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Wiener Morgenzeitung · 1927-04-03 · Heft 2909 (3.4.1927) · p. Seite 3

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
9 (1927)
Issue
Heft 2909 (3.4.1927)
Date
1927-04-03
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Zionistenkongretz, besten Abhal» jung, wie schon mitgeteilt, für Anfang September 1827 in einer Stadt Mitteleuropas in Aussicht genommen ist, wahrscheinlich in der alten Kongretzstadt Bafel, Schweiz, abgehalten werden wird. Palästinastagen dar Sem Unterhaus. London, 1. April. (I. T. A.) Im Untechause fragte Colonel Wedgwood, ob die Errichtung einer engl i sch sprach i g ett Universität oder sonstigen Hochschule in Palästina geplant werde. Der Minister für die Kolinien Amery erwiderte: Die Palästina-Regierung hat die Errichtung einer englischsprachigen Universität oder sonstigen Institution akademischer Grades nicht erwogen. Der Ausschuß für Hochschulbildung bemüht sich jedoch, dreijährige Diplomkurse ctnznrichteu. Die erste Zwischenprüfung wird kommenden Juli stattfinden. Oberstleutnant Keuworthy fragte den Staatssekretär für die Kolonien, ob ihm bekannt sei, daß 'die Quarantäncstation von Haifa in der Nähe eines abflußlosen Sumpfes, der als Brutstätte für Malariamücken berüchtigt ist, gelegen sei, und ob er Anord-- nungen treffen würde, daß die Quarantänestation in eine gesündere. Gegend verlegt werde- Minister Amery erwiderte, er habe vom Oberkommissär einen Bericht über die Lage der Quarantäncstation erhalten; es seien im Umkreise von eineinhalb Kilometern keine Malaria- Herde vorhanden. ES könne deshalb auch keine geeignetere und gesündere Lage für die Quarantäne gesunden rvcrden. Kennwo rthy: Weiß der Herr Minister nicht, daß ich den Platz im vorigen 'Jahre besucht und gesunder: habe, daß die Quarantäne an der abscheulichsten Stelle aller unserer Dominions liegt? Der Minister gab darauf feine An t wo rt. Italiens Vertreter in PMftim. Eine ErUärung ChamberlainS. London, 31. März. (I. T. 'A.) Colonel Wedgwood richtete im Unterhaus an den Außenminister die Frage, ob er wisse, daß der zum italienischen Generalkonsul in Jerusalem ernannte Signor Orazio F-cdrazzi gegen die britische Politik in Palästina gewirkt hat und ob die britische Regierung dieser Ernennung zug c stimmt habe. Sir Austen C'hamberlaiu erwiderte: Die britische Regierung hat gegeu diese Ernennung keinerlei Einwendungen gemacht. Der Regierung ist das frühere Wirken von Signor Orazio Pcdrazzi bekannt; der Minister glaube aber aimehmen zu dürfen, daß die italienische Regierung nicht einen Generalkonsul ernennen, würde, der gegen die Interessen des in welchem er zu wirken hat, handeln würd^. Nagen ii. Darmleldende nehmen mit bestem Erfolge „BOLUCARBON“, zusammengesetzte Tierkohle-Tabletten. Bolucarbon, von ärztlichen Autoritäten empfohlen, bestbewährt bei Blähungen- Aufstoßen, akuten und chronischen Magen- und Darmbeschwerden etc., sind in der Apotheke C. BRADY, Wien, I., Rotenturmstraße 18, Ecke Fleischmarkt, stets lagernd, wo auch Literatur gratis erhältlich ist. Postversand überallhin. Patzerleichterungen in Polen? Warschau, 2. April. Der Finanzryinister Czechowski erklärte einem Journalisten, datz er mit der Ermäßigung der Patzgebühren für Kaufleute und Gewerbetreibende einverstanden sei. Diese Stände würden künftighin die Pässe gegen Erlag von 25 Zloty erhalten können. Besserung im Befinden des rnmfinifche« Königs. Bukarest, 2. April. (Orient-Radio.) Der w'u den. Aerzten ausgegebene Bericht über den GesundlMszustand des Königs stellt eine weitere Besserung fest. Atmung 26, Puls 90, Temperatur 36.4. l Die 30. Jahresversammlung der zionistischen Organisation in Amerika. New York, 1. April. Die 30. Jahresversammlung der zionistischen Organisation in Amerika wird, wie nrrs aus Newyork gemeldet wird, in der Woche vom 23. bis 26. Juni in Atlantic City abgehalten loerden. Die amerikanischen Zionisten stellen heut« sowohl numerisch als auch was die finanzielle Leistung betrifft, die stärkste Gruppe im Zionismus dar. Aus diesem Grunde kommt dieser Konferenz, die kurz vor dem 15. Zionistenkongreß tagen wird, und nach, dem Marshall-Weizmaun- Abko.mmen über die Jewish Agency große Bejdeutung zu. Weiterer Vormarsch der Kaatonesen. Bangsu eingenommen. Berlin, 2. April. Wie die „Chin. Nachr.-A." ans Schanghai berichtet, haben die Südtruppcn aus ihrem Vormarsch die Stadt B a n g f«, im Norden der Provinz Anhui, eingenommen. Die Nord truppen haiterl die Stadt mit a II c tt 3)i i 11 c In verteidigt. Sie Snsffintiet und Amerttaner räumen Nm«ina. Pari s, 2. April. Der Pekinger Korrespondent der „Information" berichtet, daß die amerikanische und die englische Gesandtschaft ihren Staatsangehörigen die Weisung erteilt haben, Nordchina einschließlich Peking zu verlassen. Weitere englische BerMlimgen. London, 2. April. Die britische Regiernrig Hai beschlossen, eine Brigade I n f a n t e r i e und Hi l f struppen zur Verstärkung der Verteidigung in Schanghai abznsenden. Auch Fapan lehnt eine gemeinsame Mio» ad. Tokio, 2. April. Der japanische Außenminister erklärte vor Pressevertretern, Japan lehne es ab, an einer gemeinsamen Aktion mit England, soferne diese ein gewaltsames Vorgehen erfordere, teilznnehmen. Englisch-arabische Verhandlungen. London, 2. April. Nach dem diplomatischen Berichterstatter des „Daily Telegraph" sind zwischen der britischen Regierung und der Regierung Jbn Sando, des Sultans von Nedschd und Königs von Hedschas, Verhandlungen im Gange. Ein AaatsbegrSbnks für Lnkgl Lnmttl. Rom, 2. April. (I.T.A.) Der letzte Wunsch Luigi'.^ Luzzattis Er, an der Seite seiner Eltern auf dem jüdischen Friedhof zu Venedig begraben zu werdcrr. In Erfüllung dieses Wunsches wurden die sterblichen Reste des großen Staatsmannes und Juden nach Venedig überführt. König Victor Em a n u c I beauftragte ein Mitglied des Hofes, ihn beim Begräbnis zu vertreten. Auch die Regierung entsandte ihr Mitglied, Senator V o l p i, dev am offenen Grabe im Namen der Regierung sprechen ivird. Der König und Ministerpräsident Mussolini haben den Hinterbliebenen Luzzattis ihr Beileid aussprechcn l'lassen. Auch wurde beschlossen, Luzzatti e-r n S i a a t s b e g r ä b-- nis zu widmen. Verfangen Siewos’iSS'srei Lieferanten i . niti. im Matzos Erhältlich In allen besseren Lebensmittelgeschäften! riss » a m y em a m a Manischewitz Matzos-Vertrieb. Zentrale: Wien, 11. Nordbahnstraße 38 Telephon 75-8-32 yFWiaiWff.THBMSBflMUlHIIIITi—aWMBBMtWHIfll ITwjunwjyme Ml WBBWBM Suisi LuzzaM- Von Jaivb Llraufz. Die italienisch-jüdische Familie Luzzatti, ein Teil nannte sich auch Luzzatto, hat dem Judentum eine Reihe hervorragender, werrvoller, unsterblicher Männer gegeben, die sich durch ihre wissenschaftlichen Werke und ihr Persönliches Wirten einen rühmlichen Platz in der Kulturgeschichte des jüdischen Volkes gesichert haben. Unserer Erinnerung und der gegenwärtigen jüdischen Kulturepoche am nächsten steht in der Galerie berühmter Träger des Namens Luzzatto der unvergeßliche Vorkämpfer für die Renaissance der hebräischen Sprache und des jüdischen Nationalismus Samuel David Luzzatv, iu der Geschichte der hebräischen Literatur auch unter dem abgekürzten Namen „Sch'dal" bekannt. Samuel David nur nicht nur der bedeutendste jüdische Literarhistoriker, Hebraist und Sprachenforscher und Sprachenschöpfer, sonderir auch einer der mächtigsten und tiefsten Bekämpser der aktiven Assimilation, die in seiner Zeit (1800 bis 1865) mit so großer Vehemenz in das Leben des jüdischen Volkes eingegrifsen hatte. Seine Streitschriften gegen Moses Mendelssohn und seine Richtung bilden auch heute noch brauchbare Massen im Kampfe gegen die Verdunkelung jüdischen Geistes und jüdischen Volkstums durch die nnnatürlichie Angteichung an die Sinnesart fremder Völker. Diesem. Samuel David Luzzatto erschien mit Rocht jeder Versuch, der Kultur des jüdischen Volkes fremdartige Reiser anfzupsropfen, um es auf diese künstliche Art scheinbar zu verjüngerr, als die höchste Gefahr für den Fortbestand des jüdischen Volkes und die Produktivität des jüdischen Volksgeistes. Irr feinen Schriften und Kommentaren zur Bibel geht Sch'dal in seiner eifersüchtigen Sorge um die Reinerhaltung der jüdischen Kultur so weit, daß er selbst gegen Maimorrides und Jbn Esra mit aller Schärfe auftritt, »veil auch sie in ihren Schriften und durch die Sprache, in der sie ihre Schriftcir verfaßten, rricht frei von assimilatorischem Geiste seien. Der vor einigen Tagen verstorbene große Staatsmann, Politiker rrnd Nattonalökonom Luigi Luzzatti stand auf seinem ganzen Entwicklungswege weitab von den Pfaden, die seine berühmten Vorfahren gewandelt sind. Er war, politisch genommen, im Verhältnis zu seinen: Baterlande ein überzeugter Assimilant. In religiöser Beziehung stand er theoretisch über allen Religionen, bis auf den Glauben an Gott. Irr seinen Vorlesungerr und verschiedenen Schriften verfocht er seiner Ueberzeugung gemäß die völlige Religions- und Gedankenfreiheit rrnd dementsprechend bic Unabhängigkeit des Staates von der Kirche und beit Konfessionen. Mer unbewußt wirkte in seinem Innern avitischjene Familientradition der Luzzatti fort, derer: Seele sich aufbäumt, wenn irgendeinem Zweige dos über die ganze Welt verbreiteten jüdischen Volksstammes wegen 'feiner Zugehörigkeit zu diesen: 'Stamm «in Urcrecht geschieht ober bic Vernichtung droht.' Da ließ sich Luig: Luzzatti :m Gegerisatz zu unseren heutigen Ässimilanterr'sührerr: nicht erst in theoretische Spitzfindigkeiten ei::, ob die in: Osten oder Südosten Europas oder et>oa im fernen Oster: leberrden Jrrden seine Stammesbrüder seien oder nicht. Er warf seine ganze, durch jahrzchntelange Arbeit und Staats- . treue erworbene Autorität iu die Wagschale, um das Unglück von seinen fernab von seiner Geistcswxlt lcbenden Brüder abzrttvendeil. Als im Jahre 1878 beim Berliner Kongreß fdie Frage dm Gleichberechtigung der rumänischer: Juden sämtliche Staatskanzleier: in Bewegung gesetzt hatte und die diplomatischer: Intrigen ihr urcheilvolles Spiel tricber:, da war cs Luigi Luzzatti, der mit einer Energie sondergleichen darauf bestarrd urid es schließlich auch durchsetzte, daß sich Rumänien vertraglich zur verfassungsmäßiger: Gleichstellung seiner jüdischen Bürger init den übrigen Staatsbürgerr: verpflichter: wußte. Und als später die Vorkriegsregternngeu in Rumärner: die Erfüllung dieser Vertragspslicht hinschleppterr, war wieder Luigi Luzzatti das unausgesetzt mahnende Genüssen Europas, das di« Einhaltmrg der BertragsverpslWunger: forderte. In O^wt: Ignsz Prost, Wien, 11. Haidgasse 9 Telephon 46-8-89 privaten Briefen und offiziellen Noten u:rd> in seinem berühmten Artikel im „Corriere della Sera" drängt und droht Luzzatti ur:ausgosetzt die europäische Diplomatics, cs nicht Za dulden, daß der im Interesse des religiösen und nationalen Friedens geschaffene Vertrag zu einem Instrument des nationaler: Hasses urngedeutet rverde- Unvergessen bleibt auch die diplomatische und publizistische Tätigkeit Luzzattis im Jahre 1913, rmch dem zweiter: Balkankrieg. Wie erinnerlich, har Rumänien nach den: Sieg über Bulgarin: die Abtretung der Stadt Silijtria cu: Rumänien gefordert. Der Berlirrer Vertrag vor: 1878 rvar bezüglich der Juden noch immer nicht erfüllt. Und nun drohte den Juden des ar: Rumänien, abzutrotenderr bulgarischen Gebietes, die bis dahin in: Besitze ihrer vollen Bürgerreckjto gewesen toaeeir, durch den Friedensvertrag von Sar: Luzianr, plötzlich rechtlose rumänische Bürger zrr Werdern Söicbicr; war es Luzzatti, der feinen ganzer: Einfluß zugunsten der bedrohten Juden geltend nrachte. Und feine Aktionen rvären auch von Erfolg gekrönt geloesen, wäre nicht ein Jahr später der Weltkrieg ausgebrochier:. Auch während des Krieges hat Luzzatti die Geschchrüsse in Osteuropa, soweit es sich um die Lage der Juden harrdelte, mit — wie er roicherholt Freurrden gegenüber äußerte — zitterrürcr Aufmerksairrkeit verfolgt rurd überall dort eingegrifsen, rvo er glarrbte helfen zu rnüssen. Nach dein Krieg befaßte er sich mit der Lag« der Juden in Pole::. Er holte bei Mitgliedierr: des jüdischen Sejmklnbs in den kritischesten Tage:: Jnforrnationen ein, und seine Aiemoirer:, an derren er in den letzten Jahren emsig arbeitete, werden wohl Luigi Luzzatti als den jüdischer: Diplomater: in feinen: richtiger: Licht« erstrahlen lassen. Es ist nur zu begreiflich, daß Luig: Lilzzatti, dieser Sproß jenes Stammes der Luzzatti, der so tief im Judentum rvurzelte, empört darüber war, daß eine Zeitnngsnreldung von ihm berichtete, er sei aus dom Jnderrtum ansgetreterr. Für den volksbewußien Luigi Luzzatti gab es keilte erniedrigendere Krärrkrmg als die Zumutung verächtlicherr Rerregatentrrms. 56

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