Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 2905 (30.3.1927)
- Date
- 1927-03-30
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 8905 Men, Mittwoch Stttnet M-rs«rzetti«s 30. MSrz WS? GtzSe 3 «3G Tagesbericht. Beethovens Briet an Zgaaz Moscheles. beschrieben am 14. MSrz 1827, 12 Lage vor Beethovens Tod. Beethoven befand sich in der letzten Zeit seines Lebens in großer materieller Not. Er hatte sich an den ihm befreundeten großen jüdischen Pianisten und Musikpädagogen IgnazMoscheles gewendet, der damals in England weilte, und ihn sowie die Philharmonische Gesellschaft in London ersucht, ein Konzert für ihn zu veranstalten, damit er von den drückenden Geldsorgen befreit werde. Lurch Vermittlung von Zgnaz Moscheles sandte die Londoner PMkbarmonMe Gescls.ast unverzüglich hundert P'ünd an Beethoven. Sein Freund Rau erzäh.t: „Es war herzzerreißend, ihn zu sehen, wie er seine Hände faltete und sich beinahe in Tränen der Freude und des Dankes auslöste." Durch die freudige Erregung verursacht, öffnete sich rn der Nacht eine seiner Wunden. Er hatte vor, einen Brief an die „edelmütigen Engländer" zu diktieren, die an s.inem traurigen Schicksal teilnahmn. Er versprach der Philharmonischen Gese Ist' aft e'n Werk, seine zehnte Symphonie, ein: Ouvertüre, oder was sie sonst wünschen möchte. „Ich verpflicht.' mich, der Gesellschaft dadurch meinen wärmsten Dank abzustatten, in'em ich ihr ent weder eine neue Shmphmie, die schon skizzi'rt in meinem Pulte liegt, oder eine neue Ouvertüre oder etwas anderes zu schreiben mich verbinde, was die GeMsch'.ft wünscht Möge der Himmel mir recht bald wieder meine Gesundheit schenken/ Wien, 14. März 1827. Mein lieber, guter Moscheles! 'run 27. Februar wurde ich zum> vierten Mal operiert, and jetzt sind schon wieder sichtbare Spuren da, daß ich bald die fünfte zu erwarten habe. Wo soll das hin, und was soll aus mir werden, wenn es noch einige Zeit so fortgeht? — Wahrlich, ein sehr hartes Los hat mich getroffen! Doch ergebe ich mich in die Fügung des Schicksals und bitte Gott stets nur, er möge es in seinem götblichcn Ratschluß so lenken, daß ich, solange ich noch hier den Tod im Leben erleiden umß, vor Mangel geschützt werde. Dies würde mir so viel Kraft geben, mein Los, so hart und schrecklich es immer sein möge, mit Ergebenheit in den Willen des Allerhöchsten zu ertragen. So, mein lieber Moscheles, empfehle ich Ihnen nochmals wehte. Angelegenheit und verharre in größter Achtung stets Ihr Freund Beethoven. Sie Beethoven-Feiern in Palöftina. Aentenarftiern in Sen Städten uns Kolonien. — Das Bcechovenlonzert im Amphithiakr der Hehröffchcn Universität. Aus Jerusalem wird uns gemeldet: Die Hundertjahrfeier für Beethoven wurde in allen Teilen des jüdischen Palästina in würdiger Weise begangen. In Jerusalem, Tel Awiw/ Haifa und in den. anderen jüdischen Zentren und selbst in den kleinsten Kolonien und Kwuzoth wurde dem Genius des großen Tondichters gehuldigt. Besonders imposant gestaltete sich die Fei"r in Jerusalem, die vom Jerusalemer jüdischen Musikerverein gemeinsam mit dem Rektorat deich hebräischen Universität veranstaltet worden war. Das Amphitheater der Jerusalemer Universität, in welchem das große Beethoven-Konzert gegeben wurde, war bis aufs letzte Plätzchen gefüllt. An der Feier nahmen außer den Führern der Zionistischen Organs- - sation mck> den jüdischen Schriftstellern, Musikern und Tondichtern Vertreter der Regierung und der Behörden teil. „Wenn alle Christen.. / Aus Z ü r i ch wird uns berichtet: Im Rahnren einer hier stattgehabten Beethoven-Feier hielt Herr Mmil Dreysus die Gedenkrede. Unter den Gästen befand sich auch ein bekannter Musikfreund, der aber als Nationalist aus seinem Antisemitismus kein Hehl macht. Der Vortrag des jüdischen Referenten machte auch auf ihn einen so tiefen Eindruck, daß er auf ihn zutrat, ihm dankend die Hand drückte, sich doch nicht enthalten konnte zu sagen: „Wenn alle Juden so dächten wie Sie, wäre vieles besser!" Worauf Herr Dreyfus schlagfertig erwiderte: „Umgekehrt, wenn alle Christen so dächten wie ich, dann wäre es entschieden besser. Denn bei euch ist die Ueberzahl, nicht bei uns . Lke Suzaftudente« ln Faffy. Bukarest, 29. März. Die Stu. ntteu der Univ. Jassy find in einen Proteststreik getreten, weil man sie gestern gehindert hat, zu einer antisemitischen Kundgebung nach Kischenew zu reisen. Heute vormittags kam es an der Universität zu Zusammenstößen zwischen streikenden und arfcett*wirren Studenten. Unser neuer Roman. „Set Sohn des Bisses Maniner" von SeoDolD HIIAr. Die „Wiener Morgenzeitung" hat ein Romanwerk erworben, das unseren Lesern besondere Freude bereuen wird. Es ist die Schöpfung eines SBieuer jüdischen Dichters, der mit seltener Einfühlung in die Zeit, die er schildert, die Lebensgeschichte eines Wiener Juden erzählt. Man begleitet Gustav Mautner — so heißt der Held des Romans — durch seine Knabenjahre auf der Schulbank, die dem begabten, temperamentvollen Jungen ein Greuel ist, man sieht ihn als kleinen StudiofuS Schlffbruch erleiden, er kommt „in die Lehr'", wird ein tüchtiger Gewerbetreibender, in dem aber dam plötzlich der Wissensdrang erwacht Md der sich den Doktorhut erwirbt. ' Das Wien der Neunzigerjahre des ver- , stoffenen Jahrhunderts ist als bunter, überaus lebendiges Bild vor dem Leser aufgerollt, eine Fülle von Gestalten, von Leopold Hilcher ausgezeichnet' gesehen, ist in Bewegung gesetzt, und insbesondere die Zeichnungen deS jüdischen Milieus sind außerordentlich geglückt. Ein gemütvolles, im besten Sinne deS Wortes volkstümliches Werk ist dieser Büdungsroman, und wir sind dessen gewiß, daß diese literarisch wertvolle, überaus fesselnde Erzählung allen unseren Lesern willkommen sein wird. Wir beginnen mit der Veröffentlichung Sonntag, den 3. April. von den Wiener Hochschulen. Wiederaufnahme her Boklrsnngen an der -ochschnle für Welthandel * Am schwarzen Brett der Hochschule für Wellhandel Ivnrde gestern die folgende Kundmachung affichiert: „Die Vorlesungen werden im vollen Umfang wieder aufgenomnten. Der LegMmations- und Passagierscheinzwang entfällt, jedoch wird den Hörern empfohlen, die Passierscheine bis zum Ende des Semesters aufzubewahren. Ich danke allen arbeitswilligen Hörern für die Besonnenheit und Opferwittigkeit, die uns die Rückkehr zu normalen Verhältnissen ermöglicht haben. — Hofrat Dr. Gruntzel." Um Viertel 11 Uhr vormittags begannen die Vorlesungen in vollster Ordnung. Die Hochschule hatte durch fast zwei Wochen den Betrieb aussetzen müssen. Rauferelen an der Technik. An der Technischen Hochschule kam es gestern vormittags aus Anlaß der gegenwärtig stattfindenden Wahlen in die Kammer der deutschen Studentenschaft zu Reibereien zwischen den sozialdemokratischen Studenten und den Deutschnationalen. Ungefähr um halb 9 Uhr vormittags begannen in der Aula der Hochschule die sozialdemokratischen Studenten Flugblätter zu verteilen, deren Inhalt von der deutschen Studentenschaft als verletzend bezeichnet wurde. Sie betrachteten daher die Verteilung der Zettel als eine Herausforderung und org anisierten eine Ordnerabteilung, welche die sozialdemokratischen Studenten aus der Aula herausdrängten. - Vor dem Hochschulgebäude kam es nun zwischen beiden Gruppen zu größeren Reibereien, bei denen die Polizei eingreifen mußte. Das bereits wegen dieser Wahlen vorbereitete Wacheaufgebot nmßte verstärkt werden und es gelang der Polizei, die aneinanderprallenden Gruppen zu trennen, wobei es zu ein igen Verhaftungen kam. Um 11 Uhr vormittags war auch vor dem Hochschulgebäude die Ruhe wieder vollkommen hergestellt. Der Hochschulbetrieb sowie die Vorlesungen haben keine Unterbrechung erfahren. Set Arzt als Mörder. Zu lebenslänglichem Zuchthaus vernrteill. Aix-en-Provenee, 29. März. Der Arzt Bougrat, der angeklagt war, einen Kassenboten, dessen Leichnam drei Monate später in einem Wandschrank seines Ordinationszimmers aufgefunden wurde, ermordet zu haben, um ihn zu berauben, ist zu lebenslänglichem Zuchthaus verurtellt worden. Boykott gegen die Ford-Automobile. Wie aus Detroit, der Stadt der Ford-Werke, berichtet wird, ist dort ein Boykott gegen die Ford- Automobile auSgebrochen, der auf die Städte des Staates Missouri übergegriffen hat. Der Boykott geht von den Kleinkaufleuten und Detailhändlern aus, denen Ford eine scharfe Konkurrenz in seinen Werken bereitet hat. Nie Bergner. Sie trägt keinen Vornamen mehr, ist jetzt ganz berühmt und heißt nur „Die Bergner". Auf der Bühne, im Film, im Vortragssaal wird sie bewundert und geliebt. Als sie Wien verließ, war es noch nicht so. Sie wählte für ihre Abschiedsvorlesung den kleinsten von den Konzerthaussälen und auch der war nicht gerade überfüllt. Wir bemerkten damals in diesem Blatte: Wenn Elisabeth Bergner aus Berlin kommt, werden sich die Leute bei den Kassen drängen. Es war kein Kunststück, solches nach diesem unvergeßlichen Abend zu prophezeien, an welchem sie Rudyard Kipling las. Der kapriziöse Kopf, kindlich noch> und schon sehr weise, mit der nicht zu bändigenden Haarfülle über der s.hr hohen Stirn, mll den höchst lebendigen Brauen über den .Märchenaugen wuchs aus der weißen Federnboa, die sie dicht um die Schultern trug, uiD tviegte sich auf dem zarten Hals — eine Wunderblume aus Tausend und eine Nacht neben dem bescheidenen Sträußchen Frühlingsblumen, das auf ihrem Bortragstische lag. Eirt Kunststück hingegen schien uns schon damals die Gleichgültigkeit, Geringschätzung/ ja Mahnung zu sein, die Elisabeth Bergner in Wien von mancher Seite erfuhr. Ich erinnere mich noch mit Vergnügen, daß ich für ein begeistertes Referat über die Bergner von Mer Dame (natürlich!), die zu den stürckigen Premierenbesuchem gehörte, bei der Wiederbegegnung im Theater förmlich attackiert wurde. Die Verehrer der Bergner — und die Bergner selbst — sind jetzt mit einem kleinen Buche beschenkt worden, das wir hier mit Freude anzeigen.*) Der Verfasser, Artur Verlag, Charlotenburg. Eloesser, ist sich wahrscheinlich selbst - dessen nicht bewußt, wie köstlich,dieser verliebte Sang an eine Künstlerin klingt. Eloesser beginnt damit, wie er ans seinen Vortragsreisen immer wieder gefragt wird: „Run erzählen Sie ettvas von der Bergner." Da erzählt er von Kinder. und Konservatoriumsjahren der Wiener Jüdin, von dem ersten Ringen um Geltung, von den traurigen Monaten xrü Innsbruck, von den wichtigen Schweizer Jahren, w Direktor *) Artur Eloesser.- Tlisab-kh Bergner, Williams u. Co.. Reucker vom Züricher ■ Pfaueruheatcr bic Künstlerin sehr, wohl erkannte. Bon den Gastspielreisen mit dem Schweizer Ensemble und von dem rapiden Berliner Aufstieg. Die Wiener Zeit ist übergangen. Mit Recht. An Direktor« Geyer von der Neuen Wiener Bühne hatte die Bergner einen vortrefflichen, verständnisvollen Chef, der sie unter anderen die Lnlu, die Ophelia, den Moritz Scharf in der „Sendung Semaels" spielen liest Aber das Publikum versagte. Eloesser, der ganz von ungefähr mit der Schilderung eines Frühlings in Süddeutschland beginnt und zunächst von der Mädchenzeit der Bergner erzählt, sagt Aufschlußreiches über die Schauspielerin, der das Buch gilt, aber auch wirklich Bedeutsames über die Schauspielllmst im allgemeinen. Das Wesen dieser Künstlerin scheint uns prachtvoll gekennzeichnet, wenn Eloesser, der gottlob kein profeffionaler Merker ist, sondern ein Enthusiast (freilich einer, der nicht blauen Dunst Vormacht, sondern zu überzeugen weiß, daß er Ursache hat, sich für dieses seltene Menschenkind zu entzünden), folgendes über die Kunst der Elisabeth Bergner schreibt: . „Da war die Liebliche mit einer Musik der Rede, deren Satzmelodie in einem kleüren feinen Bogen immer über der gewöhnlichen Menschiensprache lag, da war Zierliche, Kindhafte,' fast ins Knabenhafte Entgleitercke, die schmal, gebrechlich, unendliche Zärtlichkeit erregte. Da ivar die Drohende, Gefährliche, Verräterische, fließend wie Wasser, leicht tute die Luft, fressend und hell wie Feuer. Mer das alles tvar nicht Versachlichung oder Msonderung ihres Wesens, nicht Ueberbetonung, Ueberbelichtung eines Teiles, nicht Maske, nicht Rolle, sondern immer derselbe Dämon oder derselbe Engel vor und nach dem Fall." Auch an anderen Stellen dieser herzhaften Schrift, die zeigt, daß Begeisterung sich mit Sachlichkeit und temperamentvolle Darstellung mit tiefgründigem Erkennen paaren kann, ist die Eigenart der Elisabeth Bergner ausgezeichnet charakterisiert. Es ist ein Urteil, das in seiner Prägnanz und zutreffenden Formulierung nicht alle Tage glückt, wentl Artur Eloesser von der Bergner sagt: „Sie hat das Maß, das die Kmschheit der Kunst ist; sie hat die Anmut, die Mildern und schönen Tieren gleich macht." Und es i,l ein Buch von dichterischen Qualitäten. Eloesser schuf die Gestalt nach., der es gewidmet ist. Div Erzählungeir von dem spanisch-jüdischen Lehrer in der Familie Bergner, von den beiden Studenten, mit denen der Backfisch in einer Wiener Dachstube Theaterstücke las, von Elisabeths Berliner Heim sind so lebensvoll geschrieben, als wären es Berichte der Bergner selbst. Was Eloesser an der großen Schauspielerin preist, ist auf sein Buch über sie übcrgegangen. Tatsächlich: ein Bergner-Buch. Darüber hinaus, es wurde bereits augedeutet, ein Buch über Kunst, das manchen dickleibigen Wälzer aufwiegt. Eloesser fühlt selbst, daß ihm beim empfindsamen - Erzählen und Schwärmen von der Elisabeth Bergner das Bedürfnis zu kunstkritischen Auseinandersetzungen überkam: „Ich habe etwas leicht angefangen uttfr bin dann etwas ernst, vielleicht gar schwer geworden. Mer scheint, daß die Sache es tvollte, daß sie am Ende ein Gewicht bekam und ein Lot hinabließ zu einigen inneren Fragen der Schauspielkunst, zu dem Problem der Frau in der Kunst unb des Kindes in der Kunst, wenn beides nicht dasselbe sein sollte." Kein Leser, kein Kunstfreund wird, diese dankenswerten „Wweichungen vom Thema" überblättern und für die Bergner selbst, glaube Äh, stick sie ein goldener Wanderstab in ihre künstlerische Zukunft, jetzt, da sich ihr alle Direktoren anbieten, während in der traurigen Innsbrucker Zeit sich „ihrer bewährten Zermürbungstaktik" bedienen mußte, „sich den Direktoren aller ihren geographischen Kenntnissen erreichbaren Städte cmbot, meistens ohne eine Antwort ztt erhalten". Wie berühmt sie gewordep ist, wie man sie anhimmelt, die schmale, schlanke Jüdin aus der Leopoldstadt! Bildhauer modellieren sie, Maler und Zeichner verewigen sie, und das Buch Eloeffers enthält künstlerische Reproduktionen und sprechende Lichtbilder die reiche Fülle: drei Bergner als Backfisch, die Bergner auf der Probe, die Bergner auf Ferien, die Bergner in ihrer Berliner Billa, die Bergner im Pyjama und — selbstverständlich — die Bergner in ihren großen Rotten. Zuviel, zuviel für dieses schöne, ernste, liebenswerte Buch und — nicht gesund für die Elisabeth Bergner, die. sich verlieren könnte, tvvnn man sie fortgesetzt als Star aufmacht. Otto AbeleS.