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Wiener Morgenzeitung · 1927-04-06 · Heft 2912 (6.4.1927) · p. Seite 3

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
9 (1927)
Issue
Heft 2912 (6.4.1927)
Date
1927-04-06
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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•Jlt. 2S12 Wien, Dttttwvch Morgenzerrmtg S. April 1SS7 Seite S fever weist lucfk aus Was werdet Mt tun, Juden? Jtiehl hetxt xum Jagrom lälHicrh uiühlpnl feipet ist sein Bundesgenosse Wd—wir ft^amntmutnsammuwtot&emsmmmmmuutmsKuitmmsmtumusMHsmuwwumKStdKUdmumwm irrüffen. Die Kopfquot e beträgt daher nicht weniger als 3 73 Schilli ng Pro Jahr. Diese Steuerlast wurde teils durch die erwähnten verbrecherischen Finanz»;.krationen herbeigeführt, teils ist sie deshalb notwendig < |." mr’bcn, lveil eine Bevölkerung von ettvas mehr als sechs Mittioucn eitle Million Beamte zu erhalten und 270.000 Arbeitslose zu unterstützen, also, die Familien mitei »gerechnet, für rund zwei Millionen Oesterreicher zu so rgen hat. Mit einem abnormalen, erschreckend hohen Prozentsatz sind die Jude n an dieser Steuerla ft beteiligt, wobei sich der jüdische Steuerträger nicht so sehr durch Gesetz als durch die Praxis der Behörden, der durchaus antisemitischen Beamten bedrückt fühlt. Bis tief in die Reihen der S o zi ald e m o kr a--- t e n reicht de r A n t i [ r m i t1 S ui u y. Man steht tat - sächlich einer geschlossenen Phalanx der Judenfeinde gegenüber. Seit der französischen Revolution führen wir Jiwen den zermürbenden Kampf um die faktische Gleichberechtigung. Die Saat der achtziger Jahre, die antisemitische Erziehung der Jugend warf uns in diesem Kampfe immer Meder zurück. Der Jude, der das christlichsozial-großdeutfthe Regime stärkt, greift an den eigenen Lebensrterv. Der Kandidat der jüdischer! Liste, Oberbaurat Robert Stricker, prgje it. a.: Es ist ein Zeichen dieser traurigen Zeit, daß geriuggeschätzt, ja, verachtet wird, was einfach und selbstverständlich klingt, wie die Fordernn g der Juden nach einer jüdische tt. Vertretung. Gegen das P ogranun der jitdischeu Liste wendet niemand etwas ein, iliiü ebensowenig gegen, die tändidierten P> rsonen, die reist da stehen. Keiner von ihnen rvar bei Bösel oder Lr_ir«t Arsenni, bei der Zentralbank-Affäre oder dem Dorotheum- Skandal beteiligt. Es wäre den übrigen Wahlwerbern zu wünschett, daß sie so rein da stünden. Deshalb operiert man mit dem Eitrwand der „Aussichtslosigkeit''. Man glaubt, in der Freudenau zu sein, meint man dieses Spekulieren auf die besten Chancen sicht. Di:- jenigen, welche das Argument der Aussichtslosigkeit ins Treffen führen, und die anderen, die auf dieses Argument hören, ahnen nicht, wie verächtlich sie sich machen. Der grandiose Kampf um das allgetneine Wahlrecht wurde seinerzeit wahrlich nicht deshalb geführt, damit der mündige Wähler nicht für seine Ucberzeugung, sondern f ü r Chancen stimme. Es ist dasselbe häßliche Manöver, welches seinerzeit. gegen die junge österreichische Sozialdemokratie geführt wurde, als sich noch die Liberalen uttd Klerikalen in die Herrschaft teilten und die erstereu icke- Sozialdemokraten davor warnten, an dem Wahlka-upf mit einer selbständigen Gruppe sich zu beteiligen, da sie mit ihrent „aussichtslosen" Beginnen nur die Reaktion stärke, lind wenn auch die beiden großen österreichischen polst;- Was M's Mms i« Stalin? Unertdlich viel! Sie haben leicht fragen. Aber da liegen zehn Theater-- und zwanzig Konzertprogramme, alles nur akt-, licd- und satzweise gehört, fünfzehn Karten von Filmuraufführimgen, von zlvei Sonntagsmatineen, einer neuert Revue. Mt "solcher Macht wird der Winter verdrängt, daß, selbst tu Reinhardts „Komödie" das Operettchen «irrzog, aus Paris stammend, ein bißchett plump deutsch übertraget!, „Mannequins", ein Schaufenstermärchen, indem die Puppen lebendig werden. Zu reizender Musik von Skulc. Die Massary hat ihre Rolle nun doch nicht kreiert, Charlotte Ander, mit bescheidenen Mitteln, ersetzt sie. Mer den Zauber, den die Puppen nicht haben, hat der Mann, Harald Paulsen, wieder einmal entzückend, charmant, mit Wirkung der Frau, wenn er singt, seine Schlankheit produziert, lächelt, trauert. Und da die alten Revuen auf Reisen geh'n, über Wien in die weite sommerliche Welt hinein, läßt das „Theater des Westens" schnell eine nette aufblenden, „Wissen Sie schon..." — Ja, man weiß längst: Kostüme und keine Kostüme, Bartete, Posse, Witz, Parodie. Tanz, Lichteffekte, Schlager aller Welt, ein Dutzend Künstler am „Werk" — und dennoch ist man tvieder überrascht, die unerschöpfliche Phantasie beschämt unser Wissen. Der Fremde kann. wieder wohin gehen und sich betören lassen. Die Denlschmeisterkapelle mit Pepi Klugmeher siegt über Balletteusen und Mannequins. Der Fretnde geht nämlich dahin, wo es tvaS zu scheu gibt. Durchs Auge ist man am leichtesten ergriffen, am bequemsten befriedigt. Also nicht in dun „Arzt am Scheidewege", den das Deutsche Theater so herrlich, so beseelt, so lebencrfüllt heransbrachte, wie nie zuvor dieses geniale Stück gesehen war. Erich Engel hat es so mit Weish'it und Eingebung geformt; und Ernst Deutsch ist ein Dubedat, der noch in beut vollendeten Ensemble mit unerhörtem Wirklich/eitsschauer stirbt. DaS ist Mend dw Ergriffenheit, des Lächelns und Weinens nach innen. Große Trad!ti"N b utschen Theaters. Mer nick>t weniger vollendet b'inqt R"b»rt in seiner „Tribüne" Mollmrs „Spill im S-'Voß". dos nun auch Berlin erobert, diese reizende Anekdote in witzigen Ak-- schen Parteien das allgemeine Wahlrecht durch einen Trick in ein Besjtzrecht von zwe politischen Gruppen verwandelt hoben, so ist doch beim Vorhandensein von >00.000 jüdischen Wählern, die in den National rot und in den Wiener Gemeinderat cinv ganz ansehnliche jüdisch» Vertretung entsenden können, das Schlagwort oott der Aussichtslosigkeit ganz u n sinnig. Redner wendet sich sehr energisch gegen die Verleumdungen von sozialdetnokratischen Versammlungsredner,t und sozialdentokrattscheu Organen, daß die bewußten Juden sich der Einheitsliste hätten anschließen wollen. Die „bürgerlichen Dernokraten" haben mit den nationalen Juden verhandelt' und es wäre gegen einen Zusammenschluß der Minoritäten an sich nichts einzuweNden gewesen. Aber da di»: Erben von Sueß, Osner und Kronawetter zunächst mit der Reaktton verhandelt hatten und bereit waren, gngen eine bcftimntte Stinrme in der Einheitsliste ihre Demokratie einzustecken, war für uns ein Zusammengehen mit dieser G ruppe selbstverständlich unmöglich In den achtziger Jahren haben die Juden den großen Fehler begangen, dein fremden nationalen Chauvinismus zu dienert und dadurch den Judenhaß zu schüren. Man erinnere sich, wie die deutschnationale Politik der Juden bewirkt hat, daß die ersten Anhänger Luegers die Wistner tschechischen Kleinbürger waren. Jetzt begehen die Juden den Fehler, im Vordertreffen des schärfsten Klassstnkampfes hüben und drüben zu stehen, so daß man außerhalb Oesterreichs den Eindruck haben muß, der Klassenkampf sowohl auf Seite der Bürgerlichen als auch auf der Seite der Arbeiter werde von den Juden gemacht. Wie seinerzeit die Juden die .Zeche für den ,rationalen Chauvinismus zahlten, könnten sie auch jetzt die Zeche für den Klasjsinchaudinismus zahlen, wenn sie nich t rechtzeitig zur Einsicht gelangen. Namens des Verbandes jüdischer Kausieute, Industrieller und Gewerbetreibender trat dann d!:r P äsident des Vereines österreichischer Handelt i;littet, Herr A. M. Ehrlich, mit zwingenden Gründen für die jüdische Liste ein. Heute finden die folgenden Versammlungen statt: 8 Uhr abertds: Volksbibliothek „Zion", 2. Bezirk, Glocken" gaffe 30; Redner: Dr. Friedmann, Dr. Georg W e t s n e r. — 8 Uhr abends: Volksküche, 2. Bezirk, Krummbaumgasse 8; Redner: Dr. Israel Taubes, Oberbaurat Ing. Robert Stricker. Eme Wische Wählerversammlung in Graz. In G r a-z findet Dounet..o/ , S, h..st> 0;.i)c abends, im Saale des Hotels Erzherzog Johann, eine jüdische Wühlerversammlung statt, welche von der zionistischen Ortsgruppe einberusen wird. Referent ffitt Karl S chw arz. teu, dt: dc-tvei,t, daß nur Esprit und die große Routine über banalen, harmlosen Stoff zu kommen brauchen, mn ihn zu amüsanter und fesselnder Unterhaltung zu machen. Roberts Star, Käthe Haack, der unvergleichliche Arnold Korff (kein Zweiter plaudert wie er!), der in Berlin schnellstens arrivierte Richard Romanowsky erfüllen die kleine Bühne des kleinen Saals am „Knie" mit Leben, Lust und Laune. Am „Schiffbauerdamm", im zweiten Haus der „Volksbühne", ttm deren künstlerische Freiheit nun Versammlungen toben, grub mau Heibergs „Tragödie der Liebe" ans, diesen damaligen Protest gegen Ibsens „Ko- * mödie". Grub sie aus tvohl für Agnes Straub, die dennoch einem Menschen nicht das letzte Leben, die Wärme des Blutes geben kann, aber eine Darstellerin größten Formats ist. Auch dafür gibt es Rollen genug, Geschöpfe genug, die man nicht . fein, die man eben nur darstellcn kann, so wie sie im Borjahr und rasen ließ. Sie rettete das Stück nicht. O, wie waren wir harmlos vor dreißig Jahren, wie selig ahnungslos! Heute — was muß man uns nicht bieten an Perversität, Analyse, Tendenz (oder au Kitsch! an Schmarren! an Operette I), damit wir feuchten Auges nach dem Regisseur schreien! Inzwischen tönen die Bcethvvenwochrn, ja -monate. Alles läuft hin, für die „Missa" seit Wochen kein Platz mehr, für die „Neunte" unter Kleiber nur Hohnlächeln an der Kasse. In der Hvchschttle sämtliche Quartette, in den Konzettsälen das ganze Klaviertverk, die Sinfonien von Furtwängler bis Bohnke. Sie laufen hin — aber hören sie's? Sie haben die Kopfhörer umgeschnallt, und der Rundfunk dringt in ihr Ohr. — Aber hören sie's? Nur im Ohr, es geht nicht tiefer. Denn könnten sonst diese selben Zwanzigtcmsend allabendlich die Operettenhäuser füllen sechs Operetten lverden allabendlich in Berlin gespielt! — die Pvanzig Kabaretts, die ztvei Zirkusse? Und mitten hinein in diesen aus den Urgründen uuö »ßemalten von Gott, Mensch, Erd: tönenden Beethoven klingt schon die Pfitznenvoche der „Städtischen Oper" auf. Wird sie nicht echolos verklingen, diese Musik aus Gehirn mben der aus dem Herzen des MW? Pfitzner, ein fast heilig strebender Geist, der Philosoph Jüdische Studenten und Studentluue«! Am 24. April finden die Wahlen in den Nallonalrat und Gemcinderat statt. Ihr dürfet nicht untätig abseits stehen, wenn es um die Ehre und Sicherheit eures Volkes geht. Ihr müsset aktiv in die Wahlarbeit Eingreifen, denn auch eure Interessen stehen onf dem Spiele. Ein Gesetzes« ntrag ist in Vorbereitungder unter Betonung des großdeutschen Charakt e r s der Universität einen Großteil der jüdis chcn Studenten an denHochschulen rechtlos macht. Ihr seht, es geht um eure Zukunft! Auf zur Arbeit für die „Jüdische Liste"! Mit jüdischem Gruß Landesverband zionistischer Hochschüler. Donnerstag, den 7. April, um 8 Uhr abends, findet in der „Jüdischen Lese- und Redehalle", 9. Bez., Tür'.t'ustraßc 9, eine jüdische Studenten Versammlung statt. Referenten: Oberbaurat Robert St ricker und Dr. Leo Gold ha m mer. Der Aufmarsch der Parteien. Zehn Parteien im 6. Wahlkrei. Sonntag ist die Frist zur Einbringung der Wahlvorschläge abgelaufen. Die soziallremokratisch? Pdctü, die Parteien der „Einheitsliste" (Christlichsoziale und Großdeutsch') uitd die Partei der „demokratischen Liste" haben für den Nationalrat in allen sieben Wahlkreisen und für den Gemeinderat und die Bezirksvertretungen in allen Bezirken Wahlvorschläge erstattet. Bon den anderen Parteien haben die „Kommunistische Partei", die Partei der „Völkischen Einheitsliste", die „Jüdische Partei", der „Landbund für Oesterreich" und der „Völkisch soziale Block" für den Nationalrat in allen Wahlkreisen, der „Udeverband" in allen Wahlkreisen mit Ausnahme des. fünften nnd der „Bund der parteilosen Staatsbürger nur im fünften und sechsten Wahlkreise Wahlvvrschlage einge» bracht. Für den Genteitürerat und die Bezirksvertretungen haben die Kommunistis che Partei in den Bezirken Leopoldstadt, Landstraße und Margareten bis einschließlich Floridsdorf, die Partei der Völkischen Einheitsliste in den Bezirken Leopoldstadt bis einschließlich Alsergrund, Meidling, Fünfhaus, Herna's, Währing, Döbling, Floridsdorf, der Ständebund in den Bezirken Leopoldstadt, Landstraße, Margareten, Alsergrund, Favoriten, Meidling bis einschließlich Fünfhaus, Währing bis' einschließlich Floridsdorf, der Völkisch-soziale Block in d«r Banken Leopoldstadt bis einschließlich Favoriten, Meidling, Hietzing, Fünfhaus bis einschließlich Brigittenau, dann die: Jüdische Partei in den Bezirken Innere Stadt, Leopoldstadt, Alsergrund und Brigittenau für der Musik, der eben uur durch Streben zup MusU gelangt, statt daß sie ihm gnadenhast zuströmt. Ihm mangelt die Gnade, er, er macht die Musik, nicht wird sie in ihm gemacht. Beethoven wird unsterblicher, je weiter die Musik sich von ihm entfernt. Pfitzner — war er je, überhaupt, nur richtig lebendig? Kann er. es' einmal werden?... Die Städtische Oper setzt sich, mit ihrem großartigen Apparat an Dirigent, Bühne, Stimmaterial, für ihn ein. Rühme nstverter Glaube. Aber werden genug Gläubige kommen?! Musik — ja — man weiß, Berlin ist die musikreichst« Stadt, in keiner zweiten der Welt wird so viel öffentlich konzertiert wie hier, in keiner zweiten so viel Privc musikpflege geübt. Und daher geschicht es, daß eine Erica Morini einen halbvollen Saal hat, sie, unter den Geigerinnen die süßeste, die bravouröseste zugleich, in ihrem Spiel den Zauber des jungen Mädchens mit dem Glanz des Virtuosen mischend. Die ganze Anmut ihres Wien, der Frühling dieser Stadt, der Weinrausch im Reigen chrer Hügel und Duft chrer Wälder verklärt ihren Meud. Tschaikotchty, der leider außer Mode kommt, brachte crber soeben das Sinfonieorchester zu nie gehörtem Erklittgen. Emil Bohuke, solcher Musik — trotz seiner eigenen andersweltigen! — ganz hingegeben, erfüllt von ihrem Schwung, teilt ihn dem Orchester mit. Er hat die „Fünfte", diese herrliche Sinfonie eines Themas, in ihrem großen Bogen vorbildlich nachgeschaffen und den Gesang des Andante aus Sentimentalität und Schmachten ins Männlich-Jnnbrünstige erhoben. Leider tönen diese Abende halb im Verborgenen. Die Leute laufen den großen Namen nach. Berlin ist zäh und sofort wieder vergeßliche schiverfällig — und leichtsinnig im Ad« urteilen. Der Film verödet langsam mit Saisonschluß. Immer wieder Operettenfilme, „Czardasfürstin", „Durchlaucht Radieschen" und ähnliches; sentimentale Romane des Paul Keller toerden illustriert. Wer — gelobt die schwarzen Eldleile! - Exp.dlli:ussi me vom Amczoneustrom, aus Afrika („Abu Marqkuo" von Beugt Berg, dem großen Tiermagier), aus Bali, uw Lola Kreutzberg Tänze, Riten, Tiere filmte, sogar einen Selbstmord im Tanzrausch Das sind die Welten, die im Film am beglückendsten anfgehsn. Denn: tvo der weiße Mensch aufhört, beginnt das Wunder. Kurt Münzer.

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