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Wiener Morgenzeitung · 1927-04-06 · Heft 2912 (6.4.1927) · p. Seite 7

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
9 (1927)
Issue
Heft 2912 (6.4.1927)
Date
1927-04-06
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
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Nr. 3012 Men, Mttwoch Wiener Mvrgerrzettrmg 6. April 1HL7 Sette? Oer Sohn des Moses Mautner Ein Wiener ßoman v#n Leopold Wighter. by-^Mwit T«*Pk«, VBm - 4. Kapitel. Die letzte Hoffnung trog. Als Gustav uach^eÄugenAchreu ms Gymnasium kam, blieb er zurück. Die betrübten Eltern versuchten auf ihn M wirken. Es war vergebens. Man hielt Familienrat und Onrel Leopold, der Bttrd-er Frau Salis, riet zur Geduld. „Was heißt Geduld?" erwiderte FvaU Sali. „Hub' ich zu wenig Geduld'? Ein halbes Jahr is er jetzt iw Gymnasium und jede Woche bin ich zwahmohl bei die Professoren!" — „Warum?" fragte der Onkel. „Haßt e Frag'! Ich muß hutgehen. Die Professoren lassen mich rufen. Sie sagen: Er stört die anderen!" - „Wieso? Was tut er?" — Lepold! Ich sag» dir: Es ist schwer. Laiuter Dummheiten hat er im Kopp! Verspielt is er und wenn'die Professoren was erklären, kriecht er uttteu die Bänk' tmd zwickt die Buben in die Füß'! Nu, Lepokb! Hast du scho so was gehört?" Onkel Leopold verneinte, denn er war schon, einige Zeit aus der Schule Und hatte seüre eigenen Streiche vergessen. „Versprich ihm was. Sali," sagte er, „schenk ihm was! Ein Kind ... ."■ — „Was Hab' ich ihm nicht schon alles versprachen! Was möcht' ich ihm alles schenken! Wenn er nur lernen ütöcht! Aber es is umsonst!" — „So is es leider!" bestätigte Herr Hermann. „Mr tun, .was mr können; aber es is umsonst!" — Die Eltern waren nicht so schuldlos, als sie es darslrllleu Ci" holten dem Kinde zu viel aufgebürdct uud ihin dadurch alle Lust zum Lernen verleidet. Wenn er Mittag von der Schule nach Hause kam, empfing ihn die Mütter: „So, Gusti, jetzt leg' die Schultaschen weg," und sie faßte die beiden schmalen Rieuren der Schultasche Und Gustav schliipste daraus und dann half sie 'ihm aus deM Ma:itel, damit nur keine Zeit verloren tverde. „So," sagte sie, „jetzt gehst du ins Kabinett hinein" — das Kabinett befand sich neben dem Speisezimmer — „und drin wirst du vor dein Essen Biolm: üben und nach dein- Essen wirst du die französischen Vokabeln lernen, denn am Nachmittag wird dich das Fräulein prüfen und nachdem.wirst du die Arbeiten für die Schule machen!" — Traurig vernahm Gustav diesen Stundenplan und dachte seufzend an die Spiele der Buben im Hofe. Er ging in das zum Studium bestimmte Kabinett und begann auf der Geige zu üben. . ES klang wie der Seufzer eines ungeölten Wägens. Herr Hermann, der im Speisezinrmev lveilte, fühlte Eisesbäche auf seinen: Rücke::. „Macht nix!" sagte die Mutter, „macht nix,. Hermann! Fm Aüfang geht.'s nicht anders!" — Nach den Uebungen auf der Geige war eine kurze Mittagspause — im Hause Mautner wurde sehr rasch gespeist — Und dann ging Gustav ivieder in das Kabinett und lernte die französischen Vokabeln. — Kaum hatte er dies hinter sich, erwartete ihn im ■ Speisezimmer der Vater mit einem großer: Folianten, dem Chumesch. Dies war nicht nach dmr Geschmack der Mutter. „Lass' ihn aus bannt, Hermann!" — „Lass' dU ihn m:s mit deiner Violin Und dem Französisch!" Belehrend erwiderte Frau Sali: „Ein Kind muß Bildung haben!" — „Judischkat is wichtiger." — „Sie lernen doch in der Schul' Religion!" — „E Ehelaas auf den Religionsunterricht! Sie können doch nicht emohl Jtvre!" So Doktertet:" beide cn: dein Kinde herum unb verkümmerten ihm sein junges Leben; aber der Spieltrieb ist zu mächtig in einem Kinde; in jeden: Menschen. Spieler: wir Großen nicht? Wir nennen es nur anders: Bildung, Kunst,. höheres .Streben, . Wohltätigkeit, Politik! Und dieser Trieb, etwas, die Seele Erfreuendes tun, kann nicht unterdrückt werde::. Verbiete einertt Baume das Wachsen! Verbiete einem Kinde das Spielen. —- Einmal, an einem Mittag, blickte Gustav aus dem Kabirrett in das Speisezimmer. Seine Schwester Berta saß Die volkstümliche Geschichte der Juden von HEINRICH GRAETZ ist soeben in neuer Ausgabe erschienen 3 Ganzleinenbände mit reicher Goldprägung auf holzfreiem Papier in Antiqua gedruckt PREIS 40 SCHILLING Ein Standardwerk des jüdischen Hauses Unentbehrlich für jede Bibliothek R. Löwit, Verlag, Wien I Fleischmarkt Nr. 1 Rotenturmstraße Nr. 22 0eCf»fv.'SB6<Äitec uttb übte — Frau Sali 'fvtgte nänckH für die Musikalität aller ihrer Kinder — aber, und das bemerkte Gustav mit Wohlgefallen: Berta war allen: im Speisezimnrer. Der Vater und die Mutter waren nicht anwesend. Da zog sich Gustav wieder ins Kabinett zurück, legte seine Geige sanft auf den Schreibtisch und verließ das Kabinett. Int Speisezimmer schlich er zur Glastüre, der Verbindungstür zwischen Küche und Speisezimmer, und blickte durch die gestickten Vorhänge in die Küche hinaus: Die Mutter war auch nicht in der'Küche. Da faßte er die Klinke der Türe; aber seine Schwester Berta hielt ihn mit der Frage zurück: „Wohin gehst du, Gusti?'' Da machte er ein dringendes Gesicht und sagte: „Ich muß hinaus." Nun ging er in die Wche. Scheu Und verlegen fragte er das Dienstmädchen: „Mizzi! Wo is die Mutter?" — „Die gnä Frau is oben bei der Großmutter!"-Gustav kannte die Gewohnheiten seiner Mutter und wußte: Vor einer Stunde kehre sie nicht zurück; darum flog ein Sonnenstrahl über sein Antlitz. Und «mr —Trarava Bmntieh! — lief er in den Hof. — Nach einer halben Stunde kehrte er zurück; die Mutter war noch nicht da und <mi nächsten Tage — beim Essen kommt der Appetit — blieb ev schon eine dreiviertel Stunde und am zweitnächsten Tage wurde es noch länger und, einn:al — der Mensch kennt keine Grenzen — blieb er so lange, bis die MUtter v o r ihm in der Wohi:ung war. — Sie kam ins Speisezimmer. Berta, die ausdauernde, saß beim Klavier und übte. Frau Sali nickte freuMich ihrer Tochter zu/und ging zur Türe des Kabinetts mw horchte nach Geigentöneu. — Es war sehr . still im Kabinett. „Bevta!" rief die MUtter, ,-,hi>r a bis- Große Jüdische Wähl erver Sammlung Donnerstag, den 7. April 1927, um halb 8 Uhr abends, Im Restaurant „Zur goldenen Glocke“, VI!., Neubaugasse Nr. 5 Referenten r Oberbaurat Robert Stricker; Dr. Felix, Dr, Max Bernhardt, Bez.-Rat Moritz Rohn. Jüdische Wühler und Wählerinnen, erscheinet ln Flossen! ■■■■■BHHMBHnBWBBBBBUBgBag3aaBB»flBaB«giBg sel auf vom spielen. Ich hör' nix!" — Berta unterbrach euren Czernyfchen Lauf und die Mutter horchte. Sie hörte wieder nichts und legte die Hand ans Ohr; aber ein Dutzend Hörrohre hätten der guten Frau leinen Geigenton vermitteln können. „Hm! Was ist das?" dachte Frau Sali. „Was tut er drin? Warum is es so ruhig?" — Sie ' öffnete die Türe des Kabinetts, blickte hinein und... „Berta! Wo ist Gusti?" — Berta unterdrückte mit Mühe das Lachen und antwortete ernst: „Mutter! Ich weiß nicht. Ich glaub', er is hinausgegangen." Die Mutter ging in die Küche. „Mizzi, wo is der Gusti?" — „Is er neht im Kabinett drin, gnä Frau!?" fragte Mizzi treuherzig. „Aber Mizzi! Ich koum:' doch grab' von drinnen!" Ahnungsvoll ging nunl Frau Sali zum Fenster der Küche und blickte in den Hof. Sie hatte sich nicht getäuscht. Es war ein lustiges Treiben im Hofe und — unter Gustavs Führung. „Na wart," dachte die Mutter, „so verbringst du deine Zeit! Na wart!" Gustav wartete auch noch eine Viertelstunde Und dam: kaut er trällernd Ulid hüpfend in die Küche. „Gusti!" flüsterte hie Mizzi, „die Maina hat..." Da tvurde die Türe des Speisezimmers geöffnet und durch den Spalt steckte die Minna ihren Kopf und ries: „Aha! Da is er ja! Na komm' nur herein!" (Fortsetzung folgt.) VOLKSWIRTSCHAFT Der österreichisch-tschechische Handelsvertrag. Die Aussichten auf eine Einigung gering. Prag, 5* April. Montag ist die österreichische Delegation für die HandelsvertragsvevhandInngen in Prag eingetroffen und es wurden sofort die meritorischen Verhandlungen Wer den tariisarischen Teil des Mkommens ausgenommen. Me von der österreichischen Delegation heute vorgelegten neuen Präpositionen werden von den tschechoslowakischen Delegierten jetzt geprüft. Wie Ihr Korrespondent erfährt, werden auch die neuen Proportionen der Oesterreicher als nicht genügend angesehen, so daß zur Stunde die Aussichten, zu einer Einigung zu gelangen, als gering zu bezeichnen sind. Dazu ist zu erwägen, daß a in 15. April das derzeit geltende oste rr ei ch ijfchts chechoslowak is che Tarisübereinkommen außer Kraft tritt, so daß, gelingt es nicht, vor dem erwähnten Termin zum Abschluß eines' neuen Mkommens zu gelangen, ein Vertrags loser Zustand eintritt. Lie KonjunÜursorschung und der Praktiker. Ein Vortrag des Begründers der Frankfurter Wirtschaftskuroe. In der Ha:ü>elskan:mer sprach hellte auf Einladung des neugegrünbeten Instituts füv Konjunkturforschung unter dem Vorsitze des Präsidenten Minister a. D. Dr. Reis ch, der bekannte Begründer der Konjunkturforschung in Deutschland Und Verfasser der „Wirtschaftskurve", Ernst Kahn über „Die Konjunkturforschung und die Praxis", deren Beziehungen er aus eigener Erfahrung als Leiter eines der angesehensten Frankfurter Finanzinstitute keimt. Er behandelte zunächst die Frage über den Wert der nationalökonomischen Theorie für die Praxis' überhaupt und wies darauf hin, daß gegenwärtig auch die praktische Volkswirtschaft der Theorie größeren Wert beizumessen scheine als bisher. Besonders gilt dies für die Konjunkturforschung auf Grund der Erfahrungen in Amerika. Man kann direkt von ei ner K o n j U n k t u r b e r K v n j U n k t U r f o r f ch u n gj sprechen. ' Es wäre .aber ebenso gefährlich, an die Allwissenheit der Konjunkturforschung zu glauben, als ihr allzu s^p-. tisch gegenüber zu stehen. Man darf nicht ettva schon für hie nächste Zukunft von ihr genaue Voraussagen erwarten, denn Wirtschaftspolitik ist nicht Mathematik. Die Wahrheit liegt in der Mitte. Die Konjunkturforschung! kann heute schon außerordentlich viel Mehr voraussehen als der"Praktiker uud sie wird cs in Zukunft UM so Mehr. Eine gaM Reihe von Gesetzen der Konjunkturlohre stehen schon heilte fest. Der Redner zeigte namentlich an den „Saisonschtvankungen" wie eine aufmdrffalne Beobachtung auch heute schon den Praktiker vor falschen Schlüssen Uud damit vor Verlusten bewahren kann. ‘ Kahn ivandte sich sodann der Frage zu, wie sich der Praktiker der Konjunkturforschung gegenüber und der nationalökonomischen Wissenschaft im allgemeinen gegenüber verhalten solle. Wenn er aus der Konjunkturforschung Nutzen ziehen will, so soll er sie durchaus nicht etwa selbst betreiben, weil es für den im praktischen Leben stehenden Kaufttmnn fast Unmöglich ist, die heute schon fast unübersehbare wissenschaftliche Literatur zn diesen: Gegenstände zu verfolgen, ohne seine praktische Tätigkeit zu lähme::. Dagegen ist, für den künftigen Praktiker eine größere volkswirtschaftliche Vorbildung nötig. Ebenso bedürfen große Betriebe eigener volkswirtschaftlicher Beamten, die mit dem Betriebsleiter ständig Fühlung haben müssen. Die Praktiker sollen auch mit den jetzt überall, so auch in Wien, neu gegründeten Konjunktur instituten Beratungen pflege:: undl sich so vor Manchen Verlusten! bewahren. Aus diesem Kontakt hätte ckuch der TtzeoretiLw gvößen Nutzen, tveil er sonst manche Veränderung der StrU. .tur dev Wirtschaft leicht übersieht. Lirahavffe. Die Lira setzte aus den gestrigen Devisenmärkten ihre Austvartsbewegung fort, da die italienischen Märkte große Mengen von fremden Devisen ausiboten; es gelang so, den Kurs der Lira in Zürich Wer 25 zu heben und Devise Mailand schloß 25.08% (gegen 24.75 am Montag). Die Lira hat somit ein Viertel ihres Goldwertes erreicht, ein Erfolg der Deiflationsmaßnahmen der italienischen Regierung, der freilich mit der Exportsühigkeit wird bezahlt werden müssen. Der Leu ist aus Grund der Nachrichten aus Bukarest gestern weiter gefallen und schloß an der Züricher Börse 3.10; nachlbörslich ermäßigte er sich noch bis 3.07. In den übrigen Zahlungsmitteln ergaben sich keine nennenswerten Veränderungen. Der Schilling notierte unverändert 73.42)6 Parität Zürich. AaNenIsche greihäfen. | Rom, 5. April. (Stefan:.) Der Ministerrat 'hat einen: , Erlaß zugestimmt, durch den mit 1. Jänner 1028 die! Häsen Savona, Genua, Livorno, Neapel, Brindisi, Bari, Ancona, Venedig, Triest, Fiume, Palermo, Messina und 15 agliari zu Freihäfen erhcsben werden. Sie Wirtschaftslage in der Slowakei. Der Jahresbericht auf der GeneralHersammlung des slowarischen Jndustriellenverbandes. Die diesjährige Hauptversammlung des Industriellen Verbandes! der Slowakei, di« unter zahlrekcher Beteiligung der Industriellen in Alt-Schmecks stattfand, brachte eine genail« llebersicht über deil ivirtschaftlichcn Stand des Gebietes. Ter umfangreiche Jahresbericht hebt hervor, daß der B e r gbau gegenüber den Vorjahren keinen Aufschwung zn verzeichnen hat, da die hiezu erforderlichen Maßnahmen, ivic d:e Aufhebung der Kohlensteuer und die Reduktion der hohen Fmchtsätze, nickt -rgriffen wurden, wodurch den: stetige,: Sinken der Exportquankltäten nicht Einhalt geboten worden konnte. Der Kohlenexport weist einen Rückgang von 60.838 Zentner im Jahre 1925) auf 11.737 Zentner im Jahre 1926 auf. Bon der Gesamt-, Produktion des Jahres 1926, die 3,781.120 Zentner betragen hat, wurden 3,323.756 Zentner abgesetzt, wovon zirka 265.010 Zentner, das sind 7.9 Prozent, exportiert wurden, was eins Erhöhu,^ des Exportes in dem durch den englischen Streik hervorgerufenen Konjunkturjahr um 10.000 Zerüner gegenüber dem Jahre 1924 bedeutet. Im Erzbergbau kommt die größte Bedeutung den Eisenerzen zu, wiovo»! im Jahre 1926 zirka! 7,000.000 Zentner gegenüber 13,000.000 Zentner im Jahre 1913 gefördert wurden. Beschäftigt waren insgesamt 6000 Arbeiter. Der Rückgang der Förderu,^ ist auf die Konkurrenz der

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