Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 2891 (16.3.1927)
- Date
- 1927-03-16
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Sette 6 Men, Mtävvch Wiener Morsen-ettmrg m. März 1927 Jlt. 2891 JUDE ANS KREUZ! ROMAN VON KURT MÜNZER Copyright tWT bj R- Urcrit Yetis«, Wie» — LeipsS«. Spät am Abend braGe ein Jm:ge einen Brief für ttn sichernden Abel: „Gelichter, ich sage dir Adieu. Ich bin schwach, ick kann es nid# ertragen. Das Leben ist so schwer, es ist zu viel, auch noch darum zu leiden. Ich habe dich nie weniger geliebt, tveil du Jude bist. Aber es ist nicht möglich, daß ich dir länger gehöre. Ich muß meine Stellung ivechseln. Weil ich mich zu dir bekannte, werde ich nicht mehr geduldet. Ich kann das nicht noch einmal auf mich nehmen. Ich weiß, wie klein ich bin. Aber das Leben! es ist so gemein. Ich werde nie mehr einen anderen lieben. Nur immer dich Mer heimlich Vergib mir. Dich tröste, daß ich deiner nicht wert bin. Lotte." Wel Adler gab Stunden, aber in dieser Gegend düs hohen Nordens war nicht viel zu holen. Die neuen Reichen der Vorderhäuser schickten ihre Kin.er zu Lehrern im Westen oder ließen sich große Namen ins Haus kommen. Die anderen zahlten kleine Honorare, und der Geiger suchte wieder Arbeit in einer Fabrik. Er schrieb kleine Aufsätze, die ihm die Redaktionen zurückschickten, weil er über eine Weit Phantasierte, die nicht dawar. Je mehr er im Wirklichen lebte, desto fremder wurde er eigentlich darin. Nirgends fand er das, woran er glaubte, der Mensch war nicht gut, alle Tat vergeblich, alle eMinung Theorie. Er suchte Menschen und sarü> nur Christen. Statt Menschlichkeit gÄ es Nation. In jedem Blick las er: Entschuldigen Sie sich freundlichst, daß Sie Jude sind. Man verkaufte ihm Ware, bediente ihn in der Kneipe, tro tzdem er Jude war. Alles war christ- 'iche Gnade, man ließ es deutlich fühlen; der dickfellige (SS. gttMnt.) Jude merkte sonst nicht, wie duldsam man gegen chn war. Man behändste ihn nicht als Gast, denn man ließ ihn Steuern zahlen mtb legte ihm alle Beschränkungen und Gesetze' und Lasten des Staatsangehörigen auf; aber geduldet war er dennoch nur, frecher Eindringling, Schmarotzer, Vergifter des Staatswesens, zu dessen Sanierung man ihn brauchte. Grotesker Widerspruch! Abel fror in seine Stube, es wa November. Es klopfte, ein Kirck brachte chm Kohlen, die es gestohlen hatte, als ein Wagen Koks ablrck.?lbel ging an keinem Kind ohne Lächeln vorbei; sie waren es nicht gewöhnt, Liebesblick. Kosewort zu empfangen, aber chr Gemüt war noch zugäng ich. Bei diesem Kind hatte er in Fiebernöchlen gesessen, nasse Packungen gemacht, daß seine Hände wund wurden, und es der Mutter gerettet. Die sackte es jetzt init Kohle zu ihm. Es gibt Leute, die stehlen müssen, uin zu schenken. - Aber das Kind, sieben Jahre alt, ein blonder starker Knabe, trat vor Abel hin und fragte halb keck, halb ängstlich: „Js et wahr, d't Sie ^ude sin^?" „Ja, Wer e,'daZ ist wahr 'Ich bin Jude." „Och," rief das Kind mu für zurück. „Denn uehm ick den Koks wieder mit. 'n Juden geb ick nischt. Die schlachten ja kleene Kinderkens." „Hat dir das die Mutter gesagt, Werners' „Nee, die schickt mir ja zu Ihn. Det Hab ick in der Schule jchört. Der Ennl vom Bäcker hat's mitjebracht, und er hat ooch jesacht, det Sie eener sind." Das erzählte Mel abends den Freunden. Sie faßen bei Gurassas in der kleinen ttxttmen. Stube, und Johanna strickte — für das eigene Kind, das im Frühling komme,' sollte. Boris Steinberg sagte: „Ja, wie soll man die Juden achten, wenn sie t? l'effyt nicht tun? Eckst müssen sie sagen: wir ivollen wieder Juden sein! Dann wird man sie gelten lassen." Johanna sagte leise: „Mer wie hilft man uns, wieder an uns seihst zv glaubend „Man muß den Juden ihre Religion ivttdergeben, damit erlöste man sie. Sie zerfallen, weil ihnen die Form fehlt. Jedes Volk braucht eine Form, sine Verfassung. Die Verfassung des großer: jüdischen Volkes ist di: Religion. Und sagt, ist unsere Religion nicht die höchste? Denkt: zu jeder anderen kann man übertreten, bekehrt und getauft werden. Aber Jude muß man sein. Zum Juden muß man geboren werde,:, Judentum kann man nicht aimehmen. Ohne jüdisches Blut ist kein Mensch Jude. Judentum verlangt Blut und Seele." „Es stimmt," sagte Mel, „tvir haben uns unserer Seele entledigt. Judentum heut ist nur noch eine geistige Lehre, kein lebendiges Erlebnis mehr. Was sind die Juden? Gedverdiener und Rationalisten. Armer eingehender Jude. Keiner hat sich schlimmer gegen seine Bestimmung entwickelt." „Entwicklung?" rief Gurassa. „Eben nicht. Selbstverstümrnelung — oder richtiger: Bergeivaltigung! Die Juden sind ein Volk von Priestern gewesen. Heut' liegen sie, wie Simson in Ketten an der Drehmühle, unter Peitsche nick Fluch. Aber tvenn sie den Mut hätten, sich loszureißen —." „Ist ihre Kraft denn schon wieder gewachsen!vie SimsonS Haar?" „Einmal wird sie gewachsen fern," sagte Boris. „Und dann —." „Wehe über die Philister!" flüsterte Johanna. ^Hütet Euch!" ‘ „Ich glaube," sagte Severin Gurassa, „es gibt keiu Halten mehr. Die Juden gehen zugrunde, und deshalb diese plötzliche leidenschaftliche jüdische Bewegung, dieser Heimatschrei, diese angebliche Selbstbesinnung, dieser Ruf: zurück zum J:ckentum. (Fortsetzung folgt.) jüdische Tischgesellschaft Landstraße. Heute Mittwoch, präzise halb 9 Uhr abends, im Souterrainlokal des Caf6 Lovrana, III., Lowengasse 36, spricht Herr Oberbaurat Ing. Robert Stricker über „Aktuelle zionistische Fragen“. Anschi. Diskussion. Gäste willkommen! Voranzeige t Mittwoch den 28. März. Prof. J. Wolfsohn: „Die Juden nod die Musik“ mit mnsikal. Illustrationen. KLUB RADIKALER ZIONISTEN Heute Mittwoch, den 16. März 1927, um halb 9 Uhr abends, im Caf£ Atlashof, 1., Aspernplatz (Klublokal: Eingang Wiesingerstraße um die Ecke) Klubversam mlung Gegenstand Das Programm der Zionisten-Revlsionisten Referent: Dr. Norbert Hofmann Freie Aussprache. aeeoeeeaeeoeweeeooeeeaftflaeeeeeoee« 3 Aas schönste Geschenk za jeder Gelegenheit sind unsere herrildien Luxasbande ln Ganzleder mit Goldschnitt JTeu eindefondt; Boccaccio, Decameron Bnlwer, Die letzten Tage von Pompeji Dostojewski, Erniedrigte und Beleidigte Dostojewski, Werdejahre Flaubert, Salambo Hauff, Lichtenstein Heine, Das Buch der Lieder Hoff mann, Elixiere des Teufels KeUer, Die Leute von Seldwyla Sienkiewicz, Quo vadis? Stendhal, Ueber die Liebe Storni, Novellen nur if?•»* pio (Hand QQdicrsdiweinme D. löwli Wim. I.» Halenluvmsff. 22 (r) Unserv L Kreuzworträtsel-Preisausschreiben L Preis: Else VMM von 300 Bänden II. Preis: Eine Gratisreise nach Palästina III. Preis: Fänf Dnnam Land In Palästina W und weitere 47 Preise W - Ausschneiden ÜVr. 32 El 11 I iü 13 j 13 1 : 14 .i..!.;WM..!.I__ 15 16 SH; 17 { | 18 IS 20 | i i 21! 22 j ' j j|)|: 28! 24 | 25 | 26 | |! 27 28! i 32 i 38 i 30 i 31 i BEZEICHNUNG BEB WORTE: ' Wagrecht: 2 Gebirgsvorsprung Ins Meer, 4 Männl. Vorname, 6 Ftanzös. Dichter, 7 Form von Geben, 9 Inselbewohner, 10 Nahrungsmittel, 12 Gesangsstück, 15 Dienerin, 17 Küchengerät, 19 Ueberirdisches Wesen, 20 Mond (lat.), 23 Hafenstadt in Arabien, 26 Hafenanlage, 28 Liebesgott, 29 Türe, 30 Kopfbedeckung, 32 Oedichtsform, 34 Periodische Warenausstellungen, 36 Takelwerk. Senkrecht: 1 Hafenstraße, 2 Geometrische Figur, 3 Wasserstandsmesser, 4 Doppelselbstlaut, 5 Französ. Artikel, 6 Kleine Brücke, 8 Mus, 10 Aegypt Sonnengott, 11 Vorbild, 13 Religion der Mohammedaner, 14 Französ. Adelsprädikat, 15 Zeichen, 16 Türk. Titel, 18 Gutschein, 21 Vorwort, 23 Blbl. Person, 24 Schachtel, 25 Fürwort, 27 Raubtier, 28 Stadt in der Schweiz, 31 Vorwort, 33 sowie 14 senkrecht, 35 Fluß in Polen. Name:.. •imutmimwnmwmaMMMwata . .... AUSSClt TI 61 ddl '*•» i»»......^ AviSO I Beachten Sie unsern Rätselbriefkasten am M o n t a k 1 Erklärung: Ah 13. Februar erscheint täglich in der „Wiener Morgenzeitung« ein Kreuzworträtsel. Die Diagramme sind auszuschneiden und mit Tinte oder Tintenblei auszuffillen und zu sammeln. Am Schlüsse unserer Serie Knd dann die gesammelten Losungen samt den io jeder Nummer befindlichen Rätselkupons an die „Rätselredaktion der Wiener Morgenzeitung* einzusenden. Jeder Einsender kann an der Öffentlich stattfindenden Verlosung, deren genauer Zeitpunkt noch bekanntgegeben wird, teilnehmen. Blätter» in weichen unsere Rätsel erschienen sind» kOnnen jedes* seit gegen Einsendung des Betrages in Briefmarken von unserer Administration nachbezogen werdfO NB. Der BeischluB des auf Seite 2 befindlichen Kupons ist unbedingt erforderlich.