Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 2909 (3.4.1927)
- Date
- 1927-04-03
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 90% known words query
- IRI
…/2979076-2981905-2981997--29603-3017747- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Leite 4 Wien, Sonntag'' Wiener Morgenzetturrg a. April ins? Nr. 2909 Tagesbericht. Keniat über jiidische Frage». A» SespM mit rrm MWfter. Einer unserer Mitarbeiter hatte, gestern vormittags eine kurze Unterredung mit dem.französischen Minister Herriot. Er berichtet uns: Der französische Unterrichtsminister Herriot hat gestern mittags mit seiner Gemahlin Wien verlassen. Länger als eine Woche hatte er als Vertreter der französischen Regierung bei der Beethoven-Feier in Wien geweilt. Und obgleich sein Auf-; enthalt keiner politischen, sondern einer kulturellen Angelegenheit galt, hatte man 'doch allgemein das Gefi'chl, daß Herriots Teilnahme an der Zentenarfeier zu Ehren Beethovens doch etwas mehr als rein kulturelle Bedeutung hatte. Im letzten Augenblick, knapp vor seiner Abreise, empfing mich Monis. Herrrot im Salon der französischen Geisaudtschuft zu einer kurzen Unterredung. Er hatte schon seinen schweren Ladenreisemantel an, der seiner gedrungenen Gestalt etwas Uebermassives verlieh. ..Was halten Sic. Herr Minister, von der gegenwärtigen Lage des Zionismus in wellpollitischer Beziehung?" fragte ich ,.Z>H kann mich zu dieser Fra<>e" — entgegnete Herriot — „nur im Hinblick ans die Stellung Frankreichs zum Zionismus äußern. Diese Stellung kist bereits von zahlreichen französischen Politikern unzweideutig formuliert worden und ich kann fetzt nur wiederholen, daß Frankreichs Volk und R e g ie r u n g jederzeit gerne bereit sein werden, die zionistischen Bestrebungen freundschaftlich zu fördern." „Wie ist die Beziehung der französischen Bevölkerung zn den ostfubi scheu Emigranten, die sich in der letzten Zeit in größerer Zahl in Frankreich niederließen?" „Die ostsüdischen Immigranten" — erwiderte Her not — „flitö uns ebenso wie Angehörige anderer Nationen, die in Frankreich ihr Brot ehrlich verdienen wollen, herzlickfft willkommen." „Ist eine weitere EmLgratimc Mischer Ackeitcr und Handwerker nach Frankreich möglich?" „Frankreich" — entgegnete Mons. Herriot — „ist ein freies 2<mb. Unsere Grenzen find offen — und ich gläul>e wohl, daß bei uns noch Arbeitsgelegenheiten für tausende fremdländischer Arbeiter, also auch für Mische, vorhanden sind." „Welchen Eindruck haben Sie,'Herr Minister, von den bisherigen Ergebnissen der Untersuchung im Schwarzhart-Prozeß?" „Ich hcÄe die bisherigen Ergebnisse nicht verfolgt. Der Proyeß selbst, der demnächst in Paris stattfindet, wird wohl erst die restlose Aufhellung der Motive der Tat Schwarzbarts bringen." Unsere Unterredung irruß nun beendet werden. Die Abfahrtszeit rückt heran. Ile Meise des Ministers. Die Abreise Herriots und seiner Gemahlin von Wien gestaltete sich besonders herzlich. Im Westbahnhofe fanden sich der frantzöflsche Gesandte Gras Chambrun mit den Herren der Gesandtschaft und zahlreichen Perfönlichkeiten der französischen Kolonie ein. Auch Bundeskanzler Dr. Seipel erschien auf dem Bahnhof zur Verabschiedung. Minister Herriot betonte nochmals, wie gern er sich nach Wien begeben habe und wie unendlich befriedigt er durch die Beethoven-Feier und den Aufenthalt in Wien sei. Dem Zionismus gegenüber verhielt sich Luzzatti bis zur Balfour-Deklaration reserviert. Nie kam eine schroff ablehnende Aeußerung über seine Lippen noch aus seiner Feder. Es war nicht nur die Rücksicht aus seine staatsmännische Stellung, die ihn abhielt, leichtfertige Aeußerungen - über ein so ioeittragendes. Problem zu äußern, es war sicherlich auch seine assimilatorische.Auffassung und der Umstand für sein Verhalten maßgebend, daß die Juden in Italien psychologisch für eine vom Zionismus verkündete Lösung der Judenfrage nicht vorbereitet waren. Als aber nach dem Krieg die Friedensverträge das palästinensische Mandat schufen, als die Balfour-Deklaration die gesamte Welt aufrüttelte und dann junge Chaluzim in das Land der jüdischen Nationalheimstätte zogen, um dort Pionierarbeit zu leisten, da verschloß auch Luigi Luzzatti sich dem Rufe der Zeit nicht. Als Balfour zur Eröffnung der Jerusalemer Uni? versität Neapel passierte, da bat der damals schon kranke Luzzatti eine,: seiner Freunde, den großen englischen Staatsmann in seinem Namen zu begrüßen und ihm seine Bewunderung anszusprechen. Ebenso beeilte er sich in einem herrlich gehaltmen Ausruf, die italienischen Judm zur Förderung der Chaluz-Bewegung und der landwirtschaftlichen Kolonisation in Palästina zu ermuntern. Luitzi Luzzatti war ein intimer Freund Gladftones, des- „Grand old Man" Englands, und er wurde auch noch dem Tode dieses großm Engländers vom Pariser „Institut de France" eingeladen, die Gedenkrede zu'halten.. Damals sagte Luzzatti von Gladstone, er Voerde vor Gott mit einem Päckchen menschlicher, englischer und ministerieller Sünden erscheinen. Gott werde aber diesen edlen Christen mit der hellenischen Seele von allen seinen Sünden reinlvaschen wegen seines ehrlichen Glaubens an Gott, seines Ekels vor jeder Bluttat und seiner.'energischen Verteidigung aller verfolgten Menschen und Völker. Diese Gedenkrede, die ln England in Hunderttausenden von Exemplaren verbreitet wurde, trug Luzzatti dm englischen Ehrennamen „The Grand old Man of Jtaly" ein. Luzzatti rühmte Gladstone Eigenschaftm nach, die et, der nunmehr Verstorbene, selbst in höchstem Maße besaß und die ihn auch zum „Grand old Man of Israel" stempelten. Oie aeue Direktion des J€ate£ ^Contincntaf beehrt sieh hoflichst zur Kenntnis zu bringen, daß sie anschließend an das ffaffeefkcMus einen mit allem Komfort ausgestatteten, gemütlichen tfpietsaai eröffnet hat. Im Restaurant wird für vorzügliche Küche sowie erstklassige Getränke gesorgt. Vor seiner Abreise begab sich Minister Herriot ins Bundeskanzleramt, wo er mit Bundeskanzler Dr. Seipel über den A u s ta u s ch österreichischer und französischer Stubent e n u n d Lehrer sprach. Iss GefchD des Antisemitismus. Nichts ist in seinem Wesen uit-b seiner Niedrigkeit bei allen Nationen so international gleichgeartet, wie der Antisemitismus. Durch nichts unterscheidet sich der Antisemitismus nach dem System Henry Fonds vom Judenhaß eines Hammer-Fritsch und seiner Brotgeber oder der in Walter Riehl personifizierten österreichischen Ausgabe, und der polnische Antisemit im Umkreis der „Dwa Grosze" weicht in der Unart seiner Betätigung nicht um eine Nuance von der Derwerslichikeit des cuzistischen Antisemitismus in Rumänien ab: Für alle ist der Antisemitismus Geschäft, Mittel zur Ausbeutung Mischer Betriebsamkeit und Mißbrauch der -unaufgeklärten Bovksmassen. Korrupt und geldgierig, wie bk Geschäftsantisemiten nun einmal sind, wirken sie nicht nur auf ihre eigenen denkfaulen Völlksinassen, sondern auch auf charakterschwache Juden korrumpierend. Auch diese verheerende Wirkung des Antisemitismus tritt in allen Ländern, bei allen Nationen in-gleich widerlicher Weise zutage. Es finden sich, wenn auch vcrelyzelt, jüdische Preßorgane, die Ankündigungen notorischer Anlisemiten aülfnehmen, und es finden sich leider in jedem Lande-Jüden, die bekannte antisemitische Rechtsanwälte selbst 'gegen Juden in Anspruch nehmen. Diese unsauberen, dunklest Geschäfte bleiben, solange eS geht, auch im Dunkeln verborgen, sofern das Schamgefühl diesen Gesinnungsschicbern nicht vollends abhanden gekommen ist. Aber für jeden dieser Sippe kommt schließlich der Augenblick, in dem Brotneid, Angst um die Führerschast auch den letzten Rest von Menschenwürde .überwinden, dann kommt die ganze Schinutzwäsche vor die Oeffentlichkeit. So war es mit Henry Ford und so ging cs dem enzistischen Abgeordneten Paul Jliescu, der von seinem Führer Cuza aus der Partei hinausgeworsen wurde, weil er als Rechtsanwalt die Vertretung von Indens übernominen hatte. Jliescu brachte die Angelegenheit vor das Parlament und parierte den Angriff Cuzas mit einem Hieb, der ordentlich saß. Er, Jliescu, habe nichts anderes getan, als was Cuza selbst gelehrt und praktiziert habe: die Cnzistcn sind nicht gegen die Inden als Einzelpersonen, sondern nur als Masse. Ins Antisemitische übertragen heißt dies: Der Jude ist in jeder Form als G csch ästs ob jek t zu behandeln; als Einzelperson sei er die Melkkuh für Rechtsanwälte, fiir Vermittler bei den Behörden usw. und als Masse sind die Juden als Politische Geschäftsobjekte auszuschroten. Es paßt ganz in das antisemitische Korrnptionssystem, daß Jlciescu in der Lage war zu erzählen, daß ihn ein Jude ausgesucht habe, ' damit er seinen Prozeß gegen den Verband rumänischer Juden übernehme. Leider wurde der Namen dieses Inden nicht genannt, er sollte, an den Prairger ge-, stellt, der allgeminen Verachtung preisgegeben werden. Ford Will nicht vor Gericht. Ter VcrlenmSung'sprozest in Detroit. N ewyork, 29. März. (I. T. A.) In dem in D etroit vor sich gehenden Prozeß d:s Chicagoer Rechtsanwalts Aaron Sapiro gegen Henry Ford stellte der Anwalt Fords, Senator Need, Vertagungsavtraa mit der Begründung, daß die Untersuchung nicht cinwand-- frei geführt worden ist. Der Miwalt Sapiros, Gal - lagher, widersprach, diesein Antrag und wies darauf hin, daß sich Henry Ford seit zwei Jahren bemühe, den Prozeß ins Unendliche hinauszuschieben. Gallagher tvandte sich nochmals sehr scharf dagegen, daß der Anwalt Sapiros alles aus dem Prozeß auszuschalten versuche, was auf Fords allgemeine antisemitische Tätigkeit Bezug hat, obwohl ja sein Feldzug gegen Sapiro mir aus seiner allgemeinen antisemitischen Einstellung zu erklären sei. Man müsse fordern, daß Ford im Rahmen dieses Prozesses die Existenz einer „j ü d i s ch ett Vers d> iv ö rung zur Kontrolle und Knechtung der amerikanischen Landwirtschaft", von der tu dem Organ Fords und insbesondere in den Artikeln gegen Sapiro wiederholt die Rede war, beweise. Gallagher verlas Auszüge aus diesen Artikeln, in denen behauptet wird, daß Sapiro „Mitglied jener Judenbände sei, die auf dem Nacken des amerikanischen Landwirtes sitzt". Er zeige sich schnell bereit, bedürftigen Landwirten mit Darlehen zu helfen, genieße auf diese Weise die Kontrolle über großen Bodenbesitz, da die Farmer oft nicht in der Lage sind, die Schulden zn bezahlen. Der Anwalt zeigte eine Nummer des „Dcarborn Independent", die als Titelbild einen Selleriestengel zeigt, worunter geschrieben ist: „Jeder Stengel Sellerie, der in irgendeiner Fcldcch wächst, leistet Tribut an die jüdische Herrschaft der Vereinigten Staaten". In demselben Organ lvnrde behauptet, daß Juden, wie Bernard Baruch, Julius Rosenwald und Otto H. Kahn an der Verschc beteiligt sind. Ford müsse vor Gericht erscheinen. * Es wird jetzt verständlicher, wozu das Attentat auf Ford inszeniert wurde. Er mitt nicht vor dem Gericht Rede und Antwort stehen. Das Reklame-Attentat. New York, 31. März. (I. T. A.) Es ist nun eiuuandfrer sestgeftetll, daß der Autounsall Henry Fords in keine r W e i s e. a u t irgend ein Attentat zurückzuWren ist. Fords Befinden bessert sich Ter Prozeß in Detroit geht weiter; der Richter warnte die Geschworncn, sich nicht drrrch Sensationsnachrichten über ein Attentat gegen Ford beirren zu. lassen. Mschok Prohüszka gestorben- Während einer Predigt vom Schlag getroffen. Budapest, 2. April. Der Bischof von Stuhliweißen» Iburg, Dr. Ollckkar Prohaszta, der gestern währcwd einer Fastcnprodigt aus der Kauz-el der Univevsitätskir-che Dom eine m S ch l a g a n s a >l I getroffen und >in das Pricstrrfemina-r überführt wurde, isst heute nachmittags um 1 Uhr 45 Minuüon, ohne das Bewußtsein wieder erlangt zn haben, g « st otJen. Mit Bischof Pr0has-z>ka verschwindet einer ».er ^efäyMchsteil Pogromlhetzer aus dom öffentlichen Leben HorchyUngarns. Ne!be.n dein im Fr-antensälschorprozeß so schwer kompramiliierten Foldbischolf Zadraweh, der die Armee z,u Judeil,morden und P-l'ü'nderunMn ausrcizüe, hat Bischof ProhasAka sUviilbevöllerung von der Kanzel herab mit nnhemrlicher Konsequenz gegen die Juden aufgewiegelt. Zadrawetz und Prohasz'ka waren die geistigen Urheber des großen Leids, das tausende jüdische Familien in den letzten sieben Jathreil in Ungarn zn ertragen hatten. Diese beiden kalholischen Kirchenfürschn beherrschten die gesaittlüe uirgiarische öfferiiliche Meinung bis zu Horchy hinau-f und es lat ihrem Ein'fllls; nicht den geringsten Abbruch, daß fic beide sich allen drei llicvckbntionen, den: Karoilyircgiiile, der bols-chewistii'chen Nebciiiulion und 't'-cim rassenschühlervsche'li! weißen Terror in gleicher Weise zur Verfügung gestellt hatten. — Der Bischof ist k',9 Jahre alt geworden. WARNUNG! Is 8s «s sS BBMHBHBiniliBBaBBiSBBBaBflaBlinoaBiaHBaBgHSHESHHIS BBBflflflBBBBBBBBBaSIBBlBiaBBBBBBQBBBBBBaB18ir3S3aiSBB|^i Lassen Sie sich nicht andere Erzeugnisse aufdrängen. Verlangen Sie überall nur Strum-Mazzoth n. GrlelS die als vorzüglich, schmackhaft, hygienisch einwandfrei erzeugt, bestbekannt sind und wegen ihrer Güte und Billigkeit allgemein bevorzugt werden! froher Pessach — nur zraltf Stfrum-Plazzolli Wer einmal Strum-Mazzoth genießt, nimmt'keine anderen! Die Mazzoth-Bäckerel H. STRUM, 11., Rotensternjasse 11, steht unter Aufsicht des ehrw. Rabbinats der Isr. Kultusgemeinde Wien. Besonders in ritueller ga _ Hinsicht sind Strum-Mazzoth unbedingt einwandfrei; Die Erzeugung erfolgt mit eigens konstruierten, patent amtlich geschützten Maschinen (Ofen) auf elektrischem Wege. Das ganze Maschinenmaterial wird von eigens hiezu bestellten Vertrauenspersonen des Rabbjnats viertelstündlich vollständig gereinigt und ausgewechselt. Achten Sie auf die Stampiglie: „H. Strum'S die auf jedem Paket ersichtlich Ist. Flisiiolh-Bttchereft ML $ ¥ R U 1*1 Wien, II., Rotensterngasse 11 Telephon 70-6-75 ÜiiatSBSflBBHBBBMIliBBBBIfilBillfiBBBBBBWBBaHMBBBBBBaBNBilBBBfllJiifaBBBHBBBMBSiiüflaBraBIMaHaBBBlS HBBIBHBBB’BBHBBSBBIflBBflBBBBBBBBBBBBBBBBBBBBBißBflBBBK'BBaBBSIiaBiaBtBBlBUffiBBBBBBUBBflBBBBH IE §1 §s tSH