Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 2895 (20.3.1927)
- Date
- 1927-03-20
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Men, Sonntag Wieuer MorgerrzeiLrmg 20. März 1927 Nr. 2895 W t E K E R MORGENZEITUNG KUPON z « d « m Kreuz wort-Ratiel Nr« 36 i Stimmvieh oder Wühler. -y. Wien. 30. MLrz. Es ist ein mterrffmrter Wahlkampf, der in Wien ji;ü cutvEkt. Es gellt um die Juden. Die jüoffclier: Walter sind Gegenstaich einer sehr lebhaften Werbung. Ieae Partei will sie an sich hsttmziehen »der zmnindcst verhindern, daß icc GeMer aus den jüdischen Stimmen seinen Sieg formt. Es ist die beleidigendste intb demütigendste Situation für den von so viel Liebe mtb so viel Haß bedachten jMschen Wühler. Die regierende Partei hat ihn programmatisch als Träger eines zersetzenden Einflusses verdammt. Nachher gab es freilich eine Interpretation. Mer die Absicht toar zu deutlich zu merken. Die uichtregierende Partei war dem Jutcu als solchen auch nicht hold. Sie hat ihn nicht gerne. Es ist ihr ein zu schwieriges Problern, sich für den Juden zu exponiere». Es könnte mißverstanden werden und der Antimarxist könnte ans dem Judenschutz zu viel politischen ' Profit Ziehen. Aber der Wahltag kommt und da ist, nicht nähr?, jede Stimme von Wert. Der jMsche Wähler rückt in der Achtungsfkala vor. Er war gestern der vom bösesten kapitalistischen Teufel besessene Ausbeuter, er war klerikal, reaktionär und er war der Hakennäsler. Die sozialdemokratische Partei besinnt sich und bei ihr, wie bei den Christlichsozialen, spricht der Leader. Der Herr Bundeskanzler bemühte sich, dm Juden klarzumachen, daß sie bisher doch noch nicht Umgebracht wordm sind, und daß trotz aller: Programmes doch nur die als fassmswert zu gelten hätten, die zersetzenden Einfluß ausüben. Mt diesen Individuen wird sich doch die jüdische Gemeinschaft nicht identifizieren. Herr Bürgermeister Seitz antwortet. Ihm sind die offenen Antisemiten lieber als der Herr Seipel, der es doch mit dem Antisemitismus weit ernster meint, als er zngibt. Juden m die Einheitsfront! ruft der eine; Juden, kommt Kr uns! der andere. Es zu wie ans einem Jahrmarkt. So tief lvird der jüdische Wähler gewertet, daß seine Existenz, seine Ehre, seine politische Meinung, den draußen seiner harrenden Parteien nur n:ehr als Zettel in einer Urne, nur als eine Ziffer gilt. Es kommt diesen Parteien, diesen angeblich so feinen Kennen: der Volkspsychologie gar nicht in den Sinn, daß der jMsche Wähler auch an sich selbst denken könnte. Die Sozialdemokraten kennen keine Judenfvage. Das' ist für eine Partei, die doch den Strömungen nachgeben und ihr Wesen erfassen müßte, nicht der richtige Standpunkt. Den Kopf in den Sand zn stecken Und sich außerdem noch die Ohren zu verstopfen, ist keine Politik. Aber wenn txks wirklich Inhalt sozialdemokratischer. Anschauungen ist, somüßte man sich damit abfinden. Er ist es aber nicht. Denn die Sozialbenwkraten kenne:: die JUdensrage, sie wissen, daß' sie vorhanden ist, und sie nehmen semdsÄig Stellung. Sie malen das Judentum, das nationale wie das konfeffionelle als etwas Mlehnungswertes, von dem sich der klassenbewußte Proletarier abzuwenden hat. Mias jüdisch ist, wird weggeschobcn. Nur nicht aus dem Parteikataster. Wie sich vor den Wahlen zeigt. Da fmb die Juden vorhanden, da spricht der Bürgermeister gegen die antisemitische Seuche. Als wäre er nicht Leser der „Arbeiter-Zeitung, die, weiß Gott, aus ihrem Herzen ansonsten, wenn keine Wahlen in der Nähe sind, keine Mördergrube macht. Der Unterschied zwischen den beiden großen Parteien ist, ivas den Judenpunkt betrifft, nicht gar so groß. Im Effekt besteht er überhaupt nicht. Der Staat nimmt die jüdische Steller und stellt keinen Juden cm. Die Stadt nimmt die jüdische Steuer und stellt keinen Juden an. Aber sie werken Plötzlich um die jMsche Stimme. Nach' Tische wird maus anders lesen. Es gibt aber noch andere Parieren; sie treiben sich so in dem freien Raum zwischen den Fronten herum, /Und sie alle erinnern sich an den geehrten israelitischen Mitbürger. Es ist viel Liebe für uns latent.gewesen und siche da, der Fahling treibt die Knospen heraus. Das ist sehr Verständlich. Etwa 80.000 jMsche Wähler gibts in Wien. Die sind heiß ersehntes Stimmvieh. Für rot, für schwarz, für alle Farben, Der jMsche Wähler sieht dies mit einigem Staunem Er ist doch sonst nicht so ästhimiert. Er ist dort, wo man sein Dasein zur Kenntnis nimmt, gehaßt. Wo man ihn nicht anerkennen will, dort gilt er eben als nicht existent. -Jahraus, jahrein geht das so. Die Steuermaschine mahlt den jMschen Bürger klein, der Staat und die Gesellschaft nehmen die Früchte seinen Arbeit gerne für sich. Der Jude ist der Träger der Verbindungen nach außen, er beschwingt die geistige Arbeit. Me in diesem Staat wissen das, alle find sich dessen bewußt, daß die Gesellschaft wie ein Sandhaufen auseiuanderfließen würde, wenn nicht das jüdische Genie bestünde. Me aber hassen dieses jüdische Element. Sie liebm es auch heute nicht. Sie lieben den jüdischen Stimmzettel, sie meinen, daß be* jüdische Wähler der Kammerknecht ist, der zu gehorche» hat. Aber der jMsche Wähler ist der jüdffche Mürger, bewußt seiner Würde. Es tvird nicht schwarz, nicht rot wählen. Er wird jüdisch wählen und t>eu Hassern von gestern und von morgen die jüdische Antwort geben. Er wird die Aufwertung seines Votmns nicht dulden. Er ist kein Stimmvieh, das die Kalküllerer und Sta- Gf-Gfer ht ihre Tabellen einfetzen. Für die jüdische Lifte. fBBftlertufammlMtgett in der Leopoldstadt. Die jüdische Wahlkampagne ist bereits in vollem Gange und insbesondere in der Leopold st adt finden zahlreiche Wählerversammlungen statt, die starken Zuspruch aufweisen. Gestern abends fanden zu gleicher Zeit Versammlungen tm Kinosaal, Taborstraße 1, und im Bethauslokal in der Malzgasse 2 statt. In der ersten Versammlung referierten Gemehnderat Dr. P l a.s chkeS rmd Oberbaurat Stricker. Der erste Redner befaßte sich eingehend mit der sozialdemokratischen Verwaltung der Stadt Wien, die er nebst vielen anderen wirtschaftlichen Gründen deshalb bekänipfen müsse, weil sie antisemitisch ist. Die Juden bekommen dies bei der tz e i m a t s r e ch t s p r a x i s des Stadtrates Richter und bei der Anstellungsprax i s des Stadtrates Speiser zu spüren. Aber auch jüdische Stadträte, wie beispielsweise Stadtrat Tandler, verwalten ihr Reffort durchaus in antisemitischer Weise. So bekommt, um bei dieser Verwaltungsgruppe zu bleiben, beispielsweise der Verein jüdischer Kinderfreunde, der 300 jüdische Proletarierkinder ganztägig verpflegt, nach jahrelangen Bemühungen eine Subvention von sage und schreibe 200 Schilling im Jahre, muß aber dagegen an Wohnbausteuer 400 Schilling jährlich zahlen. Noch schlechter werden die jüdischen Volksküchen behandelt. Das Speisehaus in der Krummbaumgasse erhielt im ganzen Jahre eine einspännige Fuhre Kohle und das Spei-sehaus in der Kluckygasse mußte sogar gesperrt werden., nachdem private Mittel nicht genügend aufzubri-ngen waren. Die Inden, die 15 Prozent der Wiener BevSlkerung ausmachen, sind nur M einem % Prozent mit Wohnungen in städtischen Neubauten bedacht worden. Der Redner befaßte sich sodann eingehend mit dem städtischen Steuersystem und betonte, daß die Wischen Kandidaten cm der unbedingten Aufrechterhaltung des Mieterschutzes festhalten werden. Der zweite Redner, Oberbaurat Stricker, widerlegte in seiner Rede das Schlagwort von der Aussichtslosigkeit der jüdischen Kandidatur. Me jüdischen Wähler müssen endlich aufhören, nur Mit- und Nachläufer anderer Bewegungen zu sein. Hatten wir es vorher nur mit Mitläufern der Sozialdemokraten zu Stärket de» jüdischen Wahlfonds! Stiften Mens! Am 24. April finden die Wahlen in den Nationa-Irat und alle anderen öffentlichen politischen Vertretungskörper statt. Der Parteirat der österreichischen Zionisten hat den einhelligen Beschluß gefaßt, in den Wahlkamps e i n z u t r e t e n, um die den Juden Oesterreichs gebührende Vertretung zu erringen. Um diesen Wahlkampf zu einem erfolgreichen zu ma- ' chen, ist es Pflicht aller Juden, sich nicht nur mit allen: Eifer der Agitation zu widmen, sondern auch materiell unseren schweren Kampf zu unterstützen. Wir haben einen Wahlfonds geschussen, zu dem beizutragen wir euch, Juden Oesterreichs, aufrusen. Die Zentralstelle des Wahlfonds befindet sich in den Bereinigten Zionistischen Bureaus, 1. Bez., Kärntnerstraße Nr. 28. Beträge können direkt an die Kasse abgeführt oder an Mitglieder des Finanzkomitces, die mit Bestätigungsblocks unseres Wahlfonds quittieren, abgeliefert werden. Juden Oesterreichs, stärket rasch und ausreichend den Wahlfonds! Die Zentralwahlleitung. Tücher bei der Zentralstelle, 1. Bez., Kärntnerstraße Nr. 28, können auch bei nachfolgenden Stellen Beträge für den Wahlfonds äbgeliefert, sowie Quittnnqsblocks übernommen werden: 1. Bezirk, Adolf Tarler, Kohlmeffergaffe,6. 1. Bezirk, Simon Picker, Gonzagagasse i. 1. Bezirk, Bezirksrat Waltuch, Maria' Therestenstr. 24. 2. Bezirk, „Wiener Morgenzeitung", Taborstraßei. 2. Bezirk, Max'Schiffmann, Taborstraße 48. 2. Bezirk, Jacques Singer, TaDorstraße 20 a. 2. Bezirk, Ingenieur Eugen Buchbinder, TaLorstr. ßfi, 2. Bezirk, Josef Singer, Im Werd 7. 2. Bezirk, Prof. Moses Rath, Taborstraße 20 a. 6. Bezirk, Bezirksrat Moritz Kohn, Stmnpergaffe 28. 8. Bezirk, Heinrich Baud, Daungaffe 1a. 10. Bezirk, Ing. Fischmann, Viktor-Adler-Platz 1, 14. Bezirk, Oskar Goldschmiedt, Hohenberggaffe 22. 16. Bezirk, Leopold Sitzmann, Bmnnengaffe 41. Bar schweren GefaSar der Alterserscheinungen begegnen Sie am wirksamsten durch den Gebrauch von Sklerolsyrup nach Univ.-nrof. D r. M l a d e j o v s4c y In allen Apotheken erhältlich. Haupt-Depot: Apotheker C. BRADY, Wien, L, Kotenturmstraße 18. tun, so müssen wir jetzt den sonderbaren Umstand konstatieren, daß Juden auch Nachläufer der christlichsozialen Partei sind. Redner wandte sich sodann ebenfalls der Methode, die man gemeiniglich als Breitnerei bezeichnet, zu und erklärte, daß fie eine Karikatur auf die sozialistische Theorie bedeute. Wenn Breitner an Stelle der von ihm zugrunde gerichteten Unternehmungen gemeimvirtschaftllche Betriebe setzen würde, in denen die arbeitslos gewordenen Angestellten ihr Brot verdienen könnten, so würde man diese Sozialisierungsbestrebungen begreifen. So werden aber von dem Gelds Bäder und Spielplätze gebaut — auch diese find notwendig — doch müßte man zu ihrer Errichtung Jnvestitionsanleihen anfnehmen und die Arbeitslosigkeit wird nur künstlich vermehrt. Der Vorsitzende der Versammlung, Direktor Brenner, forderte sodann die Versammlrmg auf, am Wahltage nur für die Wische Liste zu stimmen. In der zweiten Versammlung in der Malzgaffe sprachen Dr.Defider Fried mann und Da-v. Nebenzahl. Dr. Fviedmann führte aüs, daß die Zahl der jüdischen Wähler in der Leopoldstadt 40 Prozent beträgt, die bei einer Einigkeit aller Juden durch drei Mandatare im Gemeinderat vertreten sein könnten. Auch das Nationalratsmanidat im Wahlkreis 2, 20, 21 steht bei einer jüdische« Wählerzahl von 86.00l außer Frage. Redner befaßte sich sodann eingehend mit dem sozialdemokratischen Parteiprogramm, das den jüdischen Forderungen in keiner Weise Rechnung trägt. Herr Nebenzahl warnte die jüdischen Wähler davor, sich in Klassengegensätzen zu spalten. Unser Kampf muß ebenso wie seinerzeit gegen die liberale Afsimisotton jeb< ^egeu die rote Assimilation geführt iverden. Er ist aber durchaus kein Kampf gegen die Arbeiterschaft. Im Jntereffe der Juden ist es gelegen, im Klaffenkampf neutral zu bleiben und die jüdischen Interessen nur durch jüdische Vertreter zum Ausdruck bringen zu lassen. Sämtliche Redner fanden stürmische Zustimmu » g des Publikums. bis Montag, den 28. Marz. Mische WShler und Wählerinnen! Sichert euch euer Wahlrecht! Jeder Wische Wahlberechtigte (Staatsbürger und Staatsbürgerinnen, die am 1. Jänner 1927 das 20. Lebensjahr erreicht haben) muß sich unverzüglich unter Mitnahme feiner Dokumente- (Heimatsfchein, Gednrts^— Paß, Arbeitsbuch, Meldezettel nsw.) w rmserem Reklmnattomlokale Wien, 2. Bez, Lavorstraße 1—3, Mezzanin, rechts, 9 Uhr vormittags bis 7 Uhr abends ornfinden. Die Wählerlisten können auch täglich in de» Amtslokalen der Bezirke (Magistratisches Bezirksamt) eingesehen werden. Mische WSHlerversammlnngen. Frir heute, 10 Uhr vormittags, sind zwei jüdische Wählerversammlungen einberufen, und zwar in den Theatersaal des Cafe Astor (2. Bez., Praterstraße 60). Referenten sind die Herren Dr. Josef LSwenherz und Dr. Desider Friedmann. ' Im Lokale der Machsike Hadath (2. Bez., Schiffamtsgasse 20) werden die Herren Oberbauvat Stricker und Gemeinderat Dr. Plaschkes über die Bedeutung der Wahlen sprechen. Beginn gleichfalls 10 Uhr vormittags. zionistischer Patteirat. Der zionistische Parteirat hält heu te um halb 4 llhp nachmittags im Cafe Habsburg (Rotentunnstraße) eine Sitzung ab. QOQ09009WOQOOOOOOOOOOOOOOOQOOOOW0080 durchgemacht hat und trotz großer Mischer Entbehrungen keine Gewichtsabnahme erzielen konnte, versuche Pr. Hoffbanerö Entfeitungötabletteu, die vor allem keine Aenderung der gewohnten Lebensweise verlangen und in kürzester Zeit Gewichtsverminderung bewirken. — Depot r Apotheke H. Bayer. Wollzetle Ar. 13 5eoooooa<Kweoeeoeoo«eoeeooeoeeqeeeq<MKM