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Wiener Morgenzeitung · 1927-03-26 · Heft 2901 (26.3.1927) · p. Seite 4

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
9 (1927)
Issue
Heft 2901 (26.3.1927)
Date
1927-03-26
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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99fesit| JSchMNq^ SS. MG um m. SM Sie Mrtschastssituation in Palilftina. «OchchMoft «ch kreknlive- — Ae Lemoaftratlo» der Bkbettrtosen. — Au Sttimatzm. Von Dr. Fritz SSwenstein, Jerusalem. Man hat de» Eindruck, daß es mit dem Stellungslvieg an der Front der Arbeitslosigkeit und der Krise langsam zu Ende geht. Die Symptome jedenfalls mchren sichbk dafür sprechen. Nur das freilich ist noch keineswegs ausgemacht, o& es eine Wendung zum Guten oder zum Schlimmen werden wird. Manches berechtigt uns, an eine Besserung zu glauben. Sowohl der High Commissioner wie die Gouverneure non Jerusalem, Jaffa und Haifa haben den deutlichen Willen zu erkennen gegeben, nicht in der bisherigen Gleichgültigkeit zu verharren und konkrete Berhandlungen sind im Gange, um dieser Bereitwilligkeit der Regierung die richtigen Dahnen zu weifen. Kann es doch schließlich auch der Regierung nicht verborgen bleiben, daß der auffallende Rückgang in den Einnahmen im palästinensischen Staatshaushalt eine direkte Folge der fehlenden Einwanderung und der „jüdischen Krise" ist. Auch die- Einnahmen des Keren Hajessod sind keineswegs ** schlecht und schließlich muß diese Tatsache sich auswirken. Aber wir haben oft genug betont, daß die gegenwärtige Situation nicht durch Geldmangel allein hervorgerufen wurde. Mit einer starken zionistischen Organisation, erfüllt von unerschütterlicher Zuversicht rn die Notwendigkeit und an die Erreichbarkeit unseres Zieles, mit einem trotz aller Leiden und Entbehrungen ungebmrgten Jischuw werden wir der Krise Herr werden und ohne sie werden uns Regierung, unsere Fonds und alle Mittel der Jewifh Agency nichts helfen. # Wir haben in unserem vorigen Brief von der Meimmgsverschiedenheit berichtet, die über die Frage des Bau-es für das Lehrerseminar in Jeru« sta be in entstanden ist. Die Angelegenheiten des Baues Regen in der Hand einer sie-bengliedrigen K o m - m is fi o n, der Colonel Kisch, U s s i s ch k i n, I e l l i n, K-alvari-sky und Vertreter der Lehrerschaft angehören. Der Kommission lagen eine Reihe von Offerten für den Bau des Seminars vor. Die Kommission akzeptierte dm Vorschlag des Harfaer Unternehmers Glückstein mit der Ma^abe, daß nur jüdische Arbeiter beschäistigt werden dürften und nicht weniger als 25 Piaster Lohn täglich zu zahlen' seien. Die Arbeiterschaft, insbesondere ihre Jerusalemer höchste Stelle, die Moazah Poale Jernschalijm, protestierte hiergegen aufs heftigste und verlangte, daß der Unternehmer verpflichtet werde, nur organisierte jüdische Arbeiter, und zwar nur durch das Arbeitsamt der Histadruth anzunehmen. Dieser Vorschlag wurde nicht akzeptiert. Seitens der Moazah wurde nun erklärt, man sehe in diesem Beschluß nicht den Beschluß einer zufälligen Kommission, sondern eine Stellungnahme der höchsten zionistischen Stellen gegenüber der Arbeiterschaft. Die Zionistische Exekutive habe durch ihren Beschluß klar zu erkennen gegeben, daß sie die von der Arbeiterschaft zur Organisierung und Disziplinierung ihrer Mitglieder getane Leistung nicht zu würdigen wisse. Man werde infolgedessen das Arbeitsamt der Histadruth in Jerusalem schließen und es der Zionistischen Exekutive überlassen, durch ihre eigenen Organe die Verteilung der Arbeitslosenunterstützung vorzunehmen, die bisher durch die Arbeitsämter verteilt wurde. Dieser Beschluß wurde am 1V. März ausgeführt. Daraufhin zog eine immer verstärkte Zahl von Arbeitslosen zur Exekutive, wo man zu einer sofortigen Erfüllung, der Forderung außerstande war und, aufgehetzt durch linksradikale Führer, begann die Demonstration einen immer bedrohlicheren Charakter anzunehmen. Schließlich, als bereits einige Türen und Fenster zerschlagen waren, zerstreute arabische Polizei die Demonstranten, wobei einer leicht verwundet und einige verhaftet wurden. Am folgenden Tage übernahm die Exekutive die Auszahlung der Arbeitslosenunterstützung und führte sie ohne Reibungen oder Schwierigkeiten durch. Inzwischen wurden Verhandlungen eingeleitot. Die Zionistische Exekutive, der Baad Leumi, die ja als solche bisher mit der Frage, des Seminarbaues gar nicht befaßt wottren waren, bemühen sich, nachträglich von dem Unternehmer die Zusicherung zu erhalten, er werde die Arbeiter nur durch die Arbeitsämter der Histadruth nehmen. Es scheint, daß diese Verhandlungen mit einem positiven Ergebnis enden werden, womit dann voraussichtlich auch das Jerusalemer Arbeitsamt auch seine Tore wieder öffnen wird. Die Demonstration als solche wirkte zwar im Augenblick erregend, aber ihre Bedeutung ist an und für sich gering. In einem europäischen Lande mit Arbeitslosigkeit würbe man von Vorgängen dieser Art kaum Notiz nehmen. Wichtig find diese Vorgänge, wenn man das Ultimatum in Betracht zieht, das die Histadruth vor etwa einem Monat an die Exekutive richtete. Das Ultimatum hat bis heute keine offizielle Antwort erhalten, und die verlangte Beschäftigung von 3000 Arbeitslosen ist nicht erfolgt. Sieht man in der Schließung des Jerusalemer Arbeitsamtes nicht nur eine Antwort auf die Seminarangelegenheit, sondern den Anfang der Ausführung der im Ultimatum enthaltenen Drichuugen, so befinden wir uns in einer überaus gefährlichen Situation, und man kann nur wünschen, daß auf der Bahn, die hier beschritten zu sein scheint, weitere Schritte nicht «fingen. Denn schon diese erste Demonstration hat uns gezeigt, d<rß bei derec-r-tigem Maßnahmen stets die radikalen Elemente Oberwasser haben. Es ist möglich — die führenden Männer der Histadruth haben es bewiesen — auch in schwerer Krisvnzeit die Arbeitslosen mit nationalem Verantwortungsgefühl zu erfüllen. Aber es ist unmöglich, die Arbeitslosen auf die Bahn gefährlicher Demonstrationen zu rufen, und sie dabei so fest in der Hand zu behalten, daß man sie in jedem Augenblick zurückrufen kann. Arbeiterschaft und Exekutive müssen zusammen den Weg aus der Krise finden, in der Erkenntnis, daß sie die einzigen Faktoren im Lande sind, deren moralischer Einfluß groß genug ist. Wenn dieser Einfluß nicht zu gemeinsamer Aktion verbunden, sondern zum Kampf gegeneinander gebraucht wird, dann verlieren wir das, was uns bisher aufrecht erhalten hat, die innere Geschlossenheit und das Verantwortungsgefühl des Jischuw. Mische WaisenhUfe in PalMm. Am 23. Februar d. I. fand in Berlin die erste öffentliche Mitgliederversammlung der ,jüdischen Waisenhilfe" statt, die, wie bekannt, die Errichtung eines Kinderdorfes in Palästina nach den Plänen von Siegfried Lehman n, dem bekannten Pädagogen und Leiter des Kinderhauses in Kowrw, erstrebt. Der Jahresbericht gab ein Bild des außerordentlichen Fortschrittes der Sammeltätigkeit und des Wachstums der Organisation; nach knapp einem Jahre ihres Bestehens waren die finanziellen Voraussetzungen zur Gründung des Kinderdorfes „Ben Schemen" in Palästina vorhanden, dessen günstig gelegenes Gelände vom Jüdischen Nationalfonds zur Verfügung gestellt worden ist. Dem Präsidium gehören an: Frau Prof. Albert Einstein, erste Vorsitzende; Geheimer Justizrat Timendorfer, zweiter Vorsitzender; Willy Dreyfus, Schatzmeister; Max Brod; Martin Buber; Frau Lola Ha hu-Marburg; Frau SlegfriA Hirsch- Halberstadt, Berlin; Dr. Siegfried Lehmann, Ben Schemen; Prof. Marburg, Tel Aroiw. Das Sekretariat befindet sich: Berkin W. 50, Passauerftraße 24. Zionistischer Verband ehemaliger Hochschiiler. Der erste Vortragsabend. Im Klubsaal des Sportklubs Hakocch fand Donnerstag abends die erste Veranstaltung des neugegründeten zionistischen Verbandes ehemaliger Hochschüler statt. Der Vorsitzende, Herr Dr. K i n s b r u n n e r, konnte eine stattliche Zahl von Mitgliedern begrüßen. Er erörterte die Ziele des Verbandes, die im Berufsleben stehenden ehemaligen zionistischen Hochschüler zu sammeln und zu einer festen Organisation zusammenzuschließen. Den einleitenden Vortrag hielt der Chefredakteur der „Wiener Morgenzeitung", Herr Julius L ö w y, der in einer längeren Rede - die politischen Aufgaben der zionistischen Organisation behandelte. Der Referent sieht die Stellung des Zionismus in der Weltpolitik als nicht ungünstig an. Die Judenfrage werde heute überall im Sinne der zionistischen Forderungen behandelt, das Vertrauen der jüdischen Massen in den demokratischen Inhalt des Zionismus sei ungeschwächt. Freilich sei die zionistische.Arbeit, die heute infolge des Bölkerbundmandates zu einem Bestandteil der Weltpolitik geworden ist, auch mannigfachen äußeren Einflüssen unterworfen, wie ja auch die große Wirtschaftskrise ihren Schatten auf die Entwicklung des jüdischen Palästina werfe. Den Nachteilen dieser Situation könne nur eine gesteigerte politische Aufklärungsarbeit aller Zionisten abhelfen, vornehmlich aber der Intellektuellen. An den Vortrag, der mit lebhaftem Beifall ausgenommen wurde, schloß sich eine lebhafte Debatte und der Vorsitzende stellte in seinem Schlußwort den tiefen Eindruck fest, den der erste Abend bei allen Anwesenden hinter- . lasse. Der Verband wolle alle in Wien lebenden Alten Herren organisatorisch erfassen und so den zionistischen Intellektuellen ein Zentrum schaffen. Der Brand im Rizza-8rvreb. Selbstmordversuch der. Frau Kohn-Kastner. Nach einer Meldung aus Rom hat die Wiener Jngenieursgattin Frau Kohn-Kastner, die, wie berichtet, nach der Brandkatastrophe des Nizza-Expreßzuges von den italienischen Behörden in Tarvis unter dein Verdacht, den Brand verschuldet zu haben, verhaftet und nach Rom transportiert wurde, gestern, als sie zu einem rreuerlichen Verhör geholt werden, sollte, eine größere Dosis Verona! zu sich genommen und mußte ins Spital gebracht weiden. Der völlige Nervenzusammenbruch der Frau ist umso begreiflicher, als Frau Kohn-Kastner, die zur Erholung an der Riviera weilte, die vorzeitige Rückkehr mit eben jenen: Expreßzug antreten mußte, um beim Leichenbegängnis ihres Schwiegervaters in Wen anwesend sein zu können. Das Unglück, das sie traf, machte ihr dies nicht nur unmöglich, sondern bereitete ihr auch noch einen großen materiellen Schaber:, da ihre gesamte Garderobe und ihr Schmuck, darunter ein kostbares Perlew kokkier, dabei zugrunde gingen. Ingenieur Paul Kohn- Kastner, der seit zwölf Jahren in glücklichster Ehe mit fffncr Frau lebt, hat gleichfalls einen Nervenzusammenbruch erlitten. Rach dm letzten Meldungen ist Frau Kahn- Kvstner bereits außer Lebensgefahr. Me Schwester Ztofcffs in Wien. Vertreterin Rußlands M d-r Beethovenstier. Gestern ist in Men die Schwester Trotzkks Frau Käme newa als offizielle Vertreterin der russischen Regierung zur Beethovenfeier eingetroffen. Sie ist die Gattin des gelvesenen Volkskommissars und derzeitigen Gesandtm in Rom, Käme new, und fungiert als Vorsitzende des Moskauer „Verbandes für kultn relle Beziehungen mit dem Ausland". Gestern abends sprach sie in einer Versammlung des Verbandes „Freunde des modernm Rußland" int Handelsmuseum, gemeinsam nrit der Gattin des Wiener Sowjetgesandten Berzin über die Entwicklung der wissenschaftlichen und künstlerischen Beziehungen Rußlands zum Ausland. Wie sie rnitteilte, wird demnächst in Wien eine russische Plakatausstellung veranstaltet werden. * Auf dem Westbahnhof sind gestern abends mit dem Orientexpreß der Vertreter Frankreichs bei der Beethovenfeier Minister Herriot, der belgische Außenminister Bandervelde, ferner auf dem Franz-Josefs-Bahnhof der tschechische Vertreter Minister Dr. Hozda, und auf dem Ostbahnhof der ungarische Minister Dr. Vas angekonttn>en. ßfn Kind vom Aufzug getötet. Ein gräßlicher Unglücksfall hat sich gestern abends im Hause 2. Bez., Große Mohrengasse 3 a, ereignet. Die im Hause im dritten Stockwerke wohnende Frau Süßmann benützte, um in das dritte Stockwerk zu gelangen, den elektrisch betriebenen Aufzug. Sie hatte ihr dreieinhalbjähriges Söhnchen Siegfried bei sich. Als das Kind aus dem Aufzug ausstieg, setzte sich dieser unvermutet wieder in Bewegung und der Junge wurde zwischen Schachttüre und Wand eingeklemmt. Als man mit schwerer Mühe den Knaben aus der furchtbaren Lage befreit hatte, war «bewußtlos. Die Rettungsgesellschaft wurde berufen und stellte den Eintritt des Todes fest. Der'Enabe hat mutmaßlich einen Bruch der Halswirbelsäule erlitten. Anstiörnng eines Milliarden-Perlendiebftahles in Paris Vor zwei Jahren wurde in Paris ein sensationeller Perlendiebstahl begangen, der gestern durch das Wiener Erkennungsamt erst seine Aufklärung fand. Die Berliner Kriminalpolizei hat nämlich einen Betrüger verhaftet, der sich als Leon Lyn aus Montevideo legitimierte. Die Berliner Polizei wandte sich nun mit dem Lichtbild und den: Fingerabdruck des Verhafteten an das Wiemr Erkennungsamt und dieses stellte fest, daß der Verhaftete mit dem am 6. Mai 1886 in Jaffa geborenen Kaufmann Jakob Klinge r identisch sei, der wegen des Pariser Perlendiebstahles gesucht wird. Klinger war als Amerikaner in das Geschäft eines indischen Perlenhändlers in Paris gekommen und hatte dort 85 Schnüre mit mehr als 1200 herrlichen Perlen ausgesucht, fiir die ein Kaufpreis von 700.000 Francs vereinbart wurde. Klinger crllättc, das Geld am nächsten Tage bringet zu wollen und legte vor den Augen des Juweliers und. eines 'Experten die Perlen in ein Kuvert, das er mit seinem Siegelring versiegelte und das er daun den: Inder zur Aufbewahrung in seinem Tressor übergab. Nachdenr jedoch 48 Stmwen vergangen waren, ohne daß der Amerikaner Silver — wie sich Klinger genannt hatte — wiedergekommen war und im Hotel ein Mann solchen Nanrens unbekannt war, öffnete der Inder das Kuvert, in dem sich statt der echten Perlen wertlose Glasperlen befanden. Den getoiegtesten französischen Detektivs war das Rätsel, wie Klinger den Betrug vor den Augen des Inhabers und seines Helfers begehe»: konnte, unlösbar. Es Ivurde damals lediglich festgestellt, daß Klinger einer Bande angehört, die schon alle europäischen Behörden beschäftigt hat. Mehrere von ihnen konnten in den letzten Monaten verhaftet werden, Klinger ist jcht erst in die Hände der Berlimr Polizei geraten.. Bulgarische Mnber. So f i a, 25. März. Im Kreise Burs aköi wurden gestern die Einkäufer mehrerer großer Tabakfirmien, darunter der Einkäufer der Orie nt Tobacco Compagny, von einer Räuberbande überfallen. Einer der Kaufleute wurde getötet, die übrigen wurden ihrer Barschaft und Wertsachen beraubt. Den Räubern fielen 830.000 Lewa in die Härwe. Die eingeleitete Untersuchung verlief bisher ergebnislos. Amerika eine Woche lang im Amme Beethovens. Ueber Anregung des Präsidenten der Columbia Phonograph Company, Herr Louis Sterling, hat sich in New Bork unter dem Vorsitze des Präsidenten George Eastman ein Komitee gebildet, daß es sich zur Aufgabe machte, eine eigene Beethoven-Woche zu veranstalten. In echt amerikanisch, großzügiger Weise wird in dieser Woche vom 31. bis 26. d. M., also durch eine volle Woche hindurch, in mehr als 500 Städten Amerikas eine großartige Feier unseres größten Musikgenies, Beethoven, begangen.

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