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Wiener Morgenzeitung · 1927-04-02 · Heft 2908 (2.4.1927) · p. Seite 3

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
9 (1927)
Issue
Heft 2908 (2.4.1927)
Date
1927-04-02
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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2908 Wien, SamStag Diener Morgenzeitung 8. April 1987 Eeit« 8 Mische Wiihlerversammlungen. Heute findet um 8 Uhr aü-eird.' in der Volksk ü ch e, Bez., Krummbaumgasse 8, eine Wählerversammlung statt. Referenten die Herren Max Schifsmann, Dr. E. M. Zweig und David Nebenzahl. * Für mvrgen sind fünf Versammlungen angesetzt, uno zwar um 9 Uhr vormittags im Wiener Bürgercafe, 2. Bez., Prakerstraße 11, Redner: A.M. Ehrlich, Oberbanrat Jn,g. Robert Stricker, Gcmeindcrat Dr. Leopold P l asch kes: um 10 Uhr vormittags im Cafe A stor, 2. Bez., Praterstraße 60, Referenten: Dr. Rybatsch cwski, Dr. Gold ha m m e r und Dr. Georg Weiser; um 10 Uhr vormittags in Schmidts Restaurant neben Polizeikommissarlat Prater, 'Referenten: Jahuda Schm'idt, Dr. E. M. Z w e i g und Dr. Israel Taubes; um 10 Uhr vormittags im Exzelsior-Kino, 2. Bez., Taborstraße 77, Redner: Dr. Leopold Plaschkes und David Nebenzahl; um 7 Uhr abends im Bet!)- Hamidrasch, 2. Bez., Stuwerstraße Nr. 46, Referenten: Chuno Dörfler, Kultusrat Viktor B a n m i n g e r. Für Montag, 8 Uhr abends, ist ein jüdisches Massenueeting (Redner Dr. Israel Wald mann und David? eben zahl) in dem Froß-Büssing-Saal, 20. 58e;., 'Valnsteinstraße 72, einberufcn. Derbanv der Wischen Kauslenle, Industriellen und Gewerbetreibenden in Men. Mittwoch, den 30. März, fand eilte Plenarsitzung des Verbandes der jüdischen Kaufleute, Industriellen und Gewerbetreiben den Wiens statt, ive'cher die jüdischen Mandatare zugezogen waren. Es ivurde einhellig beschlossen, bei den bevorstehenden Wahle» für die JüdischeListe einzntreten. stuw ndnug an die Pensionisten. Gestern Vvrmrtdcvgs panfb eine Sitzung Unterausschusses. ftaitu in der der Verordnung der Regierung vorn 31. März d. I., betreffend die Durchführung des Artikke'lS 3 -der Gelhaltsgefehnovell-e KUgesti-mimt wurde. Auf Grnnld dieser Verordnung erhaben von den bereits lt«willi>§t«n 6 Millionen Schillmg di« B u n d e s p e n s i o n i st e n 4.2 und Pensionisten der Bundesbahnen 1.8 Millionen Schill.1 ing. Diese Beträge gegangen sofor: Kur Aus- -ahklng, . 120 Hauser in KSrermerzö abgebrannt: Budape st, 1.. März. Wie die Abendblätter aus Marmaro's-Sziget melden, 'ist die Stadt Köresmeszö von einer verheerenden Feuersbrunst Heiingesuchtwordem Das Feuer brach in einem Wohnhaus aus und griff 'frei heftigem Sturm mit rasender Schnelligkeit um sich. Die Anstrengungen, das Feuer einzudämmen, blieben infolge des Sturmes ergebnislos. 120 Häuser sind vollständig niedergebrannt. Der Brand,der gestern nachmittags ausbrach und erst heute in den Morgenstunden gelöscht werden konnte, soll auch mehrereTode sopfer unter der Einwohnerschaft gefordert haben. Lar Marltzrium der Sarah Bernhardt. Von Lyflane Sarah Bernhardt. Die Enkelin der Tragödin hat ihre Erinnerungen an die berüh'nte Großmutter in einem Buch niedergelegt, das in deutscher Ueber- Iragung unter dem Titel „Der Lebensabend Sarah Bernhardts" soeben im Werlin-Ver ag, Heide berg, erschienen ist. Wir . entnehmen dem reichillustrierten Werke mit Erlaubnis des Verlages die nachstehenden Abschnitte. Es fing zuerst mit Rheumatismus au, einem leichten Leiden, das sie von Zeit zu Zeit erfaßte; der Schmerz wurde daun mit den Jahren heftiger. Die größten Leuchten der medizinischen Wissenschaft aller Länder wurden konsultiert, aber keiner gab eine genaue Diagnose, keiner der Professoren konnte auch nur eine Besserung herbeiführen. Die drei letzten Jahre vor dem Kriege waren heroische Jahre, denn meine Großmutter spielte ständig. Wer im Mai 1914 machte sie bei einer Vorstellung in Lille einen falschen Schritt, und der Schmerz war so unerträglich, daß Sarah Bernhardt schrie. Sie ließ diesen Schrei iit den Schmerz Marguerite Gautiers übergehen, die im Augenblick, wo Armand Duval wiedererscheint, ihren Tod nahe fühlt. Und aller Schinerz der Menschheit lag in diesem' Schrei. Sie wollte „trotz alledem" reisen (war dies doch ihr Wahlspruch), und ich begleitete sie. Es ist unmöglich, zu schildern, was sie während dieser Tournee zu leiden hatte, und dennoch muß ichgestehen, daß, sobald sie auf der Bühne tvar, die Schmerzen nachzulassen schienen. Natürlich ivurde eine besondere Inszenierung durchgeführt; eine solche, bei der sie fast nicht zu gehen brallchte. In Lüttich mußte sie die Tournee abbrechen. Ihr Bein ivurde immer schlimmer. Sie konnte ihr geschtvollenes Knie nicht mehr beugen, und die geringste Beilegung schmerzte sie bis zu Tränen. Wir kehrten nach Paris zurück. Der seither verstorbene Dr. Doyen wollte eine Operation der Kniescheibe versuchen; auf den Rat verschiedener anderer Aerzte, u. a. des Professors Pozzi (der drei Jahre spätes von einem Narren ermordet wurde), wurde beschlossen, daß sie das Schlarninbad Dax in Südwestfrankreich anf'uchen sollte. Die Kur hatte keinerlei Ergebnis. Sie Mission des Sbersten Ament in Rumänien. Wir haben vor kurzem mitgeteilt, daß ein amerikanischer Oberst, Ament, in Czernowitz erschien und die führenden jüdischen Persönlichkeiten zu einer Aussprach? zu sich lud. Diese Konferenz, die in Gegenwart des P räs id i al se kre t ärs des Ministerpräsidenten Averescu stattfand, sollte dem Verhältnis Mischen Juden und Rumänen und den Beschwerden der Juden gellen. Es war aber keine Konferenz, sondern eine Art Verhör und die jüdischen Persönlichkeiten verweigerten jede Erklärung. Der Oberst wiederholte die Szene in K i s ch i n e w, wo er im Stadtrat in offener Sitzung an die jüdischen Vertreter Fragen stellte. Herr Rabbiner Z i r e l s o h n wies das Ansinnen energisch zurück. Der Oberst hat also seine Mission, wenn er eine solche überhaupt hatte, nicht erfüllt. Es ist nun auffallend, daß der Bukarester „Viritorul" die folgende Erklärung Publiziert, die offenbar vom Obersten Ament selbst herrührt: Im Interesse der Wahrheit und um zu sehen, wie unsere Feinde die öffentliche Meinung über die Lage in Rumänien irreführen, veröffentlichen wir im folgenden die Eindrücke, die Ament während seiner Reise in Bessarabien und der Bukowina über die Lage der Juden in Rumänien gesammelt hat. Colonel Ament sagte: „Ich habe unlängst mit meiner Frau und einigen Freuden Bessarabien und die Bukowina besucht. Ich habe mich da nach eingehenden Untersuchungen überzeugt, daß die Gerüchte über Bluttaten gegen die jüdische Bevölkerung in Rumänien absolut unbegründet seien. Anderseits haben alle Juden, mit denen ich gesprochen habe, außer einem einzigen, die Versicherung abgegeben, daß sie von den rumänischen Behörden gerecht behandelt werden und mit der rumänischen Bevölkerung im vollsten Einvernehmen leben. Die Ausnahme, die ich oben erwähnte bildete ein jüdischer Gemcinderat aus Kischinew, der mit mir eine Unterredung unter vier Augen abhalten wollte, was ich abgetehnt habe. In Wirklichkeit konnte er mir nichts Genaues Mitteilen. Es scheint, daß es Gegensätze gibt zwischen rumänischen und jüdischen Studenten. Diese Gegensätze haben aber keine besondere Bedeutung und können nicht für eine nationale Frage gehalten werden. * Während meines Aufenthaltes iw Czernowitz habe ich den Umständen, unter welchen Fallit von To tu ermordet wurde, genau nachgeforscht. Gewiß gehört dies«« Zwischenfall zu den bedauerlichsten. Es handelt sich aber um die Tat eines Fanatikers, der irregeführt wiEde. Ein solcher Unfall konnte sich unter denselben Umständen auch in jedem anderen Lande ereignen. Es wäre ein Unrecht Rumänien gegenüber, diesen Fall als Beispiel für die Beziehungen zwischen Juden und Rumänen darzustellen. Ich bin absolut überzeugt davon, daß die in ausländischen Zeitungen veröffentlichten Meldungen über angebliche Bluttaten gegen Juden in Rumänien unbegründet, und im Widerspruche zu den Tatsachen stehen. Ebenso bin ich auch davon überzeugt, daß die Juden jetzt besser leben als einst unter dem russischen Regime. Die Inden erklärten mir, daß sie zufrieden sind und daß die Meldungen in amerikanischen Zeitungen falsch sind. Ihr Bein luiu’be immer jch.i-nrner:> cs ».a.it der Ta., wo sie sich fragen Mußte, wie sie cs ermöglichen sollte, ihren Beruf tveiter auszuüben. Pozzi kam nach Belle-Jsle. Er legte ihr ganzes Bein in Gips, vom Schenkel bis zun: Knöchel, und hoffte, es durch die Ankylose zu retten. Einige Tage später, an einem schönen Nachmittag. saß ich ihr gegenüber, als der Hausverwalter ganz atemlos ankam'? „Die allgemeine Mobilmachung ist airgeordnet, gnädige Frau!" Meine Großmutter weinte. „Zwei Kriege zu epleberr! Das ist zuviel für ein Menschenleben . . Wochen und Monate vergingen. Es kam das'Jahr 1915 und Pozzi kündigte feinen 'Besuch an. Er wohnte einige Tage bei urrs und entfernte den Gipsverband von Sarwh Bernhardts Bein. Ich hatte, wenn nicht auf eine vollständige Heilung, so doch aujl eine wesentliche Besserung gehofft . . . (vielleicht auf ein Wunder!). Qualvoll war un er aller Enttäuschung, als am nächsten Morgen meine Großmutter vou einer furchtbaren Krisis erfaßt wurde; sie hatte die fürchterlichsten Schmerzerl, und zunr erstenmal in meinem Leben sah ich sie mutlos, niedergeschmettert durch das unglaubliche, nagende, unheilbare Leiden. Der Zustand der Entrnutignng war nur von kurzer Dauer. Mein Vater kam zu Besuch; diese Gelegenheit benützte meine Großmutter und bat eines Morgens ihn und mich in ihr Zimmer. Das Gesicht der großen Künstlerin tvar tvie erleuchtet. Ihr Teint, der bis an ihr Lebensende vollkommen klar blieb, schien zu strahlem Sie hatte sich elegant angezogen. „Setzt euch, Kinder," begann sie mit Heller, ganz sanfter Stimme, „ich werde euch sicher betrüben, aber ich muß mit euch ernsthaft sprechen. Ich leide zu sehr und seit zu langen Zeit. Jüdin unheilbar. Ich habe zrvei Möglichkeiten, und ich lasse dir, Maurice," sagte sie, zu meinem Vater gewandt, „die Wahl ztvischen beiden: entweder ich tö*>e mich oder ich lasse mir das Beirr abschrreiden." Sie sprach diese Worts mit einem gütigen Lächeln und tröstete uns, als wir weinten. „Mein Gott, ich tverde heute nicht die einzige Amputierte sein!" Am 11. Februar 1915 reiste sie nach dem Krankenhaus in Bordeaux. Mehrere Chirurgen halten die Verantwortung abgelehnt. Meine Großmutter war einund'iebzig Jahre alt, und sie litt schon an der Nierenkrankheit, die sie echt Jahve Menen Kleiderhaus Heimidfk Weinberger. 1. Bezirk, Singerstraße Nr. 6 Frack* * und Smoking t«)hanstalt Ich werde in Amerika über die gleichmäßige Behänd lung der Juden Rumäniens öffentlich sprechen." Ueber die allgemeine Lage sagte Oberst Amant: „Ich finde, daß Rumänien seit dem Jahre 1919 in vie> len Beziehungen Fortschritte gemacht hat." Diese Erklärung ist eine einzige Fälschung traurigster Tatsachen, und es wird nur nachzuforschen sein, wer den' Colonel Ament den Auftrag erteilt hat, sich „zu über zeugen". . Panik in Minen. Kischinew, 1. April. (I. T. A.) Die jüdische Bevölkerung von Kischinew verlebte im Zusammenhang mit der Feier des 9. Jahrestages der Okkupation Bessarabiens durch Rumänien einige Tage in Panik. Aus Jassy trafen immer mehr antisemitische Studenten ein, die du-c große antijüdische Demonstration vorbereiteten. Gestern sollte der Haupttrupp der antisemitischen Studentenschaft in Kischinew Einzug halten. General R i s ch c a n u legte jedoch einen Militärkordon vor den Bahnhof, so daß die Studenten verhindert waren, in die Stadt einzuz'.ehen. Schließlich wurden die Studenten in die Waggons gedrängt und mußten gegen 5 Uhr nachmittags die Rückreise nach Jassy antreten. Nene Sludentenerzeffe in Rumfinlen. Bukarest, 31. März. (Wolff.) In verschiedenen UinrvorisilLt-s-Städten sind neuerdings Studentenunruhen antisemitischen Charakters ausgebrochen. In Klausen bürg wurden jüdische Studenten blutig geschlagen. In Czernowitz zogen Studenten durch die Straßen und zerschlagen die Auslagen jüdischer Geschäftsleute. Aehnliche antisemitische Ausschreitungen spielten sich auch in Jassy aib Verschlimmerung im Befinde« der rumfi- Nische» KSnlgs. Belgrad, 1. April. Aas Bukarest einlangende Privat» Meldungen berichten eine LcdeMiche Derschliim'merunig des Geisundihertszustandes C«§ Königs Ferdinand, so daß man davon spricht, König Alexander werde möglicherweise noch heut« nachts nach Bukarest adreisen. Königin Marie Äst bereits vormittags in einem Sondergag nach DuTarest abgeneiist. »Boche" — verboten! 'Pari §, 1. April. Das 'Po.izelprasidium hat eine "BL kannimachung erlassen, durch welche der Gebrauch des Ausdruckes „boche" als unstatthaft verboten wird. Die Bezeichnung darf namentlich in Lichtspieltheatern nicht mehr verwendet werden, wie dies kürzlich bei der Vorführung einiger Kriegsfilme geschehen ist. Die Bezeichnung „boche" muß überall durch „allenrand" ery fcUt werden. späterhinwegra,fcn sollte. Am 22. Februar morgens um zehn Uhr operierte sie Dr. Denuce. — Ich erinnere mich, mit welcher Bewegung wir sie in den Operationssaal fahren sahen. Sie tvar sehr heiter und sang auf dem Krankentisch. Ms sie in: Borbeisahren unsere verstörten Gesichter sah, rief sie uns zu: „Kopf hoch!" Zwanzig Minuten später kam Dr. Denuce, etwas bleich, wieder heraus. Es war geschehen. Das rechte Bein war bis zum Schenkel abgeschnitten, und nur ein Stunrpf von achtzehn Zentimetern tvar geblieben. Der Chirurg erklärte, daß er in Anbetracht des hohen Mters der Patientin gezwungen gewesen sei, den Schnitt sehr hoch zu 'führen, um jeder. Möglichkeit einer Infektion zuvorzukommen. Es folgtet: mehrere schwere Tage. Einen Augenblick tvar „Great" so schwach, daß ich sie zu verlieren fürchtete, 'aber ihre außerordentliche Vitalität gewann die Oberhand, und mit dem Frühling kehrt« sie in ihr Häuschen zurück, wo der ganze Garten zu ihren: Empfang im Blütenschmuck stand. * Trotzdem die besten Ortopäden an sie herantraten, wollte sie niemals ein künstliches Beir: tragen. Sarah Bernhardt dachte, daß sie 'nur noch von Zeit zu Zeit einige Rollen zur Darstellung bringen würde, bei denen pe nicht zu gehen brauchte. Das hielt nicht lange vor. Ein Dichter braute ihr ein Stück in Versen, Und am 7. November 1915 spielte sie am Sarah-Bemhardt-Theater vor dicht gedrängtem Hause „Die Kathedralen" von Eugen Myraiw. Sie hatte einen wunderbaren Erfolg. In ihrem! weißen Kosttim, auf einem Beii: stehend, begrüßte sie das Publikum, das sie, verstümmelt, aber größer denn je, noch immer vergötterte. Ovation«:, Blumen; man jubelte ihr zu; der Vorhang hob sich vierzehr: Mal. Am 30. September 1916 also reiste Sarah Bernhardt zum sechstenmal nach Amerika.'Sie war zMurLsiehziz'Jahre alt. Trotz ihres vorgerückten Alters und trotz ihrer'Gevrechlichkeit sollte sie dort Triumphe ernten; von StM zu Stadt brachte Sarah Bernhardt a"s Abge'aiidte Frankreichs den'Vereinigen Staaten Ihre hohe Kunst.

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