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Wiener Morgenzeitung · 1927-03-27 · Heft 2902 (27.3.1927) · p. Seite 3

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
9 (1927)
Issue
Heft 2902 (27.3.1927)
Date
1927-03-27
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 2902 Men, Gmmtng Wiener MsegenzeMmg 28. SMrz kSSk 0öfteS Tagesbericht. Re Veethovenfeier. SeSversammlung im Muflkvereinssaal. Gestern vormittags wurde, die Bce.thove:v-Zentenavfeier mit einer Festversammluug im Großen MusikveremKsaal eröffnet. Die Feier erhielt internatioual-kullerelles Gepräge durch die Anwesenheit der Vertreter aus d r e i z e h n S t a a t e n. Irr den Logen bs;$ Musikvereinssaals faßen der Bundespräfident Dr. Harnisch, der Bundeskanzler mit einigen Mitgliedern der Regierung, der Bürgermeister, ferner die Vertreter der ausländischen Staaten: für Frankreich Untcrrichtsminister Herrivt, für Belgien Außenminister V a n d e r v e l d e, für Deutschlarrd Innenminister Kendell, für Italien d?r Komponist; Pictw Mascagni, für Polen Minister a. D. Twardowski, für die Tschechoslowakei Unterrichtsminister Dr. Hob za, für die Niederlande Dr. van Bürest e y n, für die Schweiz der Konrponist D o r e t, für Rumänien der Direktor des Bukarester Konservatoriums Ottescu, für Jugoslawien der Wiener Gesandte Milojevic, für England der Gesandte Viscount Chilfton, für die Vereinigten Staaten ihr Gesandter W ashburn, für Ungarn Minister Dr. V a sz; ferner waren der päpstliche Nuntius, Polizeipräsident Schober, Delegierte der Hochchulen, Vertreter der obersten Behörden Oesterreichs urtd Wiens, Angehörige der Familie Beethoven, eine Reihe von 'Musikern und Künstlern erschienen. I Die Versammlung wurde mit der Aufführung eines lange verschollenen Jugend Werkes Beethovens, der im Jahre 1790 in Bonn komponierten Kantate auf den Tod Kaiser Josef II., die erst in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts wieder aufgefunden wurde, eröffnet. Felix Weingartner dirigierte das Sym-- phonicorchester und den Singverein, Gertrude Förftel, Emilie Nntschka, Richard Mayr und Hermann Gallos sangen die Soli. Die Kantate, in der einige „Fidelio"- Motivc vorweggenoinmen sind, wurde mit tiefster Ergriffenheit angehört. Hierauf begrüßte im Namen des Exekutivkomitees der Zentenarfeier derbekannte Musikhistoriker Hofrat Dr. Guido Adler die Versammlung, sodann sprachen der Bundespräfident, der Bundeskanzler, der Unterrichtsminister und Bürgermeister Seitz. Es folgten die Ansprachen der ausländischen Staatenvertreter, unter denen die Reden Banderveldes unb Herr lots, welche echte, des großen Toten würdige Worte fanden, den stärksten Eindruck machten. Am besten formulierte der tschechosloivakische Vertreter Hodza Beethovens Bedeutung für die Menschheit, indem er sagte, daß in Beethoven der menschliche Geist besiegt und sich eine Welt erobert hat. Nach der eindrucksvollen Feier fand im Kleinen Mnsikvereinssaal der Empfang der ausländischen Delegationen durch den Bundespräsidenten und die Mitglieder der österreichischen Regierung statt. Herrivt eWsSngt. Bon den ausländischen Delegierten, die zur Beethoven- Zentenarfeier nach Wien gekommen sind, interessiert am meisten der Vertreter Frankreichs, Edouard Herr rot, gegenwärtig Minister für Unterricht und schöne Künste im Kabinett Poincarc, vor zwei Jahren nach dem Siege des Linkskartells Ministerpräsident der Republik. Sein belgischer Kollege Vandervelde, eine ebenso interessante poli- ZpanWe Straße. Irr mlttenMtlge Mn. — HaremlSM. — Irr elftaMe Anr. Von Armin T. Wegner. Sevilla, im März. Straßenshmphonie. Um fünf Uhr morgercs unter einem flammend gelben Himmel rveckt mich das Geschrei einer keifenden Frau. Es ist die Stimme eines Papageien, der böse und zänkisch m die erwachende Gasse schimpft. (Natürlich spricht er spanisch.) Jetzt beginnt eine Katze zu miauen, ein Esel schreit melancholisch, als beweinte er den Untergang der Welt. So hebt bis tief in die Nacht mit tausendfachen Geräuschen der Mund der Gasse zu singen an, dessen Lied iu allen Städten Andalusiens das gleiche ist. Ein Scherenschleifer verkündet mit halbem Pfeifentriller sein Nahen, zwei bettelnde Musikanten zupfen die Mandoline. „Canayas y bocas! Agua! Agua fresca! Que buenos melones como almibar!" (Seemuschelu! Wasser! Frisches Wasser! Gute Melonen, süß wie Honig!) ertönen die Rufe der Straßenverkäujer. Unter der Tür meines Hauses küßt eine Mutter ihr Kind nach andalusischer Art so lange und heftig, daß es wie das Zwitschern von Vögeln klingt. Eine männliche Stimme beginnt, sich laut und ausgiebig zu räuspern; dieser Ton in dem Konzert der andalusischer: Straßensymphonie darf nicht fehlen. Es gibt andere Südländer, die spucken; aber sie tun cs uidjt mit der gleichen Mscheulichkcit, elefantenhaft laut unb wie vor dem Arrsbruch einer Seekrankheit. Um sieben Uhr abends ist die Stunde der mechanischen Klaviere gekommen. Um zehn Uhr kräht zum erstenmal der Hahn, lvas er bis Mittemach ununterbrochen fortsetzt. Offenbar hat er die Gewohnheiten seiner andalnsischen Landsleute angenommen, die erst nur diese Zeit ihren Tageslauf beginnen. Der Schleier Arabiens. „Drei kostbare Vermächtnisse haben uns die Araber hmterlassen," sagt ein spamscher Dichter, „die schivar-¬ tische Persönlichkeit wie Herrivt, ist dem lebhaften Interesse der Journalisten weniger zugänglich, da er es vorzieht, langsam auf der Ringstraße spazieren zu gehen, statt einem Dutzend auf ihn ciusiürmender Frager Rede und Antwort zu, stehen. Herriot, schon, den ganzen Tag von Vertretern der Presse heimgesucht, ist ihnen zugänglicher, rvahrscheinlich weil der Minister von Frankreich mrd Bürgermeister von Lyon aus seiner journalistischen Vergangenheit Wünsche und Nöte der Presse kennt. So bescheidet er denn alle Frager für den Abend in die stilvollen Räume der französischen Gesandtschaft. Liebenswürdig schüttelt er jedem der drei Dutzend Pressebesucher die Hand, serviert ihm dazu eine unverbi:ü>lrch-sreundliche Phrase und blickt ihn aus den ein wenig müde lächelnden Augen, die in das echt bürgerliche Gesicht einen überklugen Zug bringen, erfreut an. Man soll Fragen stellen; aber beileibe nichts von Politik: „Ich bin im Urlaub, und da habe ich die ganze Politik vergessen." So ist es natürlich schlvcr, Fragen zu stellen, wenn das Gebiet, auf dem der Vertreter einer der politisch bedeutsamsten Mächte keine Auskünfte geben will, ausgeschaltct bleiben muß. Es werden allerhand liebenswürdige Bemerkungen über die kulturelle Bedeutung Beethovens, über das österreichische Antlitz, die Regsamkeit der Oesterreicher, die Schönheit Wiens, die Schwierigkeit, Minister und Bürgermeister zugleich zu sein, über ein Reeamier- Werk Herriots, das er «ls Jugendsünde bezeichnet, und über anderes dergleichen, was man so plaudert, ausgetanscht. Aus seiner verbindlichen Reserve läßt sich der Mann mit den klugen Augen durch keinerlei Fragefallen herauslocken, auch nicht, als ein teutonischer Pressemann ihn etwas derber anfaßt und, wem» auch in kultureller Verbrämung, über die 'Anschlußfrage zu interpellieren sucht. Auch da ist Herrivt liebenswürdig und spricht — von Kultur. Es ist eben der französische „Erbfeind" noch immer geschickter als sein deutscher Widerpart, gar w-enn der großdeutsch ist. So endet das Zusammentreffen Herriots mit den Vertretern der Wiener Presse unter dem Eindruck, daß Frankreichs Unterrichtsminister auch heute noch — der bessere Journalist ist. Bor der Uraufführung des „Fidelio". Verschiebung der Premiere wegen eines Zensurverbotes. — Ein interessantes Dokument aus den Polizeiakten. — „Fidelis" bei der Premiere — durchgefallen. Ir: die Zeit ärgster Bedrängnis für Wien und die Wiener, in die Tage der napoleonischen Herrschaft im Schönbrunner Schloß, siel bekanntlich die aus manchen Gründen besonders denkwürdige Erstaufführung der einzigen Oper, die Beethoven der Welt geschenkt:'des „Fidelio", an der. er fast bis zum Augenblick des Beginnes der Proben arbeitete. Für den 15. Oktober 1805 war die Premiere angesetzt. Der damalige Pächter des Theaters an der Wien war Peter Frecher v. Braun, der artistische Sekretär und Dramaturg Josef v. Sonnleithner. Die Vorbereitungen zur Aufführung des „Frdelio" waren im vollen Gange, Beethoven nahur an den Proben regsten Anteil. Da siel zwei Wochen vor dem Äufsührungstermin gleich einer Bombe das Zensurverbot des Librettos ins Haus. Der Zensor vermerkte einfach ohne weitere Begründung, das Textbuch sei „z u r A u f f ü h r u n g n i ch t g eeigne t". Die Biographien Beethovens haben merkwürdigerweise weder von der Verschiebung der Uraufführung der Oper noch von der Ursache dieser Verschiebung Notiz äugigen Schönen, die Palmer: und die klassische Mantilla, den andalusischen Schleier." Einst dazu bestimmt, als Frauenmantel das Gesicht nach den Geboten des Islam bis an die Augen zu verhüllen, ist er' in: Wandel der Zeiten zu einem reiner: Schmuckstück geworden. Wer nicht nur in der Mantilla zeigt sich das starke Nachwirken arabischer Einflüsse im Lande. Das ganze Leben der Frau, die fast nie mit dem Manne gemeinsam ausgeht, mit ihrem geringen Bildungsgrad ausschließlich auf die Häuslichkeit beschränk, erinnert noch heute an das Gefangenenleben des Harems. Die Fenster der Häuser sind rvie in den maurischen Städten rnit Gittern versehen, die großen, eisernen, nach innen offenen Käfigen gleichen. Die Räume licger: un: einen großen, sonnengeschützt«:: Hof, so daß sich das ganze Leben des Hauses nach, innen richtet. Ir: die Höfe (Patios) kann man von der Straße aus durch das Eingangsgitter hineinsehen. Der Fußboden der Vornehmen ist mit Marmor getäfelt, die Wände sind mit Kacheln belegt. Zwischen Palmen und der bunten Stickerei der Blumen steht die weiße Säule eines Springbrunnens wie ein schmaler, silberner Faden. An Arabien erinnern auch die enger: Gasser: dieser Städte, die flach,er: Dächer der Häuser, arabisch sind die Bewässerungskanäle des Landes, sein« Lieder, Tänze, Sitten und Gebräuche, die Mosaik arbeit seiner Schmuckstücke, seine Schimpfworte unb Gebärden, sowie die Zubereitung seiner Speiser: in vieler: kleinen Gerichten. Selbst, die Pflanzenwelt Andalusiens ist arabisch-afrikanisch Berberfergen, Reis, Maulbeerbäume führten die Mauren ein, und in Elche besitzt diese Provirrz einer: PalmeMvald, wie mar: sie in gleicher Ausdehnung rrur an den Ufern des Tigris findet. Am stärksten spricht die Bedeutung der arabischen Kultur naturgemäß ausi den Baudeirkmälern jener Zeit, dem vielhundertstämmiger: Säulenwald der Kathedrale von Cordoba, oder aus der Giralda, dem einstigen Gebetturm Sevillas, lieber allen Menschen und Dingen des Landes liegt jene geheimnisvolle Mantilla ansgebreitet, der Schleier Arabiens, drrrch den das christlich^-europäische Spanien seltsam derivcmdelt und mit verführerischem Lächeln hindurchblickt. M machen Sie jeden Abend? „lek-lasse midi tritt Diaaa-Pranzbranntwetti massiere«!** „Wann« gerade mit V ienn a b r a n n t w e I »?** „WeH Ich mich überzeugt habe, daC^mir Massage mit DIANA Franzbranntwein mit Menthol solche Schmerzen lindert, welche von Ueberanstrengung und schwerer Arbeit herröhren. Eben darum kaufe Ich nur Dlana*Franzbraitntw@ia und nichts anderes." Uestacrcxll esrlftttltflfielB. genommen, und erst dem um die M-Wiencr Litevaturforfchung bemühten Karl Glosfy blieb es Vorbehalten, das Geheimnis dieser Verschiebung zu lüften. Josef v. Sonnleithner, der bekannlich das Libretto der Oper „Leonore ou I'amour conjugal", die -her Franzose Gaveaux sieben Jahre zuvor komponiert hatte, für Beethoven bearbeitet hat, setzte nun alle Hebel in Bewegung, die Zensur anderen Sinnes zu machen. In den sogenannten Polizeiakton des Ministeriums des Innern befindet sich auch ein Brief Sonnleithners cm den vielnwgenden Staatsrat Stahl, der n. a. besagt: „Verehrungswürdiger Herr Staatsrat! Schon vor cnwerchalb Jahren habe ich. die französische Oper „Leonore ou l'amour conjugal" frei bearbeitet und unserem vortrefflichen Beethoven zun: Komponieren gegeben. Die Oper ist komponiert, zur Aufführung am Theresientag bestimmt, die Proben haben angefangen, die Voranstal« teil sind getroffen und — den 80. September erhielt ist das Buch mit dem Verbot der Aufführung zurück. Was für ein Donnerschlag das für mich lvar, überlaffe ich Ihrer Beurteilung. Da ich mit meinem Kopfe dafür haften wollte, daß der Gegenstand nicht nur keinen widrigen Eindruck machen kann, sondern den vortrefflichsten machen muß, habe ich die Oper gestern mit einer gehorsamsten Vorstellung wieder vorgelegt, und um die Gestattung der Ausführung gebeten und bitte Sie, Herr Staatsrat, das Ihrige zur Erreichung meines Wunsches beizutragen. Es ist wahr, ein Minister mißbraucht seine Gewalt, aber nur zur Privaisache — in Spanien im sechzehnten Jahrhundert —, aber er wird bestraft, durch den Hof bestraft mrd der Heroismus steht der weiblicher: Tugend gegenüber. Ich wiederhole es, daß ich mit meinem Kopf für den guten Eindruck dieses im höchsten Grade moralischen Stückes haste und empfehle es Ihrer Gerechtigkeitsliebe. Ich bin mit wahrer Hochachtmrg Ihr gehorsamster Diener Sonnleithner, Hoffekretär. Bon Haus, den 3. Oktober 1805:" M ü ß i. g g ä n ge r, B e t t le r,.A r g e um e r. Womit beschäftigt sich der Andalusier? Reisende %• haupten boshaft, daß cs nur zwei Berufsstände in Andalusien gibt: Leute, die Schuhe putzen, und solche, die sie sich Pichen lassen. Aber zum mindestens die Tätigkeit des Losverkäufers, des Fremdenführers, der Bettler und Zigeuner erfreuen sich nicht geringerer Beliebtheit.. Gibt es etwas angenehmeres, als zwischen den Tischen der Kaffeehäuser hinschlendernd Lotterielose zu verkaufen, die überall guten Absatz finden, weil jedermann in Andalusien cs für unter seiner Würde hält, Lus andere Art GE» zu vierdinen als ohne Arbeit. Fragt man ein junges Mädchen nach seiner Tätigkeit, so erhall man in der Regel die Anttvort: „Ich gehe spazieren." Besonders auf den Bahnhöfen der kleinen Städte versammeln sich zu einer täglichen Promenade rveiblichs und männliche Jugend, Verkäufer unb Nichtstuer belagern neugierig eine Viertelstunde dm durchfahrenden Zug, bis nach dem umständlichen Läuten der Glocke der kleine Bahnhof inmitten der weiten Ebene wieder in Schweigen versinkt. „Im Schweiße deines AngGchtes sollst du dein Brot essen." Die Auffassung der Arbeit als eine Folge dieses biblischen Fluches führt zu einer ständigen Ueberfülkmg der Bettlerberuse. Gesellt sich ein körperliches Gebrechen hinKll, so ist es ein besonders einträgliches Gewerbe. Krüppel strecken den Vorübergehenden schamlos und in ekelerrengender Weise die nackten verstümmelten Glieder entgegen, die geschmolzen«: Eisen gleichen. Nicht wenige gibt es, die nach einer Verletzung absichtlich zu spät zum Arzt gehen, um durch ihr Gebrechen eine mühelose Einnahmequelle zu gewinnen. Denn die Mildtätigkeit ist nach den Lehren der katholischen Religio:: in Spanien ein verdienstliches Werk. Mit einem schmelzenden „Signorito simpathico" (Geliebtes Herrchen!) verfolgt schon der fünfjährige Knabe hartnäckig wie eine Wespe den Fremd ein Nur der Einheimische weiß, wie er sich durch ein^„perdone hermano!" (Verzeihe, mein Bruder!) loskaufen kann, das rnchts ist als eine Verbeugung vor der Würde des Bettlers.

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