Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 2902 (27.3.1927)
- Date
- 1927-03-27
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Wien, Sonntag Wiener Morgenzeituns 27. März W27 Re. 2902 WIENER MORGENZEITUNG KUPON zu dem Kreuiwort"Rltiel Nr. 43 Ae FrEuns-Trompeterr. —y, Wien, 27. Marz. Dir bürgettich-dezttotvatische Partei ist nicht in dir Einheit^ronL äufgenotmuen worden und sie muß ettttmLer einen »Kliert Weg suchen, der zur Wählerschaft, das heißt $um Mandat führt, oder sie nkuß wieder in dir bescheidene Stille ^trifcftrriCTt, die K^er ihr Msnahmsstübchen verschSnte. W gicht ein sehr neuer Wind und er duldet keine Halbheiten und Zwieftälttgketteu. Hätten sich diese bürgerlichen Denrokraten wirklich eingebildet, die Christlichsozialen würden ihnen helfen, bannt im Nationalrat dem zünftlerischen Wirtschaftsdenken die liberale Weltanschauung entgegentretm rönne? Das christlichsctziale System führt direkt zum alten Obrigkeitsstaat, zu einer Institution, mit der sich der Liberalismus niemals befreunden kann und gegen die er immer ausgetreten ist. In den. Kümpfen des Bürgertums gegen den Feudalismus ist ja der dritte Stand gebildet worden, der dann die großen Befreiungsschlachten geschlagen hat. Es!mrd mm niemand unseren bürgerlichen Demokraten revolutionären Impuls zumuten. Gegen solche Vorwürfe sind sie gefeit. Mer die Christlichsozialen müssen ihren eigenen Besitzstand, mich der: geistigen schützen. Sie sind in der Hauptsache in der Stadt die Vertreter des Kleinbürgertimrs, das stets eifersüchtig ist und am liebsten zur Innung zurückkehren möchte. Die Christlichsozialen sind aber auch eure rein konfessionelle, römisch-katholische Partei, die U«n einmal diesen Demokraten keine jüdischen Stimmten zur Verfügung stellen kann. Bei den Christlichsozialen ist >es feste politische Meinung, daß Demokratie eine jüdische Angelegenheit ist. Wenn es also eine Partei solchen Naniens und solchen Strebens gibt, so möge sie sich ihre Mandate anderwärts holen. Mit Demokratie hat diese Partei twu sehr wenig zu trm. Sie ist als Partei Zunächst überhaupt nicht vorhanden. Es ist eine vor den Wahlen sich bildende Zweckge- Meinschast von Personen, die irgendwie zur Geltung komttkn wollen. Sie haben zu den Christlichsozialen wie zu den Sozialdemokraten keine Verbindung; sie sind zu intellektuell, um feudalistisch zu empfinden, zu bürgerlich, um das proletarische Denken zu erfassen. Sie haben in der Be- Mkerung keinen Boden. Die Masse weiß nichts von ihnen, bricht die deutsche, nicht die jüdische. Und was diese letztere betrifft, so wäre es doch eine zu starke Spekulation aus schlechtes Gedächtnis, wenn diese Demokratie gerade hier .Vertrauen suchen wollte. Wo ist diese bürgerliche Denrokrafte gewesen, als die jüdischen Flüchtlinge schikaniert und von der Gastfreundschaft beschimpft wurden? Wo ist sie gewesen, als das Optionsrecht zertreten wurde? Ms an den Hochschulen der Terror einsetzte? Wo war der Freisinn Und das freiheitliche Denken, als sich unter dem Namen von Studentennationen ein Ghetto an die Bildungsstätten einfchmnggelte? Worin besteht eigentlich die Demokratie hier in Oesterreich? Sie ist ein unrichtig gewählter Name, der an tief verborgene Synchathien in der Volksseele rühren soll. Demokratie ist Bekenntnis zum Volk, zu einer freien Auffassung von Menschen rmd Dingen, zur Unbefangenheit und Vorurteilslosigkeit. Demokratie ist freies Spiel der Kräfte, Ausschaltung 'der 'Gewalt und unbedingteste Anerkennung des Rechtes als das leitende Prinzip ber Gemeinschaft. Was sich in Oesterreich demokratisch nennt, hat sich gegen jede Demokratie vergangen, in beit letzten Jahrzehnten vor dem Krieg und in den Jahren nachher. Die Demokraten glauben, es genüge, einen für hunderttausende heiligen Namen zu nennen und eine Fahne zu heben. Aber die Wähler sehen sich die genau an, die die Fahne tragen und sie prüfen, was diese Personen getan haben, um in Oesterreich gegen Klasserlkampf, gegen die antisemitische Pest, gegen die Reaktion anzukämpsen. Die Demokraten sind jahrelang nicht zü sehen und nicht zu hören. Sie decken jede Schutzzöllnere:, jede Rückwärtsbewegung der herrschenden Schichten, sie mukken nicht dagegen auf, daß dieser Staat das Beamtenproblem nicht löst, daß er sein Geld in eine unnütze Armee steckt, daß das Rechtsempfinden verloren gegangen ist, und daß Oesterreich, das vermöge seiner Lage auch im Völkerbund einen vornchmen Platz hätte haben können, der unbeachtete Kleinstaat geblieben ist. Die Demokratie kümmert sich nicht um dir Völkerbundliga, nicht um die Wissenschaft, läßt die Kulturinstitution widerspruchslos dem Ungeist des Chauvinismus anheimsallen und verkriecht sich vor der Agressiviiüt von links und rechts ohne Gegenwehr in ein Mauseloch. Sic kommt jetzt und traft das Vertrauen des Wählers, vor allen: des jüdischen. Auf ihn hat sie es ganz besonders abgesehen. Die Zeitungsorgane des so: disant-Froisinns entdecken ihr Herz und wimmeln von Beschwörungen des Bürgertums, des jüdischen nämlich. Sie erinnert: darau, was die Demokratie getan hat. Das ist Vergangenheit und die Demokratie von heute hat mit diesem Gewesenen nur noch den Nanten gemeinsam. Sie ist der Verrat an allen jüdischen Forderungen, sie ist die mutlose Angleichung an eine Welt dort Feinden; sie besteht aus Juden, lehnt aber Judentum in jeder Art. ab. Die jüdischen Wähler werden das am 24. Wprit quittieren, indem sie Kur fftc sich stimmen : für die jüdische Liste. mim zum jüdischen Wandmmgs- Problem. Von Dr. Leo GvUchammrr. Zioei Lüerke, die vor kurzen: erschienen situ», geben Arllaß, sich neuerdings mit den gerade für die irrittricitro* päifchen Staaten besonders bedeutungsvollen Wanderungsprobleruen zu beschäftigen. Die eine Arbeit ist die des Sekretärs des Internationalen GewerkschastsbundeS John W. Brown und betitelt sich „Das Wanderungsproblem uttd die Arbeiterklasse' (Verlag des Internationalen Getverkschaftsbnrides, Amsterdam), die zweite von S. Alttttattn, „Die Geschichte der Wanderungen" (KommissiottZverlag R. Lechner, Wien). Während also die erste Schrift die Bedeutung der Wanderungen für die Arbeiterklasse auseinandersetzt, ist die zweite mehr der geschichtlichen Entwicklung der Wanderungen bei allen Böllern und zu allen Zeiten gewidmet. Beide Werke behandeln u. a. auch die jüdische Wanderung, doch werden in beiden unseres Erachtens die Ursachen, die zu den fortwährenden Judenwandcrungen sichren, unrichtig wiedergegeben. Brown läßt fiir die jüdische Wanderrmg nur die Gründe gelten, die bei allen Böllern der Erde zutreffen, während Alttnann die Judenverfolgungen, als die ausschließliche Ursache der jüdischen Ernigrationsbeweg ung ansiehl. Seine Behauptung, daß „seit der Däimnenrng der Geschichte Bedrückung und Verfolgung das Schicksal der Juden war; seit Tausenden von Jahren sie die Opfer der bösen Geister des Hasses sind; daß, wo immer sie sich nittterlassen, wo. immer sie versuchten, der Natur ihre Erhaltung abzuzwingen, sie auf Widerstand, Vorurteile und Hindernrsse von seiten ihrer Nebenmenschen stießen", ist wohl als Folge, nicht abep als Ursache der wirtschaftlichen, sozialen und ökonomischen Verhältnisse der Juden anzusehen. Es kann nicht oft genug wiederholt werden, daß alle jene Umstände, die bei anderen Völkern die Wanderung überhaupt Hervorrufen, wie zum Beispiel: Uebergang der Wirtschaft von der Agrikultur zur Industrie, religiöser und Rasftn-Antigonismus, politische und wirtschaftliche Gesetzgebung usw. bei den Juden lediglich als verstärkende Momente für ihre Wanderungen anzusehen sind, nicht Nagen- II. Damtleldende nehmen mit bestem Erfolge „BOLUCARBON“, zu sammengesetzte Tierkohle-Tabletten. Bolucarbon, von ärztlichen Autoritäten empfohlen, bestbewährt bei Blähungen- Aufstoüen, akuten und chronischen Magen- und Darmbeschwerden etc., sind ln der Apotheke C. BRADY, Wien, Rotenturmstraße 18, Ecke Fleischmarkt, stets lagernd, wo auch Literatur gratis erhältlich Ist. Postversand überallhin, •$ " , aber als die Ursache. Diese ist einzig und allein darin zu' suchen, daß die ökonomische und soziale Gliederung der Juden eine abnormale ist, abnormal aus den: Grunde, weil die wichtigste ökonomische Klasse ihnen fehlt, die der Urproduzenten: der Bauernstand. Welche Bedienttrng das Wanderungsproblem für die Juden hat, geht aus folgender Tatsache hervor: In den Jahren 1901 bis 1925 waren unter 17,170.110 Einwanderern in den Bereinigten Staaten' von Nordamerika 1,749.988 Jude n. Die Juden stellten somit fast 11 Prozent der gesamten Einwanderung in die Vereinigten Staaten dar, also ein Vielfaches des Prozentsatzes, den sie im Verhältnis zur gesamten Bevöllertmgszisfer Europas bilden. Noch krasser kommt dies zum Ausdruck, tvenn mar: bedenkt, daß in dieser Ziffer die Tatsache enthalten ist, daß fastein Fünftel der gesamten In denschaft der Welt inner h a lb 25 Jahren ihren Wohnsitz .verlassen hat :md in die Vereinigten Staaten Nordamerikas übersiedelt ist. Die jüdische Einwanderung nach dem nordamerikanischen Kontingent beträgt in den 25 Jahren (1901 bis 1925) 1,848.776 Personen; es sind also durchschnittlich in jedem Jahre 73.950 Juden unterwegs gewesen. Auch in der beruflichen Zusammensetzung kommt die Verschiedenheit in den Wanderungsproblemen bei den Juden und Nichtjuden zum Ausdruck. In den Jahren 1900 bis 1925 waren von den in Nordamerika eingewanderten Juden 45,2 Prozent ohne Berufe, 35,2 Prozent gelernte Beruft, 18,5 Prozent verschiedene Berufe (landwirtschaftliche Arbeiter, Taglöhner und Dienstboten), 1,1 Prozent freie Beruft; von den Nichtjuden 27,2 Prozent ohne Beruft, 13,3 Prozent gelernte Berufe, 57,8 Prozent verschiedene Berufe (landwiHschastliche Arbeiter, Taglohtftr und Dienstboten), 1,7 Prozent freie Beruft. Diese Daten zeigen, daß die Auswanderung der Juden überwiegend einet: Familiencharakter trägt, da sonst die große Zahl der Berufslosen, zu denet: die Frauen und Kinder zu rechtten sind, nicht möglich wäre. Aus der Gruppe der „verschiedene:: Beruft" geht hervordaß bei den Nichtjuden mehr landwirtschaftliche Arbeiter, Taglöhner und Dienstboten unter den Auswandernden vorhanden sind, als bei den Juden. Man hat sich in der letzten Zeit daran gewöhnt, in den Rückwanderungszahlen aus Palästina ein Argument dafür zu erblicken, daß die in den Jahren. 1924 und 1936 so rapid gestiegene Anzahl der PaÜstinawanderer nur eine vorübergehende Erscheinung ist. Man übersieht jedoch, daß mit jeder Einwanderung eine nicht unbeträchtliche Zahl von Rückwanderern verbunden ist. Vom 1. Juni bis 30. Juni 1926 sind in die Vereinigten Staaten Nordamerikas 458.435 - Personell ein- und 225.590 Personen ausgewaudert. Es ist also beirmhe 60 Prozent der Einwanderungszahl wieder rückgewandert. Ir: den Jahren 1920 bis 1926 sind nach Südafrika 159.399 Personen ein- ,irnb 128.725 Personen ausgttvandert; hier sind sogar vier Fünftel der Eimvauderer zurückgÄvatwert. Dieftwe UTHAGON Vorzügliches Präparat gegen alle durch Gallensteine Sssssär Bestens bewährt auch gegen Wiegendruck, Aufstoßen u. Uebelkeiten infolge Magenüberladung. Aerztllch’ erprobt und begutachtet Erhältlich in allen Apotheken! 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Abgesehen vor: den hier hervvrgehobenet: Eimvünden sind die beiden genannten Werke sehr wettvoll und bieten jcdem, der sich nttt beit Wanderungsfragen, die für Palästina besonders wichtig sind, beschäftigt, wichtiges Material. Ne Wahlen. Nur noch eine Woche haben die Parteien Zeit, ihre Wahlvorschläge einzubringen. Die wenigen zur Verfügung stehenden Tage werden noch von allen möglichen Gruppen und Grüppchen dazu benützt, um von Dr. Seipel Mandatsversprechungen auf der Einheitsliste zu erhalten. Die Schwierigkeiten der Feststellung einer solchen antimarxistischon Lifte beruhen vor allem daraus, daß Wien nur 45 Nationalratsmandate zu vergeben hat. Würde Dr. Seipel alle Mandatswünsche seiner Parteider Großdeutschen und der verschiedenen Stammtischgesellschaften berücksichtigen, so müßte er mindestens über die doppelte Zahl von Nationalratsmandaten verfügen. Die bürgerlichen Demokraten ließen vormittags. erklären, daß die Verhandlungen über ihren Ein* tritt in die Einheitsfront gescheitert seien, nachmittags dementierten sie wieder ihre eigene Meldung^ Im westlichen Wcchlkreisverband, der die Länder Oberösberreich, Salzburg, Tirol und Vorarlberg umfaßt, soll nach einer amtlichen Meldung die g r o ß d e u t s ch - ch r i stlichsoziale Einheitsliste bereits perfekt sein. Gegen diese amtliche Mitteilung rvendcn sich wieder die beiden Hakenkreuzlerparteien mit einer Aussendung des Inhalts, daß sie mit den großdeutschen Führern in Tirol und Salzburg einen nationalen Wahlpakt abgeschlossen hätten. Auch in Niederöfterreich, Steiermark und Kärnten sei die nationale Einheitsfront gesichert. Die Sozialdemokraten haben nunmehr auch ihre Kandidatenlisten für den uiederösterreichrschen Landtag bekanntgegeben. Auffallend ist, daß der bisherige sozialdemokratische Landeshauptmann-Stellvertreter C h r istoph diesmal nicht mehr kandidiert. Diese Msägung findet wohl ihre Erklärung darin, daß sich zwischen Christoph und den christlichsozialen Mitgliedern der Landesregierung eine gewisse Intimität herausgebildet hat, die aus der gleichen Einstellung zu den Freuden des Mo'holgenusfts stammt. Mische WSHlerversammluirgeu. Heute Sonntag finden die folgenden Wählevverftttnmlungen statt: 10 Uhr: ,Lfa"-Kino, 2. Bez., Taborstraße 1a. Redner: Oberbaurat Stricker und Dr. L ö w e n h e r z. 10 Uhr: Joses Gabriels Restauration „Zum Radfahrer", 2. Bez., Ausstellungsstraße 86. Redner: Gomeiickerat Dr. Leopold P l a s ch k e s und Dr. Eugen Felix. Morgen Montag, 9 Uhr abends: Restauration A. Bar-schal, 2. Bez., Große Schisfgasie 3. Redner: David Reden-ahl »nd Dr. Josef Löwenherz. Ahr« wieder abgereift. Der ehemalig« Anauzmwister Dr. Ahrrr ist »MI Graz nach Triest abgereist. Er will noch einige Tage mit seiner Frau an der italienische:: Küste verbttngeu. Angeblich fährt er wieder n a ch H a van na zurück, um dort seine Tätigkeit in einem GroßhandluugshaUs ftstzusetzen. In einer Zuschrift an die „Grazer Tagespost", die aM 6. Dezember des Vorjahres in eittem angeblich aus Wiener parlamentarjschet: Kreiset: starnmenden Attikel, die verklausulierte Behauptung enthaltet: hatte, A h r e r sei v o n Basel mit 500.000 Dollar bestochen worden, erklärt der Advokat Ahrers diese Beschuldigung als glatte Erfindung und jeder tatsächlichen Grundlage entbehrend. Drr: Verfasser des Artikels, wie jeder andere, der diese Beschuldigung vertreten zu fömteu glaubt, werde hiemit aufgefordert, sich offen zu erkläret:, u:td die Verantwortung zu übernehmen. Ahrer werde sich'den Verleumdern persönlich stellen. Den Urheber des Artikels kennt wohl Dr. Ah re r ganz genau, da er ja aus dem Prozeß der „Wiener Neuesten Nachrichten" gegen ihren ehemaliget: Chefredakteur sogar richtsbekannt ist. Für die Einbringung der VerirwrU« dungMaye läge atft gar kein Hindernis vor.