Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 2897 (22.3.1927)
- Date
- 1927-03-22
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 8897 Men, Dienstag M1«rr sr. März im Gelt« 0 und werden im Falle der Nichteinhaltung der Verpflichtung Körber aller seiner Funktionen im Rahmen des Kreises 8 der deutschen Studentenschaft entheben." tziemit erscheint der Konflikt beigelegt. Vorläufig besteht Legitimationszwang. Die Vorlesungen wurden noch nicht ausgenommen. GKMrrechtksnng, aber nicht Sleichfteilnag der Fra«. Anomalien in Recht und Wirtschaft. Gestern beschloß die Konferenz über die Gleichberechtigung der Frau ihre Beratungen. Die Erörterungen der Schlußsitzung galten der Stellung der Frau im privaten und öffentlichen Recht. Hofrat Prof. Dr. Bartsch machte auf die privatrechtliche Anomalie aufmerksam, daß eine Ehefrau n u r m i t Z u st i m m u n g ihres Gatten „Kaufmann" sein law. Eine Ausnahme vom Eherecht bilde auch die Scheidung jüdischer Chen. Der Obmann der „Ethischen Gemeinde", Dr. W. Eckstein erstattete ein Referat über die st a a t 8 r e ch tliche Stellung der Frau, unter Hervorhebung der Differenz zwischen den grundsätzlichen Bestimmungen der Verfassung und der faktischen Gleichstellung der Frau im Staatsleben. Die Gleichberechtigung sei ungefähr so zu verstehen wie die Zugänglichkeit der Ämter: es wird eben bei Ablehnungen vom Geschlecht, Stand oder Bekenntnis nicht gesprochen. Gleich wie mit der Stellung in der Politik verhält es sich auch sonst mit der Gleichberechtigung: die Derfasiungsgefetze stellen nur ,/Spielerregeln" auf, die jedem Staatsbürger die gleichen Chancen geben; sie richtig auszunützen, ist Sache der Spieler. Die Nationalrätin Popp trat für Aenderungen im Familienrecht, namentlich im Eherecht, ein. Die Abänderungen sollen zunächst einer österreichischen Staatsbürgerin bei Verehelichung mit einem Ausländer die alt« Staatsbürgerschaft erhalten. Gewisse Verbefferungen werden auch für das Kindesrecht und für das Vormundschastsrecht vorgrschlagen, insbesondere wird die „väterliche Gewalt" in eine „elterlich« umgewandelt. Hosrat Prof. Brockhausen hielt zum Schluß ein zusammenfassendes Referat über die Frauen und ihre Stellung in der Politik. Die Frauen besitzen jetzt die Gleichberechtigung, aber sie besitzen nicht die Gleichstellung. Da sie auch als Wähler in der Ueberzahl sind, ist diese Erscheinung ganz abnormal. Ihre Rechtsstellung ist etwa gleich den Rechten der Minderheiten in den Nachfolgestaaten: Auf dem Papier herrscht die Gleichheit. Zu einer AcMrung der Lage der Frauen in Wirtschaft und Politik sei eine £igene Frauenpolitik nötig, die ihre Forderungen unabhängig von den bekannten Politischen Programmen aufstellt und den Kampf zu ihrer Durchsetzung aufnimmt. krdbeben io Bndapeft. Die Sridibebü«wav:c der Budapester Unwerisität teilt mit: ffcm 19. März «um halb 8 Uhr abends wuve« in Balony ■ - Szent-kLaSgilo ein Erdstoß wahrgenomm««, der auch in Budapest verspürt wurde. Di« Dauer des Bebens in Budapest war 1% Minuten. mq i» »Meß. Bukarest, 21. März. Heute früh um 7 Uhr und um halb 8 Uhr wurden in Bukarest mehrere Erdstöße verspürt» die einige 'Sekunden andauerten. Sie richteten keinen Sachschaden an. Brrhastnng eines antisemitische« Paßfdjuintim. AuS Paris wird uns berichtet: Der hier vor einigen Tagen wegen großzügigen Paßschwin': els verhaftete rumänische Mvolat Josef Bogdan ist, wie die Untersuchung feststell:«, Vizepräsident des hier bestehenden Vereines a n l i s emiltscher rumänischer Studenten. Der Präsident dieses bloß etwa dreißig Mdglieder zählenden Vereines ist der Student A. Jantleseu, ein Bruder des rumänischen Konsuls in Paris, BSktor JanileScu. Wie l« Pkalra Reamtze grmtellt wurde. Bnkare,c, 20. Mä^. Ui- T. A.) Bekanntlich wurden am Tage der Freisprechung des Mörders To tu in Kimpolung von einem anderen rumänischen Gericht rn Piatra Reamtze 18 jüdische Bürger zu 6 Monacen bis 2 Jahren Kerker und zu 4 Millionen Lei Entschädigung verurteilt, weil sie einige Schüler verprügelt haben, die am Jom Kippur die Synagoge mit Steinen bombardiert und mehrere Andächtige verletzt haben. Das Organ der Union rumänischer Juden „Curierul Israelit" berichtet über den Verlauf dcs Prozesses: Der 'Zivilvertreter der Nagenden Schüler forderte, daß um jeden Preis nonch an demselben Tag das Urteil gefällt werde. „Wenn @ie heute nicht beendigen, wird jüdisches Blut fließen, wie es auch anderswo geflossen ist", rief der Zivilvertreter dem Richter zu. Der Richter schwieg. Zum Advokaten der Verteidigung sagte der Advokat der Ziv.'lpartei: „Wenn d u dich noch erfrechst, eine Vertagung zu verlangen, so wisse, daß du dir das LosdeinerGlaubensgenossen bereitest." Auch hier schwieg der Richter und sagte die Urteilsverkündung für nachmittag an. Nachmittags. Der Advokat der Zivilpartei zum Richter: „Wenn Sie den Prozeß vertagen, sehe ich mich gezwungen, dem Herghelegiu (einem der klägerischen Schüler) zu sagen: Du Hcrghelegiu, mach dir selber Recht, tu . das, was einander er in Czernowitz getan hat" (Anspielung auf den Mord an F a l i y. Der Richter schweigt. Der Gegenbeweis der Verteidigung wird abgelehnt. Ein Advokat der Zivilpartei zitiert Artikel aus dem Regierungsblatt „Jndreptarea" und unterstreicht die Behauptung, daß die Judcn von Piatra Reamtze provoziert Haben. Der Advokat behauptet, daß diese Artikel des Regierungsblattes als offizielle Akten zu betrachten sind. Derselbe Advokat fügt hinzu, das offizielle Organ d-r Regierung verlange Verurteilung. Und das Gericht verurteilt.- Lar New Parker Lchichtnrnker. Die vorletzte Nunve. Aus New York wird gemeldet: In der 19. Runde, der vorletzten des Schachturniers, wurde die unregelmäßig evöffnete Partie Capablanca gegen Niemz-owitsch nach kurzem Verlaufe remis gegeben. Die Partien Vidmar- Marshall und Aljechin-Spielmann schweben noch in ungeklärten Stellungen. Stand nach der 19. Runde: Capablanca 131/«}, Aljcchin 10 (1), Niemzowitsch 10, Bidmar 9 (1). Spielmann 71/2 d). Marchs 5 (1). Schwere Träume unruhiger Schlaf — Nervosität werden gebannt durch tägliche Einreibung mit LÖWGVt-Franzbranntwein mit Menthol» deshalb ist es gut, täglich vor dem Schlafengehen LÖWQIt-Franzbranntwein mit Menthol zur Benützung stets bereit zu halten. Ueberall erhältlich Keine Prohibition in PaiSftina. Im englischen Unterhaus fragte Herr Barr (Arbeiterpartei) den Staatssekretär für di« Kolonien, ob er imjse, daß die Zahl der Konzessionen für denAlko holverkauf in Jerusalem und auf den Eisenbahnstationen Palästinas letzthin stark vermehrt wurde, und ob die Regierung beabsichtige, Maßnahmen dagegen zu ergreifen. Minister Amery erwiderte: Ich bin darüber nicht informiert; eine Zunahme der Lizenzen für den Verkauf von geistigen Getränken in Palästina sei vermutlich auf die Zunahme der europäischen Bevölkerung in diesem Lande seit 1921 zmückzusühren. Die Regierung beabsichtige nicht, irgendwelche Maßnahmen dagegen zu ergreifen. Auf die Frage Barrs, ob die Regierung auf Grund ihres Vertrages mit dem Völkerbund nicht verpflichtet sei, in dem Mandatsterritorium Prohibition einzuführen, erwiderte Amery, es müsse ein Unterschied gemacht werden zwischen der eingeborenen Bevölkerung Afrikas und der zum großen Teil aus Europäern sich zusammensetzendcn Bevölkerung Palästinas. Es entspann sich im Anschluß an diese Frage und Antwort eine launige Debatte, in deren Verlauf Herr Westwood fragte, ob nicht unter der englischen Verwaltung das Land, wo Milch und Honig fließt, in ein Land, hm> Bier und Whisky fließen, verwandelt werde. Herr Barr sagte Noch daß sich die Zahl der Alkohollizenzen in Jerusalem von 35 auf 300 erhöht hätte. Herr Amery erwiderte, es sei kein Zweifeh daß eine Zunahme der Lizenzen stattgefunden habe, «r habe aber keinen Grund, zu glauben, daß der Mkoholverbrauch in Palästina ein außerordentlicher sei. Ae valSstlnenstlche Währung. Die Aufschriften ln den drei Landessprache^ Jerusalem, 20. März. Ein« offizielle Verlautbarung der Palästinaregierung enthält Einzelheiten über die neue Palästinawährung, di«, wie man. glaubt, in der zweiten Hälfte d. I. in Verkehr gebracht werden wird. Das palästinensische Pfund wird (wie von uns bereits berichtet) denselben Wert wie das englische Pfund haben. Es wird eingeteilt sein in 1000 Milliems. Den Papiernoten und den Goldmünzen kommt gesetzliche Zcchlungskraft in unbeschränkter Höhe zu, während die Silbermünzen nur bis zu 2 Pfund angenommen werden müssen. Alle bisherigen, auf Pfund lautenden Verpflichtungen können in der neuen Währung im Verhältnis von 0,975 abgegolten werden. Goldmünzen sollen vorläufig nicht ausgegeben werden. Die S i l b e r m ü n z e n werden aus 100 uwd 50 Milliems lauten, die Nickelmünzen auf 20, 10 und 5 Milliems, die Bronzenmünzen auf 1 und 2 Milliems. Pa - km chinesisches Gasimahl. Die nachstehende Schilderung «st dam Buche »Im Banne der Taiga" (Bevlag Gebrüder Sttepcil, Reichende rg) onttumvmen. Der Autor »Hans Lar Che" hat als österreichischer Offizier, der mßt einem deMUchen Rittmeister aus dem GeftmgeiM'Nliaoer en'Htoih, die ln diesem Buche ge- WÄevten Abenteuer in China erlebt. «Tsing cho! — bitte, trink!" klang die hohe Stimme des grauhaarigen» liebensivürdigen, bis in die Fingerspitzen kultivierten alten Chinesen durch den weiten Raum. Seinen schmalen, raffigen Kopf gegen mich gewandt, hob er den.Silberbecher. Seit er wußte, daß ich etivas Chinesisch verstand, flocht er gerne einige Wörter seiner Muttersprache in den Fluß seiner russischen Rede. Ich leerte meinen Becher und neigte ihn gegen San, indem ich, der chinesischen Trinksitte entsprechend, „Gam bei" erwiderte. Eine verwirrende Fülle von Ampeln, die cm unzähligen Kettchen und Goldschnüren von der Decke hingen, warfen ihr mildes rosa Licht auf den breitausholenden Tisch, den die Last der auf feinen, dünnen Porzellan- und Lackschalen in köstlicher Frische getürmten, auserlesenen Herrlichkeiten von schmackhaften Bananen. Ananas, Apfelsinen und feinen Mangustinen drückt«. Jun-Dha-San thront« auf seinem breit auSgelegten, schön geschnittenen Sessel und waltete im Kernpunkt eine» allmächtigen Zeremoniells, das streng befolgt werden mutzte. Er bot mir einen besonders leckeren Bissen eines köstlichen Salms an. Mit verzweifelter Miene griff ich zu, um den alten Herrn nicht zu beleidigen. Hilfesuchend glitten meine Augen Wer den mattschimmemden Marmorboden. Mit ziemlicher Sicherheit fühlte ich. daß sich mein Magen furchtbar rächen würde, wenn ich ihn noch weiter so vergewaltigte. Ich liebte China, kannte es jedoch nicht; aber ich kannte die verführerischen Werke seiner Dichter, die Bilder seiner Maler voll Anmut und Größe und das chinesische Porzellan, das schönste, das der Welt bisher gelang. Bon der chinesischen Küche hatte ich nur phantastische Dinge gehört. Nun, da mich die weise Vorsehung in Jun- Dha-Sans Haus brachte, beging ich als unerfahrener Europäer die Dummheit, von den ersten fünfzehn Gängen zuviel zu essen. Miao, der nach den demokratischen Sitten der Chinesen, die selbst dem Geringsten der Diener erlauben, mit in der Gesellschaft zu bleiben, neben mir saß, wischte sich an einem Stückchen Seidenpapier den Mund und sagte in seiner drolligen russischen Ausdrucksweise: »Jetzt kommen erst die Glcmzgerichte der Kochkunst!" Ich seufzte, daß der Gastgeber unwillkürlich nach mir sah. »Die kostbaren Amurfische, die Fasanen, Antilopen und wer weitz, was noch alljährlich ckls Tribut aus dem mandschurischen Norden au den Hof nach Peking geschickt werden mutzte, wird die Ueppigkeit aus dem Tische der einstigen Machthaber auch stark verringert haben," meinte Beggerow. Der alte Herr schürzte geheimnisvoll seine elfenbeinfarbene Stirn; die Fältchen seiner Augen flimmerten, als er entgegnete: »Die Revolution hat manches geändert!" Ich betrachtete verstohlen die wohlgepflegten Hände Jun-Dha-SanS. die aus den weiten Aermeln seiner blauschimmernden Seidendamastsoutane hervorleuchteten, und mühte mich ab, hinter das Geheimnis zu kommen, die Kwaitze genannten Eßstäbchen mit solcher Fertigkeit und Eleganz zu führen. »Jetzt, wo die alte Dynastie kaltgestellt ist," meinte Beggerow, »wird doch auch mit den konservativen Vorurteilen aufgeräumt werden, damit das Land aus feinem lethargischen Schlaf erwacht." Der warme Hirsewein hatte Jun-Dha-San gesprächig gemacht. Er war ein sehr gebildeter, weitgereister Herr, der sich ausgezeichnet in der Kuan-chua, der Beamtensprache. auszudrücken verstand. Hatte er doch die vierte Staatsprüfung bestanden und trug somtt d«n Titel eines „auserwählten Mannes". »Glauben Sie an das Phänomen," sagte er mit seinem stereotypen Lächeln, »daß ein Volk Jahrtausende lang auf der gleichen Entwicklungsstufe stehen bleiben kann, ohne unterzugehen?" Beggerow, der noch im Reisbrei herumstocherte, antwortete: »Nein, ein Volk ohne Fortschritt ist zum Untergang verurteilt, denn es würde langsam wieder dem Urzustand verfallen." »Da haben Sie recht, Sie Zierde meines bescheidenen Hauses," rief Jun-Dha-San aus, mit einer seiner beherrschten Bewegungen und dem süßlichen Lächeln. „Schlagen Sie in den vergilbten Blättern nach und Sie werden finden, datz Tschung-Kwoh, das Reich der Mitte, zu einer Zeit, wo Ihre Urahnen noch unbekannt zwischen Sümpfen und undurchdringlichen Urwäldern hausten, schon von grandiosen Kunststraßen durchzogen war, auf denen die Herrscher mächtiger Dynastten ihren geregelten Eildienst unterhielten . . . Si« bewundern Ihren Suezkanal! . . . Haben Sie schon den Jünho (Kaiserkanal, 1000 Kilometer lang) gesehen? Er ist zehnmal länger als der Sue^anal!" Ich blieS den Rauch durch die Nase schräg von mir gegen die eine Zimmerdecke, aus der mir die amethystenen Augen eines märchenhaften Fabelwesens mit dem Nimbus einer gottähnlichen Majestät von einem elfenbeingeschmtzten Sockel entgegenstarrten. Ich sah den ambradustenden, schwermütigen, bläulichen Rauchwolken nach, die den bronzenen Räucherschalen entstiegen, die aus seltsamen Dreifüßen vor dem Sockel der fettleibigen Gottheit standen, und ent-> segnete gelassen: „Ja . . . aber all dies« Größe ist gegenwartsfremd, sie gehört der Vergangenheit an!" Jun-Dha-San verbeugte sich lächelnd, daß die starken Zähne aus seinem asiatischen Gesicht hervorglänzten: