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Wiener Morgenzeitung · 1927-03-17 · Heft 2892 (17.3.1927) · p. Seite 3

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
9 (1927)
Issue
Heft 2892 (17.3.1927)
Date
1927-03-17
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 2802 281m, DomvevSkrg 17. März 1027 Sette S Wiener Morgenzeitung Tagesbericht. zwei Feste. Von Dr. Fritz Löwenftein, Jerufaler Die Abhängigkeit alles menschlichen Lebens von der amgebenden Natur wird in Palästina stärker empfunden alS etwa in Europa, ganz gewiß stärker als in einer europäischen Großstadt. Die vier Jahreszeiten des gemäßigten europäischen Klimas haben keinen so ausgeprägten, festen Charakter wie die zwei Jahreszeiten der palästinensischen Natur. Auch in Europa braucht die Landwirtschaft Regen, aber die fünf- bis sechshundert Millimeter, die etwa der mitteleuropäische Durchschnitt sind, haben zwölf Monate Z:it, um herniederzugehen, und, >var auch das Frühjahr regenarm, so kann der Sommer noch immer die Landwirtschaft entschädigen. Anders in Palästina, wo die Regenlosigkeit der Zeit von Mitte April bis etwa Ende Oktober ein unumstößliches Gesetz ist und wo also die Regenmenge, die in ihrem Jahresdurchschnitt in den meisten Teilen Palästinas kaum geringer ist, als in Mitteleuropa, sich auf wenige Monate konzentriert Und selbst in diesen wenigen Monaten ist eine ganz bestimmte Verteilung feststehend. Es beginnt mit dem Frühregen (dem Joreh der Bibel), der im November und Anfang Dezember in kleinen Mengen heruntcrgeht, und es schließt mit dem Spätregen (dem biblischen Malkosch), der etwa in der zweiten Hälfte März und im April den Abschluß der Regenzeit bildet. So bleiben drei eigentliche Regenmonate und von ihrer Ergiebigkeit hängt schlechter^. alles ab. Alles: das heißt nicht nur die Landirirrschaft, sondern auch die tägliche Wasserversorgung eines großen Teils der Bevölkerung, nicht zuletzt Jerusalems. Dieses Jahr, dessen Regenzeit ja nun in ihrem Hauptteil vorüber ist, war wirklich eine Z^it des Segens, so sehr auch die in diesem Jahre in Jerusalem häufige Form der Niederschläge in Form des Schnees ungegewöhnlich ist. Fast überall ist schon jetzt die jährliche Durchschnittsmenge des Regens überschritten, die Zisternen Jcrusaleins sind säst überall bis zum Rande voll und, da März und April jedenfalls nicht völlig regeulos sein werden, besteht Grund zu großer Zufriedenheit. Dieser Zufriedenheit gab ein Fest Ausdruck, das vor wenigen Tagen von der Jerusalemer Stadtverwaltung an den salomonischen Teichen, zwischen Bethlehem und Hebron, veranstaltet wurde und das der seltenen Tatsache wegen arrangiert wurde, 'iceil diese Teiche, die älteste Wasserverso rgungsstelle Jerusalems, bis zum Ueberlaufen voll sind. Nebenbei bemerkt besteht seit einem Jahr noch eine arüxre Wasserleitung, nämlich von En Farrach. Es wäre freilich verkehrt, anzunrhmen, daß die Jerusalemer Wasserversorgung nun etwa befriedigend sei. Das wird solange nicht der Fall sein, als ein großer Teil der Bevölkerung in Häusern ohne Wasserleitung und ohne Zisternen wohnt und gezimmgen ist, das Wasser zu kaufen, und zwar teuer zu kaufen. Eine Stadt von 80.000 Einwohnern besitzt nach achtjähriger Verwaltung durch England noch immer keine geregelte Wasserversorgung und hat im Gründe keine Aussicht, sie in absehbarer Z.k. zu erhalten! So sehr also die palästinensische Landwirtschaft mit dem diesjährigen Regenjahr zufrieden ist, so wenig wird man sagen dürfen, daß die Freude, die bei dem Fest an den salomonischen Teichen gefeiert wurde, Nvv VtP 1V2 KUNEROL -kU'fiwiPl! : l I llj ' ' ’’ Verbürgt reines Fett aus Kokos« nüssen. Die Kokosnüsse werden bei der Kunerolwerke A. G.,Wien« Atzgersdorf, gepreßt und die Er« zeugung steht bis zur Verpackung des fertigen Fettes unter strengster Aufsicht des Herrn Bezirksrab* * biners 8. Ehrenfeld zu Mattersburg. Kunerol kann daher von jedem Streng« gläubigen ohne Bedenken zur Zuberei« tung der Speisen verwendet werden. auch von dem ärmeren Teil der Jerusalemer Bevölkerung geteilt wird. Wenn der Regen für die Bewohner Jerusalems nicht jenes Glück bedeutet, das es bei geregelter Wasserversorgung bedeuten könnte, so galt ein zweites Fest einer Institution, vie für alle Bewohner Jerusalems von unzweifelhafter Bedeutung werden wird. Der Name von Nathan Strauß als der eines Philanthropen großen Stils ist im ganzen jüdischen Volk bekannt und man weiß auch, daß sein Hauptinteresse sanitären Institutionen gilt. Bor allem ist es der Kampf gegen die Säuglingssterblichkeit, dem Nathan Strauß große Summen gewidmet hat. Auch für Palästina hat der greise Wohltäter vor und nach dem Kriege vieles getan. Seine jetzige Anwesenheit in Palästina benutzte er, um den Grundstein zu dem „Gesundheitshaus" zu legen, das in Jerusalem im Viertel Sichrom Mosche aus seinen Mitteln uird mit starker Anteilnahme der Organisation zionistischer Frauen Amerikas Hadassah erbaut weiten wird. Das Institut wird nach seiner Vollendung .eine große Reihe von Abteilungen unterhalten, so: ein Pasteurisirrungsinstitut, eine Beratungsstelle für schrvqngere Frauen, Abteilungen für Kinder im Säuglings-, Kindergarten- und Schulalter, eine Abteilung für zurückgebliebene Kinder, eine Abteilung für unterernährte Kinder, eine Abteilung für Zahnprophyla^e, sanitäre Ausstellungsräume, Bibliothek, Lese- und Aerztezimmer, Vorlesungsräume, in denen Vorträge hygienischen. Inhalts gehalten werden sollen, Abteilung für orthopädisches Turnen, eine Musterküche, sowie zahlreiche andere Räume. Es bedarf nicht vieler Worte, um den außerordentlichen Segen dieses Instituts zu schildern, das allen Bewohnern des Landes zur Verfügung stehen soll. Wenn irgendwo, so gilt es in Palästina, daß Verhinderung von Krankheiten wichtiger ist als ihre Heilung und daß Aufklärung hier unendlich viel zu bessern vermag. Der ungeheure Unterschied in der Säuglingssterblichkeit bei Arabern und Juden (zugunsten letzterer) und »oiederum der große Unterschied Mischen der Säuglingssterblichkeit bei orientalischen Juden und der bei aschkenasischen beweist genügend,, wieviel erreicht wachen kann. Der Chronist würde sich freuen, hier schließen zu dürfen oder höchstens noch mit ein paar Worten über den Verlauf der feierlichen Grundsteinlegung zu berichten. Leider ist das nicht angängig. Wir haben in diesen Blättern bisher nicht des Streites gedacht, der seit einiger Zeit zwischen der „Hadassah" und der Arbeiterkrankenkasse „Kupath Cholim" besteht, obwohl dieser Streit, längst aufgehört hat, eine interne Angelegenheit dieser beiden Institutionen zu sein, nachdem der Leiter der Hadassah, Dr. Bluestone, es ablehnte, die Zionistische Exekutive als Schiedsinstanz anzuerkennen und damit einen bedauerlichen Mangel nationaler Disziplin gegeben hat und nachdem der Kampf seitens der Hadassah mit Mitteln geführt wird, durch die nicht die Kupath Cholim, sondern deren unschuldige und gegenwärtig besonders bedürftige Kranke geschädigt werden. Dr. Bluestone war von Nathan Strauß die Vorbereitung der Grundsteinlegung übertragen worden, und er,hat sich dieser Aufgabe in einer Form entledigt, über die es keine zwei Mjrinungen im jüdischen Palästina gibt. Das Programm sah eine Reihe von Begrüßungsansprachen der wichtigsten Körperschaften vor, wobei man die Zionistische Exekutive „vergessen" hatte. Dieses Programm wurde in allen Zeitungen veröffentlicht. Nachdem die Presse sich deutlich genug darüber geäußert hatte, erhielt die Exekutive nachträglich eine Einladung, erklärte aber mit Recht, diese nicht annehmen zu können, da die Uebersetzung der wichtigsten Reden, darunter der des Oberkommissars, ins Hebräische nicht vorgesehen war, was in Palästina als ein geradezu unerhörtes Ereignis empfunden worden wäre. Auch das wurde schließlich erreicht. Dann gab es einen dritten Konflikt, indem von den drch Tageszeitungen der „Dawar", der die Hadassah bei ihrem Kampf mit der Kupath Cholim scharf angegriffen hatte, nicht eingeladen wurde, was auf Anfrage nicht als Versehen, s ondern als Absicht erklärt wurde. Erst die Drohung der beiden anderen Tageszeitungen (auch des Doar Hajom!), kein Wort über die Grundsteinlegung zu bringen, wenn der Dawar nicht eingeladen würde, zwang Dr. Bluestone auch hier zum Nachgeben. Es ist bedauerlich, daß diese Vorfälle, die in der Tat nicht einfach als gleichgültige Zwischenfälle betrachtet werden dürfen, den schönen Eindruck störten, den sonst die Grundsteinlegung für eine so bedeutsame Institution hervorgcrufen hätte. Wir sind wzit davon entfernt, im Zusammenhang mit diesen Ereignissen grüln!dsätzlichen Erörterungen über Zusammenarbeit mit Nichtzionisten Raum zu geben, zumal wir überzeugt such, daß Nathan Strauß diesen Dingen fernsteht, Dr. Bluestone aber, obwohl selbst offenbar Nichtzionist, schließlich an der Spitze einer so unstreitig zionistischen Organisation wie der Hadassah steht. Auch steht zu hoffen, daß die vor wenigen Tagen eingetroffene amerikanische Delegation der Hadassah das Verhältnis dieser Institution zur Zionistischen Exekutive und zum Jischuw einer Revision unterziehen wird. Erfreulich ist jedenfalls, daß Exekutive und Jischuw bei dieser Gelegenheit Proben gesunden Nationalgefühls und zionistischer Solidarität gegeben haben, die uns zugute kommm werden, wenn die Verhandlungen mit der Delegation der Jewish Agency einmal aktuell sein werden. Iss Geheimnis der Ephinr. Von Rudolf Lothar. Der Autor lut soeben im Drei-MaMn- Verlag, München, ein Neiseüuch „Zwischen drei Welten, Pilgerfahrt eines Gläubigen" erscheinen lajsen. Wir entlehnen dem reich illustrierten Werke mit Ermuönis des Berlages den nachstehenden Abschnitt. Am schönsten »virken die Pyramiden, roenn man sie als zarte, duftige Silhouette am Horizont erblickt, etwa von der Zitadelle aus. Sie sind entschieden auf Fernwirkung berechnet, denn baß sie in die Ferne wirken, baß sie vl.le, viel- Mellen weit mit ihrer Silhouette das Land beherrschen, ist Absicht und Bestimmung. Was ist über die Pyramiden für Unsinn gesagt worden! Leiber meistens von deutschen Reisenden. Alban Stolz verkündete, daß sie unsinnige Steinmoloche seien, in den-n nichts Höheres, kein Geist stocke. Und Sepp wollte gar petrifizierten Titanenhumor, antediluvianische Kunstlauneu in ihnen sehen. Die Pyramiden haben einen ganz klaren und deutlichen Sinn. Dieser Sinn lautet: Ich, der Pharao, beherrsche mein Land noch nach dem Tobe. Die Pyramide bedeutet den Willen zur Macht, die gewaltig den Tod überdauert. Die Symbolik liegt nicht in der Form, sondern in der Silhouette. Aegypten ist überhaupt das Land der Silhouette. Sie übermittelt uns die stärksten Eindrücke. Das Bild einer Karawane auf dem Nildamm, das sich schwarz und scharf vom Himmel abhebt, ist der stärkste Vordruck, den der Besucher in Aegypten empfängt. Dieser Eindruck hat die ganze ägyptische Kunst beeinflußt, denn diese Kunst ist immer silhonettierend gewesen. In der Silhouette liegt die ganze Schönheit der ägyptischen Landschaft. In der Silhouette liegt der märchenhafte Reiz der Palmen, ebenso wie di« Machtfülle der Pyramide Es ist vollkommen b.grrislich, ja selbstverständlich, daß die ersten künstlerischen Regungen der Aegypter daraus hinausgiugen, diese Bude:, die sie von der Landschaft uicü den Menschen empfingen, festzubannen. Weil die Silhouette in der Landschaft so stark wirkte, sollte sie auch in der Zeichnung wirkt». Die silhouettierciiden ägyptischen Malereien und Zeichnungen sind also kein Beweis von Primitivität, sondern nur Beweise einer sehr bestimmten Kunstauffassung. Sie verträgt sich sehr gut mit dem Realismus, dem man sonst in der ägyptischen Kunst begegnet. Wie in der Wissenschaft, haben es die Aegypter auch in der Kunst so weit gebracht wie wir, wenn nicht weiter. Im Museum von Kairo ist eine Riesenstatue irgendeines Pharao, die in der Auffassung ganz dem Balzac von Rodin gleicht, d. h. der Körper ist nur migcdeutet. Der Künstler arbellct auf den Eindruck hin, nicht auf die Darstellung. Es hat jahrhundertelange Kunstentwicklung gebraucht, bis wir zu der Einsicht gekommen sind, daß eS nicht darauf ankommt, einen Gegenstand darzustelleu, wie er ist, sondern lediglich darauf, wie er auf den Beschauer wirkt. Unsere ganze Kunst ist heute Wirkungskunst, nicht Darstellungskunst. Die modernsten Bewegungen des Impressionismus, des Futurismus, des K'ubismus gehen darauf hinaus, einen Eindruck festzuhalten urrd wiederzugeben. Ganz ' üchgültig mit welchen Mitteln, und wenn die Mittel -vn der faktischen Wiedergabe des darzustellenden Gegenstandes noch so sehr abweichen. Ob ich« eine Landschaft Strich für Strich abzeichne oder mit ein paar Klecksen andeute, ob ich sie perspektivisch aufnehme (die Perspektive ist eine griechische Erfindung aus dem fünften Jahrhundert und nur jenen Völkern bekannt, deren KulSur auf dem Griechentum fußt), ich werde einen künstlerischen Eindruck erst dann erzielen, wenn der Eindruck auf. den Beschauer stärker ist als der Eindruck, den er von der Natur empfing. Denn darauf kommt es schließlich an: Die Kunst soll nicht der Natur gleichen, sondern sie "'höhen. Jede Kunst ist eine Deutung der Natur. Ein Künstler nrfU die Art seines Sehens, BegrcistnS, Empfindens, mit emrm Wort feine persönliche Weltanschauung dem trachter, Leser und Hörer suggerieren — kraft der Aulsdrucksmittel, die er wählt. Mer der künstlerische Eindruck, den er erzielt, muß immer stärker sein als der natürliche. Darum ist eine Photographie, die getreu die Natur wiedergibt, keine Kunst, wird aber sofort zur Kunst, wenn der Photograph eine Stimmung, eine Beleuchtung, eine Anordnung ins Bild brachte, die ihm eigentümlich ist und sein Wirken über das; Wirken der Natur erhöht. Der Künstler steht über der Wirklichkeit, nicht ihr gegenüber. Diesen Standpunkt einzunehmen, verstanden die ägyptischen Künstler. Wenn man vor der Kolossalstatue des Pharao steht, hat man das Gefühl, daß ihre Persönlichkeit uns überlvältigt. Wir kommen uns klein und nichtig vor vor diesen gewaltigen Herrschern. Und dieses Gefühl ergreift uns auch heute, trotzdem wir längst nicht mehr Untertanen des Pharao sind, trotzdem -vir gar keine seelische Beziehung zu dem dargestellten Fürsten haben. Wie unendlich viel größer muß die Macht der Bildwerke auf die Aegypter gewesen sein! Dabei kommt es nicht in erster Linie auf die kolossalen Dimensionen des Bildwerkes an, sondern vor allem darauf, daß hier die Kolvssalität nur ein Aus drucksmittel des Seelischen -ist. * Feierlu oar das ganze Leben der lich war die 'altägyptischr Politik und Lebensart. Dis Feierlichkeit der Auserwählten, beri Könige und d-r Priester, war der Gegensatz zum lärmenden und beweglichen Pöbel. Die Pyramide steht gegen den Basar. Je höher disoziale Schichte, desto feierlicher, unlebendiger wird sie, bis das Leben auf dem Thron zur reinen Geste erstarrt. Das Vorrecht Gottes und des Königs war die Uebertreibuug. Auch die Uebertreibung der Feierlichkeit und der großen Lime. Bor der Pyramide aber steht die Sphinx mH lächelt ironisch. Sie lächelt über die Feierlichkeit des Toten, vor dessen Grabmal sie sich erhebt. Sie ist der spöttisch? Kommentar zur Pyramidenherrlichkeit. Das ist der Sin» dieses stets mißdeuteten Lächelns de) Sphinx. Well aber * 2484

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