Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 2893 (18.3.1927)
- Date
- 1927-03-18
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite § Wien, Freitag Wiener Morgenzettung 16. März 1927 Rr. 2896 WIENER MORGENZEITUNG KUPON t i dem Kreuzwort-RStsel Nr# 34 1 ■ Der ferne Sften. —y, Wien, 18. März. out fernen Osten Bereiten sich wieder schwerwiegende Ereignisse vor: Schanghai steht vor dem Falle nnd cs sind Mischen den Heerführern der chinesischen Armeen Verhandlungen eingeleitet worden, um eine ruhige, geordnete Besetzung der Stadt zu ermöglichen. Der Bevölkerung bliebe denmach das Schwerste, die Brandschatzung und P ündenur-g durch die einrÜcEeitfcen Sieger erspart. Die Stadt müßte geräumt werden und die englischen und italienischer: Truppen, die ihre Verteidigungsstellungen schon außerhalb des KonZesfionsgebietes bezogen hatten, müßten zurückgenommen wevden. Das wäre ein neuer schiverer Schlag für das Prestige Europas, insbesondere aber Englands, das schon nach Hankau sich zu neuen ungeahnten Aenderungen sei,'.er Verhandlungsmethoden hatte entschließen müssen. Es wird immer klarer, daß die große Wandlung in dem Verhältnis der asiatischen Völker zu den Kolonialmächten in vollster Entrvicklung ist. Wir sind Zeugen eines großen geschichtlichen Vorganges, dessen Tempo sich zu beschwingen beginnt. Sinken die fremden Flaggen in Schanghai, so ist das ein Symptom eines politischen' Erdbebens, demgegenüber die europäischen Zänkereien verblassen müssen. Sie dauern trotzdem fort und der allgemeine Niedergang der europäischen Geistigkeit, ihre Verpöbelnng und Verrohung rvird mir noch von der Blindheit dieser Herrenkasten übertroffen. Sie vermeinen ihr im Abendland gehandhabtes System der Unterdrückung von Minoritäten und Wehrlosen auch den kolonialen Massen gegenüber fortführen zu können. Sie sehen allg Probleme mit militaristischen Augen an und g'auben, politisch: Fragen noch immer mit Kanonen und Giftfliegern lösen zu können. Die Hypnose läßt sie übersehen, daß sich irm Abendland in den Minoritätenfragen die gefährlichsten Komplikationen zusammenballen, die auf der Basis der Idee entstehen. Da Helsen keine Pässe und keine Kordons, genau so wenig wie die gepanzerte Faust heute in China vermag. Sie führt ins Leere und das weltgeschichtliche, sogar besteiende Moment dieser Ereignisse liegt darin, daß -um erstenmal die Gewalt verpufft. Der chinesische Nationalismus ist nur in Farbe Und Fwm von dem europäischen Gebrauchsmuster verschieden. Er ist jung, roh, brutal, aber er fußt auf der gewaltigen Idee von der Befreiung. Vor fast achtzig Jahren wehrte sich der Feudalismus in Europa gegen das. aufstrebende Bürgertum und er mußte kapitulieren. Asien gegenüber aber blieb cs beim Feudalismus und er ist jetzt in einen Kamps verivickelt, bei dem es auf Sieg oder Tod geht. D':e englischen Staatsmänner von heute, die das Schicksal vor die schwerste Probe gestellt hat, sind wahrscheinich genau so entschlossen und so klug wie ehedem die Pitt und Gladstone und Disraeli, aber die Zeit ist eine andere geworden. Der große Krieg hat sie geivandelt und die Rajahvölkev haben gelernt, daß die weißen Götter nicht unverwundbar sind. Der Nimbus ist zerrissen worden. ' Me Kunst der Politik kann sich imr darin erschöpfen, die Evolution m geregelten Bahnen zu helfen und die 'Situation nicht durch Eisenfressereien zu verbittern. Gewiß sind die Machtmittel der Kolomalstaaten noch immer überlegen, aber sie können sich nicht mehr mit solcher Intensität wie noch vor zwanzig Jahren auswirken. Es ist die Idee des Völkerbundes, die in Europa verstümmelt und gehemmt wird, sich aber längs seiner Peripherie ausbreitet. Sie hat in Europa nur die Inden als ansrichtige und tatbereite Verfechter. Mer außerhalb des Kontinents gießt sie sich in die Formen, die nur Europa selbst vorbereitet hat. Nur der Ausbau des Völkerbundes durch Ausnahme Rußlands, der Kolonialvölker und der Minoritäten kann Abhilfe schassen. Das setzt aber auch int Okzident die Schaffung des guten Willens voraus. Der Panasiatismus ist ein P'-autoM, aber wenn er bestünde, wäre doch nur ein einheitliches Gesahrenzentrum vorhanden. Die Sachlage ist aber noch ungünstiger. Es gibt eine Menge von Nationalismen und sie alle find willkommene Angriffspunkte des russischen Boischewismus, der seinem Ziele, der Weltrevolution, auf neuen Wegen zustrebt. Er geht über den fernen Osten und er findet dort das Terrain gut vorbereitet von denen, die sich daheimi in Krieg und Rüstung erschöpft haben und trotzdem nicht geneigt scheinen, die große Illusion aufzugeben, als wären r;e noch die Herren der Welt. „Ofen ist pogromschwanger." Das sagen nicht wir, sondern das unter der Aufsicht oa Staatsanwaltschaft in Wien erscheinende deutschvölkische Mvrdblatt. Es nennt uns „organisiertes Berbrocherpack". Damit geben wir uns nicht weiter ab, aber wir wollen doch aufzeigen, daß die Regierung S-eiPel die schwerste Verantwortung trifft, wenn sie diesen Pö^ bel nicht bald an die Kette legt. SlMchernng eines Shinelenvlertels in Srnador. PaeaoS Aires, 17. März. Sine heftige FeuerSbrrrnst hat da» Chinesenviertel von Santiago de Guayaquil (Ecuador) zerstört. Zahlreiche Personen wurden ge, tötet und verletzt. Stärket den jüdischen Wahlfonds! Juden Mens! Am 24. April finden die Wahlen in den Natiomrlrat und alle anderen öffentlichen politischen Vcrtretungskörper statt. Der Parteirat der österreichischen Zionisten hat , den einhelligen Beschluß gefaßt, in den Wahlkampf einzutreten, um die den Juden Oesterreichs gebührende Vertretung zu erringen. * Um diesen Wahlkampf zu einem erfolgreichen zu machen, ist es Pflicht aller Juden, sich nicht Nur mit allem Eifer der Agitation zu widmen, sondern auch materiell unseren schweren Kampf zu unterstützen. Wir haben einen Wahlsonds geschaffen, zu dem beizutragen wir euch, Juden Oesterreichs, ausrufen. Die Zentralstelle des Wahlfonds befindet sich in den Vereinigten Zionistischen Bureaus, 1. Bez., Kärntnerstraßs Nr. 28. Beträge können direkt an die Kasse abgeführt oder an Mitglieder des FinanzkomrtceS, die mit Bestätigungsblocks unseres WahlsondS quittieren, abgeliefcrt werden. Juden Oesterreichs, stärkt rasch nnd ausreichend de» WahlsondS! Die Zentralwahlleitung. Außer bei der Zentralstelle, 1. Bez., Kärntnerstraße Nr. 29, können auch bei nachfolgenden Stellen Beiträge für den Wahlfonds abgeliesert, sowie Quittimatzblocks übernommen werden: 1. Bezirk, Adolf Tarier, Kohlmessergasse 6. 1. Bezirk, Simon Picker, Gonzagagasse 1. 1. Bezirk, Bezirksrat Waltuch, Maria Theresienstr. 24. 2. Bezirk, „Wiener Morgenzeitung", Taborstraße 1. 2. Bezirk, Max SchifsmahN, Taborstraße 48. 2. Bezirk, Jac.ues Singer, Taborstraße 20 a. 2. Bezirk, Ingenieur Buchbinder, Taborstraße 11 v, 2. Bezirk, Josef Singer, Im Werd 7. 2. Bezirk, Pros. Moses Rath, Taborstraße 20 a. 8, Bezirk, Bezivksrat Moritz Kohn, Stumpergasse 29. 8. Bezirk, Heinrich Ward, Daungasse 1a. 10. Bezirk, Ing. Fischmann, Viktor-Adler-Plah 1. 14. Bezirk, Oskar Goldschmiedt, Hohenberggasse 22. 16. Bezirk, Leopold Sitzmann, Bvunnengasse 41. Die Reklamationsfrist läuft bis Montag, den 28. Mörz. MdMe Wähler und Wählerinnen! Sichert euch euer Wahlrecht! Jeder jüdische Wahlberechtigte (Staatsbürger und Staatsbürgerinnen, die am 1. Jänner 1927 das 20. Lebensjahr erreicht haben) muß sich unverzüglich unter Mitnahme seiner Dokumente (Heimatsschein, Geburtsschein, Paß, Arbeitsbuch, Meldezettel usw.) in unserem Reklamaliourlokale Wien, 2. Bez., Taborstraße 1—-3, Mezzanin, rechts, 9 Uhr vormittags bis 7 Uhr abends einfinden. Die Wählerlisten können auch täglich in den Amtslokalen der Bezirke (Magistratisches Bezirksaint) eingesehen werden. Re Wahlen. Bon der für Mittwoch einberüjenen Länderkonferenz hatte man sich eine Entscheidung über die großdeutschchristlichsoziale Einheitsliste erwartet. Die Großdeutschen sind aber bis heute mit ihren Beratungen noch nicht zu einem Ende gekommen. Jetzt heißt es, daß sich die antimarxistiischen Wähler noch bis Mitte nächster Woche in Geduld fassen müssen, bis sie erfahren werden, welche großdeutschen und christlich sozialen Führern sie ihre Stimmen geben dürfen. Unter den bürgerlichen Demokraten, die bei den letztem Wahlen in ganz Wien nur mehr ein paar tausend Stimmen erhalten haben, soll noch immer darin keine Uebeveinstiimmung Herrschen, ob sie der antimarxistischen Einheitsfront beitreten sollen ober nicht. Die eine Gruppe ist, wie die Korr. Herwei erfährt, für. den unbedingten Beitritt, die andere meint, man könne es dem israelitischen Bürgertum nicht zumuten, für eine Einheitsliste zu stimmen, auf der ein Dr. Walter Riehl als Kandidat steht. Die letztere Gruppe möchte . am liebstcn Wahlenthaltung proklamieren. In der mittelständischen Bolkspartei, deren Führer Präsioent Hornik ist, ist eine Spaltung, eingetreten, i Ern Teil der Leitungsmitglieder hatte Differenzen mit Hornik und trat daraufhin aus der Parteileitung auS. Bon den Wiener Kandidaturen der Einheitsliste ist bis jetzt erst eure ofsiziell angekündigt worden. In einer christlichsozialen Versammlung im alten Rathause teilte Bezirksvorsteher Dr. Siegmeth mit, daß die Chrisllichsozlalen im ersten Wiener Wahlkreis an erster Stelle wieder Dr. Seipel kandidieren werden. Die Vervollständigung der Wlener Wählerlisten. Im Finanzausschuß des Nationalrates brachten die Sozialdemokraten gestern die Vorgänge in den Wiener Stcueradministrationen zur Sprache, iw Gruppen von 20 bis 30 Personen . nach Schluß der Amtsstunden in die amtlichen Wohuungssisien Einsicht nahmen und sich Auszeichnungen machten. Sie bezeühueten diesen Vorgang als absolut g e s e tz w i d r i g. Ftnauzmiuistev Dr. K l e n- ) bock stellte die Sache so dar, als ob es sich nur um Sächsische StrUmpfe und Handschuhe Adolf Tarier, Wien, I., Kohlmessergasse 6 m~ Za, Noms . Htfiaig. Saal o, M|s S3SZ -m eineVervollständigung der Wählerlisten gehandelt häve. Die Wahrung des Steuergeheimnisses sei in keiner, Weise gefährdet.. Wenn die Wiener Wählerlisten vollständig richtig seien, so brauchten sich die Sozialdemokraten darüber nicht aufzuregen. Abgeordneter Sever meinte nun, sein?! Partei gönne beit Christlichsozialen auch dieses Mittel. Es zeige nur, »velche Furcht die Mehrheit vor den kommenden Wahlen habe. Dm Sozialdemokraten 'handle es sich nur danrm, die Unanständigkeit aufzuzeigen, mit der noch kein Finanzminister Oesterreichs vorgegangen sei. In keinem Staate der Welt werde ein Finanzminister seiner Partei zuliebe derartiges wagen. Dr. Kienböck verwahrte sich gegen den Vorwurf des Amtsmißbrauches. In früheren Fällen habe der Magistrat selbst zwecks Anlage 'von Wählerlisten Einsicht in die steuerämtlichen Wohnnngs listm erhalten. ein BaMWul fflt hie Mitoenfianifien. Den Altpensionisten des Bundes wird noch vor Ostern unter dem Titel „Angleichung an die Neupensionisten" eine Nachzahlung gewährt werd,n.Die Ungleichung bei dm Alt Pensionisten der Bundesbahnen macht dagegen erhebliche Schwierigkeiten, weil erst entschieden werden muß, ob der Bund, die Bundesbahnen oder beide gemeinsam die Kosten dieser An gleichnng zu tragen hätten. Ans dem Siatlonalrat. Der Finanzausschuß beschloß gestern, . den Nachtrag zum B u n d e ss i n a n z ges etz, durch den die Zahl der Bundesangestellten um 600 ' ve'rmehrt wird. Dieser Zubau von Beamten ist bekanntlich wegen der Verstaatlichung der Linzer Polizei und wegen , der Wiederherstellung des ordentlichen Verfahrens in Sirüfsachen notwendig geworden. Im Kleinrcntner-Unterausschu-ß verlangten die Vertreter der Mehrheitsparteien, daß der Gesetzentwurf über die A u,f wertungderKaüfpre i ß- und Verwendungs Hypotheken noch vör Schluß der Tagung des gegenwärtigen Nationalrates verabschiedet werde. Die Sozialdelnokratcn. stellten eine Antwort auf diese Forderung für die nächste Sitzung des Unterausschusses, die am 24. d. M. stattsinden soll, in Aussicht. Der Unterausschuß für die Arb ei terversicher u n g hat sich gestern bereits mit denUebergangsbe st im m ungen beschäftigt. Er nahm den Vorschlag der Negierung mit den Stimmen dcr Majorität an, daß jene Arbeiter, die am 1. Juli d. I. bereits 60 Jahre alt sind und Anspruch auf die Notstandsaushilfe haben, oder nach diesem Termin wegen Arbeitsunfähigkeit vom Bezug der Arbeitslosenunterstützung ausgeschlossen werden, Anspruch auf Altersfürsorgerente haben sollen. Die Sozialdemokraten nahmen gegen diese Vorschläge auf das entschiedenste Stellung und verlangten, daß als Termin des Inkrafttretens dieser Bestimmung der 1. I ä n« n er' 1926 festgesetzt werde. Die den Sechzigjährigcn in Aussicht gestellte Altersrente beträgt nämlich nur zwei D r i t t e l. d e r. N o t st a n d s unter st ützun g. Eine Hinausschiebung des Termins bis zum 1.- Jänner würde also den schon im Bezüge der Notstandsunterstützung stehenden alten Arbeitern die Unterstützung in voller Höhe bis zum Jahresschluß sichern. Stahle über das Verhältnis rum Judentum. Aus Zagreb wird uns geschrieben^ Der bekannte kroatische .Bauernführer Stjepan Ra die äußerte sich kürzlich bei einem Journalisten empfang, als er Über die Notwendigkeiten der Orientierungder jugoslawischen Außenpolitik zu Großbritannien und Rußland sprach, unter anderem auch über den Einfluß der Juden im heutigen Rußland. Er sagte: „Ich kann euch sagen, die Juden sind nicht die Führer des jetzigen Rußland und sie haben dort keinen so großen Einflüß, wie man dies allgemein meint. Die Iuden sind übrigens eine sehr sympathische Nation, hesonders diese n i g e n, d! e f ü r d e n Z l o n i S m u S sind. Die Juden in Rußland haben mehr alS zwei Drittel jenes Einflusses, welchen sie am Anfänge der bolschewistischen Revolution hatten, eingebüßt." Bei dieser Gelegenheit erzählte Radie, daß ihm unlängst in einem -Gespräch eine jüdische Frau gesagt habe, daß die Bauernbewegung und alle politischen Bewegungen der Gegenwart gar nichts bedeuten gegenüber der großcn zionistischen Bewegung, die in 100 Jahren ihre Ideale verwirklichen wird. > Radie ist sonst nicht als Judensreund, eher als Judenfeind bekannt -- sprach ja früher vom Juden fast immer nur als von einem Ausbeuter deS Bauernvolkes — aber in letzter Zeit hat ihm die zionistische Bewegung und die Größe des jüdischen Palästinaaufbauwerkes Achtung eingeflößt und ihn veranlaßt, vielleicht nur äußerlich, seine Stellungnahme den Juden gegenüber zu korrigierend Freilich ist zu bedenken, büß Herr Radie seine Entschlüsse und Meinungen sehr oft ändert. Er ist ja wegen seiner ideologischen und taktischen Sprünge nicht nur in Jugoslawien bekannt. f. a.