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Wiener Morgenzeitung · 1927-03-20 · Heft 2895 (20.3.1927) · p. Seite 4

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
9 (1927)
Issue
Heft 2895 (20.3.1927)
Date
1927-03-20
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Wien, .Sonntag Wiener Morgerrzetturrg 20. März 1927 Nt. zörci r Leite 4 ,Hch vermisse," sagte er in gebrochenem Deutsch, ncine Ledertasche, die mir offenbar in der Nacht in iner.Gasse aus der Hand gefallen ist." Er nannte die Summe, das Geheimwort der Schecks und fügte hinzu: „ES handelt , sich mir nicht um das Geld, sondern um wichtige Geschäftsnotizen über den billigen Einkauf von Gänsedärmen." Mau nahm ein Protokoll mit ihm auf, und als man ihm mitteilte, daß der' ehrliche Finder auf die gesetzliche zehnprozentige Belohrmng verzichtet habe, sagte der Amerikaner, der König der Gänsedärme: „Well." Dann ging er, nachdem er cs abgelehnt hatte, die Adresse der Anna Buklvva zu notieren. Die Wendblätter brachten ungeheure Spalten über die ehrliche Finderin, die eilten solchen Reichtum zurückpennesen hatte. «■ Arrna Buktova scl-afste man ürs Krankenhauch weil ihr Manu sie noch in derselben Nacht halb tot schlug, nacl)dem-er im Wirtshaus das Abendblatt gelesen hatte, lind aus dem Krankenhaus wu^e sie in die psychiatrische Klinik und von dort ins Irrenhaus geschafft. Nasen u. Darmleidende nehmen mit bestem Erfolge »»BOLUCARBON“, zu sammengesetzte Tierkohle-Tabletten. Bolucarbon, von äiztlichen Autoritäten empfohlen, bestbewährt bei Blähungen- Aufstoßen, akuten und chronischen Magen- und Darmbeschwerden etc., sind ln der Apotheke C. BRADY, Wien, I., Rotenturmstraße 18, Ecke Pleischmarkt, stets lagernd, wo auch Literatur gratis erhältlich ist. Postversahd überallhin, Der Bnurv im Lorüszug RIjia—Wien Eine Wienerin als Brandlegerin verhaftet. Rom, 19. März. Unter dem Verdacht, den Brand Im Luxuszug Nizza—-Wien aus 'Fahrlässigkeit verschuldet zu haben, wurden ein.Mann und eine aus Wien stammende Frau verhaftet. Die Blätter berichten über die Anhaltung der. Wienerin Melanie Kohn-Kasten in Tarvis unter dem Verdachte, an dem Br a n d e des Nizzaer Expreßzuges schuldig zu sein, folgende Einzelheiten: Sie wurde von Tarvis nach Mailand gebracht. Sie wies nach, daß sie aus Cannes, nach Wien zu ihrer Familie zurückgekehrt sei, daß sie weder Raucherin sei n v ch e r n e S p i r i t u s l a m p e a n g e z ü n d e t Habs. Man vermutet aber, daß der Brand in ihrem Abteil entstanden sei. Sie war kurz' vor dem Brand in die Schlafkabine gegangen, hatte sich zu Bette begeben und gelesen. Reisende machten fis auf de» Brand aufmerksam urch riefen ihr zu, sich zu retten. Sie floh über den bereits von Rauch!und Feuer erfüllten Gang, wobei ihr Haar teilweise versengt wurde. Sie hat ihr. Gepäck verloren sowie eine Kette von 86 .Perlen.. Es ist jedoch-möglich, daß sich ein Teil davon in dem langst-der. Strecke ausgeladenen Gepäck befindet. Magen- und Darmleiden 'weröhn^durch efttt efo»*, foche^ Denecln-Trtnkkur erfolg fijjgr6* ämpst.^M> »er firnt of Bracoorfiriv. Disraelis Mkttnft. Andre Manrois bringt in der Revue de Parieine ungemein fesselnde Studie Wer Disraeli. Der geniale Jude, welcher der Führer der britischen Konservativen wurde und der ganzen Politik des britischen Weltreiches in der ersten Zeitder Regierung der Königin Bietoria den Stempel aufdrückte, ist eine der bemerkenswertesten Figuren der modernen Geschichte. Im Jahre 1748 landete in England ein armer» italienischer Jude aus Venedig, Benjamin -'Israeli, der hoffte, im England des 18. Jahrhunderis sich besser fortzubringen als in der Republik des Rates der Zehn. Er machte einige unglückliche Spekulationen und schien kommerziell vollkommen ruiniert zu sein, als er eine vornehme spanische Jüdin aus dem Hguse der Villa Real ehelichte. Sie gehörte jenem jüdffchen Hocha'tel an, der in der Zeit der spanischen Krieg« gegen die Mauren hohe Adelstiiel errungen hatte und sich in England niederlaffen konnte. Die Grafen von Medina, von Lara, die Marquis von Dilla ReaI bildeten so im alten England eine Art aristokratischer-Koterie abseits von der großen Welt. . Die junge Villa Real brachte ihrem Gatten eine schöne Mirgi-ft und viele Beziehungen. Er könnte so ein großes-Vermögen erwerben. Er hatte sich in der Umgebung Londons einen Landsitz gekauft, sich einen italienischen Renaissance-Garten angelegt und lebte sehr, zurückgezogen. Der einzige Sohn dieser Ehe Jsae -'Israeli sollte nach Wunsch seiner Eltern ein großer Kaufmann werden. A-ber ihre Hoffnungen wurden getäuscht. Der junge dJsraeli haßte den Handel und interessierte sich nur für Dichtung und Geschichte. Er ehelichte eine junge Dam« aus ein«r spanisch-jüdischen Adelsfamilie und verbrachte seine Tage cntwcd«r im British-Museum oder in seiner Privatbibliothek. Er war «iner der größten Bibliophilen seiner Zeit, Verfasser zahlreicher, sehr geistvoller literarischer Kritiken und Mitglied der konservativen Partei -er Tory. Sein Sohn war Benjamin D i s r a c 1{, der große Staatsmann. Man lese in der Revue de Paris das Leben Disraelis. ES ist keine Biographie, sondern ein Roman. Der junge . Disraeli hat Pech. Alles mißlingt ihm: sein erster Roman, .sein erstes Geschäft (7000 Pfund Schulden, die er fast sein ganzes Leben mit sich zog), seine ersten Parlaments5andida- . turen (dreimal fiel er als Kandidat bei den Wahlen ins Unterhaus durch). Endlich gelang es ihm, durch die Freundschaft > der Mrs. Wyndham Lewis einen Parlamentssitz zu erringen. Aber feine erste Rede war ein vollkommener Durchfall. , Disraeli war direkt lächerlich, das Uyterhaus, Las sonst immer , Jungfernreden mit Muhe anhörte,, wälzte, sich vor Lachen/!' Disraeli war der Verzweiflung nahe. Nur der s<chr ehrenwerte^ . Baronet Sir Robert Peel, der dem jungen Juden immer einige Mißachtung gezeigt hatte, hatte während der Rede applaudiert. Und der-berühmte-Freund O'Eonnel's .Sh eil sagte nach dem'Durchfall Disraelis im Unterhäuse: „GenKcmen, ich habe die Rede Mr. Disraelis angehort. Wenn jemals der Gcftt der Beredsamkeit in einem Manne gewesen ist, dann ist er in Mr. Disraeli. Nichts kann verhindern, daß dieser jung« Mann der erste Nedne.rdes Unterhauses wird." Kurz darauf ehelichte Disraeli die um vieles ältere Witwe seines Freundes Wyndham Lewis, die ein wundervolles Palais und 4000 Pfund Rente besaß, unals das Ministerium Peel gebildet wurde, wußte jeder»nann, daß der junge, exzentrische Mr. Disraeli ein wichtiges Portefeuille erhalten werde. So begann die Karriere des ersten Earl of VeaconSfield. Und nun beginnt der ' letzte erschütterndste Kampf gegen die Papiere, um die Papiere. Ist dieser Kamps siegreich, dann braucht man nichts mehr. Drüben, in Amerika, - kriegt jeder sofort einen neuen Namen und ein neues Papier.. Mmr wundere sich nicht über die Pietätlosigkeit der Juden gegen ihre. Namen. Mit einer Leichtfertigkeit, die; überraschend' wirkt, wechseln sie ihre Namen, die Nam^n ihrer Väter, ° deren Klang doch immerhin für europäische; Gemüter irgendeinen Gefühlswert haben. , Für die Luden hat der Name deshalb keinen Wert, weil es , gar nicht ihr Name ist. Juden, Ostjuden, haben, keine Namen. Sie. tragen aufgezwungene Pseudonyme. Ihr wirklicher Name ist 6er, mit dem sie am Sabbat mrd an Feiertagen zur Thora aufgerufen werden: ihr jüdischer Vorname und der jüdische Vorname ihres Vaters. Die. Familiennamen aber ' von Goldenberg bis zu. Hescheles sind aufoktroyierte Namen. Die Regierungen haben den Juden befahlen, Namen anzunehmen. Sind es chre eigenen? Wenn einer Nachmann heißt und seinen Vornamen in eiu europäisches Norbert verändert, ist nicht „Norbert" die Verkleidung, das Pseudonym? Ist es etlva mehr als. Mimikry? Empfindet das Chamäleon Pietät gegenüber den Farben, dle es fortwährend wechseln muß? Der' Jude schlecht m Amerika Greenboom statt Grünbaum. Er trauert nicht um die veränderten Vokale. . Leider ist er »roch immer nicht so weit, sich nennen zu können, wie er will. Noch ist er in Polen, in Litauen. Noch muß er „Papiere" haben, die seine Geburt, seine Existenz, seine Identität beweisen. Und er fängt an, die Wege zu wandern, die genau so unübersichtlich, verworren, ziellos und tragisch, Mcher- . lich im Kleinen sind, wie einst die Wege seiner Väter im Großen wären.. Man schickt ihn nicht von Pvntigs, zu Pi- , latüch man schiiE W vom Vorzimmer des Pontius zum. geschlossenen Tor deS Pilatus. Überhaupt sinh alhft StäätstÜren verschlossen. Nur mit Kanzlersekretären sperrt man sie auf. Wenn aber überhaupt jemand am Zurückschicken seine Freude haben kann, so sind es die Kanzleisekretäre. Wan tänn sie bestechen? Als ob eine Bestechung 'leicht wäre! Weiß man, ob eine Bestechung nicht ein-n großartigen Prozeß einträgt und mit Gefängnis endet? Man weiß nur, daß alle Beamten bestechlich sind. Ja, alle» Menschen sind bestechlich. .Me Bestechlichst ist eine Tugend der menschlichen Natur. Aber ivann und ob einer seine Bestechlichkeit eingesteht, kann man niüwissepr Man kann nicht wissen, -ob der Beamte, der schon zehnmal Geld genommen hat, beim elften Mal die Anzeige erstattet, einfach um Au beweisen, daß er zehnmal nichts . genommen hat und um noch Weitere hundert Mal nehmenzu können. Glücklicherweise gibt es fast überall Leute, die ganz genau um die Seele des Beamten Bescheid wissen urijd die davon leben. Auch diese, Kenner sinh Juden. Wer weil sie so selten Vorkommen und vereinzelt in jeder Stadt und weil sie die Fähigkeit haben, mit den Beamten in der Landessprache zu trinken, sind diese Juden beinahe selbst schon Beamte, und sie selbst muß man zuerst bestechen, um überhaupt erst einmal bestechen zu können: Aber auch die vollendete Bestechung erspart keine Demütigungen und kerne unnützen Wege. Man erträgt Demütigungen und wandert nutzlose Wege. Dann hat mau die Papiere. Wenn also alles klappt, macht Amerika die Grenze loieder zu, sagt, für dieses Jahr hätte.es schon der Oshjuden genug, und nun sitzt man da »und wartet auf das nächste Jahr. Dann, endlich, fährt man vierter Klaffe Personenzug sechs Tage nach Hamburg. Man wartet zwei weitere Wochen auf das Schiff. Schließlich besteigt man es. Und während alle Passagiere mit Schnupftüchern winken und. dem Weinen nahe sind, ist der jüdischst Emigrant zum. ersten Mal in. seinem Leben froh. - Er hat Angst, aber auch -Gottvertrauen. Er fährt in ein Land,- das alle Ankommenden mit einer riesengroßen ifab*. heitsftatue grüßt: Diesem riesigen Monument muß die Wirklichkeit einigermaßen entsprechen. Einigermaßen entspricht die Wirklichkeit dem Symbol. Aber nicht etwa deshalb, iveil man es drüben mit WARNUNG! g Lassen Sie sich nicht jjj andere Erzeugnisse aufdrängen.; Verlangen Sie Überall nur JStrum Hazzofh.Grieß g die als vorzüglich, schmackhaft, hygienisch g einwandfrei erzeugt, bestbekannt sind und ■ wegen ihrer Güte und Billigkeit allgemein g bevorzugt werden! ■ Froher Pessach — nur mit | Strum-Mazzoth ■ Wer einmal Strum-Mazzoth genießt, nimmt keine anderen 1 ■ Die Mazzoth-Bäckerei H. STRUM, II., Rotehsterng.il, 5 steht unter Aufsicht des ehrw. Rabblnats der Isr. Kultus- > gemeinde Wien. Besonders rn ritueller Hinsicht sind 0 Strum-Mazzoth unbedingt einwandfrei. Die Erzeugung , erfolgt mit eigens konstruierten, patentamtlich gern schützten Maschinen (Ofen) auf elektrischem Wege. 0 Das ganze Maschinenmaterial wird von eigens hiezu 5 bestellten Vertrauenspersonen des Rabbinats viertelstündlich vollständig gereinigt und ausgewechselt, g Achten Sie auf die Stampiglie: »,H. Strum“, ■ die auf jedem Paket ersichtlich ist. ■ Mazzoth-Bfickerei H. STRUM ■ Wien, II., Rotensterngasse 11 Wie werden Marroth erzenst? ' Besuch in emex Mazzoth-Bäckerei. „Strum-Mazzoth", überall wimmelt es von diestu Aufschriften, „Strum-Mazzoth" auf den Straßen, „Strum- Mazzoth" in den Kinos, in den Kaffeehäusern . . . Wie werden eigentlich diese Mazzoth erzeugt? Um das zu erfahren, muß man die Rotensterngasse aufsuchen, bekanntlich das Dorado der Mazzothfabrikation. In dem-äußerlich nicht sehr interessanten Haus- Nr. 11, sieht man sich, ist man eingetreten, erstaunt in einem mit verschiedenen großen Maschinen ausgerüsteten prachtvollen Raum. In erster Linie berührt die peinliche Sauberkeit aufs ange- " nehmste und dann wird der Blick auf die zahlreichen Maschinen gelenkt) die, wie man Zerfährt, vom Herrn Strum jun. nach eigenen ' -lMMr?könstrüi'ert würden. Solcher Räume gibt-es sechs, die streng separiert sind: der Mehlraum ist vollständig vom MaschiNenraum 'und dieser vom Oferü- und Backräum'reserviert. "Das' .Mehl wird durch eine schmale 'Oeffnüng "in den Mischraum befördert, ein Wassermcsser gibt automatisch jeweils nur die für eine Mischung nötige Wassermenge ab und der von der Mischmaschine erzeugte Teig geht zur Walgemaschine, Hauptmaschine imd dann in den Ofen.'Der. ganze Vorgang dauert etwa 3—4 Minuten. Alle 15 Minuten werlxn die Mischgeräte ausge'lvechselt und gereinigt.' Wie der Besitzer des Betriebes, Herr - Strum, mittelst, ist dies der einzige Betrieb in Wien, der zwei Mazzoth- . Maschinen arbeiten läßt, so daß jede Viertelstunde abder Freiheit aller Menschen so ernst nimmt, sondern iveil es drüben noch jMschere Jude:: gibt, nämlich: Neger. Dort ist ein Jude zwar ein Jude. Aber «r ist in der Hauptsache ein Weißer. Zum ersten Mal ■> bietet ihm seine Rasse einen Vorteil. Der Ostjude fährt dritter Klasse bezichnügsweise Zwischendeck. Die Ueberfahrt -ist besser, als er es sich vorgestestt hat, aber die Läitdüttg ist schwieriger. ' Schon die ärztliche Untersuchung im europäischen Hafen ivar übel genug. Nun kommt auch noch, eine strengere Untersuchung. Und irgendwo stimmen die Papiere nicht ganz. Es sind zwar richtige, mit großer Mühe erhaltene Papiere. Wer sie sehen dennoch so aus, als ob sie nicht stimmten. Möglich auch, daß aüf dem Schiff em sich ins Hemd des Juden geschlichen hat. Alles ist möglich. ' v Und der Jude kommt in eine Art Gesangensm^k. die man Quarantäne nennt oder ähnlich. Ein hoher Zaun schützt Amerika vor ihm. i Durch die Gitter feines Kerkers sieht er die Freiheitsstatue, und er »veiß nicht, vb er oder die Freiheit eingesperrt ist. . , Er darf Nachdenken, wie es in Newhork sein wird. Er kann sichs kaumvorstellen. So aber toird es fein.: er - toird zwischen. zwölsstMgen Häusern, zwischen Chinesen, Ungarn und anderen Juden wohnen, wieder tzin Hausierer silin, wieder hie Polizei fürchten, wieder schikaniert werden. Seine Kinder werden vielleW Amerikaner werden. Vielleicht' berühmte Amerikaner, veichd Amerffaner, Könige irgendeines Mätertals. . > Davon träumt der Jude hinter-de» jWttm-fchwr Quarantäne. - : - - - :; ..- - (Aus einem Buch uden auf Wanderschaft van Joseph Roth, das demnächst in de? Reih« »Berichte au» WirU'ch^'t'^ im Vcrl'ag „Die Schmiede", Berlin, erschein^ H ß ms^äassatsa SälSBBifiBIIBniBIUliBIIIBIIIIIIIIIIIIIBBlilBlIHBBBBBEB

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