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Wiener Morgenzeitung · 1927-04-01 · Heft 2907 (1.4.1927) · p. Seite 2

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
9 (1927)
Issue
Heft 2907 (1.4.1927)
Date
1927-04-01
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 Wiener Morgenzettmrg 1. April 1927 Nr. 2907 Wien, Freitag - 2» Wer nicht jüdisch wählt, wählt MjMsch! Hunderttauseud WWe Wähler. —y, Wien, 1. AprÜ. Die Organe des Freisinns sind in stärkster Erregtlltg. Sie haben sich die Fillger wund geschrieben, um zu beweisen, daß es erstens einen bürgerlichen Freisinn in Wien noch gibt und daß zweitens dieser bürgerliche Freisinn in die Einheitsliste der christlichsozialem Partei hinein müsse. Die Gegenseite winkte ab; mic man heute weiß, nur deshalb, weil sie durch die Großdeutschen bereits gebunden war. Trotzdem ging das Gerede an die Wählerschaft weiter, sic möge doch um Gottes urid des Mandates willen diesmal den Freisinn opfern und das Bürgerliche Hochhalten. Die Einheitsliste mit dem Namen Riehl ist die Antwort. Mer wer da glaubt, daß sich unsere Liberalen beirren lassen, der irrt sich. Sie machen gute Miene zu km Aprilscherz, und das demokratische Organ, das Blatt dos Gouverneurs Sieghart, bittet, trotz marrcher berechtigter Verstimmung die große Sache des Bürgertums nicht zu vergessen. Dabei veröffentlicht aber dieses selbe Blatt ein Interview mit Riehl, der erzählt, er selbst habe sich nicht «um das Mandat im vierten Wahlkreis beworben, es sei dies vielmehr ein Wunsch der großkutschen Partei. Nach dieser Erklärung wird cs doch erst recht offenbar, daß kr Antisemitismus das ausschlaggebende Moment war. Die freisinnigen Demokraten ficht das nicht an. Auch nicht die Sozialdemokraten. Sie haben noch gestern einen Flugzettel kolportieren lassen, auf welchem sie Seipel und Waber und kn Oberrabbiner als Attentäter auf das Angestelltenrecht in gemeinsamer Front nannten. Es ist unwürdig, wenn eine große Partei die Loyalität so weit vergißt, daß sie zu so faustdicken Unwahrheiten greift. Aber sie ist auch sonst nicht wahr, und sie verschweigt genau so wie die Freisinnsorgans, daß diese bürgerlich-demokratische Partei doch nur eine Falschmeldung ist unddaß in Wahrheit die jüdischen Stimmen in Betracht kommen. Die jüdischen Wähler sind schr stark. An -hunderttausend jüdische Männer und Frauen. besitzen in Wien das Wahlrecht. Das ist eine Anzahl, die allen Werbern das Wasser im Mund zusammenlanfen. läßt, und diese Zahl und chr Inhalt werden einfach hinwegoskamotiert. Sie sollen, ginge es nach dem Wunsche kr Sozialdemokraten, in dem roten Heer einfach verschwinden, zur größeren Ehre kr Rathaussteuern und kr Judenausweisungen. Ginge es nachdem Sinn der demokratischen Organe, so müßten. diese hunderttausend Fußen sich für die Riehl-Liste opfern. Das ist ein merkwürdiges Ansinnen, und es kann nicht tief genug gehängt werden. Demokraten, Sozialdeuiokraten und Christlichsoziale empsindeu sehr genau kn politischen Wert dieser hunderttausend jüdischen Stimmen. Aber sie schätzen die Träger dieser Stirn »neu so elendiglich niedrig ein, daß sie ihnen das Harakiri als eine selbstverständliche Angelegenheit zurnuteu. Die Bleistifte der Wahlstatistiker haben sich gleichfalls daran gewöhnt, die Juden als ein Reservoir für links oder rechts zu werten, als eine Herdenmasse, die sich schasmäßig in die Hürde treiben läßt und die auf das Kommando des Marxismus oder des Antimarxismuö gehorsamst einschwenkl. Tic Rech^ng ist fatsche und sie wird sich diesmal als noch weitaus falscher erweisen. Die Erregung in der jüdischen Wählerschaft geht schr tief, und sie wich sich diesmal nicht beschwichtigen lassen. Auch die Jnd.'n wissen, daß sie hunderttausend Stimmen besitzen, und sie wollen sich nicht die Rolle ks Züngleins an der Wage zuioeisen lassen, das ans fremdem Fingerknck ausspielt. Stimineu die Juden sozialdemokratisch, dann decken sie alle Steuerwillkür, alle antijüdischen Akte, dann erklären sie sich damit einverstanden, daß alles Jüdische rrur ein für die Freiheilspartei wertloser und lächerlicher Plunder ist. Die Juden würden es selbst sanktionieren, daß sie ein willen- und wehrloser Anhang einer Partei sind, die ihnen nur Fußtritte verabreicht, die sie verschweigt und verleugnet. Gehen die Juden, so wie es ihnen die Blätter des Freisinns empfehlen, nach rechts, nun so sürdeu sie dort den Numerus clausus, kn Ärierparagraphen, kn Rituälmord, kurz den Jerzabek ünd den Rächt. Stimmen aber die Juden so, wie es ihr Lebensinterefse, ihre Ehre, die Rücksicht auf ihre Existenz, Familre und die nächste Generation erfordern, schließe sich! die lMnkrtlarrsend jüdischen Wähler für die jüdische Liste zusammen, dann wird cs in Zukunft niemand mehr wagen, sie als eine Herde zu behandeln, die sich scheren laßt. Hunderttausend jüdische Wähler Und Wählerinnen sind unüberwindlich!! WIENER MORGENZEITUNG KUPON x u dem IC t e u z w o r t - R S t s e 1 Nr. 48 Sie WMbewegung. Sie Mfeltteuen »ei iwe. Die kaisertreue Vollspartei ks Obersten Wolfs hat sich mit der Ude-Partci in Verbindung gesetzt. Die Anhäuger der kaisertreuen Vollspartei tveäen nunmehr ausgefordert, ebenso wie m Steiermark einschließlich Graz auch in allen übrigen Bundesländern für die Kandidatenlisten der Ude-Partei zu stimmen,. Oberst Wolfs wird in einem Wiener Wahlbezirk als erster auf die Liste der Ude-Partei gestellt werden. ffia&DBiMflt der «»geftelttWE Mit der bürgerlich-kmokratischen Partei und der unpolitischen Wirtschaftsvereinigung hat die TlngcstelltÄr-- partei eine Liftengemeinschaft vereinbart und wird mit ihnen unter dem Namen „Demokratische Liste" (Untertitel: Vereinigte Wirtschasts- und Angestelltengruppen) in Wien in den Wahlkampf enüreten. Diese Liste wird sowohl für den Nationalrat wie für den Gemeinds¬ und Bezirksrat Kandidaten aufstellen. Im 4. Wahlkreisverband (Kärnten, Steiermark und Burgenland) geht die Angestclltenpartei gemeinsam mit dem Ude-Verband vor. WaMrte». Rach der Wahlordnung jür den Nationalrat können öffentliche Angestellte (Eisenbahn- und Postbodienstete, Sicherheilsorgane usw.), die sich in Ausübung ihres Dienstes während kr Wahlstunden außerhalb ihres Wahlortes aufhalten müssen, ihr Wahlrecht dort ausübvn, wo sie kn Dienst versehen. Dazu ist jedoch eine Wahlkarte notwendig. Ebenso könncn die Mitglieder der Wahlbehörden, die Wahl zeugen, dann Personen, die sich am Wahltag in einer Heil- und Pflegeanftalt befinden oder dort Pslegedtenst verrichten sowie Wahlberechtigte, die nach Abschluß des Wählerverzeichnisses ihren ordentlichen Wohnsitz verlegt haben, um eine Wahlkarte ansuchen. Diese Ansuchen sind in Wien bei den magistratischen Bezirksämtern okr bei kr Magistratsabteilung 49 im Neuen Rathaus schriftlich oder mündlich einzubringen. Erforderlich ist die Vorlage des Heimatsdokumentes und wenn die Wahl'karte wegen Verlegung des Wohnsitzes verlangt wird, muß auch eine Wohnungsbestätigung Über deu neuen Wohnort beigebracht werden. In allen übrigen Fällen ist statt der Wohnungsbestätigung eine Bestätigung über die Notwendigkeit ks Aufenthaltes außerhalb des Wahlortes zur Zeit der Wahl dem Magistrat vorzulegen. Ein Aufenthalt außerhalb des Wahlaktes am Wahltag wegen geschäftlicher Angelegenheiten, wegen einer Urlaubs- oder Erholungsreise ufto. begründet keinen Anspruch auf Ausstellung einer Wahlkarte. Die Ansuchen um die Wcchlkarte sind vom 1. April bis einschließlich 22. April geltend zu machen. Ist der Anspruch gegeben, dann wird sofort die Wahlkarte zugesendet. Im gegenteiligen Fall erfolgt eine schriftliche Abweisung. Gegen die Verweigerung der Wahlkarte steht kein weiteres Rechtsmittel zu. Nach km 22. April einlangende Ansuchen können nicht mehr erledigt werden. Ato Bauer verleumdet die Ziouistem In einer Versammlung aus der Wieden, die vorgefterri stattfand, ereignete sich ein sehr charakteristischer Zwischenfall. Der Hauptredner des Abends war Herz: Otto Baue r. Er sprach über die Einheitsfront und erzählte, daß sich Dr. Seipel bemüht habe, die Monarchisten und Zionisten zu gewinnen. Der Plan habe sich jedoch zerschlagen, da die Mandatswünsche dieser beiden Gruppen, also der Monarchisten und der Zionisten nicht erfüllt werden könnten. Ein in der Versammlung anwesender Zionist rief bei diesen Worten: „Das i st unwahr!" Es entstand eine gewisie Unruhe. Nach Schluß der Versammlung trat der Zionist ans Herrn Bauer zu und sagte ihm: „Wie können Sie behaupten, daß zwischen Seipel und kn Zionisten verhandelt wurde? Sie müssen doch wissen, daß dies unwahr i st!" Herr Bauer gab eine ausweichende. Antwort. Darauf fragte ihn kr Zionist: „Wollen Sie Ihre. Behauptung b tzrichtige n?" Herr Bauer antwortete: „N e i n!" Sie jüdische WMbetmgum. Steel Slalfentietfamtnlunaeti an einet» Abens. Die jüdische Wahllampa-gne ist m vollem Gange. Gestern abends iwirktt im 2. Bezirk im.Cafe Fetzer und tat 20. Bezirik itt der Volksküche (Kluckpgasse) zwei überaus stark besuchte WÄhlerversammIungeu cchgchalten. Für den unpäßlichen Dr. LöwenHerz sprach Oberbaurat Stricker, der in seiner von leibhaftem Beifall cruifgeuommenen Rade bas Schlagwort von der AussichtÄvsiFlcit der jüdischen Kandidatur durch die Zahl von 100.000 Mischen Wählern widerlegte. Er kam aus die unerhörte Provokation der jüdischen Bevölkerung durch die Kandidatur Riehlin der Leopovdstadt zu sprechen und führte an Hand von Beispielen aus, daß die sozialdem-oikratrschen Mandatare ihren Verpflichtungen in keiner Weise nachgÄomineii sind. Der zweite Redner, Herr Nebenzahl, setzte auseinander, daß die Sozialdemokraten durch Unterstützung der Freidenkerbewegung km Judentum systematisch Kräfte entziehen. Tritt nämlich jemand aus der Mischen Rsligionsgeaneinischäst aus, so geht er auch der Mischen Volksgemeinschaft verloren. Anders ist es bei den Christen; sie. gehen, wenn sie konfessionslos werden, nur der Kirche verloren, bleiben aber dabei noch immer gute Deutsche. Die Bersammilun'g in der Kluokygasse lvar massenhaft, auch von Gegnern der jüdischen Liste, besucht, die gegen die schlagkräftigen Argumente der Mischen Kandidaten nichts eintzmvenkn vermochten. Oberbaurat Stricker führte in seiner Rede aus, daß Staat und Stadt in gleicher Weife Anstellungen von Juden verhindern. Erlangt doch ein Jude eine Anstellung, so kann man ihn nur als „Paradcjud" bezeichnen. Gemeinderat Dr. Plais.chles gab den Versammelten zu bedenken, ob nicht ein Mischer Mairdawr zur Vertretung ihrer Interessen. viel besser geeignet sei, als der Bezivksvorstcher Ja nee«?, der den jüdischen Turnern den letzten Turnsaal im 20. Bezirik entzogen hat. Milche Wählerversammlnugen. Morgen um 8 Uhr abends findet in der Volksküche, 2. Bez., Krummbaumgasse 8, sine jüdische Wählerversammlung statt. Referenten: Max Schisfmann, E. M. Zweig und David' Net beitza hL . > , Am Sonntag um 10 Uhr vormittags werden im Cafe Astor, 2. Bez., Praterstraße, die Herren Dr. Rybatschewski, Dr. Gold Hamm er und Dr. Georg Weiner sprechen. Im Restaurant „Zur Sänger- Halle", 2. Bez., Prater 191, referieren die .Herren Jehuda S ch m i d t, D r. L o w e n h e r z und Dr. Israel Taubes. Diese Versammlung beginnt 'ebenfalls um 10 Uhr vormittags. Sie französische Staatsbürgerschaft. Erleichterungen des Gesetzes. Paris, 31. März. Bon dem neuen Gesetz über die Vereinfachung der Formalitäten bei der Nationalisierung erwartet man einen jährlichen Zuwachs der Bevölkerung von mehr als 100.000 Menschen. Das Gesetz ist in der Kammer bereits eingebracht. Nach demselben wird künftighin eine französische Staatsbürgerin bei ihrer Heirat mit einem Ausländer ihre ursprüngliche Staatsbürgerschaft beibehalten. Das Gesetz hat unter der Voraussetzung rückwirkende K^rast, daß sich das Ehepaar seit zwei Jahren in Frankreich aufhAt und daß der Gatte seine Zustimmung zur Wiedererlangung der französischen Staatsbürgerschaft seiner Frau erteilt. Was die Staatsangehörigkeit der Kinder anbelcmgt, so werden die in Frankreich geborenen Kinder einer französischen Mutter obligatorisch französische Staatsbürger, während sie bisher nur das Optionsrecht besaßen. Das Kind eines Ausländers, das in Frankreich geboren wird, behält sein Optionsrecht, braucht aber künftighin nicht mehr bis zur Erreichung der Großjährigkeit zu warten. Weiters ^oerden bedeutende Erleichterungen für die Naturalisierung vorgesehen. So wird inSbesonders die Aufenthaltsdauer in Frankreich von!0 "-n auf 3 Jahre herabgesetzt. 2294 Todesopser der Grippe itt der Tschechoslowakei. Prag, 31. März. Auf Grund der fertiggestellten amtlichen Statistik hat die Grippe in Liter Zeit vom 1. Jänner bis 19. März d. I. in der tschochoslolvMschen Republik Lei 359.551 an der Seuche Erkrankter 2354 Todesopfer geändert. l Ihr seid von Feinden umgeben! Zeiget eure Kraft mit dem Stimmzettel!

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