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Wiener Morgenzeitung · 1927-03-20 · Heft 2895 (20.3.1927) · p. Seite 3

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
9 (1927)
Issue
Heft 2895 (20.3.1927)
Date
1927-03-20
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 28'.., Men, Sonntag Wiener Morgenzeitung 20. März 1827 Seite 3 ZA Tagesbericht. Ser ehrliche Finder. Von JaroSlav HaZek. Der Erfolg des „braven Sonaten Schwejk" i. den Präger Verlag Sh ne? bewogen, auch idore Arbeiten des verstorbenen tsckstchischen nmoristen zu sammeln und in d.u.säerLpr.kü. .-erauszugeöen. Hier eine Probe aus oem eben erschienenen Bändchen »S o n Scheidunger: und anderen tröstlichen Dingen". AIS ich einmal vor dem Krieg Ln Prag Herumflauiette, fand ich auf dem Graben ein Zehnhellerstück und begab mich zur Polizeidirektion, wo ich den ganzen Betrag dem diensthabenden Inspektor übergab und verlangte, daß mein Name Ln der Zeitung veröffentlicht und mir die Belohnung von einem Heller ausgezahlt werde. Der Polizvidirektor schrie nrich aber an, er kenne mich angeblichwozu er noch die zwei Worte: Sinters Gatr!" hinzufügte. Am Morgen führte man mich z»t einem Herrn im ersten Stock, der ein Protokoll mLt mir aufnahm, und auf Grund des „Prügelpatents" wurde ich zu einer Strafe von fünf Kronen verurteilt, im Falle der Uneinbringlichkeit zu 48 Stunden. Um am Staate zu verdienen, war ich gezwungen, die letztere Bedingung anzunehmen, itttb so fütterte man mich, zwei Tage lang auf Nummer 4. Als sie beim Kreuzherrenkloster über die Fahrbahn schritt, stolperte sie über Men Gegenstand. Unwillkürlich! schaute sie auf diesen Gegenstand und begriff mit ihrem angeborenen Scharfsinn sofort, daß cs eine Ledertasche war. Sie öffnete sie und sah dort verschiedene Papiere, deren Inhalt sie nicht verstand. Bon Natur aus gutmütig und ehrlich bis auf die Knochen, begab sie sich sofort zur Polizeidirektion, wo sie den Fund dem diensthabenden Beamten vorlegte. Ms der Beamte den Inhalt der Tasche prüfte, erbleichte er, stand auf und sagte mit bebender Stimme zu Anna Buklova: „Ich gratuliere Ihnen. Sie haben sieben Millionen achthundertsochsundneunzigtausend Kronen gefunden, in Schecks, elnlösbar in der Böhmischen Bank." Anita Buklova schaute blödsinnig auf den Polizeibeamten und sprach chm nach: „Sieben sMllionen achthundertsechsundneunzigtausend Kronen". „Ja," sagte der Polizeibeamte ernst: „Sieben!Mrllionen achthundcrtsechsundneunzigtausend Kronen, setzen Sie sich, ich Nwrde ein Protokoll mit Ihnen aufnehmen." „Gnädiger Herr, ich bitte Sie, um Gottes willen, lassen Sic mich nach Haus," begcnrn Anna Buklova zu weinen, „ich kann ja nichts dafür, ich muß auf die Weinberge die Wäsche nuskochen. Ich Hab wirklich nur hineiugestoßeu." „Aber liebe Frau, es handell sich ja um rein nichts, das ist ja nur eine Formalität. So eine Sache muß doch andere Wüsche kriegst. Ich 'Hab mein Leben lang noch nichts Gutes gehabt, aber ich Hab auch nie was gestohlen und Hab Ausstattungen gewaschen, was wühl mal gezählt waren." „Goldene Frau, beruhigen Sie sich. Es handelt sich doch um zehn Prozeill." „Ich will nichts mit Prozenten zu tun haben, gnädiger Herr, lasfcu Sie mich nach Häuft-," Märkte Anna Bullova, „ich überleb bas alles nichts Ich muß um sieben Uhr auf der Weinberg sein, mir überkocht dort die Wäsche." Der Polizeibeamte schaute sie wütend an, schlug mit der Tasche auf den Tisch und schrie: „Stetä Hab ^h schon genug. Wie heißen Sie?" ' Buklova, gnädiger Herr," brüllte die ehrliche Frau. „Wo wohnen Siel „Irr Strscheschowitz auf der Straße." „Hausnummer?" „Siebemmdsechzig." „Geboren?" ,Äa, gnädiger Herr, meine Mge Mutter —" ,Zch frage Sie, wann Sie geboren wurden." „Im zweiundsiebzigsten." thraittSl Trinke Kathreiner«. Kneip» Malskaffee : Mach^ eine Woche laug einen - Versuch. Du wirst ihn immer trinken und hochbefriedigt fetzt. iid in Düttwich schwor ich -mir, falls ich wieder etwas finden sollte, es niemals mehr zurückzugeben. Leider fand ich mchts mehr äußer einem ausgesehten Säugling in einem Hausflur, wohttr ich mich begeben Hatte, um mir ein Schuhbärckchen zu binden. Ich ließ den Fund erneu Furch Anna Buklova, Bedienerin aus Strscheschowitz, ging früh um 5 Uhr auf die Königliche Weinberge, um bei einer Famllie, wo sie bedienstet war, Wäsche zu toascheu. amtlich nrrtersncht iverden. Es kommt auf die Jonrrmlismtbörse und Ihr Name wird in der Zeitung stehen. Also, wie heißen Sie?" ,^Iesus Maria, gnädiger Herr," brach Anna Buklova in Tränen aus, „diese Schande. Ich steh früh als ehrliche Frau auf und abends soll ich in der Zeitung stehen. Hellige Maria, das überleb ich nicht. Das ganze Leben schind ich mich wie ein Hund, aus Strscheschowitz geh ich auf die Weinberge, von Weinberge nach Lieben, überall-lauter Wäsche, aus Lieben geh ich nach Hlubotschep aufraumen, der Mann versauft mir alles, die Kinder gehn zerlumpt, ich Hab den letzten Rock an — „Wer liebe Frau," beschwichtigte sie der Polizeibeamte, „es ist doch! meine/Wicht, ein Protokoll mit Ihnen au^ziucehmen, irr! ".t Sie nicht, Sie sehen doch, ..,} cS , um Millionen handelt." ,Mein Gott und. Herr," fuhr Anna Buklova zu | heulen fort, „um Millionen handelt es sich. .Ich Hab doch nichts gemacht. So was auf die alten Tage. Ich Lin froh, wenn ich mir auf Zichorie für meine Bälger verdien. 'Alles ist jetzt teuerer, und wenn tä) auf der Weinberge eine Krone auf Seife verlangen möcht, so rvirft man mich auf die Gasse, und dann schau zu, wo du „Wo?" „Zu HmE „Wer wo zu Haus, m Prag oder, „Am Land."! „Herrgott, wo also am LandE" „In Zbraflaw bei Prag." „Bezirk? Hauptnmmrschast? Was Mte, Sie fallen mir ja um!" ■ ij.; 'i. . , Als man sie Mr Besinnung gebracht halle, wurde das Verhör fortgesetzt, das folgendermaßen endete: „Verlangen Sie also zehn Prozent-? Drücke« S8e sich deutlich aus." ’ „Gott bewahre, gnädiger Herr, lassen mich nur frei. Meine selige Mutter hat immer gefügte: Ehrlßh roährt am längsten." „Unterschreiben Sie das ProtobM" „$vx Namen des Vaters und des Svhsesx" Anna Buklova und unterschrieb weitschweifig. : Eüva vier Stunden spater stellte sich auf der Po^ lizeidirektiön ein junger Manu ein, der mit fernem Aeußererr an einen glattrasierten Amerikaner erimvortc. tziu Jude geht nach Amerika. Von Joseph Roth. Immer noch und obwohl die erlaubte Zahl für die östlichen Einwanderer schon einigemal überschritten war und obwohl die amerikanischen Konsulate so viele Papiere verlanger wie kein Konsulat der Welt, immer noch wandert? viele Ostjuden nach Amerikp aus. Amerika ist die Feme. Amerika heißt die Freiheit. In Amerika lebt immer irgendein Verwandter. Es ist schwer, eine jüdische Famllie im Osten zu finden, die nicht irgendeinen Vetter, irgendeinen OnN in Amerika besitzen würde. Vor zwanzig Jahren ist einmal einer ausgewandert. Er floh vor dem Militär. Oder er desertierte, nachdem et assentiert worden war. Dieser Vetter in Amerika ist die letzte Hoffnung jeder ostjüdischen Familie. Er hat schon lange nicht geschrieben, dieser Vetter. Man weiß nur, daß er sich, verheiratet und Kinder gezeugt hat. Jrgertdein altes vergilbtes Bild hängt an der Wand. Bor zwanzig Jahren kam es au. Zehn Dollar lagen dabei. Man hat lange nichts wehr von ihm gehört. Dennoch zweifelt die Familie in Dubno nicht, daß man ihn in Rewyork oder oder' Chicago finden wird. Freilich heißt er nicht mehr so jüdisch, wie er zu Hause genannt worden war. Er spricht englisch er ist amerikanischer Staatsbürger, seine Anzüge sind bequem, seine Hosen sind weit, seine Röcke haben breite Schultern. Man wird ihn doch erkennen. Der Besuch will» ihm vielleicht nicht angenehm sein. HümuSwerfen wird er seine Verwandten sicherlich nicht. Und ivährend man so seiner gedenkt, kommt eines . Tages der Briefträger mit einem dicken Einschreibebrief. Dieser Brief enthält Dollars, Auflagen, Wünsche und Grüße und verspricht „bald eine Schifsskarte". Bon diesem Augenblick an „fährt man nach Anrerika". Die Jahreszeiten wechseln, die Monate reihen sich aneinander, das Jahr verrollt, man hört nichts von einer Schliffskarte, aber „man fährt nach Amerika". Die ganze Stadt weiß eS, die umliegenden Dörfer wissen es und die benachbarten kleinen Städte. «Ein Fremder lammt und fragt: „Was macht Jtzchok Meier?" „Er fährt nach Amerika", erwidern die Einheimischen; inbeffen Jizchok Meier noch heute und morgen, ,wie gestern und vorgestern, seinen Geschäften nachgeht und scheinbar sich nichts in seinem Hause verändert. , In Wirklichkeit verändert sich viel. Er stellt sich rtärnlich um. Er rüstet innerlich für Amerika. Er weiß schon genau, was er mitnehmen und was er bchalten wird, was er zurücklassen und was er verkaufen rvird. Er weiß schon, was mit dem Biertelhaus, das auf seinen Namen intabuliert ist, geschieht. Er hat einmal ein Biertelhaus geerbt. Die arrderen drei Mertel besaßen drei Verwandte. Die sind gestorben oder ausgew ändert. Die drei Viertel gehören jetzt einem Fremden. Diesem könnte man noch, das letzte Viertel abtreten. Mein er zahlt nicht viel. Wer also sonst in aller Welt kauft ein Mertel von einem Haus? Man wird also, wenn es „hypothekenfrei" ist, noch möglichst viele Schulden aufzunehmen trachten. Das gelingt nach einiger Zeit. Man hat Bargeld oder Wechsel, die so gut sind rme Bargeld. Der Jude, der nach Amerika will, lernt nicht etwa englisch. Wie er im fremden Lande znrechtkommen wird, weißer. Er spricht jiddisch, die geographisch, aber nicht zahlenmäßig am weitesten verbreitete Sprache. Er wird sich verständigen. Er braucht nicht englisch zu verstehen. Me seit dreißig Jahren im Judenviertel von Newyork ansässigen Juden sprechen auch noch jiddisch und können ihre eigenen Enkel nicht mehr verstehen. Die Sprache des fremden Landes also kann er schon. Es ist seine Muttersprache. Auch Geld hat er. Ihm fehlt nur noch der Mut. Er fürchtet nicht Amerika, er fürchtet den Ozean. Er ist gewohnt, durch weite Länder zu lvandenr, aber nicht Über Meere. Ei,mal, als seine Borfahren ein Mett zu überqueren hatten, geschah ein Wunder und die Wasser teilten sich. Wenn er durch den Ozean von seiner Heimat getrennt ist, so trennt ihn eine Ewigkeit von ihr. Bor Schiffen hat der Ostjude Angst. Dem Schiff traut er auch nicht. Seit Jahrtausenden lebt der Ostkude int Binnenland. Er fürchtet die Steppe nicht, nicht die Grenzenlosigkeit des Flachümdes. Gr fürchtet die Desorierllieruug. Er ist gewohnt, dreimal im Tag sich gegen Wisrach, den Osten, zu wercken. Das ist mehr als «ne religiöse Vorschrift. Das ist die tiefgefühlte Notwendigkeit, zu wissen, wo man sich befindet. Seinen Standpunkt zu kennen. Bon der Sicherheit be§ geographischen Standpunktes aus kann man seinen Weg am besten: finden und Gottes Wege am besten erkennen. Wa» weiß ungefähr, wo Palästina 'liegt. .( l ■; > \ Auf dem Meer iaber weiß man nW> wo 'GEwrchut. ' Miau erkennt nicht, wo der Misrach. liegt. Man kennt seine Stellung zur Welt nicht. Mau ist nicht frei. Man ist abhängig vom Kurs, den das Schiff genommen hat. Wer so tief das Bewußtsein im Blut hat wie der Ostjude, daß eS jeden Augenblick gelten kamt, zu fliehen, fühlt sich auf dem Schiff nicht fr». Wohin kann; er sich retten, wen» eüvas geschicht? Seit Jcchrtauseudtzn rettet er sich Seit Jahrtausenden gescheht immer etwas Drohendes. Seit Jahrtausend«» flicht er immer. Was geschchen kann? — Wer weiß es? Können nicht -auch auf einem Schiffe Pogrome ausbrcchen? Wohin dann'? Wenn einen Passagier auf dem Schff der Dod überrasch, wo begräbt man den Toten? Müu versenkt die Leiche ins Wasser. Die alte Segen&c aber von der Ankunft des WLessias beschreibt genau die Wicherauserstehrmg der Toten. Alle Juden, die in fremder Erde begraben sind, werden unterirdisch rollen müssen. Vis sie in Palästina angelangt sind. Glücklich diejenigen, die schon in Palästina begraben werde«. Sie ersparen sich die toette und mühevolle Reise. Die unaufhörlich?, meZchlange Drehung. Werden über auch die Toten erwache«, die ins Wasser versenkt worden find? Gibt es Land unter dem Wasser? Welch seltsame Geschöpfe wvhiLn dort unten? Eine jüdische Leiche darf nicht seziert werden, gmy, unversehrt muß der Mensch dem Staub wieder übergeben werden. Fressen die Haifische nicht dis Wasserleichen? * Mußechem ist die verfprocherr-e SHMartv »och tckht da. Sie muH freilich kommen. Aber sie allein gMgt ja auch noch bricht. Mm muß die MrresskbewWMrotz haben. Die bekommt mm ohne PMere.mWü Mo find die WWn<K. 9

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