Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 2892 (17.3.1927)
- Date
- 1927-03-17
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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edtc 2 Wien, Donnerstag Wiener Morgerrzeitmrg 17. März 1927 Nr. 2892 I WIENER MORGENZEITUNG KUPON zu dem Kreu z w ort-RSt i tl Nt*. 33 i Sächsische ItrOmpfe und Handschuhe Adolf Tarier, Wien, I., Kohlmessergasse 8 Zur Müsse: Hofburg, Saal 0, Koje 5332 -W Mr die Wische Lifte. , —y, Wien, 17. März. Ler Wahlaufruf, den wir an anderer Stelle uei* u.j.iitttcEjen, geht an die gesamte jüdische Bevölkerung Oesterreichs. Es ist ihr stärkster, von aktivstem Willen erfüllter Teil, der an sie das Wort richtet. Gs ist jene Organisation, die seit nun dreißig Jahren für das jüdische Recht und die jüdische Freiheit kämpft, jene Organisation, die als Vertreter der jüdischen Sache vom Völwrvund anerkannt worden ist. Es ist jene Organisation, die hier uitb in aller Welt immer rückhaltslos und ohne falsche Scheu die jüdische Frage in die Diskussion stellt und von der gesamter:. Oeffentlichkeit als der durch den Willen des feiner Position, seiner Kraft und seiner Forderungen bewußten jüdischen Volkes gilt. Die zionistische Organisation in dieser Republik fordert von allen jüdischen Männern und Frauen, daß sie am Wahltag das jüdische Bekenntnis ablegen, daß sie durch ihr Votum ihr Recht dokuptentierrn, an der Entwicklung dieses Staates, seiner geistigen und materiellen Kultur verantwortlich teilzunehmeu Mn Wahltag spricht der Bürger seine Stellung zun: Staate als der Zusammenfassung aller in dem Gebiete lebenden Personen aus. Am Wahltag erkennt er, daß er mit allen zusammen zu einer höheren Einheit verbunden ist, nnd er bekundet dies durch die Teilnahme an dyc Wahl. Er erklärt, wie er über die Verwaltung des geistigen Md materiellen Gutes dieser Einheit denkt, er Mlt M Urteil und er will in die nächste Zukunft wirken. Der Mische Wähler als der Angehörige eines mit Mißgunst und Scheelsucht angesehenen Teiles der Bevölkerung isst noch mehr. Er protestiert gegen die Demütigung, gegen die Verschweigung seiner Existenz, gegen den den Sinn des Staates negierenden Hochmut einzelner Par» toten. Kein Staat kann der Mitarbeit aller seiner Bürger entbehren, kein Staat hat das Recht, sie aus der politischen Mitverantwortung für die Führung seiner Geschäfte, für die Regelung seiner Beziehungen zu den Nachbarn, für die Ordnung in Gericht, Amt und Schule zu entlassen. Am! wenigsten aber darf dies die schwache österreichische Republik, hie arm an politischen Talenten, arm an wirkschaftlic^n Impulsen, sehr zu ihrem Schaden die Ausschaltung der jüdischen Mitarbeit erfahren hat. Der Judenhaß hat sich in den vier Jahren der eben ablaufenden Legislaturperiode fast hemmungslos ausgewirkt. Er hat den Namen des Staates mit Unehre belegt nnd ha auch von der Tribüne des Parlamentes kein Einspruch erhoben wurde, ist der Schaden, den die Gesamtheit im Urteil der Nachbarn erfahren hat, ein umso größerer geworden, Aber auch nach innen sind die Wirkungen in einem Niedergang des Sinnes für Recht und. Gerechtigkeit zutage getreten und da die Autorität des Gesetzes verletzt wurde, hat auch die Autorität der Gemeinschaft gelitten. Es ist ein unnatürlicher Zustand der Bresthaftigkeit entstanden, das Vertrauen in diesen Staat und in diesem Staat wurde geschwächt. Ueber das Staatsinte^sse ist der Parteiegoismus getreten, auf dem waEnden Boden dieses durch den Diktatfrieden unvernünftig aus einer jahrhundertealten organischen Gemeinschaft gieris-, seyen Gebietes wechen Weltanschauungskämpfe ausgetragen, als könnte in dieser blutleeren Wirtschaft Entscheidendes für den Aufbau der Welt geschehen. Wir jüdischen Wähler glauben an Oesterreich. Wir glauben, daß es sich durch Handelsverträge, durch die emsigste Arbeit aller befestigen kann, daß es innerhalb der europäischen Unruhe eine Insel des Friedens sein könnte, wenn es sich in seiner Verwaltung immer nur vorn guten Willen leiten läßt. Wir wollen das unsere, dazu tun; nie noch hat die jüdische Bevölkerung den Standpunkt eines höher aufgesaßten Patriotismus verlassen, nie hat sie dem Staat geweigert, was sein ist. Aber sie fordert, daß sie an den Entscheidungen über sein Gedeihen mitwirkt, sie verzichtet nicht auf ihr Recht;, als Bürger des Staates, als Angehörige der großen jüdischen Kulturnation an den Aufgaben der republtkani» scheu Gemeinschaft mitzutun unb ihre wahrlich nicht geringe geistige Kraft, ihren Fleiß, ihr Genie in den Dienst der Allgemeinheit zu stellen. Die jüdische Bevölkerung will nicht dulden, daß über sie zur Tagesordnung hinweggegangen yird, sie will sticht stumm Miben, weil sie erkannt hat, daß sie sonst wehrlos würde. Für die jüdische Bevölkerung erhebt die jüdische Organisation ihre Stimme mch sie verlangt von allen jüdischen Männern und Frauen, daß. sie für das Recht des jüdischen Hauses, des jüdischen Mndes, der jüdischen Arbeit kämpfen, Sie ruft alle für den 24. April zum Bekenntnis auf. M Reklamationsfrist läuft bis Montag, den 28. März. Mische Mhler ««» WWerinne»! Sichert each euer Wahlrecht! Jeder jüdische Wahlberechtigte (Staatsbürger nnd Staatsbürgerinnen» dls am 1. Jänner 1927 daß 20. Lebensjahr erreicht haben) muß sich imverzüglich unter Mitnahme feiner Dokumente (HelmatSschein, Geburtsschein, Paß, Arbeitsbuch, Meldezettel nfty.) tn unserem ReNamatlonslokale Wien, 2. Bez» Taborstraße 1—3, Mezzanin, rechts, 9 Uhr vormittags ViS 7 Uhr abends emfinden. Die Wählerlisten können auch täglich in den AmtSlokalen der Bezirke (Magistratisches BezirkSaint) eingesehen werden. A«sras der südlschen Sentral-WaWeit««». Die jüdische Zentralwahlleitung erläßt den folgenden Aufruf: Der Wahlkampf ist bereits eröffnet und nur wenige Wochen trennen uns noch vom Wahltag. Jede Person und jede Stunde muß genützt werden, um die uns gebührende politische Vertretung zu sichern. Der WahAampf erfordert treue Anhänger unserer Sache, die uns in unserer schweren Aufklärungsarbeit unterstützen müssen. Wir richten an alle rmsere Freunde den Appell, sich fürdie Wahlarbeit zur Verfügung zu stellen. Anmeldungen sind' bei der Wahlleitung (Vereinigte Zionistische Bureaus, Kärntnerstrqße 28) vorzunehmen. Wir wollen mit allen freiwilligen Mitarbeitern die Arbeit 'besprechen und laden sie daher für heute, den 17. d. M., um H7 Uhr abends in das Hcckoah-Heim, Wipplingerstrahe 24, zu einer Besprechung ein. Erscheint zahlreich! Mitarbeit ist Pflicht! Referieren werden Dr. Desidep Fried mann und Obeybcmrat Ing. Robert Stricker. Die Zentralwahlleitung. Sa« Geheimnis der Wiener WLHlerliften. Dienstag erschienen unmittelbar vor Schluß der Amtszeit in sämtlichen Wiener Steueradministrationen Gruppen von 20 bis 30 Personen. In jedem Amt wies der Führer dieser Gruppe einen amtlichen Auftrag vor. Rach Entfernung der in den Diensträumen tätigen Beamten machten sich die amtsfremhen Personen breit und sahen die amtlichen WohnMgslssten und andere Aktenstücke durch und machten Aufzeichnungen daraus. Auf diesem Umweg will offenbar die Regierung amtliches Material zur Ueberprüfung der Wiener Wählerlisten sammeln. Antisemitische Ausschreitungen in Großwardeln. > Gegen eine jüdische Veranstaltung. Bukarest, 16. März. Anläßlich der Ratifizierung des bessarabischen Protokolls seitens Italiens wurden in zahlreichen Städten Rumäniens patriotische Umzüge veranstaltet. In Großwardesn kam es hiebei in den Abendstunden zu antisemitischen Kundgebungen. Eine Gruppe von rumänischen nationalistischen Studenten zog vor das Gebäude der Kaufmannshalle, in deren Räumen der jüdische Woyltätigkeitsvsrein eine festliche Veranstaltung feierte. Die Studenten bewarfen die Fenster mit Steinen, so daß sämtliche Fensterscheiben eingeschlagen wurden. ZweiMädchen wunden schwerverletzt. Im Tanzsaal entstand eine Panik, viele der Tänzerinnen erlitten Ohnmqchtsanfälle, andere verfielen in W e!nkrämpfe. Es wurde Polizei herbeigehoitt, doch verschwanden die Studenten noch vor Eintreffen derseHtzn. Am ®m Marl. Ae MftllnvMdelten Der Reglerilllg. Ieru, ale m, 14. März. Der OberMmm-tisär Lord Plumer hat bei seinem kürzlich erfolgten Besuch in Te! Äwiw angekündigt, daß die Regierung zur BekäMs'fun.l der Arbeitslysigwit die folgenden Notstandsbauten durchWsühren bereit ist: den Neubau der Hauptchaussee von Jaffa nach Sarona, die Fortsetzung der Karnrelstvaßh die für eine Summe von 3000 Pfund durch die Stadt Tel Awiw ausgeführt werdm soll, den Bau eines städtischen Krankenhauses für einen Betrag von 8000 Pfund und dis Beendigung des Baues eines Säuglingsheimes für einen Betrag von 400 Pfund. Am 16. Februar waren heim Arbeitsamt in Jerusalem 1276 Arbeitslose registriert. Sie verteilen sich auf die einzelnen Gruppen dev jüdischen Bevölkerung in folgender Weise: 678 Aschstnasim, 69 sephardische Jude», 134 kurdische, 242 persische, 76 Bergjuden, 62 grusinisch», 83 babylonische, drei jemenitische, 36 mvghrebinische und vier anderer Herkunft. rer mm und AlttMstsrat. Jerusalem, 14. März. Wie die palästlnenfischen Zeitungen berichten, hatten sich bis zur letzten Februarwoche in die Wählerlisten eingetragen: ln Haifa 4590 Wähler, darunter 1015 Mohammedaner, 1856 Christen und 819 Juden; tu Liberias 680 Wähler, darunter 840 Juden, 160 Mohammedaner und 40 Christen; in Safed 335 Wähler, darunter 200 Araber und Christen und 136 Juden. Las Lem 1 .snstelegramm Mizmamis unwahr. Jerusalem, 15. März. („Zion. Äm-.'*). Die palästinensische Presse meldete anfangs März, daß Dr. Welzmann auf die Drohung der Histadruth, ihre Vertreter aus der Zionistischen Exekutive zurückzuziehen, an den Vorsitzenden der Histadruth Ben Gorion telegraphiert habe, daß dann auch er zurücktreten werde. Diese Nachricht entspricht nicht den Tatsachen. vor den MimlzliraWWL. Jerusalem, 14. März. Vor einigen Tagen fand unter dem Vorsitz von Dr. Ru pp in eine Sitzung des Finanz- und Wirtschaftsrates statt, in der beschlossen wurde, mit Rücksicht auf das für d j e nächste Z e i t erwartete Eintreffen der amerikanischen Sachverständigenkommission und den bevorstehenden Zusammentritt des Zion ist enkongreffes verläufig vyn einer de finstwen Konstituierung des Rates Abstand zu nehmen. BenMelilguiU dir zuden Iw zerulnlemer StadttnL Jerusalem, 17. März. (I. T. A.) Heute wurde offiziell bekanntgegeben, daß der MunizipalraL der Stadt Jerusalem sich aus fünf Moftemiten. vier Juden und drei Christen zufammensetzen wird. Demnach würden die Woslemiten und christlichen Araber über eine Zweidrittelmajorität verfügen. Die Juden gaben bekannt, daß sie, falls es bei der angekündigten Ziksarmnensetzrmg bleDen sollte, Wahlenthaltung üben werden. Ra „Baad der Freande der arbetteadc« Palästina". Jena, 17. März. (I.T.A.) Auf Anregung der Jüdischen sozialdemokratischen Arbeiterpartei „Poale Zion", Ortsgruppe Jena, ist dort ein „Bund der Freunde des arbeitenden Palästina" gegründet worden, dem sich eine große Zahl nichtjiidischer und jüdischer Persönlichkeiten anschloß. Der Gründung ging nach eingehender Aussprache die Annahme einer Entschließung yoraus, in der es heißt: „Das jüdische Kolonisationswerk in Palästina, an dessen Realisierung die jüdische Ar -eiterschaft aller Länder milwirkt, ist geeignet, die anormale wirtschaftliche Struktur der jüdischen VolksMässtzN in erheblichem Maße umzugestalten, Die Anstrengungen und Leistungen der jüdischen Arbeiterschaft in Palästina und die Schaffung neuer Formen des wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Zusammenlebens auf kollektiver und genossenschaftlicher Grundlage stellen ein beachtenswertes Werk sozialistischen Schaffens dar." Das Komitee des Bundes setzt sich zusammen aus: H. Berger, Diplom-Volkswirt, Dr. Herschkowitz, wissenschaftlicher Mitarbeiter bei her Fa. Zeiß, Dr. Klein, Syndikus aus Erfurt, A. Kranold, Chefredakteur des Thüringer sozialdemokratischen Landesorgans „Das Volk", H. Leber, Präsident des Landtages von Thüringen, Vorsitzender des Bezirksvorstandes Großthünngen der S P. D., Dr. Linke, Universitätsprofessor, M- Lipschütz, MNd. Med., Sch. Milkonowitzki, Diplom-Landwirt, Dr. Peters, Universitätsprofessor, Vorstand des Psychologischen Instituts an der UniverMt Jena, O. Potschterj, Dtplom>-Landwirt, W. Prietzel, Vorsitzender des Unterbezirks 3 der Thüringer sozialdemokratischen Partei, Dr- K. L. Schmidt, Universitätsprofessor. War den Faden vorxeworfen wird. Bukarest, 14. März. (I. T. A.) In der rumäni* schon Kammer führte der Cuzist Sumuleanu auS, daß sämtliche politische Parteien und auch dje Minderheiten mit Ausnahme her Juden ihrer. Freude über die Ratifizierung des hessarabischen Protokolls durch Italien Ausdruck verliehen haben. Dies sei ein Beweis für die Staatsftindlichkest der Juden. Der jüdische Deputierte vyu Czecnowitz Dr. Mayer Ebner protestierte gegen diese Behauptungen und wies darauf hin, daß nur die politischen Parteien Erklärungen abgeben sollten. Die sechs jüdischen Deputierten der Kandrmr bilden keine einheitliche Partei und haben aus diesem Grunde lediglich an den allgemeinen Freudenkündgebungen teilgenommcn. Die Ratifizierung des bessarabischen Protokolls ist ein Ereignis von ungeheurer Bcheutung für alle' Bürger dieses Landes ohne Unterschied der Nasse und Religion. Auch wir rumänische Juden bringen diesem Ereignis das vollste Verständnis entgegen. Srleichtenmgea im polnischen ftottaefliotisgesetz. W' hau, 14. März. (I. T. A.) In den 'letzten Tagen en die zahlreichen Akte der Konzesstonsentzlehungeu einer Revision unterzogen. Nach einer Intervention der Sejmabgeordneten WyäzLiesi,^ Hauken-w lind Frostig erklärte sich der Finanzminlster damit einverstanden, im Pereiche der L e m b e r g e r F i n a n z d i r o rtton ungefähr die Hälfte der ungezogenen Konzessionen, ebenso alle Konzessionen im Bereich der Krakauer Finanzdlrektjon nnd einen Teil der Konzessionen in Kongreßvolen den bisherigen Inhabern zurückzugeben. Die jüdischen Abgeordneten wurden aufgesordert, eine Liste der am meisten zu berücksichtigenden Konzessionäre einzureichen. Per Minister hat angeordmt, daß kwtst-tg die Detailhandelskonzessionen für Tabak uno Spiritus nicht zu entziehen sind, bevor nicht in jedem Falle die Zentralbehörde befragt worden ist. - 'Ti H'i li'7 I