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Wiener Morgenzeitung · 1927-03-30 · Heft 2905 (30.3.1927) · p. Seite 2

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
9 (1927)
Issue
Heft 2905 (30.3.1927)
Date
1927-03-30
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Wien, Mittwoch Wiener Morgenzettnns 30. März 192'? Nr. 2905 2 Lite 2 Praxis «ad Theorie. —y, Wien, 30, März. Der vorbereitende Ausschuß für dir Zlbrüstungskonfecenz tagt in Genf. Diese Kommission mit dem langen Namen widmet sich mit großem Eifer ihrer Aufgabe, Theorie und Praxis in eine gewisse Harmonie zu setzen, und da fügt es sich zwanglos und automatische daß die Praxis überwiegt. Ter Ausschuß hat die Abrüstung links liegen lassen und widmet sich der Rüstung. Die Mrüstung ist eine Frage der Politik, der Kultur Und nicht zuletzt der Wirtschaft. Um zur Abrüstung zu gelangen, müssen sich die Gehirne umstellen, müssen alte, liebgewotdene Systemgeleise ausgegeben und neue Vorstellungen geschaffen werden. GZ müssen völlig neue WertigkeitSskalen für die Arbeit und ihre Bedeutung ausgestellt werden, es muß die Erziehung und Ausbildung der Jugend in neue Bahnen geleitet toerden. Das ist ein schwieriges Unterfangen, in das sich die heute herrschende Generation nicht mehr ernfühlen kann. In allen Staaten stehen noch Personen am Steuer, die schon in der Vorkriegszeit sich im Vordergrund befanden. Sie sind nicht physisch «ich nicht psychisch auf das große Umlernen eingerichtet. Sie regieren nach den alten Methoden ltnd mit alten Diplomatie, und das Aeußerste, was sie tun, ist das Auskleben von Schönheitspflästerchen auf die grinsende Fratze des Militarismus. Die Praxis entspricht der Politik. Sie fordert Rüstungen, weil sie immer in der Furcht vor dem Nachbar zu schweben vorgibt. Frankreich fürchtet vor Deutschland und 'Italien, England muß vor Frankreich und Rußland aus der Hut sein, Deutschland hat Angst vor den Anrainern an allen Grenzen. In Wirklichkeit könnte kein einziger Staat heute einen Krieg riskieren, weil er die Ernährung der Front und des Hinterlandes nicht sichern könnte und weil der Gaskrieg seine furchtbare Wirkung nach beiden Seiten tun würde. Es gibt aber außerdem noch eine öffentliche Meinung, die einen zum Appell ans Letzte schreitenden Staat in einen Jsotterungsmechanismus spannen könnte. Ein Krieg lväre heute ein weitaus verhängnisvolleres Wagnis als noch vor einem Dutzend Jahre. Jede Regierung als Fühler einer Staatsnation hat Butter auf dem Kopf, urchl sie tvürde alle inneren Wunden sofort zum Aufbrxchen bringen, wenn sie die Frage auf Tod und Leben zu stellen wagt. Trotzdem Leharri die Politik der großen Maaten auf der Eventualität des Krieges, und darum sieht Mch der vöckerettende Ausschuß für die Abrüstungskonferenz wie eine GeNetalstabssitzung aus. Die Konserenzler gehen nicht von dem Imperativ aus, daß abgerüstet werden muß. Täten sie dies, dann wären doch alle Staaten und Völker sofort in gleicher Weise entwaffnet und zwangsläufig auf Frieden und Schiedsgericht gestellt. Die Konferenz erhebt zuerst methodisch und gewissenhaft, bei welchem Rad des militaristischen Organismus die Abrüstung zu beginnen hätte. Ist die Marine weniger wichtig als die Landarmee? Frankreich und Deutschland sagen ja, England verneint energisch, denn es hat doch einen ausgedehnten Besitz zu verteidigen, Italien ist ganz auf das Heer eingerichtet und behauptet seine Lebensfragen nur mit der Waffe und, was noch ärger ist, mit dem Geist der Waffe schützen zu müssen. Das sagt natürlich nicht das italienische Volk, sondern seine fcrscistische Regierung, die allerorten böse Pläne gegen die tertia Jtalia vermutet. Es ist im Umkreis der Apenninen auch nicht anders als in änderen Ländern. Die Völker wünschen keine Gewalt, aber sie bestimmen nicht ihr Schicksal. Ist nun auf diese Weise die Mrüstungsdebatte rein in ihr Gegenteil gewandelt worden, so ist es nur selbstverständlichdaß die Probleme, die doch nunmehr kriegerische sind, von der Konferenz sehr sachverständig behandelt werden. Die Grundfrage ist ausgeschaltet. Also kättn die Diskussion über Themen geführt werden, die nur technischer Art sind: über allgemeine Wehrpflicht, Luftkrieg, Gasbomben, Neutralitätszonen u. a. m. Mer da auch hier die Politik in ihrer bösesten Entartung, in der Form des Chauvinismus austritt, so gibt es eberi heikle Momente. Der deutsche Delegierte Graf Bernstorff hat zum Beispiel vorgestern seinen Konferenzkollegen nicht so ganz mit Unrecht die Doppeldeutigkeit dieses'Abrüstungsgeredes vorgehallen. Der Siegerstaat Frankreichs mit seinen Genossen hat die allgemeine Wehrpflicht, aber dm Besiegten ist sie aberkannt worden. Me. könnten sich ja dessen freuen, daß sie in dt« Lage kommen, stärkere Budgetmittel an die Erfüllung von KulturaufgaVeN p wettdeN. Mer auch sie sind gebannt vom Reiz des zweifarbigen Tuches, und das Kalbfell dünkt Men schönere MÜstk als alle DeethoveNschen Symphonien, die eben jetzt angeblich die Millionen im Zeichen der Kunst Umschlingen. Deutschland und in seinem Schatten das - kleine, aber waffenfreudige Oesterreich, wären auch nicht für eine Abrüstung, die bei ihnen übrigens Mch im Inneren auf die kleinkalibrigen Schutzfdrmationen übergreisen müßte. Es ist bei dieser Sinnesart zu verstehen, daß der vorbereitende Ausschuß in stürmische Heiterkeit ausbrach, als ihm der chinesische Delegierte vorschlug, alle Waffen in einen Ofen zu stecken und zu verbrennen. Das kann uur ein Asiate verlangen, dem die Unehelichkeit der Friedensheuchelei die Besinnung nimmt. Er hat vergessen, an welchem Ort er sich befindet: im vorbereitenden Ausschuß für die Abrüstungskonferenz, wo die Praxis über die Theorie zu siegen hat. WIENER MORGENZEITUNG ■ 8 KUPON tu dem Kreutwo11-ftStte I Nr« 46 Ae antisemitische ßkaheitsliste. Wl mmm im mwm »em Gestern abends sind die Christlichsozialett und die Großdeutschen nebst der Hornikgrnppe über die KandidateNÄufftellung in Wien einig geworden. Auch in Niederösterreich 'ist die Einheitsfront perfekt geworden, doch toerden die Kandidatenlisten für das flache Land erst heute veröffentlicht werden. Das hervorstechendste Merkmal der Einheitsliste ist, daß die Großdeutschen im günstigsten Fall« drei MmdM erhalten können, da die meifwn ihrer Beiverber ziemlich'weit nach hinten gereiht sind. Nur dm Parteipräsidmten Wotawa har Man im ersten, Dr. Waber im dritten ^und Dr. Lutz im siebenten Wahlkreis sichere Stellen eingeräumt. Als eine beabsichtigte VerhöhnnngderMischen Wählerschaft muß es aber gemdezn empstmden werden, daß der Hakenkreuzlcr Dr. Riehl, der, nur um ein Mandat zu erlangen, nach mancherlei Häutungen — etf versuchte es in jungen Jahrm auch bei den Sozialdemvkäten — zu den Größdeutfchön hmübergewechselt ist, im vierten Wahlkreis, in dem fast zwsidrittel der Juden Wienss wohnt, ccks Kandidat aufgestellt wurde. Die HornikleUte, die auch «in paar Mische Nachläufer haben, nahmm an dieser Provokation keinen Anstand. Ob sich ihnen die Bettgenossenschaft mit Dr. Riehl rentieren wird, muß allerdings sehr bezweifelt werden. Ihr Kandidat Dr. Kink erhielt auf der Einheitsliste des ersten Wahl- .kreises, der sechs Mandate zählt, die fünfte Stelle zugetviesen. Im sechsten Wahlkreis steht der dieser Partei angehörige Industrielle Dr. Hryntschak an der dritten Stelle. Die antisemitische Einheitsliste sieht jetzt beiläufig wie folgt aus: 1. Wahlkreis; Dr. Seipel, Minister Schmitz, Dr. Wotawa, Wg. Wancura, Dr. Kink; 2. Wahlkreis: Wg. Heinl, Finanzminister Dr. Kienböck, Prof. Krasser; 3. Wahlkreis: Dr. Mataja, Wg. Volker, Dr. Walter Riehl; 5. Wahlkreis: Kunschak, Minister Vaugoin, Dr. Hryntschak, Direktor Partisch; .7. Wahlkreis) Schön steinet, Heigl, Doktor Lutz. Mische WShlerversammlung. Heute um 8 Uhr abends findet auf dem Als ergründ im Caf6 City (IX., Porzellangaffe 1) eine WählerversatnMlung.statt. Sprechen werden die Herren Dr. Leo Goldhammer, Dr. Desider FriedmüNn und Dr. Georg Weiner. Ahrers zweite Flucht aus Lefterreich. Sine JtMtte Im pansattsMHiB. Als der ehemalige Finanzminijler Dr. Ahrer,dessen Verträge Mit Basel einen Fehlbetrag von 110 Millionen Schilling für den Staatssäckel zur Folge hatten, nach Havanna äbgereist war, verlangten die SoziaÜ»emokraten im Postsparkassen-Unteransschuß seine sofortige RückberufttNg. Als jttwch Ähr er vor Wochenfrist ioieder in Oesterreich auftanchte, begnügte sich die Oppositionspartei damit, fältle Witze zu reißen und sich an der Verlegenheit der Christlichsozialen zu weiden, die das Erscheinen Ahrers während der Wählbewegung das Wiederaufleben fataler Erinnerungen in der Wählerschaft befurchten ließ. Nun ist der ehemalige Finanzminister nach kaum 48stÜMgem Aufenthalt in Oesterreich an die Adria äbgedäMpst. Mit der Größe seiner örtlichen Entfernung von der österreichischen Grenze erwacht wieder der Mut der SoziäldMokraten. Sie brachten gestern im Finanzausschuß seine unvermutet plötzliche Mreise in einer Weise zur Spräche, daß man hätte glauben müssen, ihnen sei das Böselgeschäft Ahrers während seines letzten Wiener Aufenthaltes noch gar nicht bekannt gewesen. Dt. Danneberg verlangte Ahrers Vorladung vör den PostsparkässeN-UNteraUsschUß und, als Finanzminister Dr. Kienböck meinte, dieser habe seine Arbeiten abgeschlossen, und fei darum unzuständig, modifizierte Danneberg seinen Antrag dahin, man möge Akhrer vor dm Finanzausschuß laden. Die Anträge wurdm, wie die Sozialdemokraten wohl vorauSgeschen hatten, abgelehnt. Diese Ablchnung stand nach der Erklärung des Finänz- Mnisters, ans dessen Mortm man deutlich heraushören konnte. Wie Unangenehm bett Ehristlichsozialen und Großdeutschen eine etwaig« AuskunftSerteilUng durch Dr. Ahrer wäre, schon fest. Dr. Danneberg glaubte ein übriges tun zu müssM^bezetchnetö es als «in schweres Pfli cht- Versäumnis der Regierung, daß sie Doktor Ahrer nicht habe verhaften lassen, als et kür 48 Stunden nach Oesterreich gekommen ist. Auch diese starken Worte können nicht darüber hmwegtäuscheu, daß Mch den Sozialdemokraten die Wiederaufrollung dek Verträge ihres Geschäftsfreundes Basel mit Ahr«r nicht gerade angenehm wäre. Wenn Dr. Danneberg gestern meinte, die plötzliche Rückkehr Ahrers und seine ebenso plötzliche Mreise tväre ent dankbarer Lustspielstofs, so erinnert das Verhalten der Sozialdemokraten doch viel mehr an eine alte Posse, in deren köstlichster Szene Eisenbach erst immer den Mut gewann, seinen Bedränger zu beschimpfen und nach dem Wachmann zu rufen, tvenn sein Gegenspieler von der Bühne abgetreten war. Re volnisch-mUche« Pattver- Handlungen. Moskau, 29. März. Sonntag nachmittagskehrte der polnische Gesandte in Moskau, Patek, mit Vollmachten seiner Regierung Über die Leitung der Garautiepakt- Ssrha ndluNgen zwischen Polen und Sowjetrußland aus Warschau zurück. Den Grundstein dieser Verhandlungen soll bst ursprüngliche Sswjeworschlag bilden, die endgültige Formulierung der beiderseitigen Bedingungen wirb längere Zeit in Anspruch nehmen. Patek persönlich ist ein Anhänger der Vertragsunterzeichmmg. Wie die Warschauer Blätter melden, soll der Besuch des Außenministers Zaleski in Moskau erst dann erfolgen, bis die polnisch-sowjetrussischen GarantiepaktverhaMungen entsprechend weit fortgeschritten sein werben, ver »am« Wemaliilfter I« Man. Moskau, 29. März. Der persische Außenminister Chan An fort ist gestern abends in Moskau eingetroffen uckd wurde mit besonderen Aufmerksamkeiten überhäuft und von Karachatt begrüßt. Der Außenminister wird längere Zeit in Moskau verweilen, um den Handelsvertrag, evcntuöll einen Garantievcrtrag zwischen Persien und Sowjetrußland endgülttg zu formulieren und zu unterzeichnen. Aushebung der MM8r«Ko«trM über Ungarn. Paris, 29.. Mär^. Die Botschasterkonferenz hat heute beschloffen, die Tätigkeit der interalliierten MMärkontrollkommisiion in Ungarn vom 31. März an einzustellen. Die Mitglieder der KommWütt werden jedoch noch vis zuM IS. Müt in Ungarn verbleiben, um noch einige auszuführende Arbeiten, insvesündere die Errichtung der Fabrik für die Herstellung von Kriegsmaterial, zu überwachen, die nach dem Vertrage von Trianon alleiv berechtig: sein soll, Kriegsmaterial zu erzeugen. Mhleu sShrt nach Ram. Ml. Mll. Bübapost, 29. März. (Tel.-Comp.) Nach dev heiutigen Sitzung des ArtßenaUsschllffes dös Abgeorömtenhaltses erklärte 'Minister des Aenst-nl 'Walko, baß Ministerpräsident Graf B e t h l e n am "4, A p rn l nach Rom abreisen Und mehrere Tage in der ikälientschLn HÄUPtstadt verbleiben wind. Wtzrlwm in Ungarn. B u d a p e st, 29. März. (Tel. Comp.)' In Debreczin ist, wie die Blätter mitteclen, eine Frau Josef Rottenberg, Tochter des Berliner Rabbiners Lazar Friedmann, die sich in. der Nähe von Debreezin bei Verwandten aufhält, wegen Schmähung der ungarischen Nation verhaftet worden. Dis Verhaftung erfolgt« auf Grund einer vertraulichen Anzeige an die Debrecziner Staatspolizei, tvorrach Frau Rottenbärg sich abfällig über die Zu-, stände in Ungarn geäußert habe. Nach mehrtägiger Haft wurde heute Frau Rottenberg ans dem Gefängnis der De-, brecziner Staatsanwaltschaft dein Untersirchungsrichter vor-, geführt, der die Enthaftung der Froar bersügte. Ihr Paß wurde ihr abgenommen und bleibt in gerichtlicher Verwah-. rung bis zu ihrer Aburteilung. Als Zwangsauf ent-, halt tvurdo ihr ein Ort bei Debreezin, wo ihre Verivandteir leben, angewiesen. tine neuerliche Amerika-Reise Fabotinrkys. Paris, 29. März. Wladimir Javotinsky, der Führer der Zionisten-Revisionisten, ist aus Warschau wieder hier eingetroffen. Am 6. April wird er seine zweite Reise nach Amerika ackreten/ Oie vollcstümlielie Geschichte der Juden von HEINRICH GRAETZ ist sodben in heuer Ausgabe erschienen 3 Ganzleincnbände mit reicher Goldprägung auf holzfreiem Papier in Antiqua gedruokt PREIS 40 SCHILLING Ein Standardwerk des Jüdischen Hauses Unentbehrlich für Jede Bibliothek R. Löwit, Verlag, Wien I Fleischmarkt Nr, 1 Rotenturmstraße Nr. 22

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