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Wiener Morgenzeitung · 1927-04-05 · Heft 2911 (5.4.1927) · p. Seite 3

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
9 (1927)
Issue
Heft 2911 (5.4.1927)
Date
1927-04-05
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. SStt Wien, tfomStnr Wiener Msrsenzettmr- B. April ISS? Seffe 3 Der Prozeß um Las abgeßaSte New Lokalaugeafchew w der Villa Mareks la Mldllag. Das sonst sehr ruhige Städtchen Mödling hatte gestern seine groß« Sensation. Die Gerichtskommifsion, in Amvosenheit der Angeklagten Martha Marek und Paula L ö w e n st e i n, nahm in der Billa Mareks, die sich auf der Strasse nach der Borderbrühl rn der Brühlerstraße Nr. 110 befindet, einen Lokalaugenschein vor, um den genauen Hergang der Tat zu rekonstruieren. Schon lange vor Eintreffen der Gerlchtskommisstou hatte sich eine ungeheure Menschenmenge vor der bezelchneien Billa angesammelt, um den Vorgängen zu folgen, hauptsächlich aber, um die Angeklagte Marek zu sehen, der auch, als sie an der Seite eines Justizsoldaten mit ihren Verteidigern 'm Auto vorfuhr, lebhafte Ovationen tzargebracht wurden. Ein starkes Polizeiaufgebot mußte die Schaulusti'gen aus dem nächsten Umkreis der Villa entfernen, um der Gerichtskommi-fsion ein imgestörtes Arbeiten zu ermöglichen. Gegen 11 Uhr vormittags versammelten sich in der Villa der Schöffensenat unter Führung des Vorsitzenden Hofrat Dr. G a n z w o h l, Staatsanwalt Dr. B a u m a n n, die Verteidiger Dr. K r a s z n a, Doktor T e i r i ch, Dr. S i l b e r k n o p f und die Privatbeteiligtenvertreter Prof. Dr. L e n h o f f und Dr. Buschmann sowie zahlreiche Pressevertreter, Photographen und Filmoperateuve, die wiederholt die Bergänige des Lokalaugeinscheines im Bilde festhielten. Zunächst wurde eine Besichtigung des Tatortes vorgenommen, einer Nische, die sich vor der Küche befindet. Ein Verteidiger nahm die Hacke und imitierte die Hackbewegungen Mareks. Dann legte sich Dr. T e i r i ch auf den Rücken, um zu zeigen, in welcher Lage Emil Marek nach dem Unfall angetroffen wurde. Der Vorsitzende ließ sodann die Hausbesorgerin Nowotny ihre Angaben, die sie bereits als Zeugin gemacht hatte, wiederholen. Sie gao an, sie habe in ihrer kleinen Küche die Axtschläge gehört und plötzlich einen lauten Aufschrei Emil Mareks, -orauf sie sofort hinausgestürzt sei. Emil Marek faß an die rückwärtige Wand gelehnt auf dem Boden und hi"Ü das verletzte Bein auf dem Holzklotz. Frau Marek, sowie deren Schwester und Mutter waren bereits um ihn bemüht. Eine Zeugin namens T s ch o k a i gab an, daß sie sich in dem Zeitpunkt, in dem der Schrei ertönte, auf dem Promenadeweg unmittelbar hinter der Villa befunden habe. Bon der anderen Seite kam die indischen verstorbene Frau Elisa Trapper, die als einzige Tatzeugin Emil Marek in dem Augenblick gesehen hat, als er sich die schwere Verletzung zugefügt haben soll. Ihre kurz vorihremTode gemachte äußerst entlastende Aussage wurde im Laufe des Verfahrens bereits verlesen. Die Kommission stellte fest, daß man von ihrem Standort aus „den Manu mit dem Bollbart" sehen konnte. Zwischen dem Standort der beiden Frauen Tropper und Tschokai befindet sich ein kleiner Steg über einen Bach, der an der Villa vorbeiführt. Rechts von diesem Steg ist ein Holunderstrauch, der die Aussicht in die Nische einigermaßen verdeckt. Weiters wurde seftgestellt, daß die in der Nische vollführten Hackenschläge in der. Hausmeistevwohnung laut vernehmlich sind, ebenso Stimmen aus der Küche Mareks. Nach diesen Feststellungen begab sich die Kommission in die Küche, wo das Augenscheinprotokoll ausgenommen wurde. Währenddessen spielte Frau Marek mit ihrem kloineu Aehvattler und sagte zum Präsidenten Dr. Ganzwohl: „Wollen Sie meine beiden anderen Hunde auch sehen, Herr Präsident?" Dr. Ganzwohl entgegnete lächelnd: „Danke schön, mir genügt der eine." Frau Löwenstein bat den Präsidenten um die Erlaubnis, ihrer Tochter ettvas zu essen geben zu dürfen, was dieser auch gestattete. Ms Frau "Löwenstein der Angeklagten zwei Schinkensemmeln reichte, sagte diese: „Geh iveg, Mutter, damit man nicht glaubt, wir haben etwas zu verabreden." Es wurde sodann die Hausbesorgerin der Nachbarvilla, Theresia Oresznig, einvernommen, deren Beeidigung der Staatsanwalt beantragte. Da Frau Löwenstein ihr Kruzifix cingepackt hatte und in der Geschwindigkeit kein anderes aufzutreiben war, mußte die Beeidigung unterbleiben. Verteidiger und Privatbetciligtcvertreter ließen nun abermals Demonstrationen mit der Hacke an den Holzblöcken vornehmen uitS> die beiden Sanitätsdiener, die Marek nach dem Unfall ins Spital geschafft hatten, abermals cinvernehmeru Während der Auseinandersetzungen der Komrnissionsmitglieder über die verschiedenen Möglichkeiten der Stellungen machte Dr. Lerchosf eine Aeußerung, die den Unwillen der Frau Marek erregte, so daß sie ihn ziemlich scharf mit den Worten ansuhr: ,Herr Doktor, ich verbiete mir solche Bemerkungen." Gegen halb 1 Uhr mittags tvar der Lokalaugensrhem beendet. Bei ihrer Abfahrt wurde Martha Marek mit Hochrufen akkkmriert. Diese Szene wurde von einem Filmoperateur gekurbelt. Frau Marek wandte sich jedoch ab, so daß sie nicht gefilmt werden konnte. Die Verhandlung wird heute mit der Vernehmung des ziveiten Sachverständigen Professor Meixner fortgesetzt. Das Wette». Wien, 5. Aprjt'. Gestern herrschte ausgesprochenes Aprilwetter. Regen und Sonnenschein wechselten unaufhörlich. Dabei war oie Temperatur stark gesunken und steliemveise traten lebhafte Winde auf. Die Voraussage lautet: Vorwiegend heiter, Tcmperaturzuna hm e. Ablenkung des Bahnhofrundverkehrs. Wegen Arbeiten an den Geleisen auf dem Wiedner Gürtel mutz die Bahrrhofrundlinie zwischen Matzleins'oorferplatz und Fadoritenvlatj über die Gudrunstraße—Keplev-> platz—Laxenburgersttaße geführt werden. Diese Aenderung der Linienführung wird von morgen bis einschließlich Freitag, den 15. Tlprtl dauern und erstreckt sich auf beide F - i.trichtungen. ' Die Inskriptionen an der Wiener Universität. Die Inskriptionen für das Sommersemester 1927 finden in der Zeit vom 21. April bis 14. Mail. I. statt. Nach dem 28. Mai werden Gesuche um nachträgliche Inskription nicht mehr berücksichtigt. ProsefsorS Lrnvner, der Nachfolger Dimmers. Zum Nachfolger des verstorbenen Vorstandes der ersten Universitatsaugenklinik, Professors D i m m e r, wurde der Ordinarius für Augenheilkunde an der Wiener Poliklinik, Professor Dr. Karl Lindner, emmnt. /jf Keine rheumatischen Beschwerden mehr nach einer ein» fachen Denecin-Trinkkur l 4» * * Eduard Kulst Zum 30. Todestag. liefen Tagen war der 30. Todestag eines jüdischen Schriftstellers, dem Paul Heyse die Ehre erwies, eine seiner Erzählungen („Der Kunstenmacher") in den« von ihm herausgegebenen „Neuen Deutschen Nmülenschatz" Aufnahme zu gelvähren. In der kurzen Vorbemerkung heißt es: "„Einen Stoff, ivie ihn hier unser Autor gewählt hat — Schilderung einer dämmernden Menschenseele — ist von Haus aus eine gewisse Märchenstille eigen, aber er fordert zugleich als Gegensatz zu den engen, Nelnen Verhältnissen die Darstellung einer bewegten und rücksichtslosen Welt, an deren Berührung die zarte Seelenknospe entlveder erstarkt oder zugrunde geht. Der Verfasser hat einen Mittelweg eingeschlagen: er deutet die nach tf:r Breite des Romans hinführende Linie mir an und gewi. nt dadurch die Möglichkeit, den Umfang seiner Erzählung in den Grenzen der Novelle zu halten. Auch die von dieser Dichtnngsform geforderte scharfe Silhouette fehlt nicht, sie ist aber nicht sowohl durch die Führung der Gesamtsabel erreicht, als durch die maßvolle Auswahl charakteristischer Einzelhsten. Hierin und in der geschickten Darlegung der Verhältnisse, welche die eigenartige Entivickluug des Helden bedingen, besteht voclviegend das Verdienst der Erzählung, deren rührender Eindruck kaum beeinträchtigt wird dadurch, daß hie und da der Autor allzu vornehmlich durch den Mund seiner Figuren zu ünö redet." Dieser Mann, ein Freund von Friedrich Hebbel, Emil Kuh und Leopold Komper, ein Pionier Richard WagnerS, als dieser noch vielfach unbekannt und bestritten war, ist unserer rasch lebenden Mitwelt entlveder ganz entschwunden oder lebt nur in dem Gedenken der älteren Generation. Vielleicht ist eS deshalb am Platze, das Audörcken an ihn wieder leise aufzufrischen. Ein eigentümlicher, markwürdigec Zufall will es, daß eines der Urbilder der oben genannten Novelle („Der Kunstenmacher^ — man sieht daraus, wie getreu Vmard Kulke sich an das wirkliche Ghetto gehalten — vor einigen Tagen im Alter von 93 Jahren in Wien gestorben ist: Hendel Ghelles, in der Dichtung leicht verändert nach dem wirklichen Namen Hendel Khelles, geb. Konstant, verehel. Spitz. Geboren am 28. Mai 1,881 in Nikolsburg als der Enkel des Oberlandesrabbiners von Mähren und Schlesien N. Trebitsch, verlebte der Knabe im Kreise seiner Angehörigen eine glückliche Kiiücheit. Als sein Vater in dem nicht weit von Nikolsburg gelegenen Städtchen Koste! in Mähren sein langjähriges Rabbinat erhielt, sollte Eduard im großelterlichen Hause zu Mikolsburg Zurückbleiben und in dieser Stadt die Schule besuchen, doch wußte es der eigenwillige Knabe durchzusetzen, daß er sehr bald wieder zu den Eltrn kam. In Koste! wurde er durch einen Privatlehrer unterrichtet und im 14. Jahre auf d«3 Gymnasium nach Nikolsburg gebracht, wo er Iveitere zwei Jahre blieb. Später besuchte er teils als Schüler, teil als Privatist die Gymnasien zu Brünn, Znaim und Wien und. bezog 1853, da er für Mathematik uich Physik besondere Neigung kundgab, das polytechnische Institut in Wien, das er im folgenden Jahre mit dem in Prag vertauschte, wo er sich in der höheren Mathematik und Physik ausbildete und 1857 die Lehramtsprüfung für Unterrealschulen ablegte. Da die damaligen politischen Verhältnisse es ihmunmöglich machten, ein Staatsamt zu erhalten, übernahm Kutte die Stelle eines provisorischen Supplenten an der israelitischen Schule | zu Fünfkirchen in Ungarn. Hier verbrachte er ein Jahr und in seiner Vereinsamung warf sich Kulte ganz auf das Studium der Kant'schen Philosophie, vollzog die Befreiung seines Geistes und die Läuterung seines Herzens. Jetzt fühlte er sich stark genug, der etnengendeu Lchv- Erklärung. Zur Vermeidung von Mißverständnissen machen wir das F. T. Publikum ausdrücklich aufmerksam, daß die von der Firma Nathan Brodetzky, II., Leopoldsgasse 43, offerierten amerikanischen Manisohewitz-Matzos nicht heurige, sondern alte, nicht unter unserer Garantie stehende Matzos sind und daß wir diese Firma heuer überhaupt nicht beliefert haben. Wir lehnen jede Verantwortung für diese Ware ab. Die von uns an alle anderen Lebensmittelhändler heuer gelieferten frischen Matzos sind in jedem einzelnen Paket mit einemHeohsoher vom Jahre 1927 versehen. Wien, II., Nordbahnstraße 38, Telephone 75832 und 75932 Die Enthüllung des Franz-Klein-Terikrnals auf dem Zen* traljrievhof. Morgen um 11 Uhr vormittags findet auf dem Zentralfriedhof die Enthüllung des zur Erinnerung an Franz Klein errichteten Denkrnales statt, zu der der Bundespräsident Dr. Hainisch sein Erscheinen zugesagt hat. Die Feier wird durch einen Chor des Wiener Männevgesangvereines eingeleitet. Sodann hält der Obmann der Wiener Juristischen Gesellschaft, Präsident Dr. Friedrich Engel, die Gedenkrede, worauf die Uevernahme des Denkmals in die Obhut der Stadt Men erfolgt. Wreuer Gebretskrankenkafse. - Zufolge des KrankenkassenorganisationsgesetzeK und det ersten Novelle zu diesem Gesetze erfährt die Wiener Beztrlskrankenkasfe eine wesentliche Erweiterung ihres SprengelS und hat ihren Namen in „Wiener Gebiets-- krankenkasse" a b g e ä n d e r t. Die Bezirkskrankenkasse Floridsdorf wurde mit der Wiener BezirWkrankenkaffe Vev» einigt, so daß sich das Gebiet der „Wiener Gebietskrankenkasfe" ab 1. April d. I. auf das ganze Stadtgebiet Wien, die politischen Bezirke Bruck a. d. L., Floridsdorf- Umgebung und Korneuburg. den Gerichtsvezirk Marchegg des politischen Bezirks Gänserndorf, die Gerichtsbezivke Neulengbach und Purkersdorf des polittschen Bezirks? Hietzing-Umgebung, die Gerichtsbezirke Klosterneuburg und Tulln des politischen Bezirks Tulln erstreckt. Die Adresse der „Wiener Gcbietskrankenkasse" ist: Wien, 8L 58c«/ Albertgasse 35. Großer Brand in der Marokkanergafse. Gestern nachts hat in den Bureauräumen der,Leiters reichisch-amerikanischen Petroleum-Gesellschaft" ein Brand die Einrichtung zweier Bureauräume und den DacMU vernichtet. Auch die Buchhaltung samt dem Archiv sind ein Raub der Flammen geworden. Der nur zue einem tätigkeit gänzlich zu entsagen und aus gut Glück sich in die Welt zu wagen. Von 1859 bis zu seinem am 20. März 1897 erfolgten Tode lebte er in Wien, wo er sich zunächst Mit ästhetischen, hauptsächlich musikalischen Fragen befaßte. 1861 trat er in Verbindung mit Friedrich Hebbel, dem er bis zu dessen Tode befreundet blieb; eine bleibende Erinnerung an diesen Verkehr ist das reizende Biichlein: „Erinnerungen an Fridwich. Hebbel" (Wien, 1878). Die „Geschichten aus denr jüdischen Bottsleben", sind dem „Großmeister der Ghettogeschichten Leopold Kompett zugeeignet" und enthalten statt der Vorrede einen Brief Komperts an den Verfasser, worin sich die Stelle findet: „Sie wissen, mit welcher Genugtuung ich jedesmal in Ihnen, wenn ich so sagen darf, gleichsam den Jünger begrüßte, der dem Genre, ifm ich mich tvrdmete, meinem Verständnisse und meiner Auffassung desselben, am nächsten kommt." 1865 bis 1881 versah er beim Wiener „Vaterland" die Stelle eines Musikreferenten. In seinen letzten Lebensjahren tauf den Umgang mit wenigen Freunden beschränkt — veröffentlichte er unter anderem noch beachtenswerte streng wissenschaftliche Werke wie „Richard Wagner, seine Anhänger und Gegner", 1884 '— „Die Umbildung der Melodie", 1884 — „Wagner und Nietzsche", 1890 — „Zur Entwicklungsgeschichte der Meinungen", 1891. Mt philosophischem Gleichmut setzte sich der ebenso gemütsreiche als gesinnungstreue Schriftsteller Zeit seines Lebens über den Mangel an Glücksgütern hinweg und verfolgte unvernur bis zum fünften Bande vorgeschritten. Eine von Dr. Friedrich S. Krauß besorgte Gesamt' ausgabe seiner „Erzählenden Schriften" (1906—1908). ist nur Vis zum fünften Bande vorgeschrieVen. Michael Holzmauu.

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