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Wiener Morgenzeitung · 1927-03-25 · Heft 2900 (25.3.1927) · p. Seite 3

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
9 (1927)
Issue
Heft 2900 (25.3.1927)
Date
1927-03-25
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 2900 Wien, Freitag Wiener M-rgenzeitnas «. März 1927 Seite 8 Tagesbericht. «ntlleaitlsche Hetze durch Radio. Aus Stiifl'« wird uns berichtet: Im Verbaute der Beratung Über daS Budget der Post- und Telegraphenverwaltung im BndyetauSschutz des lettischen Sejm protestierte der Deputierte M. Dubin dagegen, daß die Direktion des staatlichen RadioiphonS antisemitische Hetzreden durch das Radio vermitille. So haöe anläßlich des Spinoza-JubiMmns ein Professor Z a l i t einen Radiovortrag gehalten, der die rüdeste Hetze gegen die Inden darstellte. Das gesamte Geld der Welt, behauptete Prüf. Zalit, befindet sich seit jeher in dm Händen der Juden. So haben auch schon zur Zeit Spinozas reiche Juden den Philosophen mit großen Summen best e ch e n mollen, damit er sein« Werke nicht veröffentliche. Spinoza bildete jedoch eine Ausnahme unter den Juden und ließ sich nicht von seinem Plan abbringen. Deputierter DuVin legte dagegen Verwahrung ein, daß die Mischen Abonnenten, die zur Erhaltung dieses staatlichen Unternehmens wesentlich beitragen, sich eine solch krasse Gesetzesverletzung gefallen lasten müssen. Las Rew florier Schachturnier beeuset. Aus New York wird berichtet: Die Schlußrunde des Sechsmeister-Turniers brachte keinerlei Aufregung mehr; sämtliche Partien (Capablanca gegen Aljechin, Niemzowitsch gegen Vidmar und Marshall gegen Spielmann) wurden remis. Somit istC apablanca mit 14 Zählern aus 20 Partien, ohne eine einzige Verlust- Partie, Erster geworden. Zweiter wurde Aljechin in großem Abstand, da er aus den 20 Partien nur 11.6 Zähler erlangte. Den dritten Preis gewann Niem Komi tsch mit 10.6 Zählern. Unplaeiert blieben Biidmar mit 10, Spielmann mit 8 und Marshall mit 6 Punkten. Der Sieg des Schachweltmeisters Capablanca ist glänzend zu nennen, stand jedoch seit langem außer Zweifel. Der Zweck des Turniers, für den Kampf um die Weltmeisterschaft im Schach, zu der Capablanca von verschiedenen Seiten bereits seit lang.-m herausgefordetrt wurde, eine entsprechende Auswahl zu tresfm, wutoe nicht erreicht. Denn außer Aljechin, der jedoch zu Beginn d^s Turniers in keiner guten Form war und daher stark zurückblieb, traten dem Schachweltmeister wohl spielstarke Gegner, jedoch nicht solche allerersten Ranges entgegen. Niemzowitsch, der eine Zeitlang als einziger unter allen Teilnehmern des Turniees Chancen für den ersten Prstis zu. haben schien, versagte in der zweiten Turnierhälfte, anscheinend infolge geringer Turnierroutine und Ueberanstrengung seiner Nerven. Vidmar und Spielmann sind überaus ideenreiche Spieler, jedoch nicht die große Klasse, die das Schachspiel auch heute unter den Meistern hat. Marshalls Glanzzeit ist längst vorüber, und der niedrige Skore, den er im Turnier aufweist, bestätigt die Vermutung, daß er gewissermaßen, als Pacemaker für Capablanca fungierte. Dagegen fehlten in diesem Turnier Dr. Emanuel Laster, der durch kleinliche Intrigen ferngehaltcn. wurde, Bogoljubow, dessen Honorarforderung ein Anlaß war, um seine Teilnahme abzulehuen, obwohl auch Beim Präsidenten der Vereinigten Staaten. Von Arnaldo Fraccaroli. Wash ington, im Feber 1927. Calvin Coolidge, Präsident der Vereinigten Staaten, ist ein glücklicher Mensch. Zumindest in der Politik. Unter seiner Präsidentschaft hat das Land einen Grad von Wohlstand erreicht; den es nie gekannt hatte. Ist es sein Verdienst — oder schicksalhaftes Zusammentreffen glücklicher Umstände? Die Amerikaner lassen sich nicht in subtile Analysen ein: auch das Glück ist ein Verdienst. Coolidge hat glückbringende Einfälle. Ab und zu hat auch er minder gute Ideen, wie jene jüngste, alle Großmächte einzuladen, um in Washington über die Einschränkung der Seerüstung ein Uebereinkommen zu treffen, die ihm nicht viel Befriedigung gebracht hat; aber nachher entschuldigte man ihn; er hätte nicht den richtigen Augenblick gewählt, doch die Idee sei gut. Man setzt Vertrauen in ihn, der gewöhnlich schweigt. Ein schweigsamer Mensch wird in Amerika als Phänomen angesehen. Und Calvin Coolidge ist von diesem Gesichtspunkt aus, wahrhaftig ein rares Geschöpf. Er ist vielleicht der einzige Amerikaner, dem es gelungen ist, in der Stille Karriere zu machen, aus un gekannten verborgenen Hintergassen, statt die große, lärmende Straße zu passieren. Andere schrien, stürmten, stellten sich zur Schau in lärmender Oefsentlichkeit; Coolidge hielt sich im Schatten und schritt vorwärts... Die Anderen erregten Polemiken, Neid, Eifersucht, Attacken; Coolidge rief keine Mißstimmung hervor, niemand erklärte ihm den Krieg, denn niemand sah ihn. Als man ihn gut zu sehen bekam, war er bereits Präsident der Bereinigten Staaten. * Er war ein simpler Advokat ln Vermont, einem der puritanisch sten Staaten der Union. Sohn eines Farmers, eines Landmannes, der auch Oberst war (in Amerika ist es offensichtlich nicht schwer, Oberst zu werden). Er begann Capablanca ein Separmhonorae bezog, es fehlte Rubin st ein, trotz Krankheit noch heute ein Meister allerersten Ranges, es fchlten die Bezwinger Cüpablancah in den letzten Turnieren Reti und Werlinski. Bon dem projektierten Turnier in Havanna, das auch die Teilnahme der in Newyork fchlenden Meister bringe» soll, ist es wieder still geworden, und so konzentriert sich das Interesse der Schachwelt darauf, ob Capablanca außer der Herausforderung MjechinS auch noch die der anderen Großmeister, welche sich ihm zum Wettkampf u« die Weltmeisterschaft stellen wollen, ann-hm-n wird. Sin Riesenbranv in Kalkutta. Land on, 34. März. In Kalkutta ist ein Riesenbrand ausycvrochen, der als einer der größten in der Geschichte Kalkuttas gilt. Alle Feuerwehren in Stadt und Umgebung mußten eingreisen. Ueber 2Q Holzlager sind verbrannt. Es sollen zahlreiche Menschenleben dem Brande zum Opfer gefallen fein. Der Materialschade ist ein ungeheurer. Der rniionalifierle Haifisch. Bereits während des Krieges lenkte der Generalsekretär des Handelsministeriums William Red field die Aufmerksamkeit der lederverarbeitenden Industrie auf den Haifisch als vorzüglichen Lederlieferanten. Damals machten sich aber die Kosten des Fanges und der Verarbeitung nicht bezahlt. Die von' Redfield angeregten Verbuche wurden Indien von dem aus Wien nach Amerika ausgewanderten Industriellen Ehrenreich fortgesetzt und haben vor einigen Monaten zur Grürckung einer Verwertungsgesellschaft in San Francisco geführt. Damit wurde der Haifang im Stillen und Atlantischen Ozean durchorganisiert. Die verschiedenen Arten (es handelt sich vornehmlich nni den gefürchteten M:n chmhat, den Glatthai, den Heringshai und den über 10 Meter lang werdenden Riesenhai) werden sofort nach dem Fang im Fahrzeug sortiert, wandern gleich nach Ankunft im Hafen in den Fabrikationsgang, wo die Fische zerlegt und die einzelnen Teile bearbeitet werden. Die gedörrten Flossen finden als berühmte Delikatesse in China reißenden Absatz. Das sorgfältig vom Skelett gelöste und von allen Gräten befreite Fleisch kommt als begehrte Konserve auf den amerikanischen Markt, denn sein Nährwert ist groß und sein Geschmack vorzüglich, weil der Tran restlos in der Fischleber zurückbleibt. Die zähe Haut, die jedes Leder an Reißfestigkeit übertrifft, wird jetzt durch ein besonderes Schnellgerbverfahren weich und geschmeidig gemacht und besonders von Schuh- und Kofferfabriken immer lebhafter gesucht, zumal der Preis gegen früher sehr niedrig gehalten werden kann. Etwa ein Fünftel vom Lebendgewicht des Hais ist Ö e l. Geruchlos gemacht, fand es bisher viel in den Seifenfabriken Verwendung, - gilt aber heute als vorzüglicher Ersatz für Leinöl und gewinnt in gereinigtem Zustand bei der pharmazeutischen Industrie an Bedeutung. Kopf und Gerippe werden zu Gelatine verkocht und die wenigen Übrigbleibeuden Gräte tauchen gehärtet und poliert in allen denkbaren Formen auf dem Markte auf. Zum kaufmär.ni scheu Erfolg dieses Unternehmens hat aber ganz wesentlich der Umstand beigetragen, daß sich aus den: Pankreassekret des Hais erhebliche Mengen des Zuckerl"!-"'f^Insulin aewinnen lassen. das öffentliche Leb.n als Assessor semes Landes. Schon :n der Jugend genoß er den Ruf eines sehr ernsten Menschen, der wenig sprach. Wenn seine Freunde in Vermont von etwas sehr seltenen sprechen wollten, pflegten sie zu sagen: „Selten wie ein Lächeln des Advokaten Coolidge". . Eines Tages sah ihn einer seiner Landsleute mit einer Reisetasche in der Hand. Er fragte ihn: „Wohin Calvin?" — „Sag' es niemandem, ich gehe als Gouverneur nach Massachusetts." Jener lachte: „Der hyperernste Coolidge beliebt zu scherzen!" Doch Coolidge wurde wirklich Gouverneur. Mit derselben klugen und stillen Aktivität, vielleicht mit genau derselben Tasche, gelangte er dann zur Präsidentschaft der Republik. Als Gouverneur hatte er einem Streik der Polizisten die Spitze geboten und ihn bezwungen. Er genoß den Ruf eines tüchtigen, energischen Mannes. Ein. treuer Republikaner; die Häupter seiner Partei hörten aus ihn. Er hatte das große Glück, keinen Ambitiösen zu beunruhigen; er ries keinen Schatten hervor, denn er stellte sich nicht ins Licht. Er wurde Vize- Präsident mit Harding. Es war fast eine Ueberraschung. Hart» ing starb am Abend des 1. August 1923. Coolidge befand sich auf Ferien in seinem Geburlshause in Plymouth, zwischen dem Gehölz von Vermont, fern vom Telegraphenamt, von jeder Eisenbahnverbindung, ohne Telephon. Um zwei Uhr nachts am 2. August wurde er durch einen Telegraphenboten geweckt, der ihm die Depesche brachte, die den Tod Hardings meldete. So ward Coolidge das Oberhaupt der Vereinigten Staaten. Er weckte seinen alten Vater» der Notar war (in Amerika sind alle jene, die ein Anwesen, ein Busineß, ein Bureau besitzen — Notare: es sind keine besonderen Studien notwendig, cs genügt ein kleines nichtssagendes Examen und man bekommt das Diplom und das Siegel), und übermittelte ihm die Nachricht, Der alte Vater umarmte ihn weinend. Sodann, im bescheidenen Parterrezimmer, beim Lichte einer Petroleumlampe — das elektrische Licht ist noch nicht nach Plymouth gelangt — leistete l u Coolidgc den Eid auf die Konstitution — in die H.'..:de des Vaiers. Die Konstitution bestimmt, daß der Eid in Gegenwart eines bürgerlichen Notars geleistet - " .» »■■■■««— >«= Schwere Träume unruhiger Schlaf — Nervosität werden, gebannt durch tägliche Einreibung mit LÖW6ft‘Franzbranntwein mit Menthol, deshalb ist es gut, täglich vor dem Schlafengehen LÖWttll-Franzbranntwein mit Menthol zur Benutzung stets bereit zu halten. Sehnttmark« UeberaU erhältlich aaaaaaaaaaaaaBaaaaaaaaBaaaaaBBaaaa Sonderbare HeientsnntrSge. Es sind nicht die schlechtesten Menschen, die in Zittern und Zagen nicht wissen, wie sie es anstellen sollen, der Erwählten ihres Herzens ihre Liebe zu gestehet. Humoristisch wirken aber die sonderbaren Mittel, auf die solche Leute verfallen, um zu ihrem Ziele zu gelangen. Von manchen sonderbaren Heiratsanträgen sind mancherlei zu Nutz und Frommen für solche, die auch in Verlegenheit sind, durch die Geschichte überliefert worden. Sehr empfehlenswert ist der Heiratsantrag durch ein Buch. Ein schüchterner Anbeter schickte seiner Erwählten ein Gebetbuch, das im Anhang die Trauformel enthielt. Er hatte die Worte unterstrichen: „Willst du diesen Herrn ... als deinen Ehgemahl aus Gotteshand hinnehmen, ... so sprich Ja!" Als er das Buch zurückerhielt, hatte di« Dame das „Ja" noch mehrfach unterstrichen. Bald danach hatte, sie Gelegenheü, dieess „Ja" laut und vernehmlich zu wiederholen. Noch komischer ist der Fall eines berühmten Arztes, der sich einer lange von ihm verehrten Dame nicht zu erklären wagte. Die kluge Dame, die ihn wiederliebte, beschloß, ihn zu einer Erklärung zu bewegen. Er fand sie einmal in der Bibel lesend. Sie bat ihn, heranzutreten, hielt den Zeigefinger auf eine Stelle und bat ihn, zu lesen. Der Arzt las: „Du bist der Mann!" Dieser Wink war so deutlich, daß er es nunmehr wagte, seine Erklärung vorzubringen und die Hochzeit ließ nicht mehr lange auf sich warten. Einem schüchternen Liebhaber, der die Tochter Oliver Crom Wells liebte, bekam seine Schüchternheit sehr schlecht. Cromwell fand den jungen Gelehrten vor seiner Tochter auf den Knien liegen, wie er ihre Antwort auf seine Werbung erwartete. Als Cromwell den Freier mit finsterer Miene fragte, was er da tue, wurde der Arme so in Verlegenheit und Schrecken versetzt, daß er stotternd sagte, er habe das Fräulein nur um die Hand ihrer Kanrmerjungfer gebeten. Cromwell, der ihm die Tochter zweifellos verweigert hätte, benutzte diese Ausrede, um den Freier aus dem Wege zu schaffen. Er rief die Jungfer und ließ die beiden an Ort und Stelle durch einen Geistlichen trauen. Auf eine originelle Idee kam ein Witwer, der bereits drei Frauen gehabt hatte und nun zum vierten Male auf die Brautschau ging. Er schickte der Begehrten drei Bündel Briefe, die mit schwarzen Bändern zusammengebunden waren und schrieb dazu: „Lesen Sie alle diese Briese, die mir meine verstorbenen Frauen geschrieben haben. Sie werde: der bürgerliche Notar des neuen Präsidenten war sein Vater. Für diese Zeremonie von so strenger und rührender Einfachheit, zwischen dem alten Bauer und seinem Sohne, der Präsident der Nation wurde, wurde die alte verehrte Bibel der Familie Coolidge verwendet. Diese Bibel wird seit drei Jahrhunderten im Hause in Ehren gehalten, seit der erste John Coolidge, Puritaner, mit seiner Frau Maria aus England landete und den Boden im Settlement von Watertown zu bebauen begann. Bei Tagesanbruch fuhren der Präsident und sein Vater auf einem vom Alten geführten Wägelchen zur nächsten Eisenbahnstation, wo sie eine Karte nach Washington lösten, Die Kunde von dieser Eidesleistung mit biblischer Reinheit im armen Landhause machte in Amerika großen Eindruck. In diesem lärmenden Lande verursachte jene ferne Stille mehr Geräusch als manches Getöse. * Die Zeit verlief. Coolidge wurde durch die Wahl als Präsident bestätigt, nachdem er bis dahin nur die Rechte des Substituten besessen Hatte. Im Jahre 1928 istder neue Wahltermin, und man spricht schon von der Wiederbebestätigung Coolidges. Man wird versuchen, das Hindernis der Tradition zu überwinden, nach welcher, aus keinem anderen Grunde, derselbe Präsident nicht durch drei Perioden nacheinander — Substitution oder Wahl — im Amte bleiben darf. Die Gründe für Coolidges Popularität sind merkwürdig. Man liebt ihn aus Liebe zu den Kontrasten. Die Amerikaner sind alle Sportsmen und verehren den Sport. Coolidge übt keinen Sport aus und hat kein Interesse dafüri Die Amerikaner sind lärmend. Coolidge liebt die Stille. Die Amerikaner sind dynamisch, Coolidge ist sanft und friedlich. Jene kämpfen, um Reichtümer zu erwerben und ein luxuriöses Leben führen za können, Coolidge ist ökonomisch und bescheiden. Auch minderbemittelte Familien lieben es, Gastmähler zu veranstalten und Empfänge — Coolidge wendet all seine Geschicklichkeit aus, um ihnen auSzuweichen. Wenn er sie nicht umgehen kann, sucht er sie auf ein Minimum zu reduzieren.

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