Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 2901 (26.3.1927)
- Date
- 1927-03-26
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 2901 Mn, SamStag W««er «. März 1027 Sette S Sie SBflftlbetoegunfl. An die antimarxistische Einheitsfront, die im großen und ganzen aus den Christlich-sozialen und GroAeutschen besteht, suchen einige feinere Gruppen Anschluß so z. B. die bürgerlichen Demokraten in Wien und die Udepartei in Steiermark und in einigen andere.: Bundesländern. In Wien dürfte den bür 'er ichen Denwkrate: die vierte Stelle im ersten Wiener Wahlkreis ein-- geräumt werben. Ms Anwärter auf dles.es Mandat wird der Botaniker der Wiener Universität Hofrat Dr. Weitst ein genannt. Er ist schon einmal in diesem Wahlbezirk rmterlcgen und könnte höchstens ein Reststimmennnn'dat erhalten. Nunmehr wird auch der Landbund in Wien kandidieren. Er hat der Ständeparlei des Hosrat R a m saue r die Erlaubnis gegeben, unter der Flagge Landbund sich in Wim an den Wahlen zu beteiligen und etwa nrit anderen Wirtschaftsgruppen, die den Ständegedanken des HeLen'r u - Prosessors Othmar S p a n n der reten, Ab achim en zu tveffen.DieRamsaner'eu e ki'n::ten a so vielleicht auf Grund ihrer Reststimmen in Wien ein Man at erhalten, da das Oriünalman'at, auf G.und d s'en Reststimrnenmandale zuzetcilr werden, der Landbund be'stellt. . Der kaisertreuen Bolksparlei des Obersten Wolfs hat Dr. Seipel mitgeteilt, daß die Christ ich-ozialen den Kaisertreuen nicht einmal ein Gemeinderatsmand a t überlassen könnten. Darau'hin la eine Vertranensleutekonferenz der Kaisertreuen erklärt, die Haltung der Christlichsozialen mache es der kaisertreuen Bolksparlei unmöglich, für die Einheitsliste zu stimmen. Die tschechischen Nationalsozialisten werden, wie die Korrespondenz Herzog meldet, ebenso wie die tschechischen Sozialdemokraten für die Liste der österreichischen Sozialdemokratie stimmen. Meder eine gesprengte Versammlung. Die christlich soziale Gesämtj.artci eit.nlg fordert ihre Parteimitglieder ans, gegnerische Teramm ungen nicht zu besuchen und nicht zu stören, aber auch die gegnerischen Plakate nicht zu beschädigen. Eine ähnliche Au> forderung ist von der sozialdemokratischen Parteileitung ergangen. G eichwohl wnr e gestern eine Ber ammlung des Neichsverbandes der Arbeit- und Erwerb u5e>rden, der' dm Klas'enkanrpf verurteilt, von Sozialdemokraten und Kommunisten gespre 'gt. Irr baykottierte Ahrer. Der ehemalige Finanzininister Dr. A h r e r ist gestern früh in Graz eingetrofferr? Er ge'enlt sich einige Zeit in seiner Heimat aufzuhalten und will es sich noch überle en, ob er wieder nach Amer'i ka fahren u!7d dort einen'Posten in einem Großhandlungshaus antreten soll. Seine christlichsozia^en Pärteisreun e halten sich noch offiziell von ihm fern. Sie erklären, daß er das Land unter Umständen verlassen habe, von denen sie selbst befr.'mdet waren. Es.liege nicht an ihnen, mit Dr. Ahrer Füh'ung zu suchen, sondern dieser müßte, wenn er es für notwendig ha t, selbst an sie herantreten. Sie Akdeilerverstcherong i« Ausschuß etieatgt. Die vom Unterausschuß in 47 Sitzungen und in zahlreichen Pürteibrsprechnn en bereits g ü nd ich durch'era er Regierungsvorlage über die Sozialversicherung wurde gestern vom Ausschuß für soziale Vertretung unt'r Meh rung der sozialdemokratischen Anträge angenommen. Drs Gesetz wird bekanntlich erst in Kraft treten, wenn d'.e Regierung eine entsprechende Verordnung erlassen wird. Diese Verordnung darf aber erst erscheinen» wenn es nur mehr 100.009 Arbeitslose in Oesterreich geben und wenn Industrie, Landwirtschaft, Handel und Verkehr einen deutlich sichtbaren Aufschwung genommen haben werden. Nur dle über 60 Jahre alten Arbeitslohn können eine Altersfürsorgerente im Ausmaße von ztvei Dritteln der Arbeitslosenunterstützung ab Oktober d. I. beziehen. Am Donnerstag wird das Plenum des Nationalrates ntit der zweiten Äsung der Arbeiterversicherung begürnen. Ae Sense» Abrüftnagskonserear. Genf, 25. lrvcüq. In der heutigen Sitzung des Komitees gab Lord Ce eil einige Aufklärungen über den britischm Standpunkt in der Frage der Beschränkung der Landrüstungen. Das Ziel der britischen Regierung sei einzig und allein, eine größere Sicherheit des allgemeinen Friedens durch die Beschränkung der Rüstungen herbeizuführen. Sie schließe sich denjenigen Maßnahmen an, die die Zustimmung d:r großen Mehrheit der in diesem Komitee vertretenen Länder finden werde. I n i g u e z (Chile) faßte den Standpunkt seines Landes in drei Punkten zusammen: Die Landabrüstung m. ß insbeson derc in Amerika, aber auch auf den mrderen Konlinenten auf Grund von regionalen Abkommen durch geführt werden. Das Maß der Beschränkung der Rüstungen hängt von der Sicherheit der einzelnen Länder ab; bei der Herabsetzung der Rüstungen muß auf die geographischen und politischen V rhä^tnissc der einzelnen Lättder gebührende Rücksicht genommen werden. Das Komit.« beschloß, morgen vormittags auf Grundlage des von dem Bureau auszuarb.itenden und von der schwedischen und der belgischen Delegation vorgeschlagen-n Schemas in die Einz-lV-ratnngen einzutreten. Kein Franenwahlrecht in Frank eich. Paris, 25. März. (Hovas.) Dl« Kammer ko m Mission hat Lear Antrag aiu«f Z u e r k e um. u ng des flli'ben und passiven Wahlrechtes au düe Frauen mit 7 6 Diimmen abgelehnt. Die antisemiti che« Exzeffe in Rnmöniea. B u k a r e st, 25. März. De. ut eej.ee Dr. E b .. e r und Serrator Klüger intervenierten Dienstag beim Innenminister Goga in Angelegenheit der letzten Exzesse in Großwardein, Jassy und anderen Orten. D'e Parlamentarier verwiesen darauf, daß sich die Ausschreitun'en trotz der Zusicherungen des Ministerpräsidenten wiederholen. Sie forderten vom Innenminister die strengsten Maßnahmen gegen Aufreizung und Verhetzung, eben o wie die exemplarische Bestrasung der Ex edenten und He er. Innenminister Goga dankte d n interve irrenden Parlamentariern für die Aussprache, die eine Stunde währte, und sa"le er fei bestreb*, die Rn^c und Ordnung der- Wie die Maschine den Dampf, so braucht der Körper ständige rationelle Pflege. Aber ständig, denn sonst kann die erwünschte Wirkung nicht erzielt werden. DIANA Franzbranntwein mit Menthol ist das geeignetste Mittel zur rationellen Körperpflege, und deshalb soll jeder Diana«Franzbranntwein ständig benützen. feberall erlittlllld». zu stellen. Er werde die nötigen Maßnahmen ergreifen und den zuständigen Organen strenge Weisungen erteilen Lee Numerus rlaufur in Ungar«. Btldapest, 25. März. Im Zuge der Budgetdebatte km Nationalrat übte der der Bereinigten Linken angehörenden jüdische Abgeordnete Dr. Marzel Baracs an der reaktionären Politik der Bethlenvegierung äußerst scharfe Kritik. Er erklärte, daß Bethlen das Gesetz über den Numerus clausus nicht aufzuheben gedenke, obzwar sich ein Teil der Budapester Judenschast seiner Politik angeschlossen habe. Tagung der riommime« Föderation Frankreichs. Paris, 23. März. (I. T. A.) Gestern abend begann hier die Tagung der neugewählten zionistischen Landesversammlung. Herr Kästet und Frau Poliere erstatteten Bericht. Hieraus schrittt man zur Wahl der Leitung. Die Revisionisten schlug.n ein neungliedrig^s Komitee, die Hitachduth ein dreizehngliedrigrs Komitee vor. Silvain Cahn verlas eine Deklaration von Hitachduth über die Aktivierung der zionistischen Tätigkit in Frankreich Zum Vorsitzenden der Föderation wurde einstimmig General Gaismar gewählt. Da dieser erklärte, aus Gesundh.itsrücksichten die Wahl nicht annehmen zu können,, wurde zum Vorsitzende:: der auf der Zentrumsliste gewählte bekannte Schriftsteller Andre Spire gewählt. Sodann wurde ein zwölfgliedriges Landeskomitee gewählt, dem fünf Ze trumszionisten, vi:r Revisionisten und dr.i Hitachduth Vertreter angehören. Die Gewählten sind: Andre Spire, General Gaismar, Poliere, Dr. Jacobson und Pen so von den Zentrumszionisten; Wladimir Temkin, W. Jabotinsky, Dr Jacques Segall und George Fischer von den Revisionisten; Herman, Jdelma» und Leo Mvtzkin von Hitachduth. Beethoven. Ein furchtbares Zwitter g:..g nieder, als Beetyover: vor hundert Jahren sein Erdenwallen volleiid>-te. Der Sterbe:ü>e richtete sich auf und ballte drohend die Faust, als wollte er noch einmal dem Schicksal in den Rachen greisen. Dann sank er zurück und fuhr, während Blitze zuckten und Donner grollte, himmelwärts, wie ein antiker Heros der klassischen Sage. Wie ein-n antiken Heros hat ihn auch Max Klinger auf seinem Leipziger Beethoven-Moimment dargestellt. Alle irdischen Hüllen sind hier von dem Künstler gefalle::, der auf hochragendem edelsteingeschmückten Thrinre vor sich hinsinnt. In reiner Menschlichkeit, in antikem Heroentum, in gesunder Urwüchsigkeit sitzt er da, und zugleich fühlt man den Kampf, in welchem Klinger das Kunstideal dem harten, widerspenstigen Steine abgerungm hat. . Das ist uns Beethoven! Hier werden Musik und Plastik eins. Hier ist Ruhe und Kampf, hier ist die weltenferne Einsamkeit der letzten Beethovenschon M»agios, die sich nur dem innerlich Hellhörigen auftnen konnte, dem die Klänge der Außenwelt nichts mehr zu künden hatten. Und hier ist zugleich etwas von dem seelischen Konflikte zu spüren, von den furchtbaren Kümpfen und Krämpfen, unter denen Beethoven seine noch ungeborene Musik jahrelang mit sich herumtrug. Immer wieder feilte er und schliff an den Motiven, bis sie den rechten Edelglanz und zugleich die für Beethoven so bezeichnende einfachste melodische und rhythmisch- Gestalt bekommen hatten, in welcher der Titane auf der höch sten Stufe seiner Kunst immer wieder zum Einfach Volks tümlichen zurückfand. Sein „Septett", seine „Pastoralsinfonie", sein „Lied an die Freude", die Tanz: seiner Kammermusik, die Arietta seiner letzten Klavnrsonate, welche förmlich bildhaft in immer höher« und ferner^ Regionen des Hochgebirges emporsteigt, sie alle wurzeln im Volkstum, welches er aus seiner rheinische» Hei mat mitgeüracht hatte und niemals verleugnete. In der Stadt Wien, in der er mehr als sein hall ,bes Leben verbrachte, blieb er zeitlebens ein Gast, ein Fremder. Er war ja ganz auf sich selbst eingestellt, in der Liebe litt er Schiffbruch, von seinen Mäzen:» währller ]tu> ü^tiueu, lauen u'^uuneu ni^teaat; ut, um) von seinem Neffen, dem Liebsten, was er auf Erden hatte, wurde er schädlich betrogen. Ein anderer hätte da an sich und an der Welt verztveiseck, doch er trug die groß: Liebe in sich, er flüchtete in Gottes freie Natcir und fühlte sich eins mit ihr, die ihn in eine bessere Welt entrückte. „Kindlich freue ich mich" — schreibt er an Therese Malfatti — „wie froh bin ich, einmal in Gebüschen, Wäldern, unter Bäumen, Kräutern, Fe.sen wandeln zu können, kein Mensch kann das Land so lieben wie ich. Geben doch Wälder, Bäume, Felsen d^n Widerhall, den der Mensch wünscht!" Sturrdenlang konnte er in den Wäldern und Auen in der Umgebung Wims dahiruvandern, dahin.ilen, laut vor sich hinsprechen und gestik::lieren, in die Geheimnisse d^r Natur hineinhorchen ^und mit ihr und mit sich Zwiesprache pflegen. Hier fand er die Sammlung zu seinen Wunderwerken, welche dem Manne Feuer aus der Seele schlagen, hier fand er jene innere Freiheit, von der seine heroisch:» Werke Kunde geben, seine revolutionäre „Evoica", seine schicksalshaste „Fünfte", sein „Fidelio", seine „Egmont"-lMusik und seine überkonfessionelle „Missa svlemnis", in deren Bitte um den inneren und äußeren Frieden d«r Schall krie-- gerischer Trompeten hinein schmettert. Müßig ist es, heute darüber zu streiten, ob Beethoven jenen vielleicht die gesamt: aberchländische Kunst überragenden Gipfel der seelisch.n Einsamkeit und Entrücktheit, des Transzendental-Visionäre:: hätte erüimmen können, wenn er hörend geblieben »väre. Der Fluch, der auf ihm lastete, wurde Millionen von MensckM zum Segen, die in seinen Werken das gch'imnisvolle Werkzeug einer sittlichen Weltordnung erkenn-n. Was an Beethovens Schaffen wie eine Of'enbarnng ivirkt, läßt sich nicht in Schlazworlen und nichl in toissenschaftlicher: Analysen erfassen, es geht fast über menschliche Fassungskraft hinaus. An dieses prometheische Ringen, an diese antike Seelengröße, an diese Mkehr von allein Jrdischm muß man g'auben. Es ist g'eich'am ein religiöser G aube, der Berge versetzt, ein G aube, der ein Jahrhundert überdauert lM, ohne daß sich die Wertschätz:mg Beethovens inzni'chen im m'n'est n ge nijch rt hät'e. Beethovm ist heute trotz aller Moden, trotz a.ler mnsikali« jchen Theoreme und Sch.azivorte in seiner ungeheuren Ansdrucksgewalt, in der einzigartigen Kraft, mit welcher er seinen musikalischen Stoff in Moleküle und Atome zertrümmert m:d mit der Allgewalt eines Urschöpsers daraus Neues und immer nur Neues schafft, noch immer der modernste Tondichter. Und der große Einsame ist wohl auch der Einzige, der uns Kulturmenschen insgesamt — ohne Rücksicht auf Rasse und Nation •— gebieterisch in seinen Bann nötigt. Kein Goeche und kein Shakespeare, weder Michelangelo noch Dostojewfli, dessen leidender „Idiot" Beethovensche Züge aufzeigt, noch auch Rodin, dessen Werk im Beethovenschen Sinne mit dem Schicksal ringt, zwingt die gesamte Menschheit, soweit sie in unserer entgötterten Zeit noch an die Religion der Kunst glaubt, mit solcher Allgewalt in die Knie, wie dieser taube, in spießbürgerlichem Sinne ungebildete, untersetzt«, pockennarbige Mann mit dem breiten Munde, der höckerigen Stirn, den kurzsichtiger: tiefliegenden Augen und den buschigen Brauen in einem unregelmäßigen Gesicht und mit ben derben, plumpen, roten Händw. Beethoven, der in seinem Leben in die tiefsten Tiefen menschlicher Tragödie hrnabschaute, hat s'.e als echler Künstler in sernm Werken noch einmal durchlebt. Sein überdimensionierter grimmiger Humor tätigt über Abgründen und auf Vulkanen, in dem abschließenden Reigen seines B-Dur-Qnartettes op. 130 hat er den groteskesten, dämonischesten Tanz angestimmt, als ob hier der Spielmann Tod schon auf dem Heimgang des chm längst verfallenen Künstlers lauerte. Seitdem ist ein Jahrhundert dahmgegangen und der Säln'ar-Rummel hat eingesetzt. Beethoven bedarf nicht der Huldigungen und Festkonzerte, doch vielleicht braucht die Menschheit von heute in ihrer Zermürbtheit diese Beethovenzeremonien, um im Gedenken an den Unsterblichen aus der Dumpfheit, Enge und Wirmis unseres Alltags und unserer Musik einen Weg ins Freie, Weite und Feiertägliche zu finden. In der Erinnerung an den größten Tonheros und einen der größten Menschen aller Zeiten mag sich die ernüchterte Welt, wenn auch nur für wellige Festtage, gläubig zu jenem Jdea'isinus bekemren, welcher chr längst abhan.>en gekonrmen ist. Dr. Erwin Fet&et.