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Wiener Morgenzeitung · 1927-03-20 · Heft 2895 (20.3.1927) · p. Seite 10

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
9 (1927)
Issue
Heft 2895 (20.3.1927)
Date
1927-03-20
Page
Seite 10 (sequence 10)
Language
German
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Seite 10 Wien, Sonntag Wiener Morgenzeituns 3v. März 1927 Nr. Z8W Copyright 1926 bv w 11I4112^W1 11# ' Ä-MlM AM« W tzUchr 1eff« «Lßtt-ch ich glaube, tMr würben Überhvnpt nichts essen. Jedenfalls weiß ich aus Erfahrung, daß das Schrecklichste am Verhungern die Monotonie daran Ist. Nichts kann dem an Ereignislosigkett gNchlamwe«. RaGrem ich meine Stelle als Fremdenführer verloren hatte, begann für mich eine wirkliche PechperiM, und ich lernte gründlich die Philosophie des Verhungerns. Ich war zu diesem Studium sehr schlecht gerüstet. Wenn ich mich in einer höheren Sphäre bewegte, würde ich sagen, daß ich einen Nervenzusammenbruch hatte. Schlicht ausgedrückt, kann ich nur sagen, daß mir Energie und moralische Kraft plötzlich vollkommen fehlten und daß ich dadurch unendlichen Widerwillen empfand irgendetwas zu tun. Unfreundliche Menschen winden es reine Faulheit nennen — aber das war es nicht. Ich hatte im Gegenteil schreckliche Anfälle von Energie,- doch diese waren immer in dem Augenblick hingeschwunden, wo sich Resultate zu zeigen begannen. Stundenlang arbeitete ich große Pläne aus, und dann ließ ich sie wieder fallen. Natürlich kam es also zu nichts, und ich war bald am wirklichen Verhungern. Das Hungern hat nur eine gute Seite: je länger es dauert, um so weniger tut es weh. Der erste Tag ist am ärgsten — denn da fühlt es das Bewußtsein am stärksten. Wenn ich jemals einen Aufruhr anzetteln wollte, so würde ich dazu nur Männer nehmen, die seit viermrdzwanzig Stunden nichts gegessen hätten. Später schwindet das Interesse. Ich nmßte mein Zimmer — iu London würde mau es. eine Mansarde nennen — nach der ersten Woche verlassen. Ich verließ es mit fünftnLdreißig Cent in der Tasche und den guten Wünschen meiner farbigen Cousine Euphemia. Ich teilte mir mein Vermögen sehr gut aber es hielt nicht lange vor. Newyork ist eine darre Stadt. Ich konnte keinen Posten finden, und ich kannte niemand, der mir hätte Arbeit verschaffen können. Mein Freund Dempsey war dort nicht zu sinden, wo er sonst stand. Was Wohlfahrtseinrichtungen betrifft, war ich lächerlich unwissend. Natürlich existieren sie dutzendweise. Falls einer meiner Leser so eine Wohltätigkeitssache Anrichten will, so soll es eine für Fremde sein ohne Rücksicht darauf ob sie es verdienen, und er soll die Adresse des Wohlfahrtswerkes durch ungeheure Plakate bekanntgeben, damit es jeder arme Teufel finden kann. Man' follle ihm'dort auch gar keine Fragen stellen. Ich bin gewiß, daß ein geborener Netvyorker — wie in jeder Stadt ein Einheimischer — genau wüßte, wo er eine Freimahlzett bekommen kann und daß er hundert ausgezeichnete Gründe wird Vorbringen können, um sie zu bekommen. Mir war das unmöglich, und es gibt täglich Hunderte in meiner Lage. Als ich noch genug Energie hatte, um mich nach Wohltätigkeit zu erkundigen, hatte ich auch genug Energie, um Arbeit zu suchen; und als es damit vorbei war, war es auch mit dem Erkundigen vorbei. Ich hatte so von ungefähr den Einfall, mich an den englische» Konsul zu wenden. Ich ging sogar hin, doch als ich dann endlich das Haus gefunden hatte — unten an der Battery, ich glaube, an der Ecke der Whitehall-Stneet —, da war es so schäbig und der Eingang war so schmutzig, daß ich nicht hineinging. Das llingt sehr merktvürdig, aber es ist wahr. Es war das am dritten Tag meines Fastens, u,nb ich glaube, mein Verstand war nicht mehr ganz 'm Ordnung. cxxxxxxxxx*3pcxxxxxxxxxx>oooooocoocx>oooo | Drei Werke jjjj jij des großen jüdischen jjjj | Dichters jjj ||| Karl Emil Franzos |!'! Zum erstenmal in billigen Ausgaben!j i|| Der Pojaz ...... 8 6*— ]![ j!j. Moschko von Parma . . S 4’50 j!j jij Judith Trachtenberg . . S 4*50 jij! j! Ganzleinenb&nde in vor« j jj j ij! nebmster Ausstattung 1 j!!;! Buchhandlung R. Löwit, Wien I jij jy Rotenturmstraße 22 c! Von 0. M. Hueffer. (Ans dom Büche *Afs Vagabund In Hm York*-! Am frjten wie gchrgt, kttt Mim Seele am meisten. Im Innern rnfis und stürmte ich gegen jeden, der so ausfah, als habe er genug Geld bei sich für das nächste Esten. Am zlveikn Tag litt der Körper. Ich hatte die fürchterlichsten Magenkrämpfe — ganz als ob ich zu viel gegessen hätte. Das roar sehr ungerecht. Am' dritten 'Tag litten 'Seele mrd Körper, mir weniger "heftig. "Am vierten Tag beging ich die Dummheit, etwas zu iffeu. "Ein Banknachbar — ein Arbeiter, der sich betrunken hatte, zu einem blauen Auge gekommen war und Angst hatte, zu seinem Weibe nach Haufe zu gehen — schenkte mir einen Vierteldollar. Davon gab ich zwanzig Cent ftlr Efseir aus, hauptsächlich Cornedbeef. Mir wurde daraus fürchterlich schlecht — Und dann wurde ich elend krank, und'dann war mir wieder leichter. Für die restlichen fünf Cent kaufte ich mir Zigaretten, Marke „Hassans", zehn Stück. Ich weiß nicht, wo I sie fabriziert, aber hier ist eine unbezahlte Anpreisung: nie nn Lüben hat mir etwas eilten solchen Genuß bereitet. Wie ein Narr rauchte ich sie alle aus, ohne an beit kommenden Tag zu denken, und darnach war mir zum zweiten Male übel. Wer ich was schon darüber Hinaus, mich um irgendwas ernstlich zu kümmern Hinter dem Batterh-Park, ganz an der 'Spitze der ManHattanKnsel, liegen die großen 'Stationen, von wo die Fährboote nach Brooklyn und Staten-Jsland und anderen Vororten abgehen. Bei einer dieser Stationen gibt es eine eiserne Galerie, die auf einer langen Stieyenflucht erreichbar ist und wo man stehen und all die Schiffe kommen und gehen sehen kann. Ich kam ganz zufällig drauf, am Tage als ich das Konsulat suchte — und ich gewöhnte mich bald daran, dorthin zu gehen und die Schiffe zu beobachten, die die englische Flagge gehißt hatten. Ans eine Flagge irgendeines anderen Staates kamen drei englische, und das tat mir sehr wohl. Ich fühlte mich ganz lächerlich stolz darauf, daß es doch noch etwas in dev Welt gebe, woran ich einen Keinen Anteil habe. Ich glaube, ich hatte damals meinen Anteil schr gern in einer Pfandleihe versetzt, wenn man mir etwas dafür , gegeben hätte; aber das Gefühl bestand tro|jbem. Am sechsten Tage fühlte ich mich völlig zufrieden — ich war in einem dämmrrgen Traumnebels in dem alle Dinge dieser Welt oder/die der nächsten uichtsinehr bedeuteten. Ich schlief ans einer Bank im Battery-Park. Es regnete ein wenig, und ich wurde naß, aber ich war zu träge. Der große Menschheits-Erlöser iü>' --'b'.'M Noch ist die Zeit für ihn nicht gekommen, aber seine Ideen werden die künftigen Jahrhunderte beherrschen! Helfen Sie uns, die Werke dieses genialen Geistes dnrehzusetzen und zn verbreiten! Voltaire broschiert S 12 — gebunden 3 15'— Das Recht zu leben und die Pflicht zu sterben broschiert 8 5.40 gebunden, S 7*20 Fürst Bismarck und der Antisemitismus broschiert S 5*40 ' gebunden 8 7 20 Philosophie des Strafrechts broschiert S 3 — gebunden $ £‘.50 Ueber Religion broschiert S >20 gebunden S 9*— Gespräche . gebunden S ß‘-r Krieg, Wehrpflicht und Staatsverfassung broschiert 8 13 — gebunden S 15'— Die allgemeine Nährpflicht broschiert S 12 — gebunden S 15 — Inlng» SK grün mm gntn Psw-Prom „Der Mann und sein wem“ Buchhandlung und Verlag D. LÖWIT / WIEN L Rotenturmstraße 23 Fleischmarkt 1 i.. 1 M in der tzckhbahnstatton Schutz M Kch«r, vnd ich ftch die ,',Olympic^ misfahren, folgte ihr mit den ^Blicken, lveit ich konnte, sah sie bei Staten-Jslaird sich inr goldenen Nebel verlierm und sagte mir frohlockend, daß fies das größte Schiff der Welt mrd englisch sei. Dann setzte ich mir'ssin den Kopf, zwischen dem kleinen Park und der Küste heruMzugeheu, wo die Vergüt! gungsdampser abfahreu. Es war ungefähr zehn Uhr früh. De Vergnügungsdampfer sind bei lvarmdu Wetter sehr beliebt, sie machen einander tüchtig Konkurrenz,. mü» sie alle schicken Leute aus, mn die Ausflügler, die noch nicht ganz entschlossen sind, zu! überreden. Ich schlenderte herum, dachte an nichts — da kaur vom Wasser her ein kleiner Windstoß und etwas flog mir ins Gesicht. Ich haschte darnach, und es war eine Dollarnote. Ich sah, daß sie von einem der Billeteure herkomure, die da herumstarÄen, in der einen Hand Fahrkarten, die sie verkaufen wollten, und in der anderen Hand Dollarbündel, um zn zeigen, wie gut ihr Geschäft gehe und wie beliebt gerade ihre Schiffe seien. . Ich glaube, wen» ich nachgedacht hätte, so hätte ich die Note behalten, über es ist schwer, sich von der Gewohnheit instinktiver Ehrlichkeit loszumachen. Jedenfalls brachte ich die Note ihrem Eigentümer zurück. Es war das ein langer roter Jude, aber ein Ehrenmann durch und durch. Ich sah damals wie ein Straßenränder aus. Seit einer Woche hatte ich mich nieder rasiert noch gewaschen, noch war ich aus den Kleidern gekommen, und mein Gang war etwas unsicher. Doch entweder war er über meine Ehrlichkeit erstannt oder er sah, daß ich ziemlich erschöpft sei. Er nahm sich meiner am Er hieß mich auf eine Bant setzen,und warten, bis sein Denst vorüber sei, und dann spendierte er mir ein Essen — ein vernünftiges Essen, nur eine heiße Suppe! für den Anfang-—, und er gab mir Gelegenheit, mich zu waschen und zu rasieren. N^stbei bemerkt, wer meine ideale Wohlfahrtseinrichtung für Fremde griindet, soll damit freie Bäder und Waschgelegenheiten und freies Rasieren verbinden. Wie irgend jemand, der so aüssieht, wie ich aus-, gesehen habe, schmutzig und zerlumpt und mit einem' wöchenalten Dort im Gesicht und mit einem schlechten "Geruch ----- ,beult auch die Saubersten lmter uuh rkechen widerlich, tveun sie eine Woche lang nicht aus den Kleidern gekommen sind —, wie so ein Mensch hoffen kann, Arbeit zu finden oder auch nur das Herz haben soll, sie zu suchen, das kann ich mir nicht vorstellen. Auch sollte man umsonst Kragen Und Manschetten bekommen, und wären sie auch mrr aus Papier. Nichts verbessert die Aussichten eines Menscher: so sehr wie ein sauberer Kragen. Der Anzug spielt larrge keine solche Nolle. Um die Geschichte kurz zu erzählen, mein jüdischer Freund verschaffte mir einen Posten bei seiner Schiffsgesellschast. Ich mußte auf den Ausflugsbooten zwischen den Passagieren herumgehen und Aufträge für Bier entgegennehmen. Spater, während der Ferienzeit, konnte ich mich als Mixer in einer kleinen hufeisenförmigerl Bar betätigen. Ich hatte eine weiße Jacke und ein glattes Gesicht und ich kaufte mir eine geckenhafte Jachtkappe, und wäre ich meinem Selbst von voriger Woche begegnet, ich'hätte mit ihm nicht gesprochen^ jJene Woche war die schrecklichste, die ich in Newyork erlebt habe und ich wünsche, daß mir nie injH nirgends noch so eine zuteil tvird. Oie volkstümliche Geschichte der Juden von HEINRICH GRAETZ ist soeben in neuer Ausgabe erschienen 3 Ganzleinenbande mit reicher Goldprägung auf holzfreiem Papier in Antiqua gedruckt PREIS 40 SCHILLING Ein Standardwerk des jüdischen Hauses Unentbehrlich für jede Bibliothek R. Löwit, Verlag, Wien 1 Fleischmarkt Nr, 1 Rotenturmstraße Nr. 22 14414499999999999999999999999999999999999999

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