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Wiener Morgenzeitung · 1927-03-26 · Heft 2901 (26.3.1927) · p. Seite 2

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
9 (1927)
Issue
Heft 2901 (26.3.1927)
Date
1927-03-26
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Wiener Morgenzetturrg 26. März 1927 Rr. S8M Seite - .01 en, Samstag I Wirkt lieber. — Ist ron unerreichter Wirkungsweise. 258 i iw allen Apotheken WIENER MÖRGENZEITÜNG KUPON zu dem Kreuzwort-Rätsel Nr. 42 > f//i Zer deutsche Hakexkeuz- SrShUng. —y, Wien, 26. März. An Berlin hat es in der Vorwoche schrvcr: antisemitische Unruhe» gegeben. Nationalsozialisten hatten im Anschluß Mr einen Ucbcrsall auf Kommunisten in den Straße» des Westens eine förmliche Jagd auf Juden veranstaltet. Einige Persorren, darunter eine Frau, wurden mit Gummiknütteln niedergeschlagen, wobei alle Berichte übereinstimmend die „viehische Roheit" der Helden hervorheben. Da sich kein Vieh jemals so benimmt, so ist der Vergleich eigentlich eine Beleidigung der harmlosen Kreatur. Bei den Exzessen wurden auch der Sohn des tschechischen Senators Klofac imd sein Freund, die Berlin besichtigen wollten, verprügelt mid verwundet. Der tschechische Gesandte erhob scharfen Protest und die Regierung mußte sich entschuldigen. Ihre Organe hatten wahrend der wilden Szenen eine wohlwollende Neutralität bekmrdet und es war klar, daß die germanischarische Berserkerwut dadurch iwch gesteigert wurde. Einem der Tschechen war rm Läufe des Reinigungsprozesses Uhr und Brieftasche abhanden gekommen, was eine liebliche Arabeske in dem sonst grob geschnittenen Rahmen darstellt. Diese Verzierung gehört in das Bild, und kein eucherer als der preußische Innenminister hat im Landtag die Vorfälle als Ausfluß eines Straßenräubertuins bezeichnet, dem die ganze Strenge des Strafgesetzes entgegentreten müsse. Es wäre hoch cot der Zeit, daß die politische Wertung dieses Rowdytums endlich ihr Ende fände. Denn dann könnte auch den Hintermännern dieser Veranstaltungen das Handwerk gelegt werden. Sie haben ein politisches Ziel, den Tod der Republik auf dem.Wege des inneren Krieges zu erreichen. Aber die Leute, die auf die Straße geschickt roerden, .fassen ihre Aufgabe in einem anderen Sinne auf und ihnen geht es nur darum, chre Roheit cur wchrlosen Menschen abzureagieren. Immerhin sind sie als das sympathischere Element zu betrachten, das sein Unwesen ohne Beschönigung auf offener Straße betreibt. Die Drahtzieher wollen im Dunkel bleiben, nin dann, wenn es schief gegangeu und der Skandal zu arg geworden ist, die Verwandtschaft mit den Erwischten abzuleuguen. Wichtigstes Mittel der Tätigkeit ist und bleibt der Judenmord und da die geistige Sphäre dieser obskuren Gesellschaft über Deutschland hinaüsreicht, so gewinnt das Treiben für alle Juden seine besondere Marke. Die Rührigkeit in Deutschland, die merkwürdigen Radauveranstaltungen in Oesterreich, die Cuziftenkrawalle, die in Rumänien das ganze Fudentrmr unter hemmungslosen Terror gesetzt haben, stehen in einer mehr als zeitlichen Uebereinstimmung. Sie zeigen', daß die Internationale des Pogroms fortbesteht, und daß sie sich zu neuen Taten anschickt. Der preußische Minister hat erklärt, daß die Militärmittel des Staates stark genug seien um Ruhestörungen zu unterdrücken. Aber er müßte dabei selbst entf den für den 8. Mai angesetzten 'Stahlhelmtag "in 'Berlin Hinweisen, dessen Vorläufer die erwähnten Exzesse waren. Es besteht die Absicht, einige hunderttausend Stahlhelmlcute und ähnliche Verbände an diesem Tage in der Reichshauptstadt zu konzentrieren und die Gefahr des Pntsches ist nicht so einfach abzuweisen. Die militaristischen bürgerlichen Organisationen sind in Deutschland sehr stark imb ihre Gefahr durch die Rechtsschwenkung der Politik womöglich noch größer geworden. Bei den Femeprozessen, die in Deutschland sich in einer ununterbrochenen Reihenfolge abspielen, wird immer wieder die Verbindung der Geheimgesellschasten mit offiziellen Stellen und mit der Reichswehr besprochen. Eine genauere Erörterung in der Oeffentlichkeit ist unmöglich gemacht, da die Staatsanwälte mit dem Landesverratsparagraphen sehr rasch zur Hand sind. Es roerden ja sogar Zeugen, die über antijüdische Exzesse anssagen, in Hast genomnreu. Alle diese Umstünde zusammengefaßt, besagen, daß der Kamps gegen die innere Ruhe und Konsolidierung Deutschlands wieder aus der ganzen Linie entbrannt ist, inrd daß die Republik und mit ihr die Sache des Friedens und der Demokratie der schwächere Teil sind. Sie konnnen über eine notdürftige Defensive. nicht hinaus. Der Geist von Locarno hat in Deutschland eine merkwürdige Maske aufgesetzt und marschiert an der Spitze der Revanche. Bezugspreise der „Wiener Morgenzeitung“: Monatlich Wien und Oesterreich.. . . . 8 5 — Tschechoslowakische Republik.5K 22 — Jugoslawien .. Dinar 60'— Polen. Zloty 6 — Deutschland .Gold mark 4'—- Frankreich, Belgien ..Frcs 35 — Italien ..Lire 20'— Rumänien ..Lei 170 — Bulgarien ... . Lewa 100 — Amerika. Dollar 1*— Schwefe und das übrige Ausland.Frcs 5'— Oesterr. Postsparkassenkonto 150.693* Me jüdische Liste. Mische Mitbürger «ad Mitbürgerinnen! Am 24. April finden die Wahlen in den Nationalrat und den Wiener Gemeinderat statt. Ihr habt darüber zu entscheiden, ob Mänircr eures Vertrauens das Recht der österreichischen Judenschaft und die Ehre des alten jüdischen Namens würdig und entschlossen ivahren sollen oder ob die österreichische Judenschaft auch fernerhin der Willkür und der Laune der Majoritätsparteien preisgcgeben bleiben soll. Die beiden großen Parteien, welche die Herrschaft über Staat und Stadt unter sich geteilt haben, gehen rücksichtslos Über die Interessen der Juden hinweg. Die christlichsoziale Partei ist grundsätzlich antisemitisch und ihre Funktionäre üben ihre Macht in diesem Sinne aus. Wie die Versicherung, daß die christlichsoziale Partei eigentlich nicht antisemitisch ist, zu werten ist, läßt sich daran ermessen, daß die Chriftlichsozialen anläßlich der bevorstehenden Wahlen ein Bündnis mit den rohesten Pogromhetzern, mit den nationalsozialistischen Hakenkreuzlern abzuschließen bereit waren. Die österreichischen Sozialdemokraten, die sich vielfach auf jüdische Stimmen stützen und in deren Programm der Judenpunkt fehlt, huldigen, iür Gegensatz zu den Arbeiterparteien anderer Länder, den antisemitischen Instinkten der Massen. Ihre Presse übergießt alles Jüdische mit Spott und Hohn, und ihre Vertreter, die jüdischen nicht zuletzt, tun alles, um dem Verdacht der Judenfreuridlichkeit auszuweichen. Ucberall sind also die Juden der leidende Teil. Weder die christlichsoziale Bundesverwaltung, noch die sozialdemokratische Gemeindeverwaltung stellen jüdische Beamte oder jüdische Arbeiter an. Die Erlangung von Konzessionen oder Lizenzen wird den Juden erschwert oder unmöglich gemacht. Durch eine rücksichtslose Ausweisungspraxis werden viele ehrlich arbeitende Junden zur Verzweiflung gebracht. Die Steuerpraxis ist tendenziös gegen die Juden gerichtet. In den Schulen ist unsere Jugend Verfolgungen ausgesetzt, der Zutritt zu den höheren Lehranstalten wird vielfach verwehrt. Das Heimatsrecht wird den Juden verweigert. In Versammlungen, Zeitungen und Plakaten werden die Juden beschimpft und bedroht, man scheut nicht davor zurück, direkt ihre Ermordung zu fordern. Die Behörden und die herrschenden Parteien stehen diesem zügellosen, gesetzwidrigen Treiben teilnahmslos gegenüber. Auch das den Juden durch die Friedensoertrage und das österreichische Gesetz gewährleistete Minderheitsgesetz wird ihnen vorenthalten. Im Sinne dieses Minderheitsgesetzes gebührt den Juden ein entsprechender Anteil aus den Bundes- und Gemeindesteuern für die Zwecke der jüdischen Jugenderziehung und der jüdischen sozialen Fürsorge. Dieser Anteil wird ihnen verweigert. Diese Zustände machen die Sammlung aller jüdischen Stimmen zur Pflicht. Die österreichische Judenschast muß Mandatare in die Vertretungskörper entsenden, die rückhaltslos der herrschenden, auf die moralische, wirtschaftliche und politische Entrechtung gerichteten Tendenz entgegentreten. FürsJudentum undfürOesterreichl Im Sinne dieser Parole werden die jüdischen Mandatare zu den Fragen Stellung nehmen, die heute den Mittelpunkt der Diskussion bilden. Oesterreich läuft Gefahr, das Opfer eines von rechts und links in rückhaltsloser Form geführten Klassenkampses zu werden. Es ist oberste Pflicht jüdischer Vertreter, im Sinne der Verständigung und Versöhnung der Klassen und Stände zu wirken, insbesondere aber dagegen anzukämpseu, daß Juden und jüdische Stimmen im Klaffenkampse von rechts oder links her ausgespielt werden, in einem Kampfe, der zur Zerrüttung Oesterreichs, zur Steigerung des Judenhasses, zum Bürgerkrieg führen muß. Getreu den Traditionen des jüdischen Volkes werden seine Vertreter dafür eintreten, daß dem arbeitenden Menschen sein volles Recht werde, das heißt: für die Ausrechterhaltung aller sozialen Errungenschäften, für die Versorgung aller Kranken und Alte, durch die Gemeinde, für die Alters- und Jnvaliditäts« Versicherung der Arbiter, der Beamten und der An« gehörige» selbständiger Berufe, für produktive Alk beitslosenhilfc. Sie werden dahin wirken, daß die Mittel für diest Zweäe durch gerechte und vernünftige Besteuerung aller Stände ausgebracht werden. Sie werden dagegen Stellung nehmen, daß bei der Besteuerung ein Teil der Bevölkerung gegen den anderen ausgespielt werde. Sie werden daher Stellung nehmen gegen die Steuerpolitik des Bundes, welche die Interessen der Landwirtschaft denjenigen der Industrie, des Gewerbes und des Handels ungebührlich vorzreht, gegen jene Zollpolitik, welche Nahrungsitttttel und wichtige Bedarfsgegenstände verteuert, und gegen die Steuerpolitik der Wiener Gemeinde, welche unter Ablehnung von Anleihen, daß heißt jeder gerechten Verteilung der Lasten auf mehrere Generationen, die Entwicklung von Handel, Gewerbe und Industrie unmöglich macht, Unternehmungen vernichtet und zahllose Arbeitslosigkeit schafft. In der Frage des Mieterschutzes werden die jüdischen Vertreter jene Haltung einnehmen, welche durch die Interessen der breitesten Bevölkerungskreise heute eindeutig bestimmt ist: Sie werden für die Aufrechterhaltung des Meterschutzes eintreten. Sie werden für die Beseitigung des herrschenden Wahlunrechtes eintreten. Unter dem Schein der Demokratie beinhaltet das herrschende Wahlsystem die Unterdrückung aller Minoritäten und liefert das Parlament der Herrschaft zweier Parteien aus, zum Unglück Oesterreichs. Mische Mitbürger und Mitbürgerinnen! Wer diese Grundsätze als richtig erkennt, der wählt am 24. April die „Jüdische Liste". Für die Zentralwahlleitung: Dr. Leo Goldhammer, Präsident des Zionistischen . Landsskomitecs fut Oesterreich. Die ReklaruattousM läuft bis Montag, den 28. Mürz. Jeder jüdische Wahlberechtigte (Staatsbürger und Staatsbürgerinnen, die am 1. Jänner 1927 das 20. Lebensjahr erreicht haben) muß sich unverzüglich unter Mitnahme seiner Dokumente (Heimatsschoin, Geburtsschein, Paß, Arbeitsbuch, Meldezettel usw.) in unserem Wien, 2. Bez., Laborstraße 1—3, Mezzanin, rechts, 9 Uhr vormittags vis 7 Uhr abends einsinden. ' Die Wählerlisten können auch täglich in den Amtslokalen der Bezirke (Magistratisches Bezirksamt) eingesehen werden. Die Verschwörung gegen Ralhenau. Prinz Eitel Friedrich, Ludendorff, Ehrhardt und General Vermont unter Mordverdacht. Berlin, 25. März. Der GießenerFem ep r oz e ß wegen des Mordversuches an dem Oberleutnant a. D. Wagner brachte gestern sensationelle Enthüllungen. Der Zeuge S ch m i d t - Hal b s ch uh, der früher in den Kreisen der nationalen Verbände eine große Rolle gespielt hat, belastete einen der Angeklagten namens Heinz sehr schwer. Er berichtete unter anderem von einer Zusammenkunft in Frankfurt am Main zwischen Heinz, den Rachcnan-Mörder Kern und Tilessen, der in die Ermordrmg Erzbergers verwickelt war, und sagte, bei dieser Zusammenkunft sei die Ermordung Rathenaus besprochen worden. Schmidt erzählte weiter, daß Heinz an dem Versuch, den an der Ermordung Rathon aus beteiligten Gymnasiasten Günther' durch vergiftete Pralines im Gefängnis zu ermorden, beteiligt gewesen sei. Die Angeklagten gerieten während der Aussage des Zeugen Schmidt-Halbschuh in große Erregung. Schließlich sprangt der Angeklagte Heinz hervor, stellte sich vor das Gericht und rief: .Das ist alles elende Verleumdung, Schmidt ist schuld, daß ich vor vier Wochen vom Reichsanwält vernommen wurde in einem Ermittlungsverfahren, das gegen mich eingelettet worden ist, sowie gegen den Prinzen Eitel Friedrich, Ludendorfk Ehrhardt und den General Awalow-Bermont wegen Aufforderung zur Ermordung Ratheimus. Aus einer Frage des Verteidigers an Schmidt-Halbschuh ging hervor, daß Ludendorss dem Heinz einen Brief geschrieben haben soll, der unter anderem folgende Worte enthielt: „Mein lieber Freund! Warllm bringen Sie ihn (Rathenau) nicht endlich um?" Südamerika gege« Nordamerika. New York, 24. März. (Wolfs.) Die Presse gibt einen Aufruf der lateinisch-amerikanischen Staaten (?) zum B o ykott nordamerikanischer Warm wieder, worin es heißt: Jeder, fiiv nordamerikanische Erzeugnisse verausgabte Peso bedmtet ein weiteres Gli^> in der Kette wirtschaftlicher Sklaverei. Schlügereiea im iapanischen Parlament. Tokio, 25. März. Im Unterhaus beschuldigte heute ein Mitglied den Führer der Opposition der Unterschlagung geheimerHeeres-Fo n d s während des sibirischen Feldzuges. Dies rief stürmische Auftritte hervor, die zpr B e r t a g u n g d e s H a u s e s führten. Es kam hierauf in den Wandelgängen zu Schlägereien, bei denen ein Mitglied des Unterhauses ernstlich verletzt ivurde.

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