Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 2909 (3.4.1927)
- Date
- 1927-04-03
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Wiener Mor-enzetttm- Nr. SSvv 3Ö51CH, w0tfttrDy S. April 1037 Geile 6 Der Prozeß um das abgehackte Sein. Dar belastende SachverftSndlsengntachte». Der gestrige Vevhanükungstag war wieder reich an Sensationen. Das abgehackte Bein wurde im Gerichtssaal hermngezeigt und die Hiebe durch den Sachverständigen Prof. Mare sch demonstriert. Auf einer Schüssel wurde das konservierte Bein in den Saal getragen und. auf einem Tisch vor dem Gerichtshof aufgestellt. Als Frau Marek des Beines ansichtig wurde, begann sie luftig zu zittern, so daß sie gelabt und von dem Justizsoldaten aus dem Saal geführt werden mußte- Auch Emil Mare^, der der Verhandlung bisher mit bewundernswerlVr Ruhe und Kaltblütigkeit gefolgt war, verließen,, als cif sein eigenes, der Verwesung Bein vor sich liegen sah, die Nerven und er begann hjeftjig zu weinen. Uebcr Antrag der Verteidiger wurde ihn: gestattet, bei Abgabe des SlrOierftändigengutachtens der Verhandlung ferirzubleiben. Der Primararzt des Modliuger SintalS Dr. Rudolf Füster sagt aus: Ich habe gleich gesehen, daß der Fuß unrettba r ist und amputiert werden, muß. Die Knochen waren mehrfach durchschlagen. Oberhalb der großen Hiebwunde sah ich noch drei parallel verlauftmde kleinere Verlep,mg>en. Das Bein kam in die Prosektur und ich erstattete! bei der Behörde die Anzeige. Einige Tage darauf kam Doktor Werkgartner zu mir und fragte mich, warum ich das Bein nach Wien geschickt habe. Ich war darüber sehrerstaunt, weil ich davon nichts wußte. Später stellte sich heraus, daß das Bein von einem Sekundararzt weggeschickt wurde, der keine Gelegenheit hatte,, mich davon zu verständigen. Mir war es von Anfang an klar, daß das Bein nichtdurcheincnHiebabgehaut ivorden skirn könne. Ich halte es für ausgeschlossen, daß ein normaler Mensch an sich etappenweise einte derartige Manipulation vprniMmt. Dr. Lenhoff: Halten Sie es für möglich, daß der 25 Kilogramm schwere Holzklotz beim Umfallen das Bein eines erivachsenen Menschen durchschlagen kann? — Zeuge: Das halte ich für ausgeschlossen. In der Nachmittagsverhand lung wurde der N' seinerzeitige Sekundcrrarzt des MödlinAr Spitals Dr. Fries als Zeuge veriwmmen. Er hat" nach der Amputation daL Bein besichtigt und stellt es inttNerhin als möglich hin, daß er dem Vertreter des Änglo - Danubian - Lloyd Möller, als dieser ihm von der ungeheuren Versicherungssumme Mitteilung machte, gesagt hätte, er hakte einen Unfall für sehr unwahrscheinlich. Er glaube aber nicht, daß er mit voller Bestimmtheit erklärt hätte, Marek habe sich selbst das Bein abgehackt. Dr. Fries erklärte nach einer kurzen Besichtigung des präpapiertt-n Beinstumpfes, daß seit der Amputation keine Verändvrung vorZenommen worden sei. Der Arzt Ms Wiener Franz Josefs-Spitals Dr. Paul, der in der kritischen Zeit im Mödlinger Svital Leichen sezierte, sah sich damals auch das abgeschlagen^ Bein des Marek an und ließ sich auch die Schilderung, die Marek von dem Vorfall gab, erzählen. Er erklärte als Zeuge, daß er sogleich, erkannt habe, die Verletzungen könnten nur von einem scharfkantigen Instrument und nicht durch das Ausfallen des Holzllotzes entstanden 'ein. Dr. Haberda, mit dem er zufällig eine Rücksprache vegen einer Obduktion hatte, ersuchte ihn, seinem AsKtenten Dr. Werkgartner die Besichtigung des Breines zu erlauben, was er ohne weiters zugcstand, da ja ohnehin bereits ein Prozeßverfahren im Zuge war. Das Nein wurde dann ins gerichtlich-medizinische Institut gebraicht. Nach einer kurzen Besichtigung des präparierten Unterschenkels erklärte auch er, daß daran keine Veräntzerungen vorgenommen wurden. Sodann erstattete Professor Mare sch, der gerichtliche Sachverständige, sein Gutachten. Er hob hervor, daß der abgeschlagene Unterschenkel an der Innenseite Mehrere Verletzungen zeigt, die von einem scharfen Instrument herrühren. An den erhaltenen Knochenstückeu sind fünf glatte Hiebfiächen nachweisbar. Im Bereiche der-großen Wunde Msseu wenigstens drei Hiebe aufgetroffen sein. Nach den Hautvändern müssen es sogar vier Hiebe gewesen sein. Zu diesen vier Hieben kommt noch jener, von dem ti: unterbrochene Wunde unter der Abtragungsstelle des Unterschenkels herrührt. Professor Maresch und P rofessor M e i x n e r haben im gerichtsmedizinischen Institut der Versuch unternommen, an seiner Leiche mit einem einzigen Axthjeb ejnen Unterschenkel zu durchhauen. Der Versuch mißlang. Die Verletzung kann durch das Herabfalle» des würflig behauenen Holzes nicht entstanden sein. Es ist ersichtlich, daß das; Bein beim Durchschlagen auf einem Holzbkock aufgencht hat. ES ist auch nicht denkbar, daß die Axt nach dem Hieb tin Unterschenkel stecken blieb und von selbst durch ihre tanzen de Bewegung zurücksprang nnd die weite, ren Verletzungen setzte. — Dr. Kraszna: Bitte mir zu sageu, was nach dem ersten Hieb mit dem Marek geschehen sein muß? Der fürchterliche Schmerz muß ihn ja ohnmächtig gern acht haben, noch einen zweiten Hieb zu führen. — Professor Marisch: Das kann ich nicht sagen. Jedenfalls ist der. zweite Hieb nie so schmerzhaft als der erste. — Dr. Kraszna: Nach dem ersten Hieb muß doch ein größer Blntstrom hervorgequöllen sein. Ist es nicht ausgeschlossen, daß der zweite Hieb gerade in dieselbp Stelle traf? — Professor Maresch: Es entstand ja eine Differenz von «etwa fünf Zentimeter. Ueber Antrag des Verteidigers Dr. Teirich wurde so" dann das schriftliche Gutachten, das seinerzeit Professor Hab erd a über Auftrag der Versicherungsgesellschaft abgegeben hatte, verlesen. Es deckt sich im wesentlichen mit dem ' Sachverständigengutachten des Professors 'Maresch. In später Abendstunde nmrde sodarrn die Verhandlung abgebrochen. Der morgige Tag wird mit dem Lokala u g e n s ck e i n der Villa Marek in Modliirg ausgefüllt sein. Mißglüüier Einbruch im Rothschild-Palais. Der Nachtlvächter der Rothschildschen Intendantur vernahm gestern früh bei -seinem. Rmrdgäug durch das Palais .in der Prinz Eugenstraße ein aus den Bureanlokalitäten stammendes Geräusch. Als ev vorsichtig in die Bureaux eintrat. beinerkte er zwei Männer, die sich an der Kasse zu schaffen rnachten. Ms die Einbrecher den Nachtiväch.er benrerkten, ergriffen sie die Flucht, wobei dieser vier Revolverschüsse gegen sie abgab, ohne jedoch zu treffen. Durch die Schußdetonationen und die Rufe des die Einbrecher verfolßeitbett Nachtwächters aufmerksam gemacht, gelang es einem Wachmann, einen der Flüchtender!, der eine scharf geladene Pistole in der Hand hielt, f-eftzuuehnren. Mlf der Polizei winde er als der 50jährige Hilfsarbeiter Eduard Fritsch aus der Brigittenau erkannt. Die Ausforschung seines Komplizen, der Franz Sedlacek heißen soll, ist eingeleitet. Erbeutet haben die Einbrecher nichts, da (S gleich bei Beginn ihrer Arbeit gestört wurden. Heiluag des Rhramatisma» darch eiae« aeaen Wiener 8mp»ftoff. In der gestrigen Nurnmer der „Wiener Med-izinischen Wochenschrift" berichtet der Direktor der Wiener Staats-Jmpfanstalt Hosrat Dr. Gustav Paul über aufsehenerregende Heilerfolge, welche er mit einem neuen, von ihm für diese Zwecke speziell hergestellterr Impfstoff „C n t i v a c e i n Paul" erzielt hat. Es wurden mehrere hundert Fälle vo-n Gicht, Rheumatismus, Ischias und ähnlichen neuralgischen Erkrankungen vollständig ausgeheilt oder zumindest weitgehend gebessert, auch dort, wo anderweitige jahrelange Kuren nichts nützten. Diese Nachricht ist von außerordentlicher Wichtigkeit, wenn man die erst in jüngster Zeit veröffentlichte Statistik ans den verschiedenen Ländern verfolgt, wonach der volkswirtschaftliche Schaden und die Verluste der Krankenkassen, welche durch diese Krankheiten erlitten lucrben, in jedem Lande jährlich Millionen betragen. Flecktyphus in Galljim. Warschau, 2. April. Aus Pivniczana (Kreis Neusandec in Galizien) wird ein cpidemjsches Auftreten des Flecktyphus gemeldet. Die Behörden haben die Schulen geschlossen und bic, Gottesdienste verboten. Die Bauern der umliegenden Dörfer habet: jeglichen Verkehr mit der Bevölkerung von Pivniczana unterbrochen. Trotzdem ist bisl>er eine rasche Ausdehnung der Epidemie zu verzeichnen. Lasinterkonsessionelle Gesetz für Fusoilawien Belg r ä d, 2? April. Der Ministerrat hat beschlossen, in der nächsten Zeit die'Vorlage des interkonfessionell e it G e s e h e s fiir Jugoslawien vor die Nationalversammlungzubringen.; Sodann werden der Nationalversammlung auch spezielle Gesetze der einzelnen Religionsgemeinschaften, unter anderem auch das Gesetz für. die jüdische Religionsgemeinschaft vorgelegt rverden^ Der 'Verband jüdischer Kültusgemeinden in Ingo-. ftawien hat schon vor längerer Zeit den Entwurf eines Gesetzes, das die Angelegenheiten der jüdischen ReligionSgemeinfchast in. Jugoslawien regelt, fertiggestellt und dem Kultusministerium Überreicht. M A LO WAN wfm. Malowan ck Fran« ß Opertirlll^ 23 Tel. Y284 bringt für die heurige Frühjahrssaison in den herrlichsten Farben, neuesten Dessins, modernsten Schnitten, durchwegs auf Seide gearbeitet, in allen Größen zum Preise von at.----- 1 . _ S160- Morlz Frankl ttttfi »er öfterreichische General' ftub. Der bekannte Mathematiker Moriz Frankl war schon als 5kind ein mathematisches Phänomen, ein kopfvechnendes Wunderkind. Im Jahre 1871 wurde Frankl — wie in einem ungarischen Blatte erzählt wird — auch in die Wiener Hofburg berufen, um seine Kunst vor dem Kaiserpaar und dem Gcneralstab zu produzieren. Die Herren vom Generalstab hatten das Problem bereits fertig mitge-Vracht und dem Wunderkind aufgegebcn. Es lautete: Die 82 Jnfaickerieregimenter haben so und soviele Feldwebel, Zugsführer, Korporale, Gefreite und Mannschaft. Der Tagessoll» des Gemeinen beträgt sechs > Kreuzer, des Gefreiten acht Kreuzer usw. Wie viel zählt der Fiskus im Jahr für die Besoldung der Soldaten? Der kleine Moriz Frankl dachte einige Minuten nach und nannte eine Summe. Schadenfroh schrien die Generalstäbler unisono: — Der Junge hat sich geirrt; er nannte eine höhere Summe, als die wirkliche ist. Frankl nahm die schriftliche Rechnung der -Offiziere, betrachtete sie eine Weile und sagte ruhig: — Meine Rechnung stimmt, aber die Herren Offiziere haben sich geirrt. Sie vergaßen, daß die Soldaten am 18. August, dem Geburtstag des Kaisers, doppelten Sold fasten und ich habe das hinzugerechnet. Allgemeine Verwunderung der hohen Militärs. Der Kaiser habe nun — so erzählt die Anekdote — dem kleinen Judenknaben herzlich die Hand geschüttelt und lachend gesagt: ' „Du hast mehr Verstand, mein Kind, altz mein ganzer Generalstab..." 8m Stahltorpedo ln der Szeantiefe. 1800 Meter unter dein Meeresspiegel. In der Zoologischen Gesellschaft in . Nerv Aork Sündigte Pro-. fesfor William Beebe, der Direktor des dortigen Zoologischen Instituts und Gelehrte, dessen aufsehenerregendes Buch- „Gail-a» - pagvs, Das Ende der Welt" bei F. A. Vrockhaus, Leipzig, erschienen ist, den anwesenden Wissenschaftlern ein tollkühnes Experiment an, -das er demnächst aussAhren will. Der Forscher, der einen großen Teil seines Lebens dem Studium der Tiessee gewidmet hat, erklärte, er wolle sich in einem seBstkonstruierten Appamt 1800 Meter tief in den Ozean hinabtvagen, um der Weit Auftlärung Wer das Leben in ' den untersten W assc r sch i ch ten zu gelben. Ueber die Konstruktion des Apparats selbst hüllte sich Beelbe zunächst in Stillschweigen, weshalb man, obwohl Beelbe als ein durchaus ernst zu rrehmender, mutiger Forscher Mt, den Ernst seiner. Äbsichteu überhaupt leugnete. Beebe beschwor jedoch daraufhin, um. allen Vermutungen die Spitze abzubrechen, er werde innerhalb eines Zeitraumes von sieben Monaten, also Mtestens bis Mitte des Jahres 1927, sich in Ozeantiesen hinabbegeben, die noch keines Menschen Auge gesehen habe. Keine Lelbensgefahr werde ihn an der Durchskchvung seines Experimentes hindern. Bei dem Apparat selbst soll es sich um einen neuartigen. Stahltorpedo handeln, der den Druck ungeheuerlicher Wassermasten auszuhalten vermag. Beebe behauptet, eine Stahllegiening gesunden zu halben, die den Doppelwändeir, Zwischen denen sich außerdem noch ein luftleerer Raum befinden soll, eine bisher noch unbekannte Widerisiandskraift verleiht. Der Forscher will ferner einen besonderen Appamt zur Sauerstosserzeugung mitnehmien, der ihm ein längeres Verweilen unter Master geistatten wird, als selbst der -modernste Sauevstajisapparat, wie ihn die Taucher betmtzen. Beebe willaußer wistenschaft-lichen Instrumenten zum Mesten der Dmck« und Temperatuvverhältnisse der Meeresttäfen auch eine Filmkamera mit in die Tiefe nchnren, um seine Umgebung im Bilde festzu'halten. Ein Telephon wich dem Gelehrten eine ständige Verbindung mit der Oberwelt ermöglichen. MS jetzt begegnet der Plan Beebes in wistenjfchnMchen Kreisen nockeiniger Skepsis. Lasset Euch nicht einschUchtern! keinem Terror! Wählet Ilidlschl