinde Wien Städtische Versicherungsanstalt Direktion: Wien, /., Tuchlauben 8, Tel. 67-5-40 FILIALEN U. GESCHÄFTSSTELLEN IN AL¬ LEN GRÖSSEREN ORTEN DER REFUBLlK ll s s s ■ ■ parat behandelt. Er ist eine Besonderheit Und in eine Klasse mit fünfzig Burschen paßt er nicht hinein. Ich sag' Ihnen Frau Mautner: aus denr Burschen wird entweder ein Genie oder ein Galgenstrick!" — — Ms die Mutter damals den Herrn Direktor verließ, hatte sie am Heimweg zwischen Freude und Kränkung geschwankt. — — In ähnlichem Zwiespalt der Gefühle ging Gustav jetzt aus der Direktionskanzlei. Die Schule los sein, ivar immer sein sehnlichster Wunsch gewesen; aber diese plötzliche, unvermutete Entlassung, kränkte ihn doch. Nicht larrge. Ms er ans der Straße, vor dem Schulgebäude stand und zu den Fenstern der „II B" hinauf blickte Md dachte, daß die anderen noch vier Stunden oben sitzen müßten, da überwog die Freude. Und nun entwarf er einen Plan für den Rest des Vormittags, denn jetzt nach Hause zu gehen, verwarf er sogleich. „Die Mutter," dachte er, „wird's um zwölf Uhr — früh genug erfahren." — Was aber beginnen mit so viel Freiheit? Bier Stunden! Ihm war zumute, wie einem, der unerwartet einen Schatz gehoben Md ihn nicht verwerten kann. Bald wußte er es. „In den Prater! In den Prater!" rief er. „Zu den Soldaten!" — — Im Prater, auf der Wafserwiese — es ist schon lange her; heule ist sie verbaut — gab's jeden Vormittag viel Militär zu sehen. Jnsaitterie. Die Deutschmeister oder die Vierundachtziger oder die Neunundvierziger, die „Möhlstauber", tvie sie ivegen ihren grauen Auffchlägen genannt wurden. Meist übte ein Bataillon eines Regimentes. Gegen zehn Uhr vormittags kamen die Musiker des Regimentes, die Re.simentSkapelle und nach Schluß der Uebung führten sie das Bataillon mit klingendem Spiel' nach Hause, in die Kaserne. (Fortsetzung folgt.) Bühne md Kunst. Philharmonisches Konzert. Dirigeitt war Direktor Frmrz Schalk. Er hat in der letzten Zeit wiederholt durch hervorragende Aufführungen dm Beweis erbracht, daß er als Kandidat für die Leitung der nächstjährigm philharmonischen Konzerte in die engere Wahl kommen müßte. Seine außerordentlichen Vorzüge als Brnckner^Dirigml, dessen Ws unirdischem Ganz und jenseitiger Wonne verkommende Feierlichkeit ihm b-esondrrs liegt, bedürfm keines Lobes mehr. Diesmal, in der Medergabe der „Sechstm" gelang besonders schödie ei::zi ar ige, aus dem.Dunkel zur Helle aufschwebende Verklärtheit des Adagios. Am Beginn des Konzertes stand Beethovens Kuvertüre zur Namensseier" op. 115. Ursprünglich für die Nammsseier des Kaisers Franz bestimmt, gelangte sie erst drei Monate später zur Aufführung. Mancherlei Pläne Beethovms hängen mit dem Merkchen zusammen, mit denr er jahrelang in Beethovenscher Zähigkeit rang. Dreimal hat er die Arbeit cm der Ouvertüre unterbrochen, die er gelegentlich auch mit dem Chorsatz „Fvmde, schöner Götterfunken" beschließen. wollte. Solist des Konzertes war Wilhelm Backhaus. In Beethovms Es-Dur-Konzert legte er d'e> das Werk förmlich durchziehenden Improvisationen, mit der inne.e.r Hell- Hörigkeit eines Rhapsoden aus. Selbstverständlich ist alles Technische für Backhaus nur ein Kinderspiel und alles Heroische erfaßt er mit ehernem Griff. Doch, auch in der zavtm Lyrik des Mittelstes erweist, er sich als Meister, der ans starkem Empfindm heraus zu gestaltm vermag. Noch ein Schuß mehr Temperament und er wäre der ideale Beethoven-Interpret. flb. Me „Helleraner*. Rhythmisch-gymnastische Aufführung. . $iu Rahmm einer Matinee in den Wieneo Kammerspielen zeigte die Schule Hellerau-Laxenbuvg ihvo Methode und. ihre Absichten, in bezug auf Körperbildung und Rhythmik. Das Wort „rhythmische Gynniastik" ist durch dm Gründer dieser Schule Jaques Dalcro.ze (Jakob Dalkes) in Europa populär gewordm. Die Tänzerinnm Mary Wigniann, Hedloig Nottebohm, Edith von Schrenck, die Schwestern Falke u. a. wurden von Dalcroze erzogen. Wie Christine Baer-Friscel in ihren anMenden Wortm betonte, wurde bei dieser Vorführung der Tanz ausgeschaltet. Die Darbietungen sollten das Publikum belehren, wie die Schule Hellern» durch rhythmische Gymnastik bei ihren Schülern von frühester Jugend das Bewußtsein des Körpers zu wecken, durch sinnvolle Körperkultur die Bewegungen des Menschm mit seinem Charakter in Einklang zu bringm sucht. Frau Baer-Friscel wendete sich insbesondere gegen die übliche Mode des Kindertanzes und sagte, daß man durch den modischen Tanzunterricht, die Kinder zum Exhibitionismus erziehe. — Ganz entzückend waren die Reagierübungm. stnelerischen Gymnostikübungen und Dirigierübungen der Kinder im Alter von vier bis sechs Jahren, unter Leitung von Traute Rehländer, überzeugend die Hebungen der funktionellen Gymnastik einer Gruppe von Mädchen, gezeigt unter dem Gesichtspunkt „Konzentrierung auf die Wirbelsäule", sowie eine Auswahl von Uebungen aus einigen Hauptgebieten der G mngstik, insbesondere prachtvoll ausgeführte Spmngübungen (Leitung Marianne P o ntan). Besorgen Sie sich rechtzeitig für Pessach en,wl'erHagadah Illustriert von Josef Budko Deutsche Uebersetzung durch Dr. Max Grunwald Hebräisch, Pappband . . 83 — Leinenband.8 3 SV Hebräisch-Deutsch, Pappbd. 8 390 Leinenband . ,. 8 480 öd« d,« Hagadah mit Holzschnitten von Jacob Steinhardt, geschrieben von F. Baruch Pappband.8 6 — Luxusband mit Originalholzschnitt, signiert und numeriert. . 8 30 — (statt 8 54 —) Buchhandlung R. Löwit, Wien,I. Rotenturmstr. 22 In der Ablei ung „Rhythmik" führte Christine Baer-Fviseel mit ihrm Schülerinnen an einer Reihe von Beispielen, die körperlich-musikalische Erziehung vor, und ihren Zweck, die Bewegungen nicht in sklavische Abhängigkeit von der Musik zu bringen, sondern, die Harmonie von Musik und Bewegung zu erzielen. Es war ein instruktiver Unterrichtskursus, der mit wunderschönen, in ihrer Freiheit, Gelöstheit Md Wesenhaftigkeit sehr erfrmlichm Bewegungsstudien schloß. Am den Theatern. Burgtiheater. Morgen,. 3 Uhr nachm., Lessings Lust» spiel JDl inna vonBarnhel m"; y2S Uhr abends, „T r res chübe l" (Monnement 4. Gruppe). Operntheatrr. Morgen, 7 Uhr t < I r*. Atademietheater. Morgen, 3 Uhr nachm., „Der. Raub de r Sabinerinnen"; 8 Uhr-abends, „Mad el von heute". Deutsches Bolkstheater. Ms heutige Nachmittagsvorstellung um 3 Uhr Kabale und Liebe", morgen Sonntag) „Flucht". Morgen abends „Der Garten Theater in der Josesstadt. Wegen Berliner Verpflichtungen der Frau Luoie Höflich können nur noch fünf Vorstellungen von „Frau W a r r e n s Gewerbe" stattsi irden. Ka mme rsp ie«le. Donnerstag, den 14. d. M., Uraufführung von „Mary und die Liebe" von Siegfried Geyer mit Erika Gläßner in der Titelrolle. — Sonntag, 11 Uhr, Tanzmatinee Gertrud Kraus. Modernes Theater. Bis einschließlich Mittwoch, oen 13. d. M., die Einakter: „Die Rote", „Der Befehl", „Der ungebetene Gast", Gesuch im Bett" und „Die Peitsche und Gm Beettivveufund w Bräun. Wie die ^,Libove Noviny" berichtet, hat der Beatmte des MustkurHivs beim mährischen Landesmuseum, Karl Vetterl, 'der bei der Äearbeitung von Manuskripten und Musikalien der St. Jakvbskirche eine 932 Seiten umfassende Abschrift der BeeHovenschen „Missa Solemnis"-Partltur nebst dreifacher Wschrist der Stimmen aufgefunden, die 1824 von Wilhelm Hirschberger angeferttgt wurde. Es ist zu vermuten, daß die Missa Ende 1824 oder anfarmS 1925 in Brünn ungekürzt Kur Aufführung gelangte. Verschiedene Randbemerkungen la,sen hierauf schließen. Das Werk wurde bekanntlich am 7. Mai 1824 in Wien gekürzt aufgeführt. Beethoven - Gedächtnisstiftung deS Welt-Musik- und Sangesbundes. Zum bleibenden Gedächtnis an den hnndert- 'ährigen Todestag Beethovens hat der Welt-Musik- und Zangesbund ln Wien eine Beethoven-Gedächtnisstifrnng für musikalische Wohlfahrtszwecke ins Leben gerufen. Es wurden zugunsten dieser Stiftung bisher zahlreiche Konzerte in Oesterreich veranstaltet. Weitere Beethovenfeiern zum selben ''wecke Jittbeit im April und Mat von ÄMgliedvereinelr sn »rooklhn, Tokio, Kobe und Osaka in Japan statt. Kollektivausstellung von Werken. Leomd Pasternaks. Der in Paris lebende bekannte" Wilsche Maler Professor Leonid Pasternak vollendete am 4. April sein 65. Lebensjahr. Aus diesem Anlaß wird demnächst, wie I. T. A. berichtet, in Berlin ein« Kollektivausstellung seiner Bilder, Zeichnungen und Graphiken eröffnet werden. Pasternak war 30 Jahre lang Lehrer an der Kunsthochschule zu Petersburg und gehörte zu dem Freundeskreise Tolstois, dessen „Auferstehung" er illustriert hat. In den russischen Galerien hängen zahlreiche seiner Bilder, und auch das Luxembourg-Museum in Paris besitzt einige seiner Werke. Pasternak hat vor einigen Jahren Palästina besucht; die künstlerische Ausbeute sind eine Reihe ZeichminZn und Gemälde des alten und neuen Palästina, deren Vereinigung zu einem „Palästina-Album" geplant ist. Der Verstand der jt bffchen Bühnellangel>örigen rn Polen wurde, wie uns aus Warschau berichtet wird, als Mist« glted in dte Internationale Union der B ü h rr e rrangehürtgen ausgenommen, welche Verbände aus neunzehn Staaten umfaßt. Um die Aufnahme des jüdischen BerbandeüiU ermöglichen, wurde das oisher für die Union geltende Territorialitätsprinzip äusnahmSwelse durchbrochen. DaS Budapefter jüdisch? Küusttt'renfemble gastiert heute Samstag und morgen Sonntag im Variete Relklame, 2. Bez.. Praterstraße 34. ' Jüdffcheo Kiicksirerkastarett, 2. Bez., Präterstraße 60. SamStag, den 9. d. M. bis einschließlich Donnerstag, den 14. d. M. gehit die in Ametika mit größtem Erfolg auHgeführte Operette „R e i s e > e d e m R e b e n S" mit ^rciuleip Kalmus ru der, S»«vtrolle Szene. 53235323484853234853535348485302232348534848482323534853534823532301535348