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Wiener Morgenzeitung · 1927-03-30 · Heft 2905 (30.3.1927) · p. Seite 4

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
9 (1927)
Issue
Heft 2905 (30.3.1927)
Date
1927-03-30
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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4 Wien, Mittwoch Morgevzettmrg •*,*&<*>mm,, ■m-wurttm inf 00. Mörz 1027 vdh WvO Set Prozeß um dar abgehackte Sei«. tot zweite Lag der SeasawaraMe. Zivei würfelförmige Holzblöcke, ettoa einen Hülben Meter hoch, sind vor dem GerrchtStisch aufaeschichtet, danken liegt eine langstielige, schaksgeschlifftne, schwere Hacke, auf dem Gerichtstisch ruht, sorgsam verpackt, das abgehackte Bein, die Corpora delicti des Sensüttonsptözesses Marek, der am gestrigen! Tag seinen Höhepunkt erreicht haben dürste, wenn nicht, was durchaus möglich ist, weitere Sensationen aufgespart bleiben. Nach Evösi« nung der Verhandlung wurde die Einvernahme Emil Mareks fortgesetzt. Der Angeklagte berichtete zunächst Über die ltmstande, die zum Abschluß der ttnfalloersichernng beim Änglo Danubian Lloyd führten. Er hlBe damals eine Garantieversicherung einer großen Gesellschaft benötigt, um sich für sein Elettrisizierungsprojekt schwedisches Kapital zu beschaffen. „Der Vertreter Lazanski kam", so sagte Marek, „zu mir nach Mödling, und stellte mir die Ga-> rantieversichernng in Aussicht, memt ich eine anderweitige Versicherung auf einen Betrag von 400.000 bis 500.000 Dollar «-schließen würde." Vorsitzender: „Lazanski bestreitet das. Sie haben sich auch als Grubenbesitzer ausgegeben", Angekl.: „Ich habe das nie gesagt und das ist o h n e m e i n Wissen in die Polizze ausgenommen worden." -— Staatsanwalt: „Es fallt mir auf, daß Sie einen Vollbart tragen. Sekt wann tragen Sie ihn?" — Angekl.: ,/Seit vier Jahren." — Staatsanwalt: „Wie alt waren Sie damals?" — Angekl.: „Zwanzig Jahre." — Staatsanwalt: „Es ist nicht üblich, daß so junge. Herren wie Ae einen Vollbart tragen. Welchen Grund hatten Sie dazu?" — Angekl.: „Ich wollte älter und männlicher aussehen, um eher zu meiner Frau zu passen." Vors.: „Wie verhielt es sich mit der Prämienzahlung?" —Angefl.: „Die erste Rate habe ich gleich erlegt und dann sollte ich jeden zweiten Monat eine Rate bezahlen." — Vors.: „In dem Versicherungsvertrag wurde der Verlust jedes Körperteiles besonders bewertet. So kostete der Verlust der rechten Hand 15 Milliarden, der Verlust eines Auges 7 Milliarden, des Daumens der rechten Hand 18 Prozent; am billigsten ist der kleine Finger an der linken Hand, der aber immerhin noch mit 10 Prozent, das sind zweieinhalb Milliarden bewertet ist." Nun kommt der Unfall Mareks zur Sprache. Der Angeklagte schildert, wie er a u s e i n e m großen Baumstumpf einen Block hevausarbeitete, um das Rundstück für die automatische Pupe zu modellieren. „Plötzlich, ich kann's nicht schildern", sagte Marek, „spürte ich ~ einen wahnsinnigen Schmerz im Bein und verlor die Besinnung. Als ich wieder zu mir kam, sah ich meine Frau und meine Schwiegermutter, meine Schwägerin und die Hausbesorgerin um mich stehen. Mein Bein war aus dem Klotz hochgelegt." Marek demonstrierte nun seinen Unfall und sagte schließlich: ,Menn ich den Schmerz schildern könnte, den ich damals empfunden habe, würde mir gewiß niemand zumuten, daß ich nochmals zugsschlagen habe. Ich kann mir auch keinen Menschen vorstellen, der dessen fähig wäre, sich nach einem ersten schweren Hieb noch einen zweiten gegen sein eigenes Bein zu versetzen. Ich hätte nicht einmal Zeit zu einem zweiten Hieb gehabt, da auf mein Schreien sofort meine Schwägerin auf mich zugestürzt kam." Der Botant Bezirksrichter Dr. W e i tz w a s s e r begab sich hierauf zu dem Holzklotz und markierte die Hackenschläge, worauf er dann sagte: „Und ich bleibe dabei, Sie können sich nicht durch einen Zufall das linke Bein so schwer verletzt haben. Es war ja durch den Holzblock geschützt." — Angekl.: „Ich weiß n i ch t m e h r g e n a u, wie ich damals gestanden bin." — Bors.: „An dem konservierten Bein, das wir hier sehen werden, ist zu bemerken, daß die Verletzung von unten nach hinauf geht, das ist auch mehr als merkwürdig." Angekl.: „Ich kann mir das selbst nicht erklären, aber ich spreche doch die Wahrheit." * Die Verteidiger Dr. Krasgna und Dr. Riehl begeben sich hierauf ebenfalls zu dem Holzklotz, um zu demonstrieren, daß ein Unfall sehr gut möglich gewesen wäre. Angekl.: „Zwei Jahre lebe ich nun schon in dieser Situation. Ich hätte gewünscht, daß Sie einmal Zeuge der Schmerzensausbrüche meiner Frau hätten sein können. Nach dem Unfall hatte ich nicht im entferntesten die Absicht, eine Schadensanmeldung zu erstatten, denn moralische Bedenken lugten mir, daß es nicht angche, sich erst hoch zu versichern und dann sofort einen schweren Unfall zu erleiden, nachdem man kaum eine Prämie' gezahlt hat. Nach einigen Lagen stellten mich aber die Zeitungen als Bevstcheeungsbetrüger hin. Aus Trotz und um mich rein zu vascheu, machte ich jetzt die Schadensanmeldung." In der Nachmittags-Verhandlung wir' die Gattin Mareks, Frau Martha Marek, verhört. Sie ist eine zierliche Pervn mit sympathischen Gesichtszügen und hat das rötliche Haar in dicken Zöpfen um den Kopf gelegt. Bekleidet ist Je intt einem lichten, leganten Sommermantel. Beim Eintritt in den Saal blickt sie sehnsüchtig auf ihren Gatten, der während ihrer Vernehmung feinen Blick nicht von ihr wendet. Ihre Aussagen macht sie in bestimmtem, fast herrischem Ton und bedient sich dabei einer gekünstelt hochdeutschen Aussprache. Vors.: „Die Verhandlung wird an Ihre Nerven große Ansprüche stellen, nehmen Sie sich zusammen." Frau Marek erzählt, daß sie 1697 in Wien als Tochter eines Stationsvorstandes geboren wurde, der bald darauf nach Milwaukee ausgewandert sei. Meine Mutter hatte (Mb. Im Jahre 1909 Hütte ich als Zwölfjährige die erste Begegnung mit Herrn Fritsch. Am nächsten Tag kam er zu meiner Mutter und bat, d i e Vaterstelle an mir übernehmen zu dürfen. Er gab stch als Junggeselle aus und verschwieg, daß er verheiratet und drei Kinder habe. Er nahm mich auch auf Reisen mit. Vors.: „Haben Sie auch inttnl mit ihm verkehrt?" — Angekl.: „Schon kurze Zeit, nachdem wir uns kennen gelernt hatten." — Bors.: „Damals waren Sie noch lange nicht 14 Jahre alt." — Angekl.: ,^Jawohl, er nahm mich, meine Mutter und Schwester in seine Wvhnung in der Argenttnierstraße. Mit 13 Jahren hatte ich die erste Szene mit Frau Fritsch, die mir den Vorwurf machte, daß ich ihr den Gatten abspenstig gemacht habe. Ms Herr Fritsch im Mer von 77 Jahren starb, machte man mir den Vorwurf, daß ich an seinem Tode schuld sei." — Vors.: „Niemand hat Sie beschuldigt, daß Sie den Tod des Herrn Fritsch herbeigeführt haben." Der Vorsitzende verliest nun eine Anzeige der Frau Betty Fritsch, in der es heißt, daß das Mädchen einen dämonischen Einfluß auf ihren Gatten hatte. Vors.: „Fritsch hat Ihnen seine wertvolle Wohnungseinrichtung vermacht?" — Angell.: „Ja. Meine finanzielle Lage war nach seinem Tode schr schlecht. Ich mußte ein Darlehen von 29,5 Millionen Kronen auf die Möbel aufnehmen." Frau Marek zeigte beim Verhör solche Zeichen von Erregung, daß ihre Vernehmung für kurze Zeit unterbrochen werden mußte. Es kamen sodann die.verschiedenen Geschäfte Mareks zur Sprache, die mit Verlusten von 700 Millionen endeten. — Vors.: „Wie war die Geschichte mit den HauZkäufen?" — Angekl.: „Da hat uns ' Herr Schneider zugeredet und betrogen-." — Vors.: „Schneider stellt die Sache ganz anders dar. Cr ließ sich durch Ihren großen Aufwand bestimmen, von einer hypothekarischen Sicherstellung Abstand zu nehmen. Sie sollen ihm'auch gesagt haben, daß Sie gemeinsam mit Kardinal Pkffl einen christlichen Kreditverein gründen wollten, zu dessen Direktor Sie Schneider machen wollten." — Angekl.: „Schneider hat die Anzeige gegen mich bei der Versicherungsgesellschaft gemacht und ich wurde daraufhin verhaftet. Ich hübe Kardinal Pisfl seit meiner Firmung nicht gaschen." Vors.: „Ich stelle fest, daß Frau Marek nach dem Unfall für sich, ihren Mann und ihre Schwester Pelz-- mäntel gekauft hat." — Angell.: „Ich hatte keinen Wintermantel." — Vors.: „Man muß sich ja nicht gleich einen Pelzmantel kaufen. Das Geld ist Ihnen schr locker gesessen," Die Angeklagte erzählt nun, daß sie ihrem Mann bei seinen Geschäften immer behilflich war. weil sie sich seit ihrer Jugend geschäftlich betMgt habe. Der Vertreter des Privatbeteiligten, Dr. Buschmann, verwahrt stch dagegen, daß Frau Marek behaftet habe, die Versicherungsgesellschaft habe Schneider bestochen. Dr.T e i s i ch stellt den Antrag, den Müdlinger Anwalt Dr. Moser darüber zu vernehmen, daß Schneider tatsächlich von der Versicherungsgesellschaft 50 Schilling erhalten habe. Die Verhandlung wurde hierauf abgebriHen. Kn Wotogravhke-Automat. Aus New N-rk wird gemeldet: Ein Syndikat, an besten Spitze der frühere amerikanische Botschafter in Konstantinopel, Henry Morgentau, steht, hat einem Rüsten für ein Patent eine Millio» Dollar bezahlt. Der Russe hat einen Photographie-Automaten erfunden. Es genügt, eine Münze einzuwerfen, um sofort eine Photographie in der gewählten Stellung zu bekommen, Der Erfinder, der fich als Sozialist bekennt, bat mitgeteilt, daß er eine halbe Million M wohltätige Zwecke bestimme. e gMlhvndEchruridachtzlgtauftnd Mogrmurn verschiedener Waren wurden bisher von der Polnischen Lustverkehrs-A.-G. „Aerolot", Wien, I., Tegetthoffstraße Nr. 7 (Telephon 71-0-94), ohne die geringste Beschädigung oder Verlust befördert und einige Stunden «ach der Aufgabe dem Adressaten zugestellt. Etwaige Nachnahmebeträge waren oft schon am übernächsten Tage m den Händen des Absenders. -er Kamps gegen den Krebr. SinerOrrslim«« »tt KttMgMQtift. Im Saale bet Gesellschaft der Mrzte sarrd gestern bke Jahresversammlung der österreichischen Krebsgrsellschast Unter Vorsitz des Präsidenten Hofrates Professor EiselSbekg statt. Sie lürtfi vornehmlich der Wiederaufnahme des Kampfes gegen die Krebskrankheit mit Neuen Mitteln, nid» auf neuen Wegen gewidmet. Professor Eiselsberg hob hervor, daß die Gesellschaft durch den Krieg und dis Geldenttvettung von der Erreichung ihres Zieles abgedrängt morden ist Sie stand vor der Grundsteinlegung des Krebsinstitnts, das der Forschung und der Heilung dienen sollte; sie hat nicht nur ihre Gelder, sondern auch einen großen Teil Mer iMtgttedet eittgebüßt, die sie wiedergewinnen must um ihren Zweck zu erfüllen. Da Hauptreferat erstSattete der Generalsekretär Hofrat Professor Alexander Fränkel, der auf die amerb kanische Bchauptung von Btt SM« Btt MedsttanMU hinwtes: für den Sozialhygieniker steht sie der Tuberkulose kaum nach. Wir müssen unsere Neuen Kenntnisse von der Krankheit der Bevölkerung vermitteln, weil sie ratet fieftimmten Mrassetli«»«» Heimat ist.Das können wir jetzt im Bewußtsein voller Verantwortung sagen; aber wir können auch die Leiden der Unheilbaren erhchlich mildern; nötig ist aber die rechtzeitige Behandlung. Aerzte und Laien müssen hiezu erzogen werden. Dazu bOarf eS einer weitaus greifenden Organisation. Eine Maßnahme von größter Mchttgkett ist die Von Lreitung jener Hellungsmethode, die Professor Riehl vor kurzem geschiDert hat. Die Wiener Radiumstation besitzt nicht die nötige Radiummenge, um es in der Form der in -Kapillarröhrchen eingeschlossenen Emanation überall-« hin M versenden, wo die neue kombinierte chirurgische und Radiumbchandlung Nötig ist. Der langel an Radium intb Apparaten macht in Oesterreich diese Behandlung unmöglich. Me Bemühungen zur Abhilfe waren bisher ergebnislos. Die große Oeffentlichkeit möge diesen Appell hören, ebenso ie Stdellln, die Hilfe bringen können. Der Appell des Hofrates Fränkel fand lebhaften Beifall. An die Generalversammlung schloß sich ein Bortrag des namhaften Krebsforschers Professor Dr. Askenaze (Genf) über die Pathologie der Kresbkrankhtzip. : Ser Abschluß der Sareutragödle. In London wurde der letzte Akt der Romanow- Tragödie gespielt. Ein englisches Syndikat hatte big K r o n j u w e l e n von der Sowjetregierung erworben, wun> dervolle Prunkstücke aus dem 18. Jahrhundert. So glänzend und betörend all die Herrlichkeiten auch sein mochten, zu Hammer und Sichel paßte der „Plunder" selbst-, redend nicht. Er mußte der kapttalistischen Well zurückgegeben werden, und daß es an Interessenten nicht fehlte, zeigte sich jetzt anläßlich der RiesenaMon bei Christie in London. Die Inhaber des berühmten Mktionshauses versicherten, seit vier Jahrzehnten ein ähnliches Schauspiel nicht erlebt zu haben. Zu Hundertern drängten sich die Menschenmassen herbei, Kauf- und noch mehr Schaulustige, und siebenmal mußte her Sanitätsdienst hilfsbereit in Funktion treten! Und doch lohnte sich die Anwesenheit. Das war ein sinnbetörendes Gleißen und Funkeln. Brillanten, Saphire, Smaragde, in der Haird von Künstlern ztl Wundmoerken gewachsen. Im ganzen 134 Objekte. Darunter Prunkstück, wie das Hochzeitsdiadem der russischen Kaiserin oder eine Brillantentiara in Form einer im Winde' zitternden Wehre, gekrönt von einem Saphirmond. Plötzlich geht ein 9iuck durch die starre Masse. DaS Gesumm weicht einer Totenstille. Die Hälse werden länger. Mr. Andrews, der Auktionator, bietet die erste Nummer aus. Und es beginnt das charakteristische Auktionsgefechtr „200 Pfund.. 600.. 1000.. 9000.. 3000.. zum ersten, zum zweiten, zum..." Atemberaubende Pause. Dann aus' einer Ecke: 3400. Nervöse Spannung wächst zum körperlich! fühlbaren Druck, der sich -erst löst, wenn der Hammer Niederfällt. „Zum drlltenmal!" ES waren iMeffts. S. und I. Philipps, die für 3400 Pfund ein paar Brillantarmbänder erwarben. Aber es war eine Gruppe französischer Händler unter Führung des M. Founes von per Rue St. Honore, Paris, aus der das schwere Geschütz der hohen immer überbietenden Summen dröhnte. Die Franzosen kauften die Mehrzah der ausgebotenen Stücke. Founes selbst errang das berühmte Hochzeitsdiahüst, eine Krone mit zwei Reihen blitzender Diamanten, für 6100 Pfund! Eine Sensation bildete der Verkauf des „Polarsterns", eines Prachtdiamanten von mehr als 41 Karat, den für 11.800 P'fgnd der englische Händler S. H. Harris erwarb. Ein herrliches Diamanlenhalsbandi von 26 schönen Steinen, mit seltener Knnst in ein Rankwerk von kleinen Diamanten gesetzt, die Arbeit eines französischen Goldschmiedes des 18. Jahrhunderts, brachte 2700 Pfund. Sechs Diamanteukuöpfe, die tut der Rückseite die Jahreszahl 1764 trugen, gingen für 3560 Pfund qb, «ine Garnitur von 46 Dianmutenspangeu, bestimmt für große Friseur, erzielte 1160 Pfund. Größere Preise erreichten schließlich eine prachtvolle nrtt Perlen und Diamanten t besetzte Brosche, die int Zentrum einen Smaragd und zwei Saphire hatte (5700

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