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Wiener Morgenzeitung · 1927-03-24 · Heft 2899 (24.3.1927) · p. Seite 2

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
9 (1927)
Issue
Heft 2899 (24.3.1927)
Date
1927-03-24
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Men, Donnerstag Wiener Morgenzeitung 24. März 1927 Leite 2 WIENER MORGENZEITUNG MUPOitl Krenzwort- Nr. 40 Die Gespenster. —y, Wie«. 24. Mär-. Lie^Libettüsr lebe» noch. Sie sind da, von deh Märzluft der Wahlen m^gefrischt, und ziehen in bunter Reihe über tne Bühne. Mandate sind Zu haben, und da melden sickalle iftaelitischen Tischgesellschaften, deren politische Tätigkeit darin besteht, daß sie irgend etwas Hochhalten. Die Freiheit, die Demokratie, hauptsächlich aber die Tradition Keine dieser Gruppen wagt es, sich als liberal, als freisinnig zu bekennen. Das würde zwar große Erinnerungen toedfen, Nus einer Zeit, die längst verstorben ist uitb für diese vom Krieg und Korruption verivüstcte Aera nichts mehr bedeutet. Mso treten bürgerliche Denrokrateft, Sozialfreiheibi liche. Freiheitlichsoziale, denrokratische Freiheitler, bürgerlich» Llrbeitspartei auf den Plan. Die kühnsten Firmakombina-' tionen tauchen auf und alle sind ebensoviele Angriffe aus den gesunden Verstand des Wählers. Das vollzieht sich in unserer bürgerlich-demokratischen Presse in großer Aufmachung. Ein heftiger Kampf der Geister scheint zu toben. 4lber die Sache wickelt sich nur in der Presst ab, die Kämpfe sind Krampst, die in einer Kasstehausecke vor einigen'gelangweilten Kellnern ausgetragen werden. Es ist eine Heitere Geschichte, cm der nur das eine von breiterem Interesse ist, daß hinter den pompösen Titeln die alte, schartig geschlagene Assimilation sich versteckt. Es sind lauter ^Personen israelitisch-Leutsch-demokratisch-sozial-sreiheitlicher Konfession, Mimikry-Politiker, die das bißchen Frühlingswärme zur männernwrdenden Arena ruft. Diese Namen und diest Firmen hört man nur in Wahlzellen. Jahrelang schlafen sie und wachen Nur auf, wenn sich Hoffnungen aufein Mändaterl regen. Die Namen sind deutsch, treu, modern, radikal, aber die Träger gehören in die Matrike in der Seitenstettengasse. Und das ganze, so wichtigtuende Gerede gilt dem Wähler, nänckich dem jüdischen. Das ist doch selbstverständlich, nicht? Der deutsche Bürger und Arbeiter hat seine Stellung bezogen; nicht erst jetzt, nicht erst zu diesen Wahlen. Er ist rechts oder links, er geht zu Seipel oder Seitz. Hier können diese Freisinniger: nicht einmal aus die Versannnlungstribüne steigen. Der jüdische Wähler hat seine nationale Organisation, aber ein Fischzug kann doch wenigstens gewagt werden./Die jüdische Bevölkerung ist keine wirtschaftlich homogene Masse Und ihre oberen Schichten wandeln im Dunkel der Assimilation. Sie leben politisch noch immer im Zeitalter der bosnischen Okkupation. Was sich seither in der Welt und im Judentum zugetragen hat, das ist ihnen noch nicht bekannt. Der Liberalismus ist verschwunden, das Judentum ist zum Bolksbewußtsein erwacht und kämpft um sein volles nationales Recht, um seine politische Mündigkeit, um seine nationale Emanzipation. Die liberalen Israeliten gehen auf dieser Linie nicht mit. Was sie angestrebt haben, wurde nirgeiü>Z erreicht; a.le Selbstentäußerung hat nichts gefruchtet. Aber sie hallen noch immer den Fahnenstock hoch, sagen sich ihre Phrasen vor, an die-sie selbst nicht glauben, da doch auch sie die Auspowerung der jüdischen Werktätiger:, den allgemeinen Antisemitismus und den Numerus clausus sehen; aber sie treiben das „als ob". Sie stehen überall'gegen den nationaljüdischen Zionismus, der sie beunruhigt und aus der satten Macht gerissen hat. Sie möchten gerne aufgehen und über alles Jüdische das Bahrtuch legen. Sie sind, innerlich durchaus ' reaktionär und antisozial. Sie sind nicht zu sehen, wenn es um jüdische Fragen geht. Sie werden erst lebendig, wenn Wahlen kommen. Und da sie keinen politischen Halt, keinen sicheren Boden unter den Füßen haben, so bieten sie in solchen Zeiten bas possierliche Bild, daß sie einsam auf weiter Flur das Banner der Demokratie entfalten. Die Haustein sind klein und einige verflüchtigen sich. Die einen zur Sozialdemokratie, die anderen zur antimarxistischen Einheitsftont. Der Rest begibt sich ins Kaffeehaus. Das Spiel wiederholt sich bei jeder Wahl, mit freilich immer geringerem Erfolg. Die christliche und deutsche Bevölkerung sammelt sich in den zwei großen Lagern. Der groß« Vorteil, den der jüdische Wähler hat, liegt darin, daß er einfach jüdisch wählen und damit demonstrieren "rann, baß er die Vernachlässigung seiner Interessen nicht dulden will. Das ist bisher nur den Sozialdemokraten und unter ihnen nur den jüdischen Sozialdemokraten als Verbrechen erschienen. Die Assimilation ist eben auch dort in Kost Und Logis. Aber der jüdische Wähler hat auch dieser Situation gegenüber das Gute seiner Position erkannt, die ihm gestattet, der Belastung durch den Klassenkampf zu entgehen. Er hat die jüdische Liste und er wird alle Versuche, ihn vor den Wagen einer nichtjüdischen Parte: zu spannen, üblehnen. Er wird auch die eingefrorenen Posthorntöne der verstaubten Freisinnigen aus den Gräbern der Polllik mit Heiterkeit zurückweisen. Re Ausgaden der Sachverstandigen- KommWon für Palästina. «r Jlcat Hat“ fita Me stwn Agency. Die Loridoirer Zeillschriift „Tlhe Ncar East' and Iirdia" veröffenKicht einen Artikel über die Jcwlhh Agency. Dieses Blatt kann als Organ der brickfchon lorchervaÄvvrr KolonliaipoUill du MtkÄmeergMet Md tot Vorderasteu gelten. ES ist eine Folge sowohl der Stärke als auch der Schwäche der zionistisch«: Bewegung, daß sie jetzt die Unterstützung der großen Körperschaft der ntchtzionistischen amerikanischen Jrweicheit gewonnen zu haben scheint. Bei der Eröffnung der Kampagne der Stadt Neivt-oÄk für die Aufbringung von 2,5 Millioimr Dollar am 17. Jänner verkündete Dr. Weiznmnn, desssen staatsmäMische Fähigkett kein Nichtjude jeinals bezweifelt hat, daß die Jewish Agency auf unparteiischer Grundlage gebildet werden soll. Ob die schiveren Erfahrungen der jüdischen Kolonisten während des letzten Jahres dieses Resultat beschleunigt haben oder nicht — es ist Tatsache, daß schon lange vorher, seit deu: Februar 1924, Pläne für die Bildung einer solchen Agency von Louis Marshall, der das nichtzionistische Element im amerikanischen Judentum vertritt, formuliert waren. ES ist richtig, daß in Amerika noch eine Gegnerschaft gegen die Idee der „Ratioimlisierung" der Juden besteht. <3o fand z. B. im JJänner in den Bereinigten Staaten eine große Konferenz statt, bei der die Erwünschtheit der Bildung eines „amerikanischen Judentums" stark betont wurde. Im allgemeinen aber kann gesagt werden, daß die dortigen Inden mehv aktuelles Interesse an der Zukunft Palästinas nehmen als je zuvor. Eine mrparteiische Komurission ivird zu Ostern nach dem Heiligen Lande gehen, utrt die Lage dort zu studieren Sie wird rm Herbst ihren Bericht erstatten und dann soll eine erweiterte Jewish Agency, der auch die Nichtzionisten angehören, gebildet werden. Die Prüfung muß sehr sorgfältig durchgeführt werden, da die Beurteilung Palästinas auf Grund sachverständigen Studiums der Hilfsquellen für die landwirtschaftlichen, industriellen, konv- Nssvn I>. Darmleldende nehmen mit bestem Erfolge „BQLUCARBON“, zu sammengesetzte Tlerkohle-Tabletten. Bolucarbon, von ärztlichen Autoritäten empfohlen, bestbewährt bei Blähungen- Aufstoßen, akuten und chronischen Magen- und Darmbeschwerden etc., sind In der Apotheke C. BRADY, Wien, 1., Rotenturmstraße 18, Ecke Fleischmarkt, stets lagernd, wo auch Literatur gratis erhältlich ist. Postversand überallhin, merziellen und anderen wirtschaftlichen Möglichkeiten Palästinas und der benachbarten Gebiete erfolgen soll. Diese letzten Worte sind eine deutliche Anspielung auf bas fruchtbare Land in Transjordanien und Syrien. So gibt es z. B. Ländereien im Hauran und im Bezirk des Huleh-Sees, für die die Zionisten oftmals eine besssere Verwendung vorgeschlagen haben, als es .bisher der Fall war. Die Erwähnung dieser Tatsache zeigt, wie sorgfältig die Erhebungen dieser Kommission festgelegt werden sollen; denn die auswärtigen Beziehungen Palästinas liegen natürlich einzig in der Hand der britischen Regierung. Wir sagten Lerells, daß das Versprechen der Bildung dieser erweiterten Agency sowohl die Stärke wie die Schwäche der zionistischen Bewegung zeigt. Dr. Weizmann soll jedoch erklärt haben, daß nichts — es fei denn, daß Palästina vom Mittelmeer. verschlungen tverde — die Errichtung des jüdischen Nationalheims aufhalten könne. Dies ist seinem Herzen gutzuschreiberu Was aber seinem Kopf gutzuschreiben ist, ist die Erklärungdie in dem formellen Abkommen zwischen seiner Gruppe und der Marshall- Gruppe enthalten ist, daß nur bei Durchführung der Methode der Einsetzung der uicha..e tischen Sachverständigen- Kommission zur Ueberprüfung der Verhältnisse in Palästina die Jewish Agency „zum wirllichen Werkzeug des Aufbaues der jüdischen Heimstätte in Palästina" gemacht werden kann. Prolrllir Mmd Leiter »er Kommifflon r Dr. Arlosoroff, der auf Einladung Dr. Weizmanns an der zionistischen Kampagne teilgenommen hat, hat in Berlin Pressevertretern gegenüber einige Mitteilungen über die Ergebnisse der amerikanischen Beratungen gemacht. Hienach wird die zwischen Weizmann und M a r s h a l l vereinbarte Studienkommissidn im April unter der Führung des bekannten Fachmannes in Kolonisationsfragen und genauen Kenners der Verhältnisse in Palästina, Professor Me ad, Chef des staatlichen Reklamationsbureaus in Amerika, stehen. Die Aufgabe der Kommission ist, ohne sich auf die bisherigen Aufbaumethoden einzulasfen, die Beantwortung der Frage: Auf welche Weise und mit welchen Geldmitteln kann ein für die nächsten zehn Jahre geltender großer Kvlonisatwnsplan verwirklicht werden? Weizmann wird am 26. März von Amerika abreisen, um die im Mai in London abzuhattendeSitzung des Aktionskomitees vvMberellen. L»U»„L»EL»«M,«s liuierc »MaasAM__ ■ Uraufführung! Uraufführung! am Z» w« 5 EIN PURIMSPIEL 4Wvon Arnold Zwei« jMü?#nd«L. . 5 Regle: Burgschauspiele: Fritz Blum StxoUZJl!fl ■mMBMBMBBBBBBBBBfllBiUlSaua WWM>WWW»WWWVWUVWMWWaMMa«aa»MaaaWnMWWGNWWWWWWWHWA Haute 9 Uhr abendf In da« Olympiasälen In Bolflaase Die Reklamationsfrist läuft bis Montag, den 28. Mörz. Jeder LÜdifche Wahlberechtigte (Staatsbürger und Staatsbürgerinnen, die am 1. Immer 1927 das 80. Lebensjahr erreicht haben) muß sich unverzüglich unter MitwUhttc seiner Dokumente (Hcimatsschein, Geburtsschein, Patz, Arbeitsbuch, Meldezettel nsw.) in unserem Men, 2. Bez., Tavorstraße 1—3, Mezzanin, rechts, 9 Shr vormittags ViS 7 Uhr abends einfinden. Die WäblcrNsten «innen auch täglich in de« AmtSlokalen der Bezirke Magistratisches Bezirksamt) ringesehe« werden. Me Wahlbewegung. Der Krieg der Aüheltsirontler. Die sozialdemokratische Reichsparteileitung hat sich beeilt, ihre Kandidatenlisten zu veröffentlichen. Sie bringen keine Ueberraschungen. An den sicheren Stellen iverdcn ün allgemeinen die bisherigen Abgeordneten kandidiert. Neue Männer tauchen nur sporadisch auf, so z. B. der Handelskammerrat Klimberger, der im Wahlkreis Mariahilf-Neubau-Josefstadt an zweiter Stelle der Liste steht. Ferner der Eisenbahnbeamte König im Leopoldstädtcr Wahlkreis und der Gewerkschaftsfekretär Schorfch in Meidling. Alle übrigen neuen Männer stehen weit hinten in den Listen, wie z. B. der Obermagistratsrat Dr. Faber, der Eisenbcchnrat Doktor O s e r, der Redakteur Dr. K a n i tz, Sektionschef Dr. V e tt e r, der Advokat Dr. Tr e b i ts ch u. a. m. Sie sind sichere Durchfallskandidaten und sollen nur die Listen ausputzen. Friedrich Adler kandidiert im 5. Wahlkreis und könnte allenfalls gewählt werden. In den mederösterreichischen Wahlbezirken sind die Veränderungen auch sehr geringfügig. Im Viertel unter dem Wienerwald tauchen der bisherige Landeshauptmannstellvertreter C h r: st o p h :md Landesrat H e l m e r als Kandidaten auf. Die Christlichsozialen sind mit ihren Kandidatenlisten auch schon so ziemlich fertig, müssen aber noch warten, bis die Verhandlungen über die Einheitsfront abgeschlossen sind. Gestern berieten wieder die Großdeutschen mit ihren Ländervertretern und kamen zu keinem Ende. Die Nationalsozialisten und die Landbündler werden noch immer bearbeitet, sich der Einheitsfront anzuschließen. Dem Vernehmen nach hätten auch die'Nationalsozialisten zugesagt, eine allgemeine Wahlparole „gegen die Marxisten" auszugeben. Ob die Liberalen der verschiedenen Schattierungen ein Mandat auf der Einheitsliste bekommen werden, ist jetzt mehr als fraglich geworden, da die verschiedenen Tischgesellschaften, die sich als demokratisch, fortschrittlich usw. bezeichnen, einander in den Haaren liegen und ihnen außerdem die Partei des Dr. H o r n i k das einzige, für alle diese Gruppen in Betracht kommende Nationalratsmandat streitig macht. Allenfalls wird man ihnen ein Gemeirdderatsmandat geben, auf das der Chefredakteur der „Stunde" Dr. Wirth aspiriert. Auch im Verein „antimarxistische Einheitsftont" kriselt es. Der Obmann der. unabhängigen Wirtschaftspartei, ein sicherer Dr. Raimund Günther, ist aus dem Verein mit der Begründung ausgetreten, daß Dr. Seipel den Wahlvorschlag der unabhängigen Wirtschafts- Partei abgelehnt hat. Günther meint, die Einheitsfront habe jetzt überhaupt sehr problematischen Wert, da der Londbund und eine Reihe anderer Gruppen selbständig in die Wahlen gehen. Die Bersammlnngssvrengungen. Die „Arbeiter-Zeitung" tritt unserer Meldung über die am Montag abends erfolgte Sprengung einer jüdischen Versammlung in der Kluckygasse entgegen und erklärt, sie habe den Sachverhalt genau erheben. Es sei alles nicht wahr, und sogar ein Polizeiinspektor, der von den Jüdöschnationalen gerufen wurde, habe ein Einschreiten abgelehnt, da doch vollständige Ruhe herrschte. Wieso dieser Polizeiinspektor also gerufen wurde, erklärt die „Arbeiter-Zeitung" nicht. Wir stellen fest, daß wir jedes Wort unseres Berichtes auftechterhalten. Die Bersammlungssprengung von Dienstag dürste erst heute in der „Arbeiter-Zeitung" dementiert werden. vas arabische Memorandum an den Böller« buad. Jerusalem, 20. März. gj. T. A.) Wie die Palestine Telegraphie Agency erfährt, enthält das von der arabischen Exekutive in Palästina für die nächste Tagung der Mandatskommission des Völkerbundes aufgesetzte Memorandum f ü n f Hauptbeschwerdepunkte. Es wird erstens darüber geklagt, daß kein Versuch gemacht worden ist, die Anregungen der Mandatskommission in die Tat umznsetzen. Zweitens wird darüber geklagt, daß bei der letzthin stattgefundenen Vermehrung der Palästinensischen Beamtenschaft di« angestammte Bevölkerung wenig berücksichtigt worden ist. Drittens besteht bis heute noch keine gewählte gesetzgebende Versammlung. Viertens ist die Palästinavegierung in der Angelegenheit der Pica-Konzessionen in der Nähe von Caesarea in. einer Weise vorgegangen, die den vom Kolonialamt hinsichtlich des Anspruches der lokalen arabischen Bevölkerung auf Baden aufgestellten Prinzipien widerspricht. Fünftens: die Abnahme der jüdischeu Einwanderung kn Palästina ist eine Bestätigung dafür, daß die Politik der Förderung der jüdischen Einwanderung, die die Negierung bisher getrieben hat, falsch gewesen und daß für eine weitere jüdische Einwanderung kein Platz mehr vorhanden ist.

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