Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 2898 (23.3.1927)
- Date
- 1927-03-23
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Gettos men, MMwvch WieE Morgen-ettmtg 28. März m; Nr. 2698 Ae Wische Mation. Eine Rede Shaw Seiimaaas. Die Rede, die der Präsident der zionistischen Weltorganisation Dr. Chain: W e i znr a n n auf dem nmcrikanischjüdis^n Kongreß gehalten hat, liegt jetzt vor und wir geben sie im folgenden wieder: Ich hoffe, daß die Führer und Schöpfer des Jüdischen Kongresses es uns hoch anrechnen, daß die Balfour-Deklaration und die Entwicklungen, ivelche sie im Gefolge hatte, im allgemeine die Würde des Judentums gehoben haben. In Anbetracht dieses Umstandes mag mein Erscheinen vor Ihnen doch nicht belanglos sein. Die große allgemeine jMsche Anstrengung wird dtzm Lande zugute kommen, auf welches jetzt nicht nur die Augen der zionistischen Organisation, sondern auch, wie ich glaube, die einer ungeheuren Zahl von Jrü>en, die organisatorisch noch nicht mit der zionistischen Organisation verbunden sind, hoffnungsvoll gerichtet futfc. Nach der Meinung jedes unbefangenen Beobachters stellen wir Juden, besonders diejenigen, die unter dein großen Massen leben, aus denen sich die riesigen Gemeinden der östlichen und südöstlichen Teile Europas zusammensetzen, der Welt und uns selbst ein zweifaches, wenn nicht ein dreifaches Problem: ein materielles Problem von erster Größe und ein Ebenso schweres m oralisches Problem, das sowohl , das Verständnis der Staatsmänner der ganzen Welt als auch die Kräfte des jüdischen Volkes beansprucht. Für den Zweck dieser Versammlung möge das Problem kurz und bündig folgendermaßen formuliert - werden: Einzelne Juden irnd einzelne Gruppen von Jude« haben eine Heimat; als Voll, als Ganzes sind wir heimatlos. Einzelne Gruppen von Juden, sei es in Polen oder in Deutschland oder in Amerika, haben zu den Staaten, in denen sie leben, eine bestimmte Beziehung. Es gibt keine Frage der Staatsbürgerschaft^ obct wie man es gewöhnlich in einem ziemlich trivialen Sinne nennt, der „guten Staatsbürgerschaft". Nach meiner Auffassung bedeutet „Staatsbürger" einen „guten Staatsbürger". Staatsbürgerschaft ist ein vollkommen klarer Begriff. Wir sind Staatsbürger nicht nur in Amerika, sondern überall, wo es Juden gibt. In Amerika ist es für den Juden leicht, Staatsbürger zu ssm. Wir find Staatsbürger auch in Polen, und diejenigen Bürger Polens, welche versuchen, die jüdischen. Probleme zu lösen, bringen dem Frieden und der Harmonie und der Ehre jenes Landes große Opfer. Wir haben unser Blut im Weltkrieg großmütig vergossen, Wir stellten 600.000 Juden gut, russischen Armee, und. es ist eine der größten Tragödien der Geschichtedaß diese 600.000 Juden sich fragen, wofür sie gekämpft haben. Sie kämpften — ich möchte nicht sagen besser, aber gewiß nicht schlechter als die Heere im Kaukasus und . an den anderen Fronten. Und doch: als Ganzes schleichen wir in der Arena der Geschichte umher. . wieder Geist Hamlets, mißverstanden, manchmal von uns selbst und gewiß von anderen. Der Grund Hierfür ist, daß wir das Problem: der Existenz einer kulturellen Gruppe mit allen . bestimmten Zeichen und Attributen einer solchen Gruppe darstellen, aber ohne die Stützpunkte, auf denen solche Zeichen und Attribute ruhen könne::. "Die heutige Welt begreift Montenegro, sie begreift. Rumänien und Litauen. Ich ziehe diesen Vergleich nicht, um unsere Verdienste zu übertreiben. Aber bei solchen Vergleich — selbst wenn wir die letzten 3000 Jahre unserer Geschicke fortlassen und nur den Beitrag, den wir vom Sinai aus leistete;:, als die Grundlage dessen in Rechnung stellenrvaS die Juden der Welt gegeben haben — werden wir vie!lleicht nicht davor zurückschrecken, uns an die Seite von Staaten zu stellen, die heute am Tisch des Völkerbundes sitzen als. die Vertreter von etwas Endgültigem, Verstandenem und Anerkanntem. Diese Lage ist entstanden, weil wir als Gruppe, als Gründer einer großen Zivilisation der Stützpunktes ermangeln, auf denen eine solche Zivilisation notwendigerweise ruhen muß. Da dieser Kongreß ebenso wie jeder andere jMsche Kongreß die Tatsachen zu sehen verlangt, wie sie sind, und nicht versucht, Realitäten zu verschleiern, so wird er naturgemäß in alle seine Resolutionen das eine endliche und entscheidende Wort aufnehmen, das in der letzten Analyse bedeutet, daß dft groben Energien deS jüdische« Volles übemll mit dem Aufbau Palästinas verbunden fein müssen. Wenn wir unsere gegenwärtige Existenz fortfetzM, so müssen wir uns der unausbleiblichen Folgerung Mssetzen, daß auch weiter jene gewissen Mißverständnisse auftauchen werden. Diese Mißverständnisse entstehen stets in Zellen dev Unruhe. So lange alles gut geht, so lang« es keine Krisen und keine Ueberfchwemmung auf der Welt gibt, führen wir eine erträgliche, ruhige Existenz. 1 Hie und da einen Pogrom nehmen wir schon als etivas Alltägliches hin. Nicht der Pogrom selbst ist das Schrecklichste, weil er der letzte Ausbruch einer gespannten Atmosphäre ist, sondern all das, was zum Pogrom führt: das stumme DedrÜcktsein von Köcher und Geist, vrr unaufhörliche seektsche Druck. Wenn c§ losbricht und zum Pogrom ivird, so ist es manchmaleine Erlösung im Vergleich $u dem täglichen Schrecken. Mer wenn Unruhen in der Welt auftveten — sei es ein Krieg, eine Revolution, eine schverv Wirtschaftskrise — dann wird unsere Lage — nicht die Lage anderer Minoritäten — sofort kritisch. Ich möchte dies wie folgt formulieren: Um zu existieren, müssen wir eine Reihe von Vifen auf unseren Pässen haben. Wir sind stets ein Doll mit Visen. ein Volk mit Erklärungen, sind menschliche Wesen mit einem Kommentar. Merkwürdigerweise gelten ioir heute in der Tschechoslowakeials das deutsche Element, in Polen repräsentieren wir das russische. In kapitalistischen Ländern sind wir das radikale, in radikalen Ländern das kapitalistische Element. Hier liegt die große Tragödie: wir sind der Schlennlel der Geschichte geworden. Ein Schlemiel ist unglücklicherweise in allen Dingen vortrefflich, allsgenommen darin, daß er zufällig dort istwo er nicht gebraucht wird. Herr Grünbaum sagte, daß es in Polen eine Million Juden gibt, die man nicht braucht. Polen ist gerade für diese Million Juden zu klein. U:ld doch haben diese Juden so viel zum Aufbau Polens beigetragen, wie es eine Million Polen getan hat. Vor 500 Jahren stmtden diese . Inden, gebraucht, ftc toutben dringend gebraucht, weil vor 500 oder sogar vor 300 Jahren sie eine definitive Funktion am Leben des Landes hatten. Heute ^at. diese Funktion.aufgehört, und. nachdem der Jude seine Schuldigkeit getan hat,, sagt Polen zu ihm: „Gehl" So gehen wir von Polen fort, Irgendwohin, von" Rumänien fort,, irgendwohin, fast von jedem Orte irgendwohin. Merken Sie sich: Heute, werben .unter den Auspizien des Völkerbundes Griechen aus der Türkei und Türken aus' Griechenland fortgeschickt. Für jeden T ü r ke n, der in Mazedonien austaucht, nruß ein Jude fort, und für jeden Griechen, der nach Saloniki kommt, verschwindet dort ein Jude,.. Ich will nicht festftMen, wessen. Schuld dies ist: ich bin bereit, dies, als. unsere, eigene Schuld-zu -bezeichn neu, weil wir uns eütschiÄen. haben, zu existieren und nicht, zu verschwinden, und Iveil unsere größ'.e Krankheit, nr.stre größte Stärke'und zugleich unsere größte Schwäche unsere Unzerstörbarkeit ist.. Es muß aber ein Platz gefunden werden, um diese Ungerechtigkeit auszugleichen, und ich glaube, daß Pal ästina in eirwm gewissen Grckde eine Antwort auf diese schwierige Frage gibt.;!■ Es ist belanglos, - zu fragen, wieviel Juden in 100. oder in 150 Jahren in Palästina sein werden, vielleicht eine Million, vielleicht zwei, vielleicht sogar drei Millionen. Die' Hauptsache ist, daß der Erfolg in Palästina ein unbestreitbarer ist, die Hauptsache ist, daß dank dieser Schaffensfreude, welche die Juden zum erstenmal nach vielen, vielen Jahrhunderten ergriffe:: hat, in Palästina etwas entsteht, daS einer alten Zivilisation würdig ist. Wem: in Palästina eine Gemeinschaft für eine halbe Million Juden errichtet ist, dann werden wir erfolgreich gervesen sein. Und dieser Erfolg kann und wird noch in unseren Tagen erreicht - werden. In dem Augercklick, wo wir . eine halbe Million Juden in Palästina haben, wird daS Land zu einem Schlüssel, erstem goldenen Schlüssel zu einer Pforte, welche der jüdischen Bemühung ungeheure Felder erschließt, welche alle die aufnehmen können, die hingehen wollen. Auf diese Weise wird der Aufbau einer Gemeinschaft in Palästina der Träger des Gewölbes, das die Lösung der Judensiage in materieller und moralischer Beziehung werden wird. Urst) dann wird diese jüdische Zivilisation, die unser einziges Erbteil und unser einziges Geschenk an die zivilisierte Welt ist, aufhören, zu wandern, anfhören, gejagt zu werden, und wird' in Palästina auf soliden Stützpunkten ruhen. Der Tag wird kommen.. wo niemand mehr fragen wird, was der Jude leisten kann; denn bevor noch die Frage gestellt wird, genügt ein HinrveiS auf Palästina, daß, wenn man uns Tyancest gibt, wir tun können, was wir jetzt tun: Wüsten in Gärten per- , wandeln, Lllftmenschen in stolze, aufrechte und KLUB RADIKALER ZIONISTEN, WIEN, Heut« Mittwoch, den 28. März 1927, um halb 9 Uhr abenda im Cate AtUshof, i., Aspernplatz (Klublokal: Eingang Wiesingerstraße um die Ecke) Rlubversammlung TAGESORDNUNG: Jüdische Wahlkampagne u. Zionismus REFERENT; S. KANTOR Frei» Auaprache. Gäs^e willkommen' I WIENER MORGEN2EITÜNG t a dem Kreuxwort-R St fl e 1 Nr. 39 n i blickende Wesen, die sich Schulen und Universitäten bauen, die alles leisten, was die moderne Zivilisation erfordert — und das alles, ohne eine« einzig» Schuf; abzufenern. In de« Lande, wo das geistige Kapital der Welt, liegt, dem Lande, das der Schrein dreier größer , Religio neu ist, fuib wir verpflichtet, den Werltfrieden zu errichten, eimn Frieden, der nicht durch Katwnen erzwungen ist, sondern durch den unzerstörbaren Geist des Judentums. Ich weiß nicht, welche .Hindernisse damit verbunden sind, aber ich weiß: Wenn es einen Völkerbund geben wird, der wirklichen Frieden schafft, so wird dieser Völkerbund schließlich seinen Sitz in dem Lande haben, von dem aus einst vre erste Botschaft des Weltfriedens proklamiert wurde. Im Lichte dieser Hoffnung ist unsere Aufgabe von Iveltbewegender Bedeutung, und auf. dieser GruMage allein haben wir auch Berechtigung auf die Sympathie und Unterstützung der zivilisierten 2Mt. * Sb» Nnwaadenrasrkonferen» der Mamerikonische« Staaten. Buenos Aires, S1. Mary. Das hiesige Tagklatt „La, Pron>sa* brachte dieser Tage eine MÄdang aus Monte Video, der Hauptstadt von llvuyuay, wonach dort soeben wichtige Besprechungen Mischen dem Direktor des argenvrnüfchen Einwanderungsdepartemekpts^ Dr. G ran di, tvnd dem Chef dos WnwMÜwvungÄmrtes von Uruguay, Dr. Rolando, ihren Mlfchluß geswndsn hoben. Das Ergebnis der Beratungen war, daß schon in nächster Zeit eine Konferenz der'Vertreter) der fü^menLanilschen Staaten nach Rio de Janeiro mn°> berufen werden wird, um ein gemeinst-mes Vorgehen zun Verhütung der Einwanderung unerwünschter Elemente zu bchhKsßen. Diese Konferenz erbangt durch eine andere, gleichfalls in „La Prenisa" erschienene Meldung bchonid-ere Bedeutung. Hiernach haben die argentinischen Eiisenbah ngeiseHl" schäften, die über riesige unbevMerte Bodenlflächen verfügen, der Regierung einen großangel-egten Koionifa- tivnSplan unterbreitet. Schon--in allerkürzester Zeit wind eine Mtiengefelllschaft wfA e ngL rischem Kapital, das äuchdie 'Ersenbahnen kontrolliert, M Durchführung des Kolmvi'satio-nsplänes gegründet werden. In hiesigen jüdischen Kreisen'-'herrscht-die Befürchtung^ daß osteUroPäilsche Juden bei den neuen K^lonÄsativnsplänen keine Berücksichtigung finden «nd die bevorstehende EinnwndevungZkonferenz bei Festlegung der Einwanderm^öestimmnmgen dieser' Stvwmvüng Rechnung tragen werde Sin tschechollowalisches Birrlaasaiat In Tel Awiw. , Prag, 20. März.. (J. T. .A.) Der Ministerrat hat beschlossen, in Tel Awiw em tschechoslowakisches Vizekonsulat zu errichten. Zur Leitung. desselben wurde mit dem Titel Honorarkonsul der tschechoslowakische Staatsangehörige Dr. Mktor Grün w-a l b ernarrnt. AatisranzöMe remonstrailouen i« Budapest. B u d a p e st, 22. März. Mehrere hundert nationalv» stische Studenten/ durchwegs Mitglieder der rechtsradikalen Hochschulverbände, veranstalteten heute mittags vor her französischen Gesairdtfchast eine antifranzö» fische Kundgebung. Die Studenten zögen vor das' Gebäude der . französischen Gesandtschaft in der ReviozLh-' Gaffe, dessen Tore beim Heranncchen des? Demonstrations--« zuges f ch l e u n i gst geschlossen wurden. Die völbi-!ihen Studenten schrien ein paar mal „Aüzirg. Frankreich" und machten sich davon,' ehe noth die von dew französischen Gesandtschaft telephonisch herbüigerüfene Polizeipatrouille eingetroffen war. In Ergänzung dieser Kundgebung zogen darauf die Studenten vor die itali eni sche Gesandtfcha ft in der Musevmstratze und brachten dort Italien eine stürnrische Ovation dar, „Cvviva Jtalia"-Rufe wechselten mit „Elsen Muffvkini" ab. Dazu stimmten die nationalistischen Hock»- schüler patriotische Lieder an. Auch hier kam die Polizei zu spät, um gegen die Demonstranten einschrelten zu können. Die Untersuchung ist im Gange. Zwei Parteien kn Pale« ' . Warf chau, LS. März. Auf Anordnung ycs IM» nisters des Innern nmrde die unabhängige Bauern^ Partei, deren Abgeordnetenklub sieben Mitglieder Mit, als ungesetzlich a u f y e l ö st, Dpr Klub, hat gegen diese Verfügung beim Obersten Vermaltungsgerichtshof eine Klage eingereicht. Gestern ivurdn: die Organisationslokale .der Bauernpartei in ganz Polen, .versiegelt. In den, Woiwodschaften Wilna, Nowgorod "und' Bialhstok wurde auch die weih-russische Hromada aw ungesetzlich auf«egeiüst. Pte Organisationen werden schuldirft, unter fremvem Elvftuß gestanden und nttt Suorjetgqld unterstützt itvorden zu sein, um die bestehende Be rsirssnng zu ändern ünd die östlichen PrMnzeN PolertS voin Staate los* zurettzen. 6682