Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 2914 (8.4.1927)
- Date
- 1927-04-08
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 2914 Men, Freitag Set Palästina-Ausbau. Ein Gespräch mit Hermann Bernstein. Einer der LeteutenLs!«» Mischen Publizisten Amerikas, Hermann Bernstein, weilt nach einem Aufenthalte in P.ll.stina vorübergehend in Wien. Es ist noch in Erinnerung, daß Bernstein die ersten mutigen Berichte über die Pogrome der Urnsturzzeit im jüdischen Osten schrieb und sein Buch über di« „We.sen von Zion" ist ein Standarlnverk.' Bernstein, Übe: d.s'en An spähe mit LuMtti kurz vor denr Tode des großen jüdischen Politikers Italiens wir bereits berschet haben, ist Zionist. Einer unsrer Mitarbeiter nahm Gelegenheit, mit Bernstein über wichtige z'oustische Fragen sowie über die Krimkolonisali.m zu sprechen. Er äußerte sich im wesentlichen wie folgt: „Ms Publizist und Redakteur habe ich mich im Zionis- Mts niemals — auch in der Zelt nicht, als ich dev amerikanischen zionistischen Exekutive angehörte — auf eine bestimmte Richtung innerhalb dev zionistischen Bewegung festgelegt. Da ich die jüdische Oefsentlichkeit zu informieren habe, stand ich stets über den Parteiungen im Zionismus und wahrte meine Unabhängigkeit. Noch bevor es zur Balsvur- Deklaration kam, bekannte sich Lord Robert C e c i l in einem Gespräch, das ich mit ihm im Jahve 1915 führte, mit großer Wärme als Anhänger der zionistischen Idee. Ich verfehlte nicht, dies unverzüg ich Weizmann und Achad Hamn zu berichten urü> glaube, daß diese meine Begegnung mit Cecil nicht ohne Bedeutung für die spätere Entwicklung des Zionismus war. Ms ich im Jahre 1909 in Konstantinopel weilte, wollte ich von dort eine Studienreise durch Palästina unternehmen, wurde" aber plötzlich als Korrespondent der „Times" nach Rußkaick» entsendet, so daß ich die Reise nach Palästina unterlassen ttwßte. Das etstemal weilte ich vor zwei Jahren in Palästina. Es war die Zeit der Masseneinwanderung, verursacht durch die katastrophalen Verhältnisse in Polen, die Zeit der sogenannten vierten Alijah. Damals mußte ich feststellen, daß die palästinensische zionistisch: Exekutive nicht auf-der Höhe der Situation stand. Unsere Exekutive hat die Immigration nicht nur mit der erforderlichen Initiative zu dirigieren unterlassen: es fehlte sogar an der erforderlichen Beratung der einwandevnden Elemente. In der Aeva Herbert Samuel wurde eine günstige Atmosphäre für ein gutes Zusammenarbeiten zwischen Juden und Arabern geschaffen. Aber es ist nicht zu leugnen, daß die TAU WO PFLANZENMARGARINE "IED Ausgiebig - Bekömmlich - Nahrhaft KUNEROLWERKE A. G.t WIEN englische Administration für den Ausbau von Erez Israel weit mehr leisten müßte — wenn die Zionistische Exekutive stärker, zielbewußter, talkcäfllger wäre. Jetzt konn.e ich mich bloß zwei Wochen lang in Palästina au'halten, konnte aber feststellen, daß die Nachrichten über die Krise, die übrigens im «Abklingen ist, weit übertrieben wurden. Die Ausführung des Ruthenberg-Projektes, in das, wie Sie wissen, auch Transjordanien einbezogen wurde, steht unmittelbar bevor irnb ist — darüber wurde ja auch in Ihrem Blatte eingehend berichtet, — sehr wichtig, ja ausschlaggebend für den wirtschaftlichen Aufschwung von Erez Israel. Die Abwanderung der „Grabski-Zionisten" aber ist bestimmt kein Verlust für das Land. 1 Ms ich nach den Tagen von San Remo mit Weizmann nach der Schweiz stthr, also noch vor der "»ü.!HBML..l. ."LJ!. M Theaterabende. „ZtiefQfiiwi.* Burgtheal So weit das Auge reicht, kein Strohhalm, an den >ich der wohlmeinende Referent klammern könnte. Für dieses Stück des jungen österreichischen Autors Franz Nabl läßt sich kein gutes Wort in die Wagschale werfen. . Die „tragische Begebenheit" hebt mit symbolischen Szenen an, welche unverzüglich kläglichen Dilettantismus enthüllen. Der Rittergutsbesitzer und Staatsbeamte i. N. Trieschübel sitzt mit seinem Freurcke beim Kamin — es ist ein stürmischer Herbstabend — und man hört etwas von einer Person, die draußen auf der Bank sitzt, vom Schicksal, das plötzlich die Wege der Menschen kreuzt und ihr Leben entscheidet usw. Also die Frau, die draußen ans der Bank saß, tritt alsbald ein. Herr von Trieschübel hatte vor zwanzig Jahren ein Verhältnis mit ihr, und sie bringt ihm eine junge Dame ins Haus, die, wie die Mama versichert und Herr Trieschübel ernstlich glaubt, jenen lustigen Stunden in der Weinstube einer Provinzstadt entsprossen ist. Trieschübel, von seinem Freunde vergebens getvarnt, sieht eine neue Lebensaufgabe vor sich, nimmt die Tochter ins Haus, leider muH die Mutter. Sie ist eine verkommene Dirne, hat versucht, auch die Tochter dem Liebesgetoerbe zuzuführen, uwd gesteht Herrn Trieschübel, der sie nach üblen Szenen entfernen will, daß sie, ihn angelogen hat: das Mädchen ist nicht je ine Tochter. Dem reinen Toren war es weiter nicht ausgefallen. warum man ihn die flÜlaaiaii wtCUff lUf9V0CK§ftWKg düng des KerenHajessod, machte ich den zionistischen Führer darauf aufmerksam, es sei die Zeit für eine große'Anleihe gekommen. Die moralische Verpflichtung, die jüdische Heimstätte durch «im Anleihe zu fördern, war damals für die Völker gegeben, welche dem Mandat zustimmten. Es haben ja auch kurz nachher alle armen Völker, darunter Polen aus Grund der Unterschrift Paderewskis und drei weiterer Persönlichkeiten des polnischen Volkes, Anleihen erhalten. Mit dem Keren Hajessod allein läßt sich Palästina nicht aufbauen und die Hilfe, die dieser wichtige Fonds dem Aufbau leisten wird, dürfte, wie ich glaube, in den kommenden Jahren sich nicht allzu sehr verstärken. Hingegen scheint mir auch jetzt noch die Erlangung einer Anleihe möglich, wenn auch zweifellos schwierigere Umstände vorllegen, und zwar durch die erweiterte Jewish Agency. Ich gehöre zu denjenigen, welche der Erweiterung der Jewish Agency zu einer Repräsentation des gesamten jüdischen Volkes das Wort sprechen, insbesondere durch Einbeziehung der kapitalsfähigen Gruppen der Judenheit. Marshall, Marburg, Rosenwald, Herbert Lehmann sind jüdische Männer, welche diese Anleihe bewirken könnten. Insbesondere Marshall halle ich für einen guten Zionisten, auch wenn er selbst erklärt, kein Zionist git sein. Bei einem Meeting, das für den Keren Hajessod in Amerika abgehalten wurde, war seine Rede weit zionistischer und eindringlicher als die der zionistischen Sprecher. TAUWO PFLANZENMARGARINE wird unter ständiger Aufsicht Sr. Ehrwürden des Herrn Bezirksrabbiners S. Ehrenfeld, Mattersburg, aus Pflanzenfetten hergesteilt und kann daher in allen strenggläubigen Familien verwendet werden KUNEROLWERKE A. G., WIEN Ich erwarte viel, ja alles von der Kommission, welche auf Grurrd des Paktes Weizmanirs mit Marshall nach Pa ästina gehen wird. Diese Kommission hat — darüber ist die zionistische Oefsent'ichk it nicht genügend klar un'erdichtet keineswegs jetzt erst zu prüfen, ob der Ausbau des jüdischen Palästina-diskulabel ist, sondern sie hat einen Bericht zu erstatten, auf welchem bestem Wege das jüdische Palästina möglichst rasch und möglichst ziveckmäßig aufgebaut werden kann. Freilich sagte mir U sfischkin: „Warlrot wartet Marshall auf das Elaborat dieser Kommission) wenn er tatsächlich am Älusbau des jüdischen Palästina interessiert ist? Rothschild hat nicht gewartet, sondern sofort gearbeitet." Wichtig schenrt mir allerdings zu sein, daß die oppositionellen Führer schleunigst in die Arbeit der Zionistischen Exekutive einlezogen werden. Ich denke da insbesondere an die Gmppe Jäbotinskys und jene zionistischen G. uppen, die mit Jabotinsly sympathisieren. Sehr wichtig ist die richtige Zusammensetzung der nach PaläsUna abgehenden Prüfungskommission. Aber ich bin überzeugt, daß ein konkretes Aufbau-E aborat Marshall, Marburg, Rosenwald und Lehmann veranlassen werden, für Erez Israel die gleichen Beträge zu leisten, wie jetzt für den Joint." ganzen zwanzig Jahre hindurch niemals mit Alimentationsansprüchen züsetzte, er fühlte sich in der plötzlich akquirierten Eigenschaft, Bater eines Neunzehnjährigen Mädchens zn fein, so wohl, daß er. der würdigen langjährigen Geliebten Leonore von Graden den Abschied gab und jetzt, von der verruchten Einschleicherin aufgeklärt, Selbstmord begeht. Vorher hat er seinem Freuride gestanden, daß er in Liebe zu dem Mädchen entbrannt sei. Nicht etwa, als er sie noch für seine Tochter hielt, sondern ordnungsmäßig erst, da er erfuhr, daß er die sichtliche Neigung der jungen, schönen Elisabeth erwidern durfte, ohne mit dem Strafgesetz in Konflikt zu kommen. Der Borwurf verunglückt, die Handlung nicht schlüssig, der Dialog teils matt, teils noch ärger, nämlich einfältig, der Schluß einfach unmöglich. Leider ist Frau Lotte Medelsky, die sich mit veristischer Leidenschaft «ms die Rolle des verkommenen Weibes stürzte, im zweiten und dritten Akt maßlos Übertrieben. Frau Seidl er, die Darstellerin des jungen Mädchens, einer Marlitt-Figur, ist fehl am Ort, bei aller Hingabe nicht imstande, sich in ihre himmrlblaue Rolle hineinzuleben. (Diese Elisabeth des Franz Nabl trägt den Schalk der Alma Seidler im Nacken.) Sehr fein Frau Marberg, vortrefflich die Herren Marx und Siebert, auf Stimmung bedacht und Gedankliches herausarbeitend, das nicht vorhanden ist, die Regie des Herrn Fritz Peter Buch. Und sehr begeistert das Premierenpubllkum, vordem diese Kritik schmählich durchfällt. Der Autor wurde ungezählte Male vor die Rampe gerufen. Ich bilde mir ein, daß der stürmische Beifall demonstrativ rvar. 3. April 190? Setze 3 Durch diese letzten Aeußerungen wurde das Gespräch aus Rußlaich, und die Krimkoloniisation gelenkt. Bernstein sagte diesbezüglich ungefähr folgendes: „Ein Urteil über die Lage der Juden in Rußland und über die Judenkolom fierung in der Krim könnte ich mir nur auf Grund des persönlichen Augenscheines bilden. Nun wurde mir die Einreise nach Rußland verweigert ttttb ich halte es für bezeichnend, daß man mich nicht nach Rußland fahren läßt. Wie Sie wissen, war ich ursprünglich ein überzeugter Gegner der Krimkolonisation. Zwei Umstände haben meinen ablehnenden Standpunkt geändert: man muß jetzt tatsächlich annehmen, daß auch die bewußten Juden Rußlands mit Rücksicht auf die katastrophale wirtschaftliche Situation für das Krimprojekt sind und man hat femer keine Ursache, zu bezweifeln, daß der Joint in der Krim freies Hand hat. Aber, wie gesagt, ich war selbst nicht dort und TAUWO PFLANZENMARGARINE für ihr« PETER BÄCKEREI ENI man behindert mich daran, mich persönlich an Ort und Stelle zu informieren. Daß für das Judentum eine geglückte Kolonie in Erez Israel wichtiger ist als Ändert jüdische Kolonien in der Krim, bleibt für mich zweifellos. Palästina hat gegenüber allen jüdischen Kolonisationsbestrebungen den Vorrang und muß ihn behalten." Jas Vorolhenm. Der Ru« vorüber. Gestern hat der Andrang der Einleger bei den Kassen des Dorotheums, sowohl in der Hauptanstalt wie in den Filialen, fast ganz aufgehört. Es wurden keine größeren Abhebungen mehr gemacht. Nur vereinzelt erschienen an den Schaltern Personen, die aus Grund der gestern ausgefolgten Bormerknummern ihre Einlagen qbhoben. Es wirr« den bereits wieder neue Einlagen gemacht, und die Kassenschalter des Dorotheums boten im allgemeinen das normale Bild des Verkehrs. Damit scheint der Run vorüber, der den Einlagen dLs Dorotheums zirka 22 Millionen Schilling also fast ein Drittel seines Einlagenstandes, entzogen Hat. Die Reformen, die beim Dorotheum in Aussicht genommen find, Steife» sich, wie wir erfahren, vor allem auf die Bankabtei* lung beziehen, die keine Bankgeschäfte nutz keine Jndustriekreditgefchäste mehr durchflchren soll. Ihre Tätigkeit bleibt auf den Spareinlagenverkehr sowie sonstige im Rahmen des Statuts fallende Sparkassengeschäfte, wie Wechseleskompte ich»., beschränk Die Zeutralsparkaffe der Gemeinde Wien stellt in einer Erklärung fest, daß verbreitete Gerüchte, wonach die beim Dorotheum zum Zwecks der Behebung ihrer Einlagen angestellten Parteien aufgefordert worden wären, die abgehobenen Gelder bei der Zentrklsparkaffe der Ge- ' meinde Men einzulegen, vollkommen unzutreffend sind. Es sei alles vermieden worden, um den Anschein zu erwecken, als ob das Institut aus den Abhebungen beim Dorotheum Einlagen zu gewinnen suche. Tatsächlich sei auch der Zuwachs bei der Zentralsparkasse der Gemeinde in den »Movellhaur Krevette." Gastspiel Erika Gläßner. — Kammerspiele. Geschätzte Frau Erika Gläßner! Man liebt in Wien Ihren höchst persönlichen Charme, Ihren parodistischen Humor, die quitschvergnügte Aufgeräumtheit, mit der Sie den Philister (als Gattungsbegriff) verulken, dem Mucker eins auswischen. Daß Sie aber für den Wiener Frühling dieses Stück mitgebracht haben, verdrießt uns. Wohl ist der Anlaß ziemlich Nebensache, wenn Regent auf den Brettern Ihr Geist ist. Ziemlich, also doch nur bis zur Grenze des Zulässigen. Diese dolle Sache von Lev Walther Stein aber überschreitet die Grenze. Glauben Sie's Ihren Verehrern: der Wiener Geschmack erträgt dieses Berliner Opus nicht einmal dann, wenn Sie mittun. Erstens sind Sie nicht ununterbrochen auf der Bühne, zweitens müssen Sie sichwenn Sie . auf der Bühne sind, im Schweiße Ihres Angesichtes (tatsächlich!) bemühen, den Schmarren zurechtzukrempeln, drittens scheinen Sie das Stück selbst nicht gerade hoch zu schätzen. Sie sind irgendwie verärgert, daß Sie just im „ModetthauS Crevette" spielen müssen, und lassen das Ihr Publikum fühlen. Schließlich: Warum sollen dir trefflichen Mitglieder des Hausensembles, die Herren Zesch-Balloth, Berhoeven, Grieg und Wittmann, die Damen Hopf, Fiebig und Brionne die Wurzen sein? Sie, geschätzte Frau, fangen uns ja doch in die Netze Ihres spitzigen, geistvyll extemporierten Witzes, spielen z. B. beim Telephonieren «tn Solo, daß man an den Abend des Mißvergnügens vergißt — und so sammelt sich der Zorn über diesen Operettentext, dessen sich kein Vertoner annahm, auf den unschuLigen ibxrc Mitwirkenden. Otto AbeleÄ