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Wiener Morgenzeitung · 1927-04-07 · Heft 2913 (7.4.1927) · p. Seite 2

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
9 (1927)
Issue
Heft 2913 (7.4.1927)
Date
1927-04-07
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 3 Wien, Donnerstag .Msttsr MorgsnzsrLmrg 7. Avril 1927 Kr. 2m vT*? m ■is' jf »WSk i: ill'WWl IW HBCM gSgjB 3Wfa. GrenzveräKderungen? Don Dr. Fritz HaneNMu, Jerusalem. In unserer Zeit, in dar „gcopolittsche" Betrachtungen historischer und aktueller Probleme modern sind, ist es nttht überflüssig, zu betonen, daß auch die Geschichte Ländern eine ihnen eigentümliche Individualität verleihen kcurn, die ihnen die Natur versagt hat. Wenn Metternich Italien als erneu geographischen Begriff bezeichnet? und diesen: Lande damit die historisch-politische Einheit absprechen NTollte, so läßt sich von Palästina das Gcgcntchl sagen: dieses Land ist geographisch keine Individualität, »whl aber historisch und jetzt auch wiederum politisch. Für den physikalischen Geographen kann die Einheit Palästinas und Syriens schwer geleugnet werden: die tiefe Grabe nsenknng, die von Nord nach Süd streichenden/ Gebirge auf beiden Seiten, die schmale vorgelagerte Küstenebene, dazu dieselben klimatischen Voraussetzungen, lassen Palästina nur als den südlichen Teil Syriens erscheinen. Mer die Geschichte hat diesem Lande seinen eigenen Weg gewiesen, und immer wieder hat sich herausgestellt, daß die Verknüpfung Palästinas mit dem Nachbarn im Nordens inchi von Dauer sein konnte. Mer wenn somit der gegenwärtige .Zustand, wo Palästina wieder eine politische Eüchieit geworden ist, als Ergebnis der historischen Entwickllmg zu begrüßen ist, so machen sich doch die fehlenden' gevpolttischen Voraussetzungen häufig störend bemerkbar. Palästina hat nur eine Naturgrenze: das Meer. Im Norden, Süden und Osten bietet sich keine derartige naturnotwendige Grenze, und die Geschichte zeigt, daß je nach der politischen Konstellation diese Grenzen sehr verschieden verliefen. Das Reich Davids hat einmal bis Damasbrs heraufgereicht, die aus dem babylonischen Exil zurückkehr^rd-en Juden dagegen beherrschten nur die nächste Umgebung von Jerusalem. Eine Stadt wie Jaffa, die wir heute als so selbstperständlich zu Palästina gchörig betrachten, ist, erst in der 'Zeit der Hasmonaer-Könige zum Reich gekommen. Diese Beispiele dürften genügend erläutern, wie , schr sich die Grenzen verschoben haben. Äks während des Krieges Engländer mtb Franzosen über die künftige Verteilung der türkischen Beute in Asien' verhandelten, kam es zum Mschluß des „Sykes-Picot"-: Vertrages, dümH den zwar bereits bestimmt wurde, daß' Syrien an die Franzosen, Palästina an die Engländer; faßen solle,' die Grenze aber von Haifa zum Trbeviasee■ gezogen werden sollte, so daß ganz Galiläa an Syrien gefallen wäre. Nachher, zur Zeit der Friedensschlüsse, wurde dies'geändert, nachdem einige Jahre überhaupt keinem Grenze. bestärken hatte. Die heutige Grenze beginnt bei dem Ras el Nakura genannten Punkte der Küste (etwa in der Mitte zwischen Mko jritö Tyrus gelegen), verläuft zunächst »vest-östlich, um dann eine nördliche Richtung einzuschlagen, etwa in der Gegend der Jordanquellen aus' das andere Ufer herüberzugehen, wo sie dann parallel dem Jordan und in seiner unmittelbaren Nähe verläuft. Sie trifft die von Haifa nach Dera'a verlaufende Bahn (Dera'a ist Umsteigeort für Damaskus nach Norden und für Transjordanien: im Süden) nur wenig jenseits des Jordans. Hier ist nun in jüngster Zeitem Gerucht aufgekommen, wonach die Frcnrzosen einer Grenzvevänderung zustimmten, durch die das wichtige Dera^a zu Palästina geschlagen, werden würde. Der Oxt ist natürlich von' großer stratejgischer und verkehrstechnischer Bedeutung. Er beherrscht die gastze von Damaskus durch Syrien und Transjordanien nach Arabien verlaufende Bahnlinie, aber er ist auch von sehr großer Bedeutung für die Verbindung de§ englischen Mandatslandes Palästina mit dem Irak und damit in werterem Sinne für eine der wichtigsten strategMchen Linien des britischen Weltreiches, rrämlich für die Verbindung Aegyptens mit Indien! aus dem Landwege. Dera'a ist eben der KreuzungSpunkt wichtigster Limen und sein Besch wäre für dies Engländer von größtem Vorteil; vor allem, weil er sie für dtzn Verkehr mit dem Irak von den FranKosen unabhängig nrachen würde. Das Gerücht über die Grenzänderung ist vorläufig dementiert worden, aber man wird das Problem jedenfalls im Auge behalten müssen. Ucker die eigeirtttche Ostgrenze ist es schwer/ zu sprechen, \ml vermutlich auch in Wefem Augenblick nur wenige Eingeweihte wisse»:, wo Transjordanien aushört und ArMen beginnt. Sicher ist jedenfalls, baß der Jordan, um b«aS Wort des alten Wcnbt zu varüeren, Palästinas Strom, nicht Palästinas Grenze ist, was denn auch im Mrgendlick unbestritten ist, so wenig klar, das Verhältnis des eigentlichen Mandatslandes Palästina zum Reiche Emir Abdallahs sein mag, dev ja seinerseits dem palästinensischen Oberkommissär untersteht. Man kan» ohne Paß «der sonstige Legitimation von Palästina nach, Transjordanien Yerübergehen, aber es besteht doch ein Gefühl, als zwei Reiche in Personalunion miteinander Muhen. Aber das ist, streng genommen, keine Grenzsrage. Eme wichtige Grenzverttnderung dagegen wurde vorgenommen, als England seine entscheidende Schwenkung in der arabischer: Politik gemacht hat, indem es Hussein und seine Familie saßen ließ und Jbn Saud anerkannte. Bei dieser GeleWch^ . wtMe W tMdostgrenze de^ NeWs-bis znm Meer vorgeschoben, -wodurch Akaba, von dem einst, als es noch Ezron-Gcker hieß, Salomos Rotten auSliesen, zu Palästina geschlagen wurde. Es scheint, alS wenn diese Grckrzregulierung definitiv wäre. Sie kann einmal sehr bedeutungsvoll werden, denn Akaba kamr zu einem wichtigen Hafen »nerden, zu einem Stützpunkt Englands am Noten Meer und zürn Ausgangspunkt eurer den Umweg über Port Saidvermeidende Verbindung Palästinas mit Indien und dem fernen Osten. Vielfach gewechselt hat auch der Lauf der Südgrenze., Die Bibel nennt den „Bach Aegyptens" als Grenze, aber' was ist damit gemeint? Seitdem her Srre^kanal besteht, rväre murr geneigt, Hu als die natürliche Grenze anzusehen, ober schon einige Jahre vor dem Kriege »rucke durch einen Vertrag zwischen der Türkei und EnglandlAegypten die Grenze bis nach Rasa heraufgeschoben, so baß die ganze Sinai-Halbinsel zu Aegypten gehört, und d>er Reisende, derbeim Uebergang über den Suezkanal von Kantara-West nach Kantara--st sich irtt, wenn er nunmchr auf palästinensischem Boden zu stchen glaubt. Der türkisch-englische Vertrag hatte natürlich den Sinn, einen türkischen Angriff auf den Suezkanal und Aegypten zu erschweren, was ja inzwischen hinfällig geworben ist Heute liegt es umgekehrt: Englands Position in Palästina ist weit stärker als die in Aegypten, und England hat allxs Interesse daran, «uss der palästinensischen Sette des Suezkanal' so Nahe wie irgend möglich zu sein. Die Engländer würben gewiß wünschen, daß die Grenze hellte noch da verlief, wo sie vor dem englisch-türkischen Vertrag war. So überrascht es denn nicht, daß ständig und hartnäckig sich Gerüchte erhalten, wonach eine Abtretung der Sinai-Halbinfel von Aegypten an Palästina in Aussicht stehe, rvas England mit irgend welchen Konzessionen in Aegypten entgelten könnte. In diesem Zusammenhang gehört die Frage des Hafens von Port Fuad. Wie bekannt, hat man in überraschend schneller Zeit in Port Fuad, das gegenüber Port Said an der Mündlmg des Suezkanals ins Mittelmeer gelegen ist einen Hase» gebaut und der Stadt einen europäischen Anstrich gegeben. Wozu das alles? Braucht Aegypten außer seines beiden Wclthäfen Alexandrien und Port Said noch diesen brüten Hafen? Denn vorläufig liegt ja Port Fuad nicht weniger in Aegypten als die genannten Häfen. Palästina andererseits soll doch seinen Hafen in Haifa erhalte:», und wenn sich der Bau auch etwas verzögert, so weiß man sehr wohl, baß die Gründe nur darin zu suchen sind, daß der Ort für den Hafen topographisch noch, nicht genau feststeht. Sollten die recht behalten, die das nicht glauben, sondern annehmen, Port Fuad sei zum zukünftigen Hafen Palästinas bestimmt und der Haifaer Hasen tverde aufgejgcken? Man kann es sich nicht denken, und sicher ist jckenfalls, daß J»ü»en und Araber in gleicher Weise diesem Plane zuwider sind. Jedenfalls wird. für die Zukunft viel davon abhängen, ob eine palästinensisch-ägyptische Grenzregulierung in Aussicht steht. Riehl gefährdet die KvheitÄWe. Obwohl bfe WühlvMschlWje dev Parteien awi Sonntag bereits vollzählig Vorlagen — cm diesem Tatze endete der Termin für die Ueberreichung der Parterlisten —, ist. es nicht aUsgefchlossech daß nach Aenderunge n sowohl hinsichtlich der Zahl der wahlwerbenden Parteien als auch der auf den Parteilisien namhaft gemachten. Kandidaten vorgenommLn werden. Bis zjum .zeh:tte»:> Tage vor -dem - Wahltage sind nämlich noch solche Auswechslungen gesetz-; lich statthast. Die Parteien' der Einhei.t s l i ste verhandelt:' noch immer mit eü^elnb'n Ärüptz.en, Juni sie. zum Mücken' ihrer selbständigen 'Kandidaturen und zum Anschlüsse au die Einheitsliste zU bewegen. Man verspricht ihne»: für den : Fall ihres Beitrittes zur Einheitsfront.ein oder das andere Mandat. So heißt es,' daß die Ude-Partei schm: nicht mehr ganz so fest fei, wie twch vor loenigen Tagen. Namentlich in Graz rverdei: alle Hebel angesetzt, um die Ude-Leute in die Einheitsfront zu bringen. Leisten sie dieser Verlockung Folge, st> erübrigen sich alle Kandidattrreti dieser Partei inr! ganzen Bundesgebiete, da sie mit Ausnahme von Graz nirgends so viel Anhänger zählt, mir eventuell ein Originalmandat zu erreicherr. In mehreren Bundesländern find die Nationalsozialisten bereits ' in die Laube gegangen und hübe»» sich der antifem-vtischen Einheitsfront angsschlossen. In Wien wird ebenfalls für die Erwetterung dieser Einheitsfront gearbeitet. Insbesondere stehen Me Bemühungen gewisser Um die EinfangUng der jüdischen Stimmen besorgter Christlichsozialer dahin, den Walter Riehl aus dem jüdsschen Wcchlbezirk weg- und in einem anderen Wahlbezirk UnterMbringen. Befürchten sie doch, daß Von den zwei Mandaten, die die Christlichsozialen im vierten Wiener Wahlkreis haben, durch die Listenverbindnng mit Dr. Riehl das zweite Mandat gefährdet werden könnte. Die Aufstellung dieser KwldldaLur erweist sich von Tag zu Tag als eine größere Kalamität'für die Einhettsfiont, die den. Riehl, wie die Großdeutschen meinen, jetzt nicht stut in einem archeren Wahlkreis' äufstälen kann, weil sonst der großdeutsche und rässenanttsennttsche Teil der Wählet erklären-könnte, man habe Niehl dem Diktat der Juden geopfert und dann nicht mehr die Einheitsliste, sondern nationalsozialistische SttMmzettel abycken. würde. Kar »Mische WWervetsammMg". Unter dieser Spitznmrke haben wir Sonntag von den beiden wackeren „Genossen" Moritz Arbeitet (Mioses Herfch Donnerkeil), und Gustav Moriz erzählt. Nun bringt der „Abend" in seiner Montagausgabe iM Anschluß an einen Bericht über die Versammlung des „Komitees werktätiger Juden" die Bemerkung, daß der für die Sozialdemokraten sehr werktätige Herr Moviz unserer Behaup- BMad««gen in Wahlangelegenhelle». 8I»r AolsmLming an nie IMISeu MM«. Jene Gesinnmrgsgenossen, welche Vorladungen zum Mq gistrat in Wahlangelegenheiten erhalten haben, mögmr sich bestimmt vorerst im Zentralwahlloknl („Win:er MovgEeitnng", 2. Bezirk, Taüorstraße 1) einsiirden D-i e W a hlck Hit n w g. tmrg, er habe die österreichische Sozi-MenEatie M antisemitisch bezeichnet, widersprochen hat. - - Daraufhin haben, sich bei uns außer Mehreren Kultusvorstehern noch drei ZUHüryr jener öffentlichen Plermrversammlnng des Knlttlsvorstasides als Zeugen gemeldet, welche folgende Aeußerung >des Gilstav M/oriz bestättgen: ' . geöe zu, daß die. österreichische. SoziaWeMokratie antisemit.isch.bin. DM spüre ich am eigenen Leibe. Wäre-ich ein göjischw Trottel, so., hätte ich es in dieser Patte: zN etwas gebracht. Weil ich ein Jude bin, habe ich nichts/ trotz 30jährigcr Parteiarbeit." . Da hilft kein Mstrekten. Das war eine wohlerwogene wahrheitsgemäße Feststellung — lange vor Beginn des Wahlkampfes. Und darin liegt ihr Wert. « 8fn Leiensbkld. ZM unfereM am 3. Apttl veröffentlichten 'Artikel „Ern Lebensbild". erhalten wir. die folgende Berichtigung: 1:. Es ist. Unwahr, daß ich im Jahre 1926 Vettreter einer Ottsgrnppe des Verbandes sozialdemokratischer Gsrverüetreiberrder war. Wahr ist, daß. ich niemals Vertreter einer Ortsgruppe des Verbandes sozialdemokratischer GotverbetreiberMer war. 2. Es ist unwahr, daß ich . iM Jahre 1926 tvickecholt beteuert habe, ich werde wieder zionistisch arbeiten, bis ich in der sozialdemokratischen Partei zu Vermögen gelm:gt sei. Wahr ist, daß ich devarttges nienurls beteuert habe, sondern wiederholt beteuert habe, daß ich zionistisch arbeite Und rneMals aufgehört ^habe, in diesem Sinne zu arbeiten. 3. Unwa.hr ist, daß ich m.ich irn Jahre 1927. der sozialdemokratischen Bezirksorgcnüfalion Leopoldstadt als Wahlhelfer gegen die Zionisten arMboten habt. Wahr ist, daß ich mich der sozialdemokrattschrn Bezirksorganisatton Leopoldstadt nicht als Wahlhelfer gegen die Zionisten angerboten habe. 4. Es ist unwahr, daß ich jürrgst :i: einer Vertraueilsmmurerversammllmg geraten habe, gegen die jüdische Liste nkit dem lügnerischen Schlagwort der Aussichtslosigkeit zu agitieren. Wahr ist, daß ich in allln bisherigen Vertrauensn:ännerversammlungen geraten habe, gegen die jüdische Liste nicht nur wogen deren Aussichtslosigkeit zu agitieren. 5. Unwahr ist, daß ich in e:»:ev VertrauensmännerversamMlung geraten habe, in den letzten Tagen vor der Wahl zU verbreiten, daß die jüdische Liste zugunshur der Sozialdemokraten zurückgetreten sei. Wahr ist/daß ich diesen Rät niemals erteilt habe. Dr. Fritz Spitzer. Diese den Bestrnünungen des PreßgesetzeS nicht entsprechende Berichtigung bringen wir nur, um zu zeigen, lves Geistes Kind dieser „Zionist" Dr. Fritz Spitzer ist, der der sozialdenwkratifchen Partei in allen Vertrauensmänicerversanrmlulrgen empfiehlt, „gegen die jüdische Liste nicht nUr wegen deren Äusfichtslosigkeit zu agitiere::". Mehr Zugeständnisse brauch^: wir von diesem! „zionistischen Arbeiter" nicht. Jrrdes wir behaupte»:, daß die BerichttKmg des Doktor Spitzer nichts anderes ist, als eme allerdings nrißlungene Berdrehimg Urrleugbarer'Tatsachen. Wir sind bereit, ihnt jederzeit zu beweisen, daß unsere Darstellung Wort für Wott richtig imd se'ure vo»: der erst«: bis zur letzten KW rmwcchr ist.

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