Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 2899 (24.3.1927)
- Date
- 1927-03-24
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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kV K. Nr. SB» Wie», fenmetiutg Wie««» MeegeaseMmg SL «Lr, IE Sette 8 Tagesbericht. Sie SchSchlhetze. Die Geschäftigkeit, mit welcher in den letzten Tage» unter der falschen Flagge des Tierschutzes gegen das rituelle Schachten der Juden ein Sturmlaufen kommaudiert wird, ist geeignet, unsere volle Aufmerksamkeit in Anspruch zu nehmen. Es ist klar, daß Liese ganze Aktion mit Tierfreundlichkeit nicht das Geringste zu tun hat und daß es sich mehr um eine Menschenfeindlichkeit, soweit die Menschen dem Judentum angehören, handelt. Wenn Herr Melkus wirkliche Tierfreundlichkeit lernen will, so müßte er vor allem zu den Juden in die Schule gehen, denen Bibel und Talmud wie mch die alten und neuen hebräischen Philosophen die Schonung des Tieres zur heftigen Pflicht machen. Die Tierfreundlichkeit ist eine jüdische Nationaltugeich, die noch aus jener Zeit stammt, in welcher das Gesetz über die Sabbatruhe entstanden, das bekanntlich nicht nur für die Menschen, sondern auch für das Vieh gilt. Es soll hier nicht darüber gesprochen werden, daß die ciinv-aridfreiesten nichtjüdischen Fachschriftsteller, die auSgezogen waren, gegen das Schächten Front zu machen, auf Grund der Shndien aller bekannten und vorgeschlagenen Schlachtmethoden zu dem Ergebnis gekommen sind, daß die rituelle Schachtrnethodc die humanste von allen ist. Englische, amerikanische und in früheren 'Zeilen mich französische S3fc* terinärautoritäten haben sowohl vom humanen Gesichtspunkte in bezug auf das Tier als auch vom Standpunkte der Hygiene hinsichtlich der Menschen, die vom geschlachteten Vieh genießen, die Einführung der jüdischen Schächtmethodc als obligaten Schlachtvorgang empfohlen. Wie gesagt, nicht diese Seite der Frage soll heute ausführlich erörtert werden. Wogegen unter allen Umständen die allerschärfste Verwahrung eingelegt werden muß, ist, daß unter dem Borwand übel angebrachter Humanität wieder ein gesetzlicher Gewissenszwang versucht wird, von dem ausschließlich Juden betroffen werden. Die Parole vom SuMhtverbot ist nichts anderes als eine von den Münchener Hakenkreuz!ern ausgeheckte neue Losung für eine antisemitische Propaganda, die der Herr Melkus ganz unzweckeutig zu erkennen gibt, indem er den altgewohnten Prügelknaben, „den aus den: Osten zugcwand.rten Juden", als das Schreckbi d verführte. Das rituelle Schachten ist für Lausende gläubiger Juden aus dem Osten und dem Westen ein religiöses Gebot. Diese Juden genießen so wie alle anderen Bürger dieses Staates das staatsgrundgesetzlich geivährleisteieRoch t zur Ausübung ihrer . Religion. Diese Juden essen kein anderes Fleisch als das von rituell geschlichtetem Rind. Ihnen das unmöglich zu machen, bedeutet, ihnen ein Bürgerrecht zu rauben. Und es ist eine unerhörte Heuchelei, diesem Angriff mcf ein Recht das Mäntelchen der Humanität umzuhängen. Die gesamte Judenschaft Oesterreichs, welcher religiösen Anschauung sie auch sein mag, wird jeden solchen Versuch mit allen Mitteln abweisen, da sie keinen ihrer Teile unter ein AuZnahmsrecht stellen läßt. Denecin kräftig! den Organismus — schützt vor^ Erkrankungen. £ noe 1V2 KUNEROL Verbürgt reines Fett aus Kokos« missen. Die Kokosnüsse werden bei der Kunerolwerke A. G.» Wien* Atzgersdorf, gepreßt und die Er« Zeugung steht bis zur Verpackung des fertigen Fettes unter strengster Aufsicht des Herrn Bezirksrab« biners 8. Ehrenfeld zu Mattersburg. Kunerol kann daher von jedem Streng* gläubigen ohne Bedenken zur Zuberei« tung der Speisen verwendet werden. Krieg gegen khaje LmteUaud ist der Titel einer neuen Erzählung des berühmten jüdischen Dichters Schilim M> welche zusammen mit anderen Novellen des populären Erzählers demnächst in der deutschen Uebertragung von Siegfried Schmitz im Verlag R. L ö w i t (Wien-L.ipzig) erscheint. Es ist uns gelungen, vom Verlag und vom Autor d:e Erlaubnis zum Vorabdruck dieser Erzählung zu erlangen, und „Krieg gegen Chase Turteltaub" Erlitt atz Soruttsg, den 87. Mörz 1927, is der „Muer rKorgenzeitung". Die Erzählung, eine Perle im Schaffen Schalom Asch', ist vom Anfang bis zum Ende von köstlichem Humor durchzogen. Ehaje Turteltaub, die in der kleinen Stadt einen winzigen Lad.n mit Naphtha, Heringen und Salz betreibt, wird plötzlich zur Vertreterin des weltumspannenden jüdischen Kapitals, das seine Herrschaft über ganz Polen erstrecken will. Und ein Krieg entbrennt gegen Ehaje Turteltaub, ein Befreiungskrieg gegen die Herrschaft des Judentums. Die Episoden dies.s Kampfes gegen die arme Kramerin, in dem Ehaje, ohne kriegerische Gegenmaßnahmen zu treffen, Siegerin bleibt, schildert Schalom Asch mit allen lustigen Einzelheiten in jener köstlichen lächelnden Art, die ihm eigen ist. Die Erzählung gibt ein heiteres Drld aus dem „wirtschaftlichen Kamps" der Kleinstadt, durchzogen von echtem Humor, und wird daher, wie wir hoffen, unseren Lesern höchst willkommen sein. MMWUWWWUWWW>WUWWWU> Ln Soltonaüot tagt «och. Gestern hiet: der Nationalrat wieker eine Fünfminuteufitzung ab, in der das Gesetz über den Zubau von 600 neue» Dienstpost«v im Stellenplan beischlossen' wurde. Im Einlauf befand sich ein Ermächtigungsgesetz, womit -er Finanzminister die Möglichkeit erhält. für 78 Millionen Schilling Schatzscheine imt einer Lauffrist von sechs Monaten zu begeben. Für diese Anleihe hat ihm der Völkerbundrat die Erlaubnis unter der Bedingung gegeben, daß er sechs Monate nach der Emission 50 Millionen Schilling zur Abtragung eines Teiles der Banknotenschnl-d des Bundes der National'cank zurückzahlt. Gleichzeitig verlangt die Negierung di« Zustimmung des Parlaments zu einer Statutenänderung der Nar-ion-albant, auf Grund bereu dar Noteninstitut ermächtigt wird, die Schatzscheine in Reeskompt und Lombard zu nehmen. Am Dienstag nxtfc der Finanzausschuß des Naiionalratcs beide Vorlagen in Beratung ziehen. Eine dritte Negierungk-vorllag«, die gestern dem Hause unterbreitet wurde, soll die Regierung ermächtigen, die Ratifizierung von zollpolitiischen Abmachungen mir der Schweiz und Jugoslawien vorzunehmen, auf Grund deren die Sähe des autonomen Zolltarifs bei der Einfuhr von Mehl, Zucht- und Jungvieh sowie von. geschlachteten Schweinen im Verkehrmit diesen Staaten in Geltung treten können. Die Verhandlungen mit der Schweiz und Jugoslawien sind abgeschlossen. Es erübrigt nur noch der Austausch der Schlußprotokolle. Bedenkliche BerschKrfung des Konfliktes mir den Kasseniikjten. Der seit Wochen latente Konflikt der Krankenkassenärzte mit den Krankenkassen hat sich gestern in der bedenklichsten Weise verschärft. Die im Ministerium für soziale Verwaltung geführten B e r m i t t l u n g s v e r h a n dlungen sind auf einem toten Punkt angelangt. Dazu kam noch ein Konflikt mit der Bundeskrankenkasse, so daß das Präsidium des Reichsverbandes der Kassenärzte sich gestern abends veranlaßt gesehen hat, telegraphisch eine Delegiertentagung aus allen Bundesländern nach Wien ein zuberufen. Die Kassenär^teschaft steht vor schwerwiegenden Beschlüssen. Bo« drr Hochschule für Welthandel. Die Hakenkreuzler kündigen neue Krawalle am An der Hochschule für Welthandeil wurden gestern die Ucbungen und. Seminare wieder geöffnet. Der novmale Borlesnn>§Ziüe>gmn wurde noch nicht cmsgenoimmen. Der LegitinmtionÄzwang wurde weiter autfrechtechcvllen. Die deutsche Stüdenlenfchalft Hai einen Auifvuf an die Hörer erlaffen, in dem sie diese zwar ersucht, Ruhe und Ordnung zu halten, jedoch hizüfügt, daß sie nicht in der Lage sei, für die Studenten die Verantwortung zu übernehmen. Diese Kundmachung wird in Hochschulreifen als Ankündigung zu neuen Krawallen gewertet. 8er Akiervaragraph in der deutschen Lindentenschait. Berlin, 23. März. Die Bonner Studentenschaft hat beschlossen die Forderung des Ministers Becker nach Aufhebung des Arierparagraphe« anzunehmen. Berliner Frühling. Von Äitr* Münzer. Ja, er ist da, endlich! Denn Berlin macht Gommer! ist immer der Jahreszeit voraus, und die eine setzt ein, wenn es die nächste feiert. Jetzt jagt eine Modenschau die andere: die Sommertolletten für Biarritz und Zermatt, San Sebastian und Nordkap, Karersee und Westerland. Man stürzt von dieser zu jener. Man kommt Lberall zu spät, eS' ist eine Hetzjagd, daß Gott erba cur. Aber vormittags hat man frei, und — o Wunder! — da stehen alle diese Autos, diese funkelnden Limouhlen, die sonst stundenlang vor den spitzenverhüllteu Tüten der Modenhäuser warten, vor dem Kvonprinzcnpalais, sie Herrschaften eilen da hinein, die Chauffeure schleichen ihnen nach; Wandervögel in Trupps ziehen in das Haus nn, Klassen aus Mädchenlizeen, abgerissene Künstler, de- »ante Attaches, also ganz Berlin, vom Proletariat des Seistes und der fuitfl bis zu den Häuptern der Plutohratie. Und um welche Sensation handelt es sich?..» Nichts als eine Ausstellung von Edvard Munch! Dreißig Jahre sind es her, da nxtr ein Teil vieler Bilder in Berlin zu sehen, in einem GelegenheitSiaal. Und nach drei Tagen muffte die Ausstellung Knall rnd Fall geschlossen werden, weU sich daS Publikum em- »örte und die Presse versagte. Heute läuft, was Augen lat, zu diesen selber; Bildern. Dreißig Jahre. — Und jie bcivegt sich doch! Die liebe Ecke! Sie dreht sich wch schnell! DaS ganze Palais, in drei Geschossen, ist gefüllt ntt zrveihuudertsünszig tvnnderbaren, erschreckenden, erschlagenden Bildern. Seit den großen Schausammlungen wm Thoma, von Corinth hat Berlin nichts AehnlicheS m Eindruck, an Herrlichkeit, an Genieoffeubarung gehabt, krst — wenn man hineinkommt — sicht man niclftS vor Renschen. Schlllerkragen, Chinchillapelze, Wadenstrümpfe, '.nglisch: Paletots, Brillanten, schmutzige Hemden, alle Sprächen, Parfüms und Gerüche. Und dann brechen die Bilder durch. Alte, auch dir Landschaften, sin-o ins Visionäre gesteigert, man sieht alles wie in einer neuen Atmosphäre, die daS Wesenhafte des Wesentlichen schauen läßt, Mensch an sich, Ding schlechthin, Natur im Ursinn. Schon in den ersten glatten Bildern Munchs sind Momente, die betroffen machen, die das Ungewöhnlich: ahnen lassen. Dann plötzlich, vor 1909, ist Edvard Munch selbst da, ganz da, der die Welt neu sieht, der den Kosmos in sich that und seiner Schöpfung mitteilt. Was ist seine Art, sein Mittel? Er läßt fort... Er läßt altes fort bis auf das einzig Eigentliche. Bei jedem anderen ergäbe das Karikatnr, bei chm ist es Gottes Absicht, die sich entschleiert. Je älter er wird, desto radikaler ist er im Darüberhimvegsehen, im Ausschalten, in der Abstraktion von der Realität. Und die Folge ist, daß er nicht die gemeine Realität gibt, sondern die furchtbare Phantastik der Realität, den Geist der Wirklichkeit, die Seele des Daseins. Seine Farben stammen aus den kristallenen Tagen und scharfhellen Nächten seiner Heimat, sie wirken in Berlin säst unwahr. Aber sie sind nicht Farben, sondern der Atem der Dinge, tue Aura seiner Menschen, die Haut seiner Schöpfung. — Man hat die Ausstellung feierlich eröffnet, man geizte nicht mit Lorbeeren (vor dreißig Jahren...). Rur Munchs Selbstporträts sahen auf das geladene pomphaste Publikum. Er selbst, vbschon in Berlin, blieb verborgen. ES ist wie ein Sinnbick: der Schöpfer stellt seine Wcii't aus sich, zeigt sich in ihr, verbirgt sich hinter ihr, will vergessen sein, unbekannt, ja: will überhaupt nicht „sein". DaS Werk genügt. Der Schöpfer — das ist: die Schöpfung..^ Am Abend dieses feierlich gehobenen Tages lachte dasselbe Publikum bei Hafenelevers „Der bessere Herr", das rrach den bestandenen Feuerproben im Reiche nun am Staatlichen Schauspielhaus mit seinen Einfällen sich neuen Erfolg holt. Inzwischen ist der Jnha't bekannt geworden: Ein Heiratsschwindler verliebt sich in eines seiner Opfer, in die Tochter -dedeutschen Fina rzkönig-, und führt sie heim, nachdem er verstanden hat, sich sogar ethisch zu rechtsertigen. Das ist mit Witz um» Schlagsertigkeit gemacht, mit Humor sogar aus der Tiefe und echter Empfindung. Und eS wäre statt vergänglichen Unterhaltungsspiels wirklich Kunstwerk und Lustspielschöpfung geworden, hätte Hasenclever völlig aus dem Herzen und nicht oft nur fürs Parkett geschrieben, mehr mit Blick aus die Gottheit, statt Schielen in die Theaterkasse. Manches ist zu billig. Aber unsere Moderne wandert ja ab, von den Bergen auf den ^Wein- 6crg" ins „Kornfeld" und ins „Blumenthal". Ereignis werden die Abende, an denen Scherchen in der Singakademie ein Kammerorchester aus erwählten Philharmonikern leidenschaftlich erlebend dirigiert. Alles ist dq, ivas in Berlin musikkritisch, musikinteressiert, nmsikschöpferisch ist. Vom großen Kleiber bis zum lleinsten Hochschüler, vom Musiksalon am Kaiserdamm bis zur Mansarde mit Klavier. Er bringt einen Alban Berg, ein zu Schönbergs Fünfzigstem konrponiertes Konzert für Geige, Klavier, Blasorchester, und ein Orkan von Beifall braust über die Zisch- und Pfeiflaute erschreckten Bürgertums hinweg. Eine neue Klangwelt hat sich aufge.an; noch gelten die alten Gesetz« des Kontrapunkts, aber sie stick (genial oder sinnlos?) ausgelegt. Zuletzt kommt Schönberg selbst zu Gehör, seine musikalisch gefüllte, eingebungsreich strömend« Kcmrmersmfonie, und Berlin jubelt ihm zu. Er hat hier schnell Freundschaft, ja, Begeisterung gesurcken. Man sieht, unter Umständen kann ein Wiener auch in Berlin atmen, vielleicht sogar aufatmen. Und auch aus Wien kam sie her, um sich von Berlin den auderswärtigen Erfolg ihres Werkes bestätigen zu lassen: Gina Kan« mit ihrer „T"»':". Die Kmnmerspiele schenkten uns die'es Möbelstück — mit verbogenem 'Schluß —'Daickettivu.,sü-e jind mächtiger als Dichtergebote! Und der Erfolg ist da, well Wirllichkeitsatmosphäre in den Bildern weht, weil Erlebnisnähe erwärmt und die Wahrheit eines Herzens aus Schrei und Flüstern klingt. Hier einer Dichterin schmerzliche Geburt, dort Hasenclevers dramatisches Erzeugnis. Wer tvar nicht — vor fünfzehrr Jahren — auch e r ein Dichter? Nun, in fünfzehn Jahren, was wird uns die Dichterin bescheren? ... 5353532353532323230001230153484848000053535348235302022348235323482323235348232323485348905323