Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 2907 (1.4.1927)
- Date
- 1927-04-01
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 2907 Wien, Freitag Wiener Morgenzettnng L. April 1987 »Seite 8 Tagesbericht. Beethoben als Tierfreund. I Von Richard FeldhauS. j Die Tierliebe großer Geistcshelden ist viel zu wenig bekannt. Irr ihren Biographien wird zwar über viele Er«! lcbnisse imb Aussprüche berichtet, die ihre Freude am Um- 1 gang mit Tieren und ihr Mitleid mit ihnen erkennen lassen. Da aber die meisten Meirschen der Tierliebe keine hohe j Bedeutung beimessen, so lesen sie über solche Mitteilungen schnell hinweg und vergessen sie bald. Zu den großen Männern, die mit dem zartesten Mit- 'i gefühl auch an dem Leben der schwächsten und geringsten l Tiere teilnahmen, gehört auch Beethoven. Von seiner Tier- | liebe wird in den merstell Mographien des Meisters nichts j erzählt. Uni> doch! ann man aus 'sein n „Conversations-Hest teil", aus seinen Briefen und kurzen Aufsätzen über ihn j manche Tatsache aus seinem Leben feststellen, die von seiner 1 großen Liebe zu den Tieren zeugt. Auch aus der bekannj teil Biographie von Wheelock Thater sind einige interesj fantc Belege für Beethovens Tierliebe nachweisbar. iMs Beethoven noch während der Knabenjahre einmal f in seinem einsamen Zimmer auf der Bio'ine phantasierte, bef merkte seine Mutter, die eingetreten war, um ihn zu Tische f zu rufen, eine große Spinne, welche in der M'tte der Stube, Z gerade wo der junge Künstler spie'end stand, von der Decke i herab am Faden schwebte. Voll Widerwillen schiellderte die; Frau die Spinne auf die Erde uiid zertrat sie. Ueber die- - ses Umbringen des harmlosen Tieres, das gewissermaßen a s Zuhörerin herbeigekrochen war, geriet Beethoven wie bekannt immer leicht aufbrausend von Natur — so in Zorn - und Schmerz, daß ev die Geige, die dabei entzwei ging, der | Mutter vor die Füße warf. Im Jahre 1810 schrieb Beethoven cm Gleichcnstein: — Du irrst, wenn Du glarlbst, daß Gigons Dich allein nur suche, nein auch ich habe das Glück gehabt, ihn gar nicht von meiner Seite kommen zu sehen, er speiste an meiner Seite zu Nacht, er begleitete mich noch nach Hause, kurzum, er verschafft mir eines ehr gute Uuterhaltung, wenigstens konnte ich niemals oben seyn, aber ziemlich tief Puten — leb wohl, lieb mich Dein Beethoven. TAUWO PFLANZENMARGARINE 1 “KID | für Ihre IQ JTER BACKEREIEN! |—- fl Der Besitzer dieses Hundes war Dr. Malfatti, Beethovens Hausarzt. In einem Briese vom 6. September 1811 ijfln Tiedge in Dresden vermißt Beethoven die Gesellschaft seines Hundes und dokumentiert sich als Hundesrcuni, es ^heißt darin:-„Heute hat sich mein Zimmerge-sellschaffter verlohren, ich konnte eben nicht auf ihn pochen; doch f vermiß ich ihn in der Einsamkeit hier wenigstens AL n'is wnd zu Mittage, wo ich das was nun einmal das men ch- Xid>e Tier zu sich nehmen nluß, um das Geistige' l-ervorzubringen, gerne in einiger Gesellschaft zu mir nehme..." — — „An einem Hellen, sonnigen Tage im April 1823 Holte Beethoven Schindler zu einem langen Spaziergange durch die Gegenden ab, in denen er seine V. und VI. Symphonie komponiert hatte. Beethoven b ieb wiederfo.t stehen und ließ seinen Blick voll von se.igem Wonnegefühl in der herrlichen Landschaft schlveisen. Sich dann auf den. Wiesenboden setzend und an eine Ulme lehnend srug er mich, ob in den Wipfeln dieser Bäume keine Goldammer zu hören sei. Darauf sagte er: „Hier habe ich die Szene mir Bach geschrieben und die Goldammern da oben, die Wachteln, Nachtigallen und Kukuke ringsuni haben mitkomponiert." (Thayer, B. III. S. 103.) In dem Buche „Viktor Widmann, ein Lebmsbild", von Elisabeth Widmann wird eine Episode erwähnt, in der wir Beethoven als eifrigen Ticrschützer kennen lernen. Die Mutter des Dichters I. V. Widnicmn, deren Mädchenname Karoline Wimmer war, ver ebte in ihrer Jugend mit ihren Eltern einige Wochen in M-öd'ing bei Wien, als auch Beethoven dort weilte. Sie pflegte mit einem Netz Schmetterlinge zu fangen. An einem Morg n wurde sie aber durch einen Mann verhindert, der neben ihr lief und alle Schmetterlinge, die sie erwischen wollte, mit einem Taschentuch verscheuchte. Als sie am andern Mor-en wieder ou? die Schmetter.inis'agd gehe: wo' e, erwartete sie schon der M. nn ans der Wiese und machte ihr wieder jeden Fang unmöglich. TAUWO PFLANZENNARGARINE wird unter ständiger Aufsicht Sr. Ehrwiirden des Herrn Bezirksrabbiners S. Ehrenfeld, Mattersburg, aus Pflanzenfetten hergestellt und kann daher in allen strenggläubigen Familien verwendet werden KUNEROLWERKE A. G., WIEN Nun verbat Kacoline sich diese Belästigung, worauf der seltsame Mann sie mit lauter Stimme fragte, ob denn ein -gut erzogenes junges Mädchen nicht gelernt habe, sich die Zeit anders zu vertreiben als mit dem „Morden armer Tiere". In einem längeren Wortwechsel erwiderte Karoline, daß sie allerdings auch noch anderes gelernt habe, zum Beispiel Klavicrspielen. Diese Mittei nng erregte das lebhafte Interesse des Unbekannten. inr> er forderte sie aus, in ihrer Wohnung bei geöffnetem Fenster Klavier zu spie en, so daß er vor dem Hanse ihr Spiel hören könne. Karoline erklärte sich dazu bereit und ging sogleich mit ihm nach ihrem H.ruse, wo sie aus d-eniK lavier frei phantasierte. Als sie eine Zeitlang gespielt hatte, trat plötzlich der Zuhörer ins Zimmer, legte seine Hand ans ihr Haupt und sagte: Ja. Klavierspielen habe sie gelernt". Sog eich darauf trat auch die Mutter Karolinens ein und sah mit Staunen Beethoven in ihrer Wohnung. Torwn durfte das tun<r M"d"ben Beethoven zuweilen auf Spaziergängen begleiten; aber vorher nahm er ihr das Versprechen ab, nie wieder „unschuldige Tiere zu morden". Von ihrem Vater erhielt die spätere Gattin des nach Liestal gezogenen Pfarrers Widmann übrigens den Flügel geschenkt, der in Beethovens Slerbezimmer gestanden und eigens für ihn gebaut worden war. Dieser Beethovenflügel blieb lange im Liestaler Pfarrhause. Von Ludwig Cramolini, einem in der ersten Hälfte des 19.' Jahrhunderts berühmten Sänger wird berichtet: In den Jahren 1816—1818 verlebte er als Knabe die Ferien in Mödling und sprach oft mit Beethoven, der in demselben .Hause wohnte. Ms er Schmetterlinge, die er gefangen hatte, Beethoven zeigte und ihn fragte, wie diese Schmetterlingsart heiße, wurde er von ihm „angeschnauzt" mit den Worten: „Laß mich in Ruhe, kleiner Mörder!" Endlich sei das in seiner humoristischen Klage ganz ausdrucksvolle Lied: „Elegie auf den Tod eines Pudels", komponiert um 1787, angeführt, dessen letzte Strophe Beet- TAUWO PFLANZENMARGARINE 1V2 Ausgiebig - Bekömmlich Nahrhaft KUNEROLWERKE A. G., WIEN Hoven sehr hübsch nachd em schwermütigen F-Molt in der Durtorurrt behandelt. Sie lautet: Doch soll dein Tod mich nicht zu sehr betrüben. Du warst ja stets des Lachens 'Freund, Geliehen ist uns alles, was wir lieben, Kein Erdengluck bleibt lange unbeweint. Mein Herz soll nicht mit dem Verhängnis zanken Um eine Lust, die es verlor: Du lebe fort und gaukle in Gedanken Mit ftöhliche Erinnerungen vor. 8i» Md des heutige« gourualismur. Ein Bortrag von Beda. Der die-Awöchige Vortvatzsabend, den die Aiomstifthe De» zirksftktion 6—8 i>n ihrem DerainShei-m am Bennoplatz vevan» fta'ltete, fand in' beängstigen» gchüll:em Saale statt, da Bor» tragender und Thema in gleicher Weift das PuEbum anzoyen. Der bekannte Schriftsteller Beda (Dr. Fritz Löhner) 'hatte a!ls Thema ftines Vortrages den Journailism-us gewählt und beutelte seine A-uSführunden »Der Much des JournviliS» mn-s" (Juden'.nm und Journalismus). Einilertenb bez-eichneie der Vortoayende die Zeitung als geistige Mtag-snahrrmg, ine heute, einer FrWtückSsemmel gleich, gedankenlos, ohne kritische Ginstelbumg verzehrt wird. Er gab sodann einen UeberMck über oie Geschichte des Z e i t u n g s w e s e n s, das bis in die Rmnerzeit zurückguverfolgen ist. Nach der Erfindung der Bnchdvmkerkunst wurden die Zeitungen von oer Ki rche und von den Regierungsstellen benützt. Das erstarkte Bürgertum bemächtigte sich später der Zerrung und schus den Typu-S des politischen Blattes, welches die öffentlichen Angelegenheiten von einem einseitigen Gesichtspunkt ans behandelt. Da eS sich jedoch aus eigenen Mitteln nicht erhalten konnte, so wurde di« finanzielle Grundlage durch Äe Verbindung mit der Bank« und .Jnd'.istriewolt geschaffen und so entstand der Typus der Gewitter über Berlin.!; Von Kurt Münzer. tä Da steht — im hohen Norden — der einsach-stattliä [ :®au der „Volksbühne" mit dem schönsten Jimenraum, dc E Berliiter Theater hat. Dunkel geflammtes amerikanische tholz, mit schwarzen Skulpturen, hoch gewötb', von ww barer Akustik. (Dort hat Arthur Schnabel soelu ^Sonaten Beethovens gespielt, so schön, als sähe des Me ssters Inkarnation am Flügel, und bis zum lebten der Zwc -jtausend drang das zarteste Piano in diesem getäfelten Saa^ - ’ > Jetzt hat dort Erwin Piscator, neben Jessner das R Meurgenie unsres, unsres Jahrzehnts (siehe seine „RL in", diese brausende Ballade (im Brecht-Stil), siine„Sturr ut", darin er zum erstenmal Filmband in das Dran ocht), er hat des uns sonst unbekannten Ehm Welk „G ^tter über Gottland" inszeniert. Das heißt: man er eb Regieleistung, zu der ein mäßiges Drama sich he ^gab, erlebte die Schöpfung eines Raum-, Bild-, Menst Zlimssenkünstiers, zu der er den Vorwand eines Theaterstüc Vrmichte. I Dieses Stück, das der Vorstand der Volksbühne „n Wen seiner dichterischen Werte" angenommmi hatte (lvie W^tzkn bekannt gibt), dieses Stück hat diese Werte gewi Mn bescheidenein Maße. Llber es ist nicht großes Drama, nic WO he Kunst. Es ist gute, starke, erreste Arbeit, mau spürt d gcvjcnfte Schassen, das inbrünstige Wollen. Uit'> der Stl fommt allen Tugenden eines aufrechten, hochge inn en M.i ^es entgegen. Es ist die Tragödie der Vitalianer auf d ^>lsel Gottiand dieses Bundes der GotteZfreunde, dieserk.n Mnistischcn Gemein^ um das J-Hr 1400. Ahnt man scher j^itf denr Zettel heißt es: Zeit: nicht nur um IM Claus Stoertebekkcr gerät in diese Brüderschaft, sr öenteurerblut un) Angebote der Fürsten ber ühren i n: ^errät sein Volk, um Herzog der Insel zn werden. Da ■ prnt ihn der fanatische Asmus Ah'richs an die Hrü k)n. um die Gemeinschaft zu retten, das Jdea'. die Id b-loerteb.-xler fä"t nn.'erm Schwer', Asmus von der Lar Mr Brnoer. Schick.iai des Idealisten, des Erlösers. E Kollrktiv^ralua ig veewo^en mi. der Tragöd.c des Ei..ze.nen. Drei Helden hat das Stück: Claus, Asmus. das Volk. Tie Vollendung der Welt scheitert immer am Machtwilien des Einzigen wie an der Blindheit der Menge. Wenn dieses Män-- nerdrarna der Worte, der Reden die Zuschauer nicht erschütterte: es fehlt denr Dichter an Gewalt (nicht dieser Worte, nicht der Situationen; beides ist da) — aber — vielleicht ist er doch kern Dichter? Nur ein Dramatiker? Aber, dennoch, Erschütterung ging aus. Und das war Piscator! Er machte aus diesen zwölf Bildern ein ungeheures Werk an Bildkraft, an Tongewalt, an Bewegung, Eindrucksfülle. Er nahm den Kuöpclhorizoi'.t mit wunderbaren Lichteffekteu und aus ihn geworsencu Bi denr. er nahm drei Riesenleinwande fiir Film und fixierte Lichtdi der, nahm die Drehbühne und den Maler T r a ir g o t t Müller, rcahnr Wolfgang Zeller als Kompomsten und fünfzig Menschen, die er mit seinem Ftcror erfüllte. Welk hat sein Drama aus heutigem Zeitgefühl konz'piert, Piscator setzt es in Verbindung mit allem ähnlichen Weltgeschehen von damals bis heut. Moskau! Schanghai! Wo der Dichter verstummt, schreit der stumme Film, wo die Szene zu eng wird, entfaltet sich das Bild, Ivo der Dramatiker versagt, stampft Piscator Neberioältigungen aus denn Bühneubo'en. Am heißen Abend der Preniiere bejubelte das Publikum seine Parallelen zum Heut wie tendenziöse Manifestationen. Die roten .Hörer begrüßten die es Werk, das künstlerisch überparteiisch geformt ist, als Proklamation ihren Idee, ihrer Weltanschauung. Es ist die Revo'ution dargestellt, das Schicksal der Revolution und der Revolutionäre. Aber Tendenz sind et nur der d arin, der sie brau cht, der sie hineindeutelt, der sie herausklmibt. Piscator hat aus die'enr gleichgültigen Drama eine fugen ose, organische Kunstschöpfung gemacht. Wenn Käthe Kollwitz ein Elenisbild malt, so ist es nicht als Fahne für einen Demonstraticnszu gedacht — es ist aus Elend ein Kunstwerk geworden. Mer man kann es auch für sich reklamieren itn> ais Plakat rn die Wände schlagen. Kaim ein Werk dafür, daß eine Partei es ausschlachtet? Dann — auf die Tragödie das Sa.yrspiel!... Nach drei Abenden, an denen ein erschüttertes Publikum — Publikum aus Mittel- und Arbeiterstand, Publikum geistiger Komnmnisten, junger Künstler — den Szenen zusnbelte, nicht den Dichter, sonderrr den Regisseur rief — mit seinen großen ernsten begeisterten Helfern: Steckel, Granach, George, Kaiser, Steinrück — jetzt protestiert der Vorstand der Volksbühne gegen diese Mfführung im eigenen Haus!... Angeblich hat dieser mehrköpfige Vorstand keiner Probe, nicht der Geirerälprobe, scheinbar erst der zweiten Aufführung beigeivohnt! Haben ihm die Zeitunz n Angst gemacht, die Völkischen, die Monarchisten, die Antirepublikaner? Will er 's mit keinem verderben, der "Vorstand eines Volkstheaters, des Theaters eines republikanischen Volkes? Er jammert, in öffentlichen Bekundungen, über die nrißbrauchtc Freiheit seines künstlerischen Personals, über die tendenziös-politisch-persöniiche Aus'estaltung eines so harmlosen Stücks, das so harmlos war, daß der 'Vorstand es annahm! Er, der Vorstand, rückt ab! rückt ab von seinem eigenen Haus, er hat nichts zu tun mit dieser größten Tat seines Unternehmens. Er hat — o hört! — er hat „bereits Maßnahmen getroffen, unr seiner Auffassung von den Ausgaben der Volksbühne die notwendige Geltung zu sichern." O! Volksbühne!... Es war nur Gewitter über Gottland, nun hat es sich über Berlin zusammengezogen. Dieses, die erste Entladung. Es schlug nicht ein, es war kein Geistesblitz, es »oar Ungeistees Schielen nach... Inzwischen: hoch, Piscator! heil, Piscator! Aufgaben her für Piscator. Es muß nicht größte Kunst, nicht reinste Dichtung sein. Kommt ein Piscator darüber, darf es sogar Tendenz mrd Partei sein. Warum die Bühne nicht der Gesinnung rrutzbar ma^'en? Wenn es nur Gesinnrrng aus Herz, Geist, Reirrheit ist. Vorurteil und Gefasel von reinem Kunstiverk! Sirrd wir. nicht von diesen kraisischen Dokunrenten satt bis zum — Her mit Politik, Partei, Tendenz! Mer diesmal war es nicht 'mal das. An einer sachlichen Gestaltung hat sich ein Borsraird den Schädel ei«* gerannt. Da klafft ec. Was sch ich? Esel her: Futter ist d«!