Mannheim
Compact Memory

Wiener Morgenzeitung · 1927-04-07 · Heft 2913 (7.4.1927) · p. Seite 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
9 (1927)
Issue
Heft 2913 (7.4.1927)
Date
1927-04-07
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
90% known words query
IRI
…/2979076-2981905-2982001--29644-3017792
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

Nr. 2913 Men, DonnerSkrK Wiener Morgenzettnns % 7. April 1VS7 <m€ s Mische WSHlervttsammlungea. Für heute abends sind folgende jüdische Wühler« Versammlungen einberufen: J£8 Uhr abends: Restaurant „Zur goldenen Glocke", 7. Bez., Neubaugaffe 5. Redner: Oberbaurat Ing. Robert Stricker, Dr. Eugen Felix, Dr. Max Bernhardt, und Bezirksrat Moritz K 0 hn. — 8 Uhr abends: Restauration A. Barschak. 2. Bez., Große Schfffgasse 3. Redner: Dr. Josef Lowenherz und Dr. Israel Taubes. — Volksküche, 2. Bez., Krummbamngasse .8, Frauen-Versammlung. Redner: Frau Franka R i t t e r m a n n, Frau Erna P a t a k und Dr. Josef Löwenherz. — Sektionslokal, 2. Bez., Jungstraße 8. Redner: Jehuda S ch m i e d t, Paul F ö l d e 8 und Gemcinderat Dr. Leopold Plaschkes. — Cafe City, 9. Bez., Poyzellangasse 1, Souterrain. Redner: Dr. De- ' stder F r i e d m a n n, Dr. Leo G 0 l d h a m m "? und! Dr. Otto Abeles.! Eine christliche WWerversammluns i« Margareten gesprengt. Die christlichsoziale Beznksparteileitnng Margareten hatte für gestern abends eine Wählerversammlnng in Margarete: emberufen. Die Sozialdemokraten hatten schon zwei Sttrnden vorher das Lokal besetzt ttnb vereitelten die Whalttnrg der Verftnmnlung. Der Vorsitzende ersuchte vergeblich die zahlreich aufgebo Lenen Sozialdemokraten, die unter Führung eines Sekretärs der sozialdemokratischen Mieterorganisation erschiene:: ivaren, unter Hinweis auf das Partei Übereinkommen, gegnerische Versanrmllmgen nicht §u stören, um Rnhe. Dieser Llippell tvurde von den Sozialdemokraten mit ungeheuren: Lärm beantwortet. Da alle Beschwichtigungsversuche scheiterten, verzichtete d:r Vorsitzende auf die Abhaltung der Versammlung. Für künftige Versammlungen wollen die Christlichsozialen, wie die „Christlichsoziale Nackuinzentrale" meldet, entspre^nde Vorsorge treffen. Re französischen Hakenkrenzler. Paris, 6. April. Die Camelo ts du Roy haben gestern Demonstrationen gegen eine Reihe katholischer Blätter unternommen, die den Beschluß des Heiligen Stuhls, die „Action Francaise" auf den Index zu setzen, zugestimmt haben. Sie zertrümmerten zunächst die Fenster der „Democratie Chuetienne" des Abgeordneten Mare Sangnier, dann begaben sie sich zum „Petit Democrate", wo sie gleichfalls Steinte in die Fenster warfen, und schließlich richteten sie auch im Verlag der ,^8ie Catholique" einigen Schaden an. Sie bedientes sich dabei eines Automobils, so daß es ihnen gelang, einer soforttgeu Intervention der Polizei auszuweichen. 8« Dänemark soll Wer die Mrllftnng abgestimmt werde«. Kopenhagen, 6. April. Die demokratische Partei hat dem Folkething eine Vorlage eingebracht, wonach spätestens Ende Juni eine Volksabstimmung über die Abrüstungssvage stattfinden soll. Das Heer und die Flotte sollen in eine Miliz und eine Staatsmarine um gebildet werden. Die Kosten sollen jährlich nicht mehr als sechzehn Millionen Kronen betragen. neu *W3 KUNEROL Verborgt reines Fett ans Kokos« nassen. Die Kokosnüsse werden bei der Knnerolwerke A. G.,Wlcn» Atzgersdor£ gepreßt and die Er« Zeugung steht bis zar Verpackung des fertigen Fettes unter strengster Aufsicht des Herrn Bezirksrab» biners 8. Ehrenfeld zu Mattersbnrg» Kttnerol kann daher von jedem Streng» gläubigen ohne Bedenken zur Zuberei« tung der Speisen verwendet werden. Tagesbericht. Sie eine Muarmordlvge entsteht. Aus Warschau wird uns geschrieben: In Wilna ist wieder einmal ein Ritualmordmärchen in neuer Auflage erschienen. In dem Höfe eines Bäckers, bei dem für die bevorstehenden Feiertage das Osterbrot gebacken wird, wurde im Schutthaufen die Leiche eines neugeborenen Kindes gefunden. Blitzschnell verbreitete sich das Gerücht, daß das Kind zu rituellen Zwecke:: ermordet worden :var. Eine große Menschenmenge nahm gegen den jüdischen Bäcker eine drohende Haltung ein. Die Demonstranten wurden v n der Polizei zerstreut. Einige Stunden später ivurde ein Dienstmädchen verhaftet, das bereits gestanden ha', ihr neugeborenes Kind ermordet und im Hose des Bäckers in einem Schutthaufen verborgen zu haben. Ser vesnndhettsznftand des rnmllnWen Königs- Bukarest, 6. April, (Orient-Radio. 9tq>h dem ärztlichen Bulletin hat der König die Nacht gut verbracht. Die BesserUngder Krankheitserscheinungen schreitet fort, Temperatur am Abend 37.5, heute 36.5; Puts 90, AtnrUng 22. Mgemeinbefinden viel besser. Re bebende 8rde. Laibach, 6. April. Gestern um 4 Uhr nachmittags wurde in mehreren Ortschaften S l 0 w e n i e ns ein leichtes Erdbeben verspürt, das drei Sekunden dauerte. Schade wurde nicht angerichtet. Auch im Sa-ve- und Drautal wurde das Beben registriert. Re Staatenlosen. I« Ausführung der Beschlüsse der in Berlin abgehaU tenen Konferenz, die sich mit der Frage der Staatenlosen befaßte, hatte das Komitee der jüdischen Delegationen in Paris, wie bereits gemeldet, am 25. Februar d. I. der Verkehrs- und Transitkommission des Völkerbundes ein Memorandum überreicht, welches praktische Vorschläge zur Lösung der Frage der Freizügigkeit und der PabanSfolgung der Staatenlosen enthält. Wie die I. T. A. erfährt, hat das Komitee dieser Tage de« Bescheid erhalten, daß das Memorandum der dritten Hauptkonferenz über Verkchr und Transit vorlicge und daß über die Vorschläge im einzelnen beraten und beschlossen werden wird. Das Koinitee hat Besprechungen mit politischen Persönlichkeiten Frankreichs und Deutschlands avgehatten, die das Problem der Staatenlosen zum Gegenstand hatten. In Ausführung eines weiteren Beschlusses der Berliner Konferenz hat das Komitee Anstalten getroffen, um die Position der Staatenlosen in Frankreich, Belgien, Deutschland» der Tschechoslowakei und Oesterreich zu untersuche!: und feftzustellen, in melchcm Land sic ansprucksberechtiat sind. Sas Sorotheum. Nachlassen der AbhevuNgSbewrgung. Der Run der Einleger auf das Dorotheum hat zufolge der beruhigenden Nachrichten über der: Stand des Unternehmens gestern stark nachgelassen. Bei der Hauptanstalt waren früh nur ein paar hundert Personen angestellt, deren Abhebungen vollkommen glatt befriedigt wurden. In den Zweiganstalten waren die Abhebungen weit geringer. Es scheint denmach, baß der Run zu Ende ist. In den letzten Tagen dürften die Abhebungen beim Dorotheum insgesamt die Höhe von fast 15 Millionen Schilling erreicht haben, was bei einem Giesamtesinlagenstand von zirka 75 Millionen Schilling ein Fünftel der Einlage n ergibt. Der übrige Geschäftsbetrieb des Dorotheums wickelt sich normal ab. Wie wir erfahren, hat die Staatsanwaltschaft gegen den Herausgeber der „Sonn- und Montagszeitung", Ernst Klebtnder, in dessen Matt die Berichte über bf.c Verluste der Bankabteilung des Dorotheums veröffentlicht waren, rvelche zu der Beunruhigung des Pübliküms Anlaß gaben, das Strafverfahren nach § 308 des Strafgesetzbuches (Verbreitung beunruhigender Nachrichten) ein* geleitet. Nach dem Wortlaut dieses Strafparagraphen ist, wer im Wege öffentlicher Verlautbarung ein falsches, für die öffentliche Sicherheit beunruhigendes GerüäU, ohne zureichende Gründe es für wahr zu halten, ausstreut oder weiterverbreitet, einer Uebertretung schuldig. Der Stmfßch ist strenger Arrest von acht Tage« bis zu drei Monatem Re Gefahr eines Aerztestreikr noch nicht geschwunden. Ueber das Ergebnis der letzten Verhandlungen dtzr Aerzte mit den Kassenvertretern im Bundesministerium für soziale Verwaltung wird vom PreßkoMitee der Mrztöschast mitgeteilt, daß nach der Auffassung der Aerzteschaft wohl über die Sicherung der erworbenen Rechte der mtßestellte:: Kassenärzte eine einverständliche Lösung zu ev« toarten ist, daß jedoch hinsichtlich der Stellungnahme der Regierung zu den anderen Forderungen der Aerzteschaft nicht befriedigt ist. Bon einer Entspannung der Lage kann daher nicht gesprochen werden. Die drei Muse. Bon Emil Ludwig. Im Ernft-Rotvchl.--Verlag, Berlin, ist kob.'n ei,l,,austzez.ichnetes Reisebuch des geschützte.: Äuöors „Am Mittelmeer" erschienen, dem wir mit Erlaubnis des Berlages einen Abschnitt des Kapitels „Stanlbul" enmymen. Dreincal am Tage ruft der Muezzin von der Galerie des Minaretts: „Allah ist der einzige Gott, und Mohammed ist sein Prophet!" Dreimal am Tage betet der P.iefter vor dem Kreuze zum dreieinzgen Gotte, dessen Glaube allein selig Macht. Dreimal am Tage murmelt der Rabbiner: „Gott Zebaoth ist der eine und einzige Gott." Aber nirgends in der Welt wirkt Glauben neben Glauben mit gleicher Unbefangenheit, Wichtigkeit uud Toleranz als in dieser letzten Weltstadt, Uw alle Rassen sich kreuzen. Denn Christen, Juden und Mohammedaner, imb unter den Christen Griechen unb Armenier, Syrier und Chaldäer, unter den Juden Spaniolen und Askenasim, unter den MoslinvsJ Sunniten und Schiiten, alle deckt der gleiche Fes: alle ftufc Osmanen. , In den Ostertagen, wo alle Sekten außer den MoSttmS Feste feierten, ging ich von einem Gotteshaus, von einem Oberhaupt zun: andern, und mich ergriff die uneingestairdene Einheit, die hier auf diesem geschichteten Boden von Byzanz greifbar wirkt, von Glauben zn Glauben. Das ist die stettg reisende Duldsamkeit, die schon in den arabischen Geschichten drei Ringe erfand, jene Ringe, die auf großen Umlvegen in die gütigen und kritischen .Hände des deutschen Dichters fielen, der sie in Nathans Fabel verwandte. Hier gibt es allein zwölf christliche Sekten, die sich wechselweise für rechtgläubig halten, und so könnte man sechzehn oder achtzehn Ringe errechnen, die hier um ihre Echtheit streiten würden — wem: sie stritten. Aber die polilsische Bedeutsamkeit dieser Gemeinschaften, nicht weniger die religiöse Duldung der Mohammedaner lassen sie ruhig nebeneinander kreisen und in ihrem Ramm das Wort Gottes zn den Wölbungen steigen, jeden m seiner Sprache. « Am meisten demokratisch sind die armenischen Christen, die aus dem achten Jahrhundert stammen. Ihr Patriarch, ein Mann von Mitte Vierzig, der ein Palais und eine Stelle innehat, wie ein Botschafter, ist ein schweigsamer Politiker, der erst aufmerksam wird, als ich nach den Armeniern frage, die ich in San Lazzaro besuchte. „D.lrse sind freilich" und er zögert — „nicht so reine Armenier wie wir, cs sind vielmehr halbe Katholiken". Ich sehe meinen Schnitzer: nicht zu wissen, daß jede Sekte wieder gespalten ist, und wjir decken den Unfall nrit dem Namen Lord Byrons zu. Später, in der großen Kirche neben dem Palais, sieht nran den Patriarchen vorerst nicht. Ein greller Vorhang verdeckt Altar und Apsis, aber das Volk drängt sich bis dicht heran, Männer und Frauen, und wie die pralle Sonne die Gesichter heraushebt, erkenne ich überall semitische Typen. (Ihr ^Zatriarch sieht semitischer aus als der Großrabbimr.) Sie sind aufgeregt und laut, denn heute sollen sie ein Schaustück genießen,^ die Fußwaschung des Gründonnerstages. Ein Knabenchor fängt a capella zu singen an — denn kein Gottesdienst des Morgenlandes kennt Orgel oder Jnstru:ncnte. Es ist die uralte armenische Weise, u:vd je länger sie sie wiederholen, umso grvller steigen die Knabenstimmen, unkontrolliert von begleitenden Bässen, empor. Da ivird der Vorhang weggezogen, der Patriarch in erzbischöflichen Gewändern steht in der Mitte seiner alten Priester. Alles, :vas sie nun singen und tun, singen und tun sie zum Volke hin, das Volk gibt leidenschaftlich Andwort, eine Stunde lang, Responsorien und Knabenchöye tvechseln, dann kicket der Patriarch zur Fußwaschung nieder, aber nicht eine kleine Zahl ausgewähfter Greise, Wie in Jerusalem u:ch Wien, erscheint vor dem Patriarchen — Alte u«b Junge, Priester und Chorknaben, Laien und Volk betreten die Bühne und der Kitcheusiirst tvüscht lange, lange Zeit die hingestreckten Füße zn der unendliche» Melodie der primitiven Weise. Es ist einte Bolkskjrche. m Am aivdecen Ende von Stamblck, kurz vor der Biegung des Goldenen Horms, trete ich am Abeiü) in die ° alte Patriarchalkirche der Griechen, die wir fälschlich griechische Katholiken, die sich hier nur Griechen oder Orthodoxe nennen. Drincken ist Nacht. Selten flackert eine farö^q« Ampel durch den engen, hohen Kuppelraum. Durch Eise:^- stangen wird das gedrängte Volk der Gläubigen von einem weiten Raume abgetrennt, über ihnen, hinter Gittern, betvegen sich Schatten von Frauen. Bon: im leeren Raume stehen die Wenigen, die Wissenden, "die Priester. Auf einem Throne sitzt in dunkelglänzenden Gewändern eine Gestalt. Wer am Thron vorüberkommt, küßt seine Stufen. Der Priester liest das griechische Original zum Throne hin, nicht zum Volke. Nach langen Litaneien werden die Kerzen ungeheurer Silberkandelaber angezündet, und ich unterscheide die Züge des Patriarchen. Ein FarmttLerkops, wissend, unerbittlich, dogmatisch. Er hat das Trotzig-Mystische wie seine Kirche. Er gleicht Julius dem Zivriten. Zwei Priester schreiten auf ihn zu, küssen die Stufen, den Saum des schweren Getvandes, dessen Goldbordüren aüfblitzen wie vom Mantel eines RemVrmcktsschen Königs. Er steht auf, langsam kommt er die Stufen herab, und ohne die Gemeinde anzusehly tritt er in die Apsis z:ckn Altäre. Mt hohen goldenen Gittern ist dieser wieder von dem Platz getrennt, der schon das Volk von seinen Priestern trennte. Kaum kann es durch das Rankenwerk der Gittier den Gesten seines Oberpriesters folgen. Was ist der kühle Geist des römischen Dienstes, was ist selbst die Messe des römischen Papstes gegen diese- Form der Oligarchie, die dieser Papst von Ost-Rom mlit seinen Priestern übt! Er glich durchaus den starren Mosaiken, die neben seinem Thron in die Mauer eingelassen wurden, nachdem sie gläubige Hände aus der Mauer ihrer größten Kathedrale eilends gelöst hatten, danmls, als b'' •'”it Byzanz eroberten und jene Kathedrale. * » Der GroßvaMner der Türkei, von hoher pollllicher Stellung, Reside:tt in einem kleinen Palais, vorsichtig und sehr moden:, hatte mich auf die kleine Synagoge in einer!: Vorort am Bosporus veckviesen, daß ich die alten, hebräischen Melodien höre, die dort ein Knabenchor cyu 235323482348534848484801535323532348485348532348232323482348234853535348534853534853

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.