Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 2914 (8.4.1927)
- Date
- 1927-04-08
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Wen, FrEog Wiener Mvrgerrzettttttg 8. AM 1627 Nr. 29U Der Prozeß um das abgehackte »eia. «e Mchlattische» »Machte«. — Reue Brweisanttöge. Sette 4 _ allerletzten Tage» kein wesentlich HSHever als in de« «Hon Tagen eines anderen Monats gewesen. Lr. Schttl Sdtt m MWemMMM. Am kachottschM Meisterverein Alsergrund dkm Doktor SKpel ans den Dorothernnffkandal zu sprechen. Gr behauptete, daß das MorrtagSblatt, n^lches den ersten Artikel über die großen Berürfle des Dorotheums gebracht hat, dem GMbtrat Breitner inch seinen Grossen in der jüngsten Zeit imhezu flehen scheine. „Wir, wisse«," fuhr er dann fort, „schon seit Monaten, daß ans dieses Kreditinstitut ein großer Anfluarin der Sozialdemokraten unLernmnmim Wettet! sollte. Sie hätten das Dorotheum am liebsten ME den Bankgeschichten vom vorigen Iahtrv ztksainmengehängt, aber mit diesem Plane ist zu Ende des vorigen Wahres Schluß gemacht worden. Jetzt hat man noch rasch einen Vorstoß derselben Art versucht. Für einen Teil der Sozialdemokrater: ist es ein großer Schmerz, daß sie ebensowenig das Dorotheum wie die Postsparkasse Und andere Institute ganz in ihre Macht bekommen konnten." Koufiskatlonder Rltualmordblattrs. Die StaatSamvaltschaft hat gestern das tzalenkreuzlevisthe Pogromwochersblatt wegen eines ArMtzls „Die Bluttat i-n DamasEnS" wegen beunruhigender Gerüchte und Be- Beleidigung der jüdischen RMgionsgenossenschaft beschlagnahmt. In dem Artikel war die bekannte, tausendmal als Lüge erwiesene Geschichte von dem Kapuziner Thomas in Damaskus (4m Jahre 1840) erzählt worden. Die Konfiskation kommt reichlich zu spät. Denn das SudsDlatt war bereits eine Woche auxgebege». Sw Berfichenrngsmorv in Prag. DK Schwester versichert ünd dann erschossen. Aus Pragwird uns gemeldet: Unter dem Verdachte, seine lOjährige S6)wester ermordet zu habenum sich einer Vevsicherunyssumme von 100.000 tschech. Kronen zu bemächtigen, wurde hier der 32jährige beschäftigungslose Wenzel Haut verhaftet. Gr-Hat Ende Februar seine in einem Dorff im Bezirk Bran-deis wohnhaften Sltern besucht, und als er sich kurze Zeit mit seiner Schwester allein im Zimmer befand, plotzüch einen Pistolenschuß gegen sie «rbgeseuert. Sie starb am nächsten Tage. Haut behauptet, seine Schwester hübe sich beim Reinigen der Mole selbst getroffen. Nachträg. lich stellte sich HewrS, daß Haut im vorigen Sommer seine Schwester bei der Prager städtischen Versicherungsgesellschaft aus lOOXXX) tschech. Kronen versicherte und Met Vierteljahrsprämim bezahlt hat. Hank befand sich in letzter Zeit in sehr schlechten. VermSgensverhällnissen. k KmÄMlEWMseiiS Briese wurden bisher durch die Polnische LuftverLehrsi-A.-G., Wie«, L Bez., LegettyoMyrße 7 (Telephon 71-0-34) befördert und einige Stunden nach der Mfgabe ' dem! Adressaten zugestellt. GW Sxpr-tzb-rief «ach Polen bostrt S. 1.10. WH ItU* Viuw äaSastea-“*» Am gestrigen Gsrnttttag erstatteten dke OerdWpftzch' iater über die geistige und psychische Verfassung Emkl und Martha Mareks ihre Gutachten. Professor Stelzer bezeichnet« Emil Marek als eine Jndividnalit St von einer gewissen Eigenart, jedoch ohne pathologische Züge. Sin wwmsftarker, kühl« Streber, der unbeirrt aus sei« Ziel lossteuart. Ungeheuer ehr» geizig, stets bestrebt, sich eilte unabhängige Existenz zu sichern, dabei aber keineswegs Idealen abhold. Erfinder, Forscher, Theoretiker, der auf gtäiete abirrte, wo ihm dtie nötige Kenntnis und Erfahrung abging. Keinesfalls liegt bei chm eine Geistesschwäche oder eine andere Anomalie des Geisteslebens vor, die ihn als Geisteskranken erscheinen lassen. Martha Marek zeigt kein« besonderen psychischen Abweichungen. Sie ist stets Herrin ihrer selbst und von rascherer und gewandterer Auffassung im Handeln als ihr Mann. Die Frau hatte schon frühzeitig, kaum daß sie halbwegs in das Atter der Geschlechtsreife gekommenmar, Erlebnisse sexueller Natur, die geeignet ivaren, ihr Nervensystem zu irritteren und häufig OhmnachtSanfälle zur Folge hatten, die aber nicht epileptisch« Natur waren. Mer auch bei ihr kann von einer Geisteskrankheit nicht gesprochen werde«. Die Leiden Eheleute gehören sicherlich zueinander vtob ergänzen einander vollständig. Der zwette Sachverständige Prof. Hoevel Moh sich diesem Gutachten an und erklärte: „Wenn man hypothetisch annimmt, daß beide das Verbrechen begangen haben sollten, so müßte man sagen, daß MarÄ sich die Verletzung selbst zugesügt habe, während die Frau den Verkehr nach außen und die ganze Aufmachung vorbereitet haben könne. Frau Marek dürfte kaum einen Hieb in die Wunde getan haben, das wäre nicht weiblich und entspräche mich gar nicht ihrem Wesen. Auf die Frage des Staatsanwaltes und' der Verteidiger erklärten die Sachverständigen, daß aller Wahrscheinlichkeit nach vor dem Unfall keine Anästhesierung vorgenommen purde. Der Schöffin antwortete der SachsverstäMge auf die Frage, ob Frau Marek auf ihrchr Mann einen dämonischen Einfluß ausgeübt habe, daß man wohl nicht sagen könne, Marek sei völlig im Bänue seiner Frau gestanden. Ihr Einfluß auf ihn war nicht größer, als dies Lei jedem Ehemann denkbar ist. In der NachmittagsverhanNung wuchs nochmals Professor Dr. Bischofs über den Geisteszustand der Frau Trapper edivernominen, die kurz vor ihrem Tode eine entlastende Zeugenaussage zu Protokoll gab. Dr. Bischofs erklärte abermals im Gegensatz zu dem am/ Vortag dernvmmenenen behandelnden Arzt Dr. Medak, baß Frau Tropper damals bei klarem Bewußtsein war. Sodann wurde der Spitalsdiener Johann Dpaschitz einvernommen, der Marek bei seiner Einlieferüug in das Spital entkleidet und auf den Operationstisch gelegt hat. Gr hat damals eine große klaffende Wunde bemerkt, in die er eine flache Hand hätte hineinlegen können. Da» Bein war rundherum ganz zerhackt, doch konnte er Hautfetzen nirgends bemerken. Auf die Frage des Vorsitzenden gab der Zeug« an, daß daS Bein wach der Amputation m die Wasserleitungsmuschel der Prosektur gelegt wurde. Einem Antrag der Verteidigung auf Einvernehmung eine» noch namhaft zu machenden Physikers über die Wirkungen der Hacke wiw stattgegrben. Frau Marek erbat ftch sodann das Wort und sagte, der Gerichtshof möge als Sachverständige nicht Mensche« mit gesnnden Gliedern, sondern Krüppel eiuvernehmen, die Über derartige Dinge am besten Auskunft geben können. Die Verteidiger stellte» nun eine Reihe von Beweisanträgen, jo die Ladung von sechs namhaft gemachten Personen, die sich ebenfalls schwere Verletzungen beigebracht haben. Über den Umstand, daß es durchaus möglich ist, sich mit einem Hieb mehrere Wunden zuzufügen. WeiterS mute von Dr. Teirich der Antrag gestellt, einen Sachverständigen der Unfallschirurgie einzuvernehmen, da sich in dem Gutachten des Prof. Haterda und der Gerichtssachverständigen Widerspreche, hauptsächlich über die Anzahl der Hiebwunden ergeben. Weiters zitierte die Verteidigung euren Brief der Schriftstellerin Karin Michaelis, in dem sie erklärtdaß sich zahlreiche ausländische Gelehrte für den Fall Marek interessieren und um Einvernahme vor dem Gerichte ersuchen. Der Vorsitzende verlas sodann einen Brief, in dem der Schreiber mitteiü, daß er im Vorbeigehen der; ganzen Unfall gesehen habe und Laß von einem Verbrechen kerne Rede ftttr könne. Dieser Brief ist ebenfalls eine Mystifikation, , da der unterschriebene Absender unter der angegebenen WohnungSahresse nicht auffindbar war. Der Vorsitzende konstatierte noch, daß er auch, einen anonyme» Brief erhalten habe, in dem der Schreiber rnittM, daß er gerade um diese Zeit.«inen Einbruch in der Billa Marek verüben wollte und gesehen habe, daß sich Marek iruS Zufall den FUß abgehackt habe. Frau Marek: Es ist richtig; um diese Zeit wurde tei unS ein Einbruchsversuch verübt. — Vors.: Ich kann mit dem Manne nichts anfangen, da er nicht unterschrieben ist. Offenbar ist «r gerichtsscheu. v. Zum ^Schlüsse der Verhandlung wurde, die Zeugin Mitzi Jnngwirt unter Md vernommen, die mit dem Direktor der Versicherungsgesellschaft Möller zur Schadensaufnahme nach . Mödling gefahren' war. Äe machte dieselben Angaben, wie seinerzeit Möller, sowohl Der da» Verhalten der Mareks im Spital, als auch darüber, baß Juden, bildet die jüdische FrontI Jüdische Frauen! Stimmt gegen die Todfeinde eurer Kinder! erörterte die Praxis der „Deminuttvn" in den Neuaus-, Der internationale muflkwisienschaltliche Kongreß. Der Kongreß, welcher anläßlich der- Beethoven-Zentenarseier an die hundert VortrageM aü£ aller Herren Länder in Wim versammelte, rdgte im Zeichen Beethoven». Fast die Hälfte aller Vorträge! und eine eigene Sektion war dem Schassen Beethovens gewidmet. Prof. Hermann Abert (Berlin) stierte den DonheroS als den Kämpfer um das höchste sittliche Ideal und um das letzte Ziel: die Gemeinschaft aller im Zeichen des freien Menschentums. An einer tiefpoetischen Rte nannte Romain Rolland Beethoven das leuchtende SynGol der Versöhnung Europas Und der Verbrüderung der Menschheit. Neben tem Deutschen Wert mrd der« Franzosen Rolland sprach noch in der allgemeinen Sitzung der Engländer Edvard Denk (Cambridge). Er gedachte Henry Wrcells, des größten englischen Tondichters, und nannte ihn, der in seiner Oper „Mw Unjd AeneaS" Szenen aus dem englischen Volksleben mit Shakefpearefcher Kraft lebendig werten läßt, den Musikalischen Ahnherrn Beethovens. An den Beratungen der Beethoven-Sektion sprach Ludwig Schi «der Mai r (Bonn) über den niete rcheintschen Einschlag in Beethovens Schaffen, Ernest Elosson (Brüssel) brachte neue Gesichtspunkte zu seiner flämischen AbsLrMMUng. Es war überhaupt für den Beethoven-Kvngreß bezeichnend, tvie die verfchichenflen Ansichten über den Felchen Tatsachenkomplex Vertreter: und begründet wurden: Ettva wenn Karl Wein mann (RegensUM für Beethovens tat höfisch« Weltanschauung emtrat, rvogegell sich JohannÄ Wolf (Berlin) für die protestantische Glchrtensioelt in seiner: veligiSsen Werken aussprach. Egon Wellesz iMerr) referierte Wer den „Melio" als Schicksalsdranra dü Srrrtte der arrtikerr Tragödie, Alfred O r e l (Wien) Ger ^en Bqgrsss d« „Wiener klassischen Schorle", rvelchu eine Vielheit verschiedener Geistesvichtuygen beinhaltet, die in Mozart, Hatchrr Und Beethoven ihre gesonderte, innerlich wesentlich verschiedene Auswirkung finden. Hans Mersmann (Berlin) erging sich über die Einheit in der Mrnußp' faltrgkeit des Beethovenschen zyllischen Formprinzips Und gelangte zu ähnlichen Ergebnissen wie Müller-Dlattau (Königsberg) in seinem Resevat über das Beethovensche Bariationsprinzip. Willibald Nagel (Stuttgart) wehrte fich gegen die Bezeichnung Beethovens — dessen Wesen höchst Aktivität Und nicht die spekulative Mystik sei — als Pförtner der Romantik, lovgegen Karl Hasse (Tübingen) Beechoven mit Rücksicht auf. das Kolorit stnrev Tonspvache zwischen RatiogalisrnUs urrd Romantik eingliederte. Henrik Opienski (Morges) sprach über berr ParallelisMus zwischen Beethovens und Chopins Sonaten, Msted Einstein (München) legte dar, wie Beethoven in einer Zeit der Homophonie die Polyphome als höchstpersönliches Ausdrucksnnttel>entwickelte. Lucicm Kamienskl (Posen) brachte neue Beiträge zür Entwicklung der Polvnarst tei Beethoven, Äsexarchev Denereas (Lausanne) sucht« die Wurzeln des Beethovenschen Achasstns in dm kosmischen Rhythmen (k), Mieja Simon (Washrngtvrr) referierte über amerikanische Beethoven-Ausgaten, Awanolv Boretzky (Moskau) Über «in kürzlich in Moskau aufgefundmes Beethovensches WWenLuch Aus dieser Auswahl von Themen ersieht nmn, welche Mannigfaltigkeit von Povträgen die Beethoven-Sektion zusammensaßte. In der Sektion „Musikgeschichte" spmcheir unter attderenk Katht Meyer (Frankfurt) über Melodienibildung in den geistlicher: Spieler: des stützen Mittelalters, Knud 'J eppesen (Kopenhagen) über ChansonmUfik im 15. Jahrhundert, Karl Prüftk (Wien) über das englische Madrigal um 1600. Heimich Rletsch (Prag) verglich die Variationstechnik in Bachs „Kmlst der Fuge" mit jener in Beethovens Diabetti-Bariationen, Arnold Sche rtn g (Halle) gaben alter Merstev. Unmöglich, all die vielfach ivichbigen Referate «Uch rUrv dem Namen rrach aufzuzählerr. Sehr erfolgreich verlief die Tagung der 'Sektton „M u f t k b i b l i v g r a p h i e", in welcher wichtige Vorschläge zwecks Vereinheitlichung des Katalogwesens gemacht wurden, namentlich von Wilhelm Alt- Mann (Berlin). Otto Erich Deutsch (Wien) sprach über die bibliographische Auftrahme der Originalausgaben Unserer Klassiker, Wilhelm Hitzig (Leipzig) über Verlagsarchive. Robert Haas (Men) trat für zweckvollere Anlagen von Photographienarchiven ein, Paul Nettl (Prag) sprach über Textbuch-Bibliographie. Fruchtbar tvar auch die Tagurrg der Sektion für Kirchenmusik. Hier sprachen Peter Waguer (Freiburst) über altspanischen und mozavabischen Choral, ferner Hermann Müller (Paderborn) irnd andere. Me übrigen Mufikwissenschaftllchsn Disziplinen (Methodologie, Psychologie, Aesthetik, Ethrrokogie Usw.) warer: eir:er gemischter! Sektion Kugewiesen, Hier erörterte Robert Lach- Mann (Kiel) den ge-gerUvärtiger: Stand unseres Wissens UM'die außereuropäische Hetevophynie, Siegfried Nadel (Wierr) sprach über Gegenwartsprobleme der Musikpsychowgie, Erwin Felber (Wien) über Beziehungen zwischen der: Nationer: des Orients Und unserer Notettschriftresorm, Karl Geiringer (Wien) über Nnstrumentenkunte des 16. Jahrhunderts, Lotte Kallenbach (Berlin) über Biortcktöne. Alles in allem ein an Vorträgen überreicher Kongreß, welchen'Guido Adler, der Nestor der österreichischen Musikwisserrschaft,. mit stinern ostteroährten Organisationstalent vorbeveitet hatte. Er sprach auch das Schtnßroort: „Hatten wir irr dev Zukunft zusarrtmeir, verbrüdern wir unim Sinne Beethoverrs zum Heile des Vatevlarrdes eines jeden vor: uns, zrmr Heile der Kunst uitb Wissenschaft und M Förderum unserer Krrltur!" Ervmr Ml-tz«».