Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 2906 (31.3.1927)
- Date
- 1927-03-31
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite •? Wien. Donmrc-:ag Wiener Morgenzettnng M. März 1927 ftfc 8806 o* wm Kandidat Riehl. —y, Wien, 81. MÄz. Nunmehr liegt die Einheitsliste der Regierungsparteien vor. Christlichsoziale, Groszdeutsche, Mittelständler und Hakenkreuzler bilden zusammen die „antimarxistische Front". Aucki ein Liberaler ist dabei als Vertreter der staatsbildendeu fortschrittlichen Traditionen. Die Zierde der Liste ist Walter Riehl, die österreichische Taschenausgabe des Iwan Hejjas. Er ist für den vierten Wahlkreis an dritter Stelle nominiert, für einen Wahlkreis mit starker jüdisckicr Sicdelung. Die jüdischen Massen der Leovoldstadt und der Brigittenau werden von den Regierenden so tief eingeschätzt, daß man ihnen eine solche Liste vorzulegen wagt. Es handelt sich nicht darum, daß sie ihn wählen sollen. Es wird wohl niemand auch nur einem Juden im Ernst zumuten, seine Stimme einer solchen Liste zu geben, und wenn es wirklich jüdische Hausbesitzer geben sollte, die sich, einem viel verbreiteten Gerüchte zufolge, von Riehl haben Versprechungen machen lasten, so gebührt ihnen — diese Liste, die eine öffentliche Auspeitschung ist. Es tut nichts zur Sache, daß Riehl sich gehäutet hat und daß er, wie er erzählen läßt, von beit Hakenkreuzlern abgerückt ist. Der Schutzherr der Noivosad und Nothstock vor jüdischen Wählern, der Pogromhetzer aus tausend Versammlungen, das ist eine Provokation schwerster Art. Diese Einheitsliste ist ein Programm, und zwar ein antijüdisches. Sie besagt noch deutlicher, als dies bisher geschehen konnte, daß in diesem ganzen Wahlkampf die Judenfrage der Drehpunkt ist. Antimarxistcn nennt sich dieses Konglomerat, das vom Marxismus weiß Gott nichts anderes kennt, als die jüdische Abkunft Karl Marx'. Tie aber, die sich zu Marx bekennen, halten es mit der Judcnfrage auch nicht anders als der Begründer ihrer Richtung, für den das Judentum doch auch nur eine kapitalistische Sekte war. Die Maxisten haben auf ihrer Liste den Herrn Sever, der die Ausweisungsplakate gegen die jüdischen Flüchtlinge hat anschlagen lassen, sie haben die unterschiedlichen Stadträte, die den auswärtigen Juden das Heimatsrecht verweigern; in der marxistischen Liste stehen die Politiker, die zu den Pogromhetzereien an den Hochschulen nichts zu sagen haben, die Abgeordneten, die gegen polnische und tschechische Juden die Verausländerungsanklage erhoben haben, zu dem Zwecke, auf dem stachen Lande mit Hilfe antisemitischer Instinkte vorwärts zu kommen. Marxisten und Antimarxisten fristen ihr politisches Dasein von der Existenz der Juden und wollen ihnen nicht einmal das politische Recht lassen. Die Sozialdemokraten sehen die Juden als ihre Wählerherde an, die nach deren Bedürfnisten nicht einmal gefragt wird. Die Antimarxisten stellen im jüdischen Bezirk einen Mordschreier auf. Es wird natürlich jetzt an Versuchen der roten und rosaroten Freiheitlichen, der Sozialdemokraten und der verschiedenen Demokraten nicht fehlen, aus der Situation Prosit zu schlagen und beim jüdischen Wähler die Angel auszuwerfen. Es wird an Verdunklungen das Aergste geleistet , werden, und die ersten Experimente dieser Art haben bereits gestern eingesetzt. Parteien, für die das Judentum einfach, nicht existiert, ivcrbcn um Vertrauen. Sie kuschen, so oft ein jüdisches Interesse angegriffen wird, das Wort Jude schon ist bei ihnen verpönt und verfemt wie eine ekle Krankheit, und sie hoffen jetzt, mit dem Riehl ihr politisches Geschäft machen zu können. Daß dieser Riehl in die Höhe kommen konnte, ist das ureigenste Verdienst dieser Sünder wider den Geist, für die sich alW politische Leben im Mandat erschöpft. Für den jüdischen Wähler freilich wird die Sachlage damft vollkommen geklärt. Er steht zwischen Feinden. Die einen schweigen ihn tot und wollen von ihm nur den Wahlzettel, die anderen haben ihm einen zersetzenden Einfluß angedichtet; alle haben miteinander gemeinsam, daß alles, was sie tun oder anstreben, für tausende Juden den wirtschaftlichen Ruin, für tausende die Abschnürung vom geistigen Leben und von der Bildung bedeutet. Hier ist Schneeberger, dort ist Riehl. Für keinen Juden kann es einen Zweifel geben, wie er sich zu stellen hat. Wenn dieser Riehl in den Nationälrat kommen würde und von dort aus seine Demagogie betreibt, so wird ihn wohl kein Sozialdemokrat zurückweisen, denn er kann sich doch nicht fiir die Juden einsetzen. Eine solche Situation wäre eben das, was die Verfertiger ' dieser Einheitsliste gewünscht haben. Diese Sehnsucht wollen wir nicht erfüllen. Wir stehen zwischen roten und schwarzen . Judenfeinden und wir müssen ihnen die gesammelte jüdische Kraft entgegensetzen. Die jüdische Liste mutz gewählt werden von allen Juden ohne Ausnahme, von allen, die hie Beschimpfung empfinden können, die ihnen von den großen Parteien angetan wird. Für keinen Juden, der sich seiner bürgerlichen Ehre bewußt ist, kann es eine andere Wahl geben. Wer nicht jüdisch wählt, wählt den Riehl! wirken vorbeugend und lindernd die ärztlich erprobten und empfohlenen Silti 1'ir«sl» Knoblauchtropfen, j Vorzüglich bei Frauen in den Wechseljahren. Preis I S 3.50, Erhältlich in allen Apotheken, ist I Erzeugung: Alte Feldapotheke, Wien, I. Stephanspiatz. Set Wahlva« #er tzechrl-Mdl-Frovt Der grotzdeutsch-christlichsoziale Wahlpakt ist nunmehr in allen Bundesländern perfektioniert. Die gesamten Kandidatenlisten iverden in den nächsten Tagen publiziert. In Tirol hat ein außerordentlicher Landesparteitag der Großdeutschen beschlossen, mit den Christlichsozialen 'eine E i n h c i t s l i st e zu bilden. Der grotzdeutsche Kandidat S e p p S t r a f f n e r, der schon einmal dem Nationalrat angehörte, erhält die sechste Stelle auf der Einheitsliste. Die niederösterreichische Einheitsliste soll heute veröffentlicht iverden. Wie es heißt, wurden die ehemaligen Staatssekretäre Stöckler und Dr. W a i ß abgesägt. Stöckler wird vielleicht ein Bundesratsmandat erhalten, ivährend Dr. Waiß in der Versenkung verschwinden dürfte. Im Viertel unter dem Wienerwald wird an erster Stelle der ehemalige Finangminister K o N m a n n, an zweiter Handelsminister Dr. Schürff kandidieren, ober dem Wienerwald der ehemalige Ackerbauminister B u ch i n g e r und unter dem Manhartsberg Landeshauptmann B u r e s ch. Die Großdeutschen schneiden im allgemeinen nicht schlecht ab und haben Aussichten, in Niederösterreich drei Mandate zu erhalten. In K ä r n t e n haben die Christlichsozialen und die Großdeutschen ebenfalls eine Einheitsliste aufgestellt. Neben ihnen werden aber der Landbund, die Nationalsozialisten, der Ständebund, die Sloivenen, ferner die Sozialdemokraten, der Udeverem und die Kommunisten kandidieren. Die 160.000 Kärntner Wähler werden also eine Auswahl unter acht Parteien treffen können. Für den Wiener Gemeinderat kandidieren die Christlichsozialen und die Großdeutschen gleichfalls auf gemeinsamen Liften. Den Großdeutschen wurden etwa zlvei bis drei sichere Stellen gegeben, so daß sie nunmehr in den Gemeindcrat, in dem sie bisher nicht vertreten waren, eine kleine Fraktion entsenden können. Ein dreiteiliger Stümettel In Wie n finden gleichzeitig mit den Nationalrats- und Gemeinderatswahlen auch Wahlen in die Bezirksvertretungen statt. Eine dem Wiener Landtag zugegangene Vorlage des Magistrats schlägt eine Aenderung der Gemeinde- Wahlordnung vor, wonach für Gemeinderat und Bezirks- Vertretung gesonderte Stimmzettel abzugeben sind. Bisher galt nämlich die Bestimmung, daß bei gleichzeitiger Vornahme dieser Wahlen der Gcmeinderatsstimmzettel auch fürdieWahl der Bezirksvertretung gilt. Der neue Vorschlag läßt aber die Möglichkeit offen, daß beide Stimmzettel auf einem Blatt Papier vereinigt werden, wenn beide Teile des Stimmzettels auf dieselbe Partei lauten. Es wird weiters sogar möglich sein, die Stimmzettel für den Nationälrat, den Gemeinderat und die Bezirksvectretung auf ein Blatt Papier zu drucken. Dieser dreiteilige Stimmzettel soll sogar als Regel gelten, unter der Voraussetzung, daß alle drei Teile für dieselbe Partei gelten. Natürlich bleibt es jedem Wähler unbenommen. drei einzelne Stimmzettel in das Wahlkuvert zu legen, von denen jeder einzelne fürjeden der drei Vertretungskörper eine andere Partei namhaft macht. Zer „Abend" in der kinhrltrfront. Der „Abend" war das erste und bisher einzige Blatt, das den Unsinn von dem Anschluß der Jüdischnationalen an die Einheitsfront der „Antimarxisten" ausschwätzte. Obzwar kein vernünftiger Mensch das hysterische Geschrei des „Abend" ernst nimmt, haben wir doch die nötige Richtigstellung sofort vorgenommen. Inzwischen ist auch der Wahlaufruf der jüdischen Liste erschienen, der in der denkbar eindeutigsten Weise den Standpunkt der jüdischen Wähler zeichnet. Der „Abend" aber läßt sich nicht beirren. Er bringt fortwährend, so auch gestern wieder, den jüdischen Sechsstern mit dem Hakenkreuz, was ja an sich schon eine grobe Geschmacklosigkeit ist. Bei dem „Abend" ist es außerdem noch eine Lüge, und zwar eine gemalte. Der „Abend" will durchaus in die antijüdische Einheitsfront. Wir empfehlen ihn dem Herm Riehl. Sozialdemokraten in de« Sparen Mehls. Ein sozialdemokratischer Flugzettel, der in Währing verbreitet wird, enthält die folgende Infamie: „. . .Zu diesem löblichen Tun haben sich Rosenkranz, Hakenkreuz und Zions st ern in brüderlicher Eintracht verbunden, Seipel Arm in Arm mit Dr. W ä b e r und dem Oberrabbiner der Wiener israelitischen Kultusgemeinde. ..." Da hat also die Lüge vom „Abend" sofort ihren Niederschlag in Druckerschwärze gefunden. Die Sozialdemokraten, die nicht in letzter Linie daran schuld sind, daß ein Niehl noch kandidieren kann, wollen sich mit seiner moralischen Hilfe Stimmen fangen. Das ist die, wenn mich nicht taktische, so doch geistige Einheitsfront aller, die vom Judentum leben. In Währing ist dieser Laufzettel, in der Leopoldstadt soll sich schon ein jüdisches Komitee bilden, daK die Person Riehls für die Sozialdemokraten ausbeuten will. Die jüdischen Wähler werden die ihnen zugemutete Charakterlosigkeit nicht begehen und die Beschimpfung des Oberrabbiners heimzahlen. Sie lassen sich von der klaren Linie nicht abdrängen und weichen nur für die jüdische Liste stimmen. ilKÜi MOR6 E N 2 fi I TON Q KUPON zu dem Kreuzwort-Rätsel Nr. 47 Sie erste jüdische WShlerveriammlmtB im 9. Bezirk Im Das« City in der PorzellailtzassL sanv gestern die erste stapf ibesuchte jüdische WWerverfaun.'inÄm-g i«m neunten Bezirk slath, zu der <Ä4 Redner der Präsident der Zionistischem! Lan« desorgcvn'isatiion für Oesterreich Dr. Leo G o I d h o»m m c t und Bezirks rat Dr. Georg Weiner angrkiindiyt waren. Den Vorsitz führte das Mitglied deS Zionistischen LandeSkomitee'S .Herr S. Schm er-ler. Nnlenenid führte Dr. Weiner aus, daß die jüdischen Wähler, die in Wien die Zahl vop 100.000 erreicht haben, bem Schlaigwort von der A.ussickMlosigkeit nicht aufsitzon mögen. Diese StinvmenzahL rechtfertigt ein bis zwei Naiionairats« und drei bis vier GemeiudevatSmanbate. Die Einheitsfront zu wäHIan ilst den Juiden nach der beifpieMoson Provokation durch die Kandidatur eines Riehl im jüdischen Wahlkreis umircg!lich geworben; aiber auch die ^Sozlaldemokraten zu wühlen, ist für aufrecht« Juden unvonWar, weil auch diese Pavtei den antisomitischen Instinkten der Masse Rechnung tragen zu müssen Kaubt. Die HeünatsrechtSpraxiS des 'Stadtrares Richter, die um nichts besser ist aTs die des sattsam bekannten Waber beweist dies deutlich. Redner vevlaS sodann eine Einladung zu einer sozlaiHdenlokvatvschen Wählerbe rfammlung mit der Aufschrift-: ,-Rosenkranz, Hakenkreuz und Zionsstevn", in der behauptet wird, daß die EinihekLsront zwischen Dr. SeiiM, Dr. Waber und Qb-erralblbiner Dr. Chalfts zustandegekomMm fei. Auf diese Medertracht werden die jüdischen Wähler am 24. April die würdige Änkwvrt geben müssen, indem sie die jüdische Liste wählen. Der zweiie Redner Dr. ^oldhammer w'.eö an HanP> seiner genauen statistischen Studien nach, daß die Juden in jeder Hinsicht von Staat und Stadt bemachte ölig t werden. Co erhiolren von den 12.(100 Wohnungssuchenden nur % Prozent in den städtischem Neubauten Mahnungen. Die Arbeitrüiosigkeii, ist unter ber jüdischen Bevölkerung weit größer a!lS 'bei Per Nichtjüdischen, weis von den berufstätigen Juden 60. Prozent iinfeMständige Angestellte sind, wahrem von der nichijüdischcn Bsvölkerung kaum 37^ Progc-nt unfeH ständig, sind. Die produktive AvbeitÄo'scmfürsorge der Gemeinte Men ist gewiß nützlich, doch werden die Juden von ihr fast! gar nicht berühr:-. Noch immer gibt es eine große Zahl von Mischen linkend)» ment, die jüdische Angestellte nicht aufnckhmon, um nicht den Anschein der Liberalität zu verlieren. Bei der Vergebung von Krediten am Kleingewerlborreibonde geht die Gcmei>nde durchaus antisemitisch vor. Diese Umstände lassem eS nnbediingt für nötig erscheinen, daß die jüdischen Wähler nur jüdischen Vertretern die Wahrnehmung ihrer Interessen anver trauen. Nach diesen (beiden, -mit großem Beifall aufgenommenen Reden fdr» derte der Versammlungsteilnehmer C. Kohn die jüdischen Wähler aus, sämtliche jüdischen Stimmen für die jüdische Liste zu eimgen. Mische WSHlerverfammlung. Am Sonntag um 9 Uhr vormittags findet im Wiener Bürgercafe (2. Bezirk, Praterstraße 11) eine Versammlung statt, welche von der Zentralstelle jüdischer K a u f l eu t e, G e w e r b e t r e i b e n d e r u n d I ti b ustrieller in Wien veranstaltet wird. Es sprechen der Präsident des Gremiums österreichischer Handelsvertreter A. M. Ehrlich, Oberbaurat Robert Stricker und Gemeinderat Dr. Leopold P l a s ch k e s. Jakob, wo W du? Eine sonst immer gmunterrichtete Zeitungskorrespolrderrz wußte gestern zu melden, daß der ehckmdlige Finanminister Dr. Jakob Ahrer Dienstag abends von Graz abgereift und gestern früh in Wien eilige troffen sei. Sein Auftnthalt in Men dauerte aber nicht lange, denn knapp vor Abgang des Zuges traf er auf dem Westbahnhofe ein, Volk wo er mit dem um 9 Uhr 25 Minuten abgehenden Schnellzug nach Paris weitergefahren sei. Ahrer habe vor seiner Abreise aus Graz nach wichtige Konferenzen gehabt, die der Schlichtung seiner Angelegenheiten galten. Die Regierungsstellen dementierten diese Nachricht nicht uiib gaben auf Befragen nur an, es sei ihnen von der Sache nicht-bekannt; im übrigen sei Ahrer eine Privatperson, mit der sie sich amtlich nicht zu befassen hätten. Die Korrespondenz Herzog" dagegen bezeichnet die Meldung von der. angeblichen Reise AhrerS nach Paris als unzutreffend Die zitierte Korrespondenz benrerkt schließlich noch: Da sowohl Dr. Ahrer als auch Dr. Klee den Verfasser M seinerzoitigen Artikels in b*r „Grazer Tagespost" kennen (in diesem Artikel wurde Ahrer beschuldigt, von Basel mit einer Halben Million 'Dollar 'bestochen worden Kl fein), jedoch keine Klage gegen ihn eingebracht haben müsse mtgeuotrcrtteit werden, daß die Affäre mjt der abermaligen Ausrottung im Budgetau-schüß, beAtdet ßst.