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Wiener Morgenzeitung · 1927-03-29 · Heft 2904 (29.3.1927) · p. Seite 2

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
9 (1927)
Issue
Heft 2904 (29.3.1927)
Date
1927-03-29
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Selle 2 Wien, Diensta.a Wiener MvsserrzeiLung 29. Mürz mi <'r. 2004 I WIENER MORGEN ZEITUNG MVB»ON xu dem Kreuzwort-RStcel Nr. 45 i Nne Bertuschungs-Komödie. Von unserem Korrespondenten.) M. R. Bukarest, 27. MSrz. Noch llmrrcr steht die Frage im Mittelpunkt der Diskussion, ob in Runrämen Pogrome oder bloß antijüdische t^zesse vorgekommen sind. Die offizielle RegierungsPresse fordert bald offen, bald in verblümter Form die jüdischen Vertreter auf, den Meldungen des Auslandes durch kategorisches Dementi entgegenzutreten. Es fanden sich auch gewisse Personen, ivelche dem Wunsche der Regierung Rechnung trugen, allein das Ausland wollte auf diese Meldungen und auf diese Erklärungen nicht Horen. Eine durchaus konkrete Antwort gab das Organ der Union der rumänischen Juden, der „Curierul Jzraclit", indem er mit der Publikation der Geschichte der antijüdischen Ausschreitungen in Rumänien seit dem Jahre 1922 begann. Es wird in dieser Zeitung geradezu nach wissenschaftlicher Methode gearbeitet, und zum Beweise der Richtigkeit der Behauptungen werden die offiziellen Regierungsblätter sowie die Presse der oppositionellen Parteien Rumäniens zitiert. Die ganze Frage der antijüdischen Ausschreitungen in Rumänien und der Stellungnahme des Auslandes zu diesen Ereignissen scheint der rumänischen Regierung nicht sehr angenehm zu sein, und sie versucht in der Kammer und im Senat durch verschiedene Erklärungen der einzelnen Minister die Vorfälle abzu schwächer: mü> nach Möglichkeit aus der Welt zu schaffen. Ganz besonders kurios ist die Haltung des Innenministers Octavian G oga in der Frage der antijüdifchen Ausschreitungen. Immer wieder findet er für die Taten der Studenten eine Entschuldigung, immer wieder weiß er zu berichten, daß viele Ereignisse auf Provokationen jüdischerseits zurückznführen feien, und tut in der Kammer und im Senat so, als ob ihm vieles unbekannt wäre; was ihm jedoch bekannt sei, werde er unbedingt abzustellen trachten. Sogar der Ministerpräsident Averescu hat zu dieser Frage Stellung genommen und dem Unterrichtsminister Pctrovici ebenso wie Herrn Goga Aufträge erteilt, der antisemitischen Studentenbewegung hart an den Leib zu rücken und sic nach Tunlichkeit ein für allemal zu unterdrücken. Die große Welt vernahm diese Botschaft des Premierministers, und bas war in gewissem Sinne eine Reklame für den ehrlichenund guten Willen Averescus. Ja noch mehr, man ließ durch« offizielle Agenturen die Nachricht in die Welt lancieren, daß man die Prozesse von Piatra Neamti (Verurteilung von Juden zu zwei Jahren schweren Kerkers wegen Notwehr bei antisemitischen Ueberfällen) und Kimpolung (Freispruch des Mörders Totu) einer Revision untntziehen werde. Natürlich ist in dieser Sache nichts geschehen, nur daß sich ein gleichartiges Ereignis wiederholte. Das Geschworenengericht in Jassy verurteilte den Herausgeber der '„Lumea", Herrn Hefter, zu. 10.000 Lei Strafe und zu 15.000 Lei Schadenersatz an Cu^r, well er einen im „Viitorul" erschienenen Artikel, der sich mit Cuza beschäftigte, in seiner Zellung abgedruckt hat! Darüber wird die offizielle Preßagentur natürlich nichts zu melden wissen. . Am 21. März hatten (wie von uns bereits kurz berichtet) der Deputierte Dr. Ebner unb Senator Klüger mit dem Goga eine Konferenz, in tvelcher sie abermals die ganze Frage der antijüdischen Exzesse aufrollten.. Der Minister hörte die Beschwerden der jüdischen Vertretung an und meinte, daß auch Juden Exzesse verüben und daß die Notlage der rumänischen Studenten eine so große sei, daß sie aus Neid die jüdischen Studenten überfallen und attackieren. Dies ist entschieden eine sehr kuriose Antwort eines Innenministers. Es ist lächerlich, zu behaupten, daß jüdische Studenten jemals Exzesse an der christlichen Bevölkerung, verübt hätten, cs ist geradezu absurd, lvenn man die antisemitische Bewegung damtt begründen wlll, daß die christlichen Stn-. denten die jüdischen nur deshalb überfallen, weil diese angeblich wohlhabend sind. Es ist eine bekannte Tatsache, daß alle wohll dm jüdischen Studenten im Aus-, lande studieren, well iie vor Ueberfällen geschützt sein wollen; die Sttrdenten, die in Rumänien bleiben, rekrutieren sich aus den ärmsten Bevölkerungsschichten, und srjsten in den Universitätsstädten ein kümmerliches Dasein. Während der Staat für die rumänischen Studenten- Heime im In- und Auslande Millionen ausgibt, natürlich auch aus jüdischen Steuergeldern, bekommen die jüdischen Studente:cheime vom Staate gar keine UnterstüMng, nicht einmal Schadenersatz für die eingeschlagenen Fensterscheiben. Es ist ein wahres politisches Komödiantentum, wenn ein Minister jüdischen Parlamentariern solche Erklärungen gibt. Mer noch mehr, die Komödie erreicht darin ihren Höhepunkt, daß, während der Minister über seine loyale Stellung zu den Minderheiten im Senate spricht Und während ex mit den jüdischen Parlamentariern verhandelt, zu gleicher Zeit antijüdische Ausschreitungen in Jaffy unter den Augen der. Behörden von dm Studenten inszeniert tverden, wobei die Polizei nur die Rolle einer Ehrenwache abgibt und nur daun eingreift,' wenn sich die Inden, die überfallen .■ i.I— in i n.i'i——..■.■■.I—., ,1 '....i—i i werden, zur Wehr setzen. Der Innenminister erklärt, daß man gegen Studenten nicht scharf einschircitcn kann, und zu gleicher Zeit dringen zu m:s schreckliche Nachrufen von Ueberfällen auf jüdische Reisende auf der Strecke Bclz—Jassy. Greise, Frauen und Kinder wurden ans dem fahrenden Zug hinausgeschleudert. In der letzten Zeit bereist, man w-eiß nicht, in wessen Auftrag, der amerikanische Oberst Am ent die einzelnen Städte Rumäniens in Begleitung eines ganzen Stabes von Regierungsoffiziellen und empfängt jüdische Delegattonen. Er erklärt, er sei hier in privater Eigenschaft, ivünsche aber von den Juden zu erfahren, ob im Larü)e Pogrome ftattgefunden haben, ob sie die gleicher: Rechte wie die Rumänen genießen, ob... Selbstverständlich wird auch hier eure politische Komödie gespiell. Die vorgeladenen Personen können in Amvesenhell von Adjutanten und Präfekten nichts sagen, was ihnen von der Regierrmg nicht übel genommen rverden wird. Sie können aber auch , nicht die vorgekommmm anttsemllischen Exzesse negierm, weil sie sie selbst am eigenen Leibe verspürt haben. Und so bekommt dieser Kundschafter nicht die Wahrheit zu hören, rvird dann in seine Heimat zurückkehren und all das erzählm, was er von den jüdischen Delegationen gehört hat und als Wahrhell annimmt. Die Wahrhell selbst wird sicherlich nicht ans Tageslicht kommen. Interessant war die Antwort, die der gewesene Senator von Kischinew, Rabbiner Zirelsohn, dem Oberst Ament erteilte: er möge mit ihm unter vier Augen über die Lage der Juden in Rumänien sprechen! Wenn er darauf nicht erngehen könne — und er ging darauf nicht ein — Veriveigere er jede Auskunft. Durch diese Art Politik tvird eS zu keinem Einverständnis zwischen Rumänen und Juden kommen. Die Regierung wird nur dadurch, daß sie alle Exzedenten kategorisch bestrafen wird, den richtigen Weg gehen und so die „antirumänische" Auslandspropagandk mll einem Schlage beseitigen. Man kann heute die Welt nicht täuschen, weil sie sich eben nicht täuschen läßt. Man kann nicht salbungsvolle Reden in den gesetzgebenden Körperschaften halten und von Loyalität gegenÄer den Juden sprechen und zu gleicher Zell dulden, ja vielleicht sogar gutheißen, daß Juden in Jassy, und in Bukarest mißhandelt werden. Es ist höchste Zell, daß die Regierung diesem Spiele ein Ende macht und ihren jüdischen Staatsbürgern gemäß der Verfassung und den Friedensvertrügen vollsten Schutz ihres Lebens und ihres Eigentums gewährleistet. Maganu. Darmieideside nehmen mit bestem Erfolge „BOLUCARBON**, zusammengesetzte Tierkohle-Tabletten. Bolucarbon, von ärztlichen Autoritäten empfohlen, bestbewährt bei-BIähungen- Aufstoßen, akuten und chronischen Magen- und Darmbeschwerden etc., sind., in der.Apotheke C. BRADY, Wien, I., Rotenturmstraße 18, Ecke Fleischmarkt, stets lagernd, wo auch Literatur gratis erhältlich ist. Postversand überallhin. M Wahlen. Obwohl die Christlichsozialen mit ihren KaM'oatewaufstellungen schon fertig sind, wurde doch die für heute . angekündigten Veröffentlichung der gemeinsamen christlich-' sozial-grohdeutschen Liste noch weiter in Sch'webe belassen. Es scheint, daß mit der fixen Aufstellung der Wiener Nationalratskandidaturen :wch zugcwartet Witt», bis auch in den Ländern die Einhellsfront der Christlichsozialen mll den Großdeutschen restlos hergestellt ist. In den Ländern sind nämlich bei den Christlichsozialen gewichtige Bttrenken aufgetaucht, ob denn die Zubilligung von sicheren Mandaten an die Großdeutschen den erhofften Erfolg bringen werde. Der Landbnnd zeigt sich sehr ruhig und dürfte einen erheblichen Teil der großdeutschen Wähler der Einheitsfront wegfischen. Zn allem Ueberfluß wurde gestern noch das von der kirchlichen Obrigkeit wider den Führer der Wirtschaftspartei, bei: geistlichen Professor Dr. Ube, erlassene Redeverbot aufgehoben. Die Partei wird sich mit einem antikorruptionistischem P r o g r a m m im ganzen Bundesgebiet an den Wahlen beteiliget:. Eine Reihe von Angestellletwrganisationen hat sich bereits mit dem Ude-Verband solidarisch erklärt. Der von christlichsozialer Seite vorgeschlagene Zitfammenschlnß mit der antimarxi.strsche.n Einheitsfront tvurde g rundsätzlich,abgelehnt und ein voreiliger Pakt eines Wiener Parteifunktionärs sistiert. In die Einheitsfront der Christlichsozialen u:ü> Großdeutschen wurde auch die Hornikpartei ausgenommen. Im ersten Wiener Wahlkreis (ly 3. und 4. Bez.), der sechs Mandate hat, ist ihrem Kandidaten Dr. Kink die v i c r t e Stelle zugesichert worden. Spitzenkandidat ist. dort Dr. Seipel, an zweiter Stelle steht Unterrichtsminister Schmitz, an dritter der großdeutsche Partei- Präsident Dr. Wotawa. Im zweiten Wahlkreis (6., 7. und 8. Bez.) kandidieren Finanznnnister Dr.« Kie nbück und Minister a. D. H e i n l sowie der großdeutsche Beamte«- vertreter Dr. Lutz, im drittelt Wahlkreis (9., 18. mrd 19. Bez.) die Christlichsozialen Dr. Odenahl und Parti? und der Großdeutsche Dr. Waber. Im Wahlbezirk Leopoldstadt-Brigitteuau-Floridsdorf soll Dr. Walther Niehl als Vertreter des hakenkreuzlerisch orientierten Flügels der Großdeutschen an dritter Stelle hinter Dr. Mataja und Volker kandidiert werden. Auf der Eiicheitsliste wird selbstverständlich auch der Pogrommrtisemiit Dr. Jerzabek nicht fehlen. Sie Sprengung vöü MismmlMgen in m AMeiiSttl Trotz des abgeschlossenen Burgfriedens werden die jn« dijchen Wählerversammlungen in d?r Brigittenau von sozialdemokratischen Agitatoren und ihrem Anhang besucht und gestört. Es scheint sich hier vielfach um dunkle Elemente zu handeln. Einer der vorlautesten Schreier ist, wie festgestellt werden konnte, ein gewisser Gottesdiener recte Klein mann. Er harnnguiert die erschienenen Sozialdemokraten, hält Reden im Namen der Partei, fordert die Genossen attf, seinem Kommando zu folgen. Dieser Gottesdiener ist ein Mensch, der wegen betrügerischer Gebarung mit Vereins- und Armengel-dcru aus einem jüdischen Vereine entfernt wurde. Die sozialdemokratische Organisation wird gut tun, diesen Mann, der. sich früher auch in der zionistischen Organisation Unbemerkbar rnachte, gründlich äbzuschütteln. Re Anleihe her AM Wien. Der Finanzausschuß der Gemeinde Wien hat gestern M'ch einem Referat des Stadtratcs,B r e i t it c r die Vorlage über die Aufnahme einer I n v c st i t i o n s a n t c i I) c von 30 Millionen Dollar angenommen. Cbcrlso wurde die Vorlage über die bereits geimldete Ermäßigung der Frerndenzinnnerabgabe unter der Vorcntssetzung, daß die dadurch erspartet: Beträge fiir Investitionen verwendet werden, m:- getwmmen. Beide Borlagci: Iverdeu heute den Stadtsemll und Freitag den Wiener Landtag beschäftigen. Schlaswagen dritter Klaffe in Sefterreich. Die Generaldirektion der Bundesbahnen hat sich tmnmehr entschlossen, Schlaftvagen dritter Klasse, wie sie in anderen Staaten schon seit längerer Zeit eingeführt sind, probeweise in Oesterreich zuzulassen. Der Versuch soll zunächst auf der Strecke Wien—Bud apcst unternommen werden, da diese Linie auf ebenem Gebiet verläuft Die Durchführung dieser Neuerung ist nämlich in Oesterreich deshalb schwierig,, weil infolge der bergige:: Trassen der österreichischen Bahnen eine Erhöhung des Zuggewichtcs durch neue Waggons ziemlich ins Geivicht fällt.. Für die Benützung des Schlafcoupes soll außer dem Fahrpreis dritter Klasse mit ein geringer Zuschlag zu entrichten sein. Ä» Pfarrer «ater Mordverdacht. Llus Berlin wird gemeldet: Gegen du: Orts Pfarrer Schnoor des Dorfes KönigsHorst in Preußen, ist aus eine anonyme Anzeige hin ein Ermittlungsverfahren wegen Mordverdachtes emgalellet: worden. Wie der. „Montag Morgen" erfährt, soll der Anzeige nach der Pfarrer noch zu Lebzeiten seiner Frau ein Verhältnis mit seinem 16 jährigen. Dienstmädchen gehabt haben. Deswegen sei er im Dezember des Jahres 1918 von seinem Schwager, dem Leutnant Wirth zu Rede, gestellt Ivordeu. Kurz darauf ivuvdc der .Leutnant erschossen ausgesunden. Der Pfarrer erklärte seinerzell, twß der Mord an seinem Schwager von Einbrechern begangen worden sei. Die Kirchenbehörde erhebt gegen die Kriminalpolizei die Beschuldigung, daß sie einen Mißgriff gangen habe, dem: der Leutnarll sei vor den Augen des Pfar- ■ fterä von Kommunisten erschossen worden.!- f Re AUimns des Wiener i# HWrWen Mnsreffes. m Reden Dr. Alderts und Romain Rollands. In schlichter, wissenschaftlichem Weset: entsprecherüier Weise wurde gestern vormittags an der Wiener Universität der aus Anlaß der Beethoven-Zentenarfeier nach Wien einberufetre mnsikhistorische Kongreß eröffneü Nach einer kurze::. Erössnur:g durch Professor Doktor Guido Adler führte Professor Dr. Hermann Albert, Berlin, u. a. aus: „Wir erleben in dieser: Tagen daS erhabene Schauspiel, daß sich um eine:: Meister hundert Jahre nach seinem Tode die ganze gebildete Welt zusammenfindri, und zrvar ohne jebc besondere Propagarida, rein aus innerem spontanen Drang heraus, und das zu einer Zell, :vo auf allen Gebieten unter den Völker:: der alte Hader und Zwietracht noch nicht erloschen sind. Sv ist uns denn Beethoven heute wirklich ein Gottgesandter, der uns das Mahntvort zurufeu sott, daß die Menschen Meder Brüder sein mögen. Wir können Beethoven gegenüber überhaupt kein eigenes Urteil haben, sondern :mr liebevoll betrachten, was, vorhanden ist, mü> müssen darauf vertrauen, daß die Hingabe an das Sichtbare dereinst auch das llnsichitbare uns erschließen wird. Nur eines ist sicher, daß der Weg zu Beethoven nur über Beethovens Persönlichkell führen kann. Was diese betrifft, können wir immer wieder nur staunend beivundern, wie bei ihm weit größer, weit stärker als alles sein Wllle und seine Kraft waren, mit den chaotisch^ Stürmen des Innern fertig zu werde,: und sie zu meistern. Es ist das Ringe:: eines großen und berühmte: Geistes mn das höchste sittliche Ideal und sein letztes Ziel; die Gemeinschaft aller im Zeichien des freien Me::- schentums predigt er mll der inbrünstigen Glut des geborenen Glaubensstrellers. Romain Rolland, mll minutenlangem Applaus begrüßt, sagte: „Ich überbrlnge ihm, der der Geführte einer ganzen Generation war, den Dankgesang einer ganzen Genemtton. Sie wissen es so :vie ich, daß ex' so vielen fett ihrer Jugend der Tröster war, die Zuflucht in schwxp

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