Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 2900 (25.3.1927)
- Date
- 1927-03-25
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Ali Wien, Freitag Wiener Morgenzettung 25. Marz 1927 Nr. 2900 ite 2 I i WIENER MÖRGENZEITÜNG KUPON tu dum Kfeuzwort-RStael Nr. 41 i '» ich ans dem knappen, überdies noch verstümmelten Tele» granrm des Bundeskanzlers Dr. Seipel noch gar nicht entnehmen konnte. Als ich später aus den Zeitungen Näheres erfuhr, war ich sofort entschlossen, nach Oesterreich zurückzukehren, um der Oeffentlichkeit Rede nnd Antwort zu stehen und meine Verleumder zur Rechenschaft zu ziehen." Dr. Ah rer, der ziemlich korpulent geworden ist, ist noch spät abends mit dem Pcrsonenzng der Südbahn nach Graz avgerei'' Ahrers Heimkehr. —y, Wien, 25. Marz. Der ehemalige Finanzminister Ahrer ist in Wien auge£ommen. Er ist im gegenwärtigen Augenblick eine sehr bedeutsame Persönlichkeü, obzwar er keine besonderen Aufklärungen über die mit seinem Namen verknüpfte Postsparkassenangelegenheit zu geben hätte. Sein Vertrag mit Siegmund Basel über die Uebernahme der Unionbank-Aktien ist ja bereits bekannt, und was in dieser Geschichte zweifelhaft * war, bezog sich nicht auf den Finanzminister, sondern auf den Handelsminister. Die Affäre Ahrer war ein Teil des großen Korruptionsskandals, der sich im Verlaufe der von den Sozialdemokraten, begonnenen Kampagne gegen die aus Staatsmitteln vorgenommene Stützung der Zentralbank der. deutschen Sparkassen entwickelt hatte. Die Affäre ist bis. heute noch nicht abgeklungen, und sie spielt sehr stark in die Wahlen hinein. Die Ankunft Ahrers liefert , der. Opposition den hochwillkommenen Anlaß, die einzelnen Stadien des Skandals in Bildern und Artikeln wieder vorzuführen. Das wird ergänzt durch die Beschlüsse deS.steirischen Landtages, die beit gewesenen Landeshauptmann Dechanten Prisching für immer aus dem politischen Leben weisen. Es wird von seiner Mehrheit festgestellt, daß er als Finanzreserent aus seiner Kenntnis der Tatsachen materielle Vorteile gezogen hat. Die ganze so unsäglich schmutzige Angelegenheit kommt nun wieder aus das Tapet. Sie hat, dem österreichischen Bürger gezeigt, wie verludert das politische. Leben geworden ist und wie mit dem Steuergeld gewirtschaftck wird. Das Urteil über diese Praxis steht fest, und der Staat hat vor dem Ausland an Ansehen beträchtlich gelitten. Dr. Ahrer hat augekündigt, er werde sich gegen ehrenrührige Beschuldigungen zu verteidigen wissen. Damit Mag es gehen, lote es wolle — an der Beurteilung der Sache wird nichts geändert, es sei denn, daß es zu eitter Neuauflage der Beschuldigungen und Beweise kommt. Was in dieser Kormptionsgeschichte'an Unklugheiten und Dummheiten begangen wurde, ist kaum zju schildern. Mehrheit und Opposition ließen die simpelste Vorsicht öec* missen, und so gerieten die führenden Personen von links und rechts immer tiefer in den Dschungel. Die Bevölkerung sah mit Schrecken auf diese Vorgänge, die schließlich jeden einzelnen mit Ekel und Mißtrauen erfüllen mußten. Die großen Volrsparteien sahen sich ihres Nimbus beraubt, und in dem Jammer, der sie anfaßte, versuchten sie sich mit dem alten Mittel des Geschreies wider die Juden zu helfen. Kunschak erklärte, daß die Saujuden die Affäre angezettelt hatten, und die Sozialdemokraten verliebten' sich in Jesajas Aberbach. Die Entrüstung der Oefsentlichkeit sollte abgelenkt' werdet Das. konnte aber in dem gewünschten Aüsmaß nicht etzielt werden, Und sohin gehört auch die Berweichlmg der Steuergelder mit zu den Fragen, in deren Zeichen der Wahlkämpf geschlagen wird. . Die jüdische Bevölkerung hat mehr als jeder andere Teil ein Interesse daran, daß die öffentliche Kontrolle verstärkt wird und daß Eskamotagen für die Zukunft zumindest erschwert werden. Cs ist zunächst auch ein sehr ansehnlicher Teil des jüdischen Vermögens in Mitleidenschaft gezogen worden. Weiters aber zeigte sich die Geneigtheit, auch die Schuld an dem Vorfall der gesamten Judenheit aufzrchalsen. Das ist so die politische Lebensformel der Parteien, nnd sie können dieses Spiel nur darum wagen, weil in dem entschvNenden Bertretungskörper die jüdische Kontrolle gefehlt hat. Es war nidjt möglich, im Parlamente für die Aufhellung der Wahrheit auch von dieser Seite aus zu sorgen. Das ist eben wieder rin aus der Situation geschaffener Nachteil, daß . über Uns als. Einzelne wie als Gesamtheit gesprochen Und verleumdet werden kann, ohne daß wir Gelegenheit haben, der Vergiftung sofort entgegeNWtreten. Die jüdischen Mitglieder des Nationalrates sind nicht als Juden gewählt, und sie empfinden auch nicht den moralischen Zwang, eine Lüge als Lüge zu.entlarven. Wie Aberbach zeigt, bedienen sie sich sogar selbst gerne des Mittels, die Kanaille zu. provozieren. Da Herr Ahrer wieder da ist, wird ja die Chose wieder aufgerollt. Und da auch die Wahlen kommen, wird die jüdisch- Bevölkerung die. Konsequenzen ziehen. Sie wird jüdisch' Vertreter wählen. Ae Reklamationsfrist läuft As Montag, de« 28. Mörz. Jeder jüdische Wahlberechtigte (Staatsbürger nnd Staatsbürgerinnen, die am 1. Jänner 1927 daS 20. Lebensjahr erreicht haben) mutz sich unverzüglich, unter Mitnahme feiner Dokumente (HeimatSschein, Geburtsschein» Paß, ArVcitSSttch, Meldezettel nfw.) in unserem Wim, 8. Bez., TaSorstraße 1—3, Mezzanin, rechts, 9 tthr vormittags bis 7 Uhr aven-s edtsitrden. Die Wählerlisten können auch täglich in den Amtslokalcn der Bezirke (Magistratisches Bezirksamt) eingesehen werden. Ae Wahle». In der Nacht zum Donnerstag wurden in Dien von Mitgliedern des Republikanischen Schutzbundes alle Mistkisten, Planken, Lichtmaste usw. mit sozialdemokrati- * schen Flugzetteln beklebt. Me Zeliteln zeigen Karikaturen und Bildtexte, die daS Thema Hausherren und Mieter in ziemlich eintöniger Weise variieren. Nunmehr haben auch die Sozialdemokraten die Listen ihrer Nationalratskandidaten in den Ländern veröffentlicht. Dr. Arnold Eisler, der, obwohl, die Sozialdemokraten in heftiger Gegnerschaft gegen die steirische Landesregierung standen, deren advokatorische Vertretung bei Vertragsabschlüssen gegm ein zu gewärtigendeS hohes Entgelt führte, ist bekanntlich deshalb scharf angegriffen worden. Trotz alledem wird er von seiner Partei in Graz als Listensührer kandidiert. Me Kandidatenlisten zeigen im übrigen an den sicheren Stellen meist die jetzigen Mandatsträger. Die großdeutsch-christlichsoziale Einheitsliste ist - nunmehr auch für Tirol perfekt geworden. Dort hat man dem Großdeutschen Dr. Straffnev die sechste Stelle in der Einheitsliste zugestanden. Seine Aussichten, nicht durchzufallen, haben sich also gebessert. In Kärnten haben sich die Christlichsozialen ebenfalls für eine Einheitsliste mit den Großdeutschen für die NationalraLs- und Landtagswahlen entschieden. Tlls Listenführer der Christlichsozialen wurde Abgeordneter Paulitsch aufgestellt, an Weiter Stelle wird der Großbeutsche Jndustriesekretär Oberst Klimann kandidieren, der schon dem gegenwärtigen Nationalrat angehört. Die kaisertreue Volkspartei verlangte von Dr. Seipel ein Nationalratsmandat auf der Einheitsliste, zwei Wiener Gemeinderatsmandüte und je ein Mandet für den Salzburger und Innsbrucker Landtag. Dr. Seipel bot nur ein Gern einderatsmandat an, worauf der kaisertreue Parteipräsidettt Wolfs erklärte, seine Partei'werde gezwungen sein, als selbständige Gruppe in der antimarxistischen Einheitsfront in den Kampf zu ziehen. Ein MWersprechm fUc die Minreutner. ' ' In einer KlcinrentntrversLMmlung im „Bayrischen . Hof" kündigte Abgeordneter Ellenbogen an, die Gemeinde Wien werde eine erhebliche Anzahl, von Milliarden aufwenden, um bis zur gesetzlichen Regelung :bet Kleinretttnerfrage in Anlehnung an dasLeibrcntnergesetz den notleidenden Besitzest von Wiener Geimeindeanlehenstücken Zuwendungen zu machen. Ae Soziaiverfichemn». Die Beratung der ArHeiterversicherungsvorlage im Ausschuß ist soweit gediehen, daß der vom Unterausschuß ausgeavbeitete Entwurf möglicherweise schon heute vom Volla.ussch u ß beschlossen werden kann. Der Minister für sozjia'le Verwaltung versprach gesterner .werde unmittelbar nach Abschluß der AuSschußlberaturngen eine Erg a n z u n g s - .Vorlage über die Sozialversicherun'g .,der Land- und Forstarbeiter zur Verfügung stellen,. die gleichartig mit der ArSeiterversicherung in Kraft treteic soll. Sie internationale Untersuch»«» der albanischen Grenre. . Paris, W. März. (Havas.) Frankreich, England nnid Deutschland sind übeosinsti-mmend für die Durchführung einer Untersuchung an Ler serbisch-aldänischen Grenze durch oin>e aus breiter Grundlage gebildete Kommission.. Mae mmm gtaiicns* Rom, 34. März. Zu dom Vorschlag der Entsendung einer Expertenkommission bemerkt die „Tribuna", daß, Italien nichts zu verbergen und daher nichts dagegen habe, daß eine solche Kommission eine Untersuchung vornehme. Es sei aber kindisch, zu glauben, daß eine solche Untersuchung nach den vielen Tagen irgendein Resultat zeitigen könne. WMche Wungen? V , Belgrad, 24, März. Die Blätter berichten von großen avbaniischen Truppenkonzentvabionen an der aLbam^sch-siu^!^ wischen. Grenze. In politischen Kreisen verlautet, daß die jugoslawische Negierung die Ausmerksamiteit der Großmächte aus diesen Umstand gelenkt und glauibwürdige Dokumente vorgeletzt. habe, die die Manischen Rüstungen bestätigen. Einige Mächte haben be-reirS beschlossen, ihre Militärattaches an die jugoslawisch^ Grenze zu senden, um die Richtigkeit der jugoslawischen Behauptungen zu überprüfen Auch Nanking erobert. London, 21. März. Die Einnahme von Nanking durch die Nationalisten wird bestätigt. Der Teil der Stadt, in dem die Ausländer Zuflucht gesucht haben, ist beschossen worden. ■*- -' * * Der Einzug der Kanton-Truppen in Nanking ist fast o h n« W i d e r st a n d erfolgt. Der unerwartete Steg der Südtruppe« soll einer Vereinbarung mit Tschangtschungtschang zuzuschveiben fein. Der Rückzug der Schantung- Truppen erfolgte in regelloser, hastiger Flucht. Die Anwesenheit der Schantung-Truppen in Nanking war durch unzählige Räubereien, Plünderungen und Mißhandlungen gekennzeichnet gewesen, wobei auch das britische Konsulat ausgeraubt wurde. Das amerikanische Konsulat wurde vom Personal geräumt, das sich auf einen Hügel flüchtete, wo sich sämtliche Ausländer zusammengefunden haben. Dieser Hügel wurde dann ebenfalls beschossen. Der britische Konsul wurde verwundet und ein britischer Arzt getötet. Hierauf bombardiertenbritischeundamerikanischeKriegsschiffe das Gelände in der Nähe des Hügels, um den Ausländern die Räumung des Hügels zu ermöglichen. ES wurden ferner zu diesem Zwecke Marine-Detachement s g e l a n d e t. Bildmig einer provllorWeii «rimale» Mtrang in SSnnill». Schanghai, 29. März. General Pao-Tschang- T s ch e n und einige nationalistische Persönlichkeiten, darunter mehrere Deputierte extremistischer Richtung, haben heutö eine provisorische regionale Regierung gebildet. Die Truppen Pao-Tschang-Tschens haben mit der Entwaffnung der Irregulären begonnen. Mit Gewehren bewaffnete Arbeiter haben die Ko n tr oll e in der Chinesenstadt übernommen. Pao-Tschang-Tfchen hat öffentlich erklärt, er sei für die Anfrechterhaltung der Ordnung und werde alle nötigen Maßnahmen treffen. Die Politik seiner Regierung richte sich einzig und allein darauf, durch friedliche Verhandlungen die B e s e i t i g u n g der internationalen Lasten durchzusetzen. Der . Streik wird morgen beendet werden. In einer besonderen Unterredung sprach Pao-Tschang-- Tschen den Wunsch der Nationalisten aus, mit Fra n kreich in güten Beziehungen zu bleiben. Sngluud «ud vfe Kuntouesen. London, 21. März. Im Unterhaus fragte ein Arbeiterabgeordneter die Regierung, ob sie angesichts dier gegenwärtig in Schanghai bestehenden Lage beabsichtige, die nationalistische Regierung diplomatisch anzuerkennen. Premierminister Baldwin erwiderte, daß die englische Regierung Weiterhin die Fühlung mit den nationalistischen Behörden in Hankau durch einen diplomatischen Vertreter aufrecht erhalte. Für die Zukunft werde die Haltung der englischen Regierung durch die Umstände bestimmt werden. Gegenwärtig sei es noch Nicht möglich,! zu sagen, welche, Aenderung in dieser Haltung diurch die Entwicklung der Ereignisse in China nötig werde« könnte. Lar deutsche Republikschutzgesstz. Wilhelm der Zweite will nach Deutschland zurückkehren. Berlin, 24. März. Die „Vossische Zeitung" verösifendlicht ein Schreiben des preußischen Mimsierpräschenien Bvaun an Reichskanzler Marx, worin Braun die Auifwerksamkeiiv der Rechsvegierung ans die Frage bet Verlängerung der GMgöeitsi^aner des RepuAikschuhgesetzeS hinweift, das in zwei Monaten abläuft. Mt Ablauf des Gesetzes Müde es am Möglichkeiten fehlen, gegen Bsstvebuntzen Und Orgamsativnen, die staatsfeindliche Ziele verfolgen, eiNznschreiten. Dazu konune die EveN'duailirät einer Rückkehr des frühEn Kaisers nach Deutschland, gegen die Vovsovge getvossen worden müsse. Zu diosM Brtsf des Mintsterprästdendön Braun.an den Reichskanzler öemctkt die „Bossische Zeitung" im Leitartikel, daß die preußische Regierung, wenn auch nur inoffiziell, davon unterrichtet sei, daß Wilhelm der Zweite mit -dem Gedanken spiele, nach Homburg v. d. Höhe zu üverstedeln, zumal als er die ^Teilnahme der . Deutschnationalen än bet Regierung als günstig für seine Ziele ansieht. Sine iutechatlameutakische Suteuttz. Zwischen Frankreich, Belgien, Polen, Tschechoslowakei uvtft ♦ Jugoslawien. Prag 24. März. Witz ötc .^sivagor Presse" erfährt, ist zwischen Frankreich, Polen, Rumänien^ Jugo« silawien, Belgien und Tschechoslowakei eine in« öerparlamentarische Entente in Midung beyviiffon. Der Zweck dieser interpavlamenitavischen Entente ist der AUstrmme.nschvuß der parlamentarischen Gvuppon jener Länder, die gleiche'oder ähnliche Interessen auif palitischein, kulturellem oder wirtschaftlichem Gebt»: haben, um zu PosiÄver und praktischer internationaler Zusmnmelvarbei zu gelangen. Die Entente wird von omem Vollzugsausschuß geleitet. Sie befaßt sich alldemokratisches Organ für interna'rioMes EinvernehmvN ' nvht aktuellen Fragen zur Erhaltung des Friedens und mit der Jivatze einer pasittden Zußammenavbett der Bölktzv.