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Wiener Morgenzeitung · 1927-03-16 · Heft 2891 (16.3.1927) · p. Seite 3

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
9 (1927)
Issue
Heft 2891 (16.3.1927)
Date
1927-03-16
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Men, Mittwoch Wiener Morgeazeitrmg tc. März 1027 Gelte - Tagesbericht. Meffe-Befuch des Laien. Die Neugierde, auch einmal Zeuge des Messc-Treibetts >>c der Rotunde zu sein, wird durch das schlechte Welle gefördert. Bor dem massigen Pratergebäude eine Wageiburg. Die Eingangstore sind mit Menschen verstopft. Zwischen den festlich gehissten, regenschtveren Fahnen, Wimpeln, Plakateil an der Hanptfront, den massierten, rann ponierlen Regenschirmen der Einlast Heischenden und. uns den Hinstrebenden, breitet sich ein kleiner See, den Dimer:- stonen des .Heustadl-Wassers sich nähernd. Bei di. sein ruhei die frischgeftrichenen Kähne an ihren Ketten. Schade, daß sie nicht hiehergeschafft iuitrbcit, auf daß man trockenen Fußes ans Ziel gelange. Aber malt darf sich nicht über den unmöglichen Zugang ärgern und soll nicht, bevor matt noch den Bezirk der Wiener Frühlings messe betrat, Ausstellungen an der Ausstellung machen. Drinnen in der gewaltigen Halle gewaltiger Andrang. Man sielst tatsächlich viele Fremde. In dreifachem Rillg, jeder geschmackvoll drapiert, geschmückt, beleuchtet, stauen sich die Verkaufs- und Musterstände. Bon der pilgernden Menge mitgezogen, bin ich dem Zufall überantwortet. Er b.ingt mich zunächst in die fürnehme Automobilabteililng. Ueber den angehäuften Prospekten, Firrmnkarten, Bilderalbums sind Anschriften angebracht, die höflich, aber in kräftigen Lettern ersuchen, es mögen sich ilur jene Gäste bedienen, die „ernste Reflektanten" sind. Ich dürfte also nicht der einzige sein, der in die Messe ging „so für mich hin und nichts zu faufeit, das war mein Sinn." Daß sich die Automobilindustrie staunenswert entwickelt hat, vom Miniaturfahrzeug, stämmig und flink tvie eine Buldogge, bis zuur mächtigen und doch eleganten Omnibus, erkennt hier auch der Laie. Indessen bemerkt ein mitteilsamer Messebesucher, stets bereit, die nähere und weitere Uingebung zu belehren, daß das Auto keine Zukunft nicht habe. „Hier" — er zeigt hin —- „muß man Propellerln anbringen, denn man wird in der Luft aus- »veichen, die Opernkreuzung, den Donaukanal, den Prate.- stern überfliegen." Aus phantastischen Zukunftsbilds:» — ettva: Luftkarussell am Michaelerplatz, von einem Dünner dirigiert — wird man durch kräftig anschwellendes Pfeifenkonzert aufgeschreckt. Wir sind in der Abteilung für elektrische Staubsaugapparate, von reizenden Kammerzofen vorgeführt und erläutert. Sie zeigt, wie man nicht nur Teppiche, Fußböden, Polstermöbel, Vorhänge, Belten zweckmäßig reinigt. „Äuch die Wände . . jawohl, die Wände möchte ich senkrecht hinaufrennen, wenn drüben, gegenüber meiner Wohnung frühmorgens der Staubsauger mit perfider Ausdauer pfeift und knautscht. Aber schon ist man im Banne des Gottes Radio. Nicht zu übersehen die neuen, neuesten Radiobestandteile, Lautsprecher, Laulverstärkungs-, Geräuscheverminderungsapparate. In dankenswerter Vorkonferenz haben sich alle ausftettenten Radioindustriellen auf bi-' nämliche Well? ge¬ Km Tropen Teer im Honigfaß. Von Jlja Ehrenboeg. , Jlja Ehrenüerg, der rasch berMcnt gewordene Dieter, gilt unter den neuen Autoren Sowjetrußlands als Außenseiter. Seine Bücher wurden u. a. ins Chine,ssche, Polnische» Franzöjiß.w, Shivedische übersetzt. Den nachstehenden, Von Hans Lvaska üve.tcagenen Aus,atz entnehmen wir per jüngsten, dem „Neuen Rußland" aeividmeten Folge der Berliner „Literarischen Wett". -utz Horrig gärt. Ich möchte vom Teer reden,, also vdn dem Tropfen jüdischen Blutes in der Weltliteratur. Es beschäftigen sich «ohnedies alle damit, sowohl die braven Judenfresser, die mit Fleiß nnd Emsigkeit ihre Proskriptionslisten zusamnrenstellen, als auch die eberrso braven jüdischen Patrioten, die sich den Kopf darüber zerbrechen, wieso sie gerade schlimmer sein sollten als die andern, und eigener Erde, eigener Hochschulen und sogar eigener Polizei weniger würdig. So wird entweder darüber geschimpft oder damit geprahlt. Aber um die Literatur unserer Zeit zu verstehen, ist ein- Begreifen des so subtil.» und komplizierten jüdischen Einflusses ebenso wichtig, wie des berühmten „Zuges nach ''dem Osten" oder der amerikanischen Mechanisierung. Manchmal kommen Bücher jüdischer Schriftsteller zu uns, die jiddisch geschrieben sind. Es sind das Bücher wie andcre, sie bilden eine normale Literatur, wie die rumänische oder neugriechisch«. Eine neue Sprache wird zweckmäßig eingerichtet — mit der Neuprägung allgemein gültiger Formen soll ein unsicheres Volkstum befestigt werden. Möglich, daß diese neue Sprache viel zu frisch zu kindlich-unbeholfen und zu kindlich-stark für ein gar nicht kindliches Volk ist. Die Fixierung bekannter, an und für sich überlebendiger Eigenschaften führt zum Tod. Ohne Salz kann der Mensch keinen Tag leben, aber das Salz an sich, ohne jede V.rmischung und Verbindung, ist ätzend und herb. Wo es sich ansammelt: Salzmoräst. in denen es kein Pflänzchen, keinen Vogel gibt — wo nur zweierlei möglich ist: trüber Tod — oder industrielle Berw-rtung. Aber schweigen roir von den Salzmorä'stLu. Reden wir nur von dem Körnchen Salz, dem Körnchen Salz in der Suppe. Wenn die Suppe versalzen ist und wie einigt. Augenblicklich' ist Pause, ein gewaltiges Tick-Tack» Unlsono dnrchschneidet die Lust des dritten Rotimdenringes und die Nerven der Messebesucher. Indessen ward malt von dm Nachdrängenüen gütig aus Hönvette gebracht nnd kam unwillkürlich aus dem bisherigen, gemächlichen in ein gar frisches Tempo. Aha! Dort winkt die Nahrungsmittelabteilung mit Aufschnitt und! gefrorenes, Würstel und Kanditen, Pudding und Lebkuchen und entzückend buntfarbigen Flascherln. „Es ist ein Spruch von altersher, wer Sorgen hat, der hat Likör.". Der Bergländerbund erzeugt viel davon. Einige vereinsamte Stände alkoholfreier Getränke verlieren sich in der erdrückenden Zahl von Kojen, in denen (gegen Bezahlung) lvstproben der kühnsten Regenbogenschnäpse, magenstärceuder Enziane und anderer heimischer alkoholischer Spezialitäten kredenzt werden. Und die laubumrankten Weinbuden sind nicht zu übersehen. Wer hier zusprach, wird auch den österreichischen Wurst- und Käseprodnkten zusprechen, die sich in lachender Fülle stauen. Auch Quargeln sind reichlich ausgestellt. Man strebt alsbald ins Freie, ins Gelände, sieht ein Weilchen der Fabrikation österreichischer Zigaretten zu, höchlichst verwundert, daß so sauber konfektionierte, von so anmutigen Damen hergestellte Glimmstengel mitunter so abscheulich schmeckeil und ist bald beim Clou der Ausstellung angclangt, Beim österreichischen Ersinderpavillon. Noch immer sind unsere Edisons bemüht, durch neue Errungenschaften jeglichen Schmutz auszumerzen. UeberzengeiL wird von Ausrufern dargetan, daß ihre Präparate jebert Fleck aus Kleidern und Wäsche, von Möbelstücken, Glasscheiben, Spiegeln restlos beseitigen. Auch sonst zeitgemäße Neuheiten. Wollen Sie einen Bubikopf haben ohne die Haare zu schneiden? Wollen Sie sich fürderhin nicht mehr über zu stark gestopfte, „harte" Zigaretten ärgern? Wollen Sie einen Bleistift mit unbegrenzter Lebensdauer? Wollen Sie, ältere Dame, älterer Herr, in fünf Minuten alle Runzeln, Stirnfalten, Krähenfüße entfernt haben und diese ärgerlichen Schönheitsfehler für 24 Stufen (garantiert) beseitigen? Wollen Me sich, Gnädige, nicht mehr beim Kartoffelschälen giften? Wollen Sie, meine Damen, ein Hausmittel gegen Gletscherbrand und Zahnschmerzen, gegen Verbrühungen und unangenehmen Geruch, gegen Mitesser und Frostbeulen gleich- „eitig als Gurgel- und Rasierwasser verwendbar? Wollen Sie eine Aschenschale, die gleichzeitig Zündholzschachtel ist? — Hier sind alle diese Wunder der Neuzeit zu haben. Jetzt mahnt die Messesirene, daß man nach Hause muß. Mit Fähnchen und Gratis-Luftballons, mit Gratis-Kaivgnmml und diversen Einkäufen beladen, verlassen die Scharen den großen Wiener Jahrmarkt. Aber die Bundesweinkoststnbe, sine weitläufige Buschenschenke, in der sich sämtliche österreichischen Weine ein Stelldichein gegeben haben, darf man auch weiterher verweilen. Allhier, wo das Münchener Oktobersest auf wienerische Art begangen wird, leiten die Kostproben Retzer und Gumpoldskirchner, Grinzinger, und Vöslauer, zu richtigen Vierteln ur^ Litern über uno die Wiener Frühjahrsmustermesse erklimmt — auch der Laie erkennt | es — ihren Höhepunkt. O. A. i ein Sa»,zmorap schmeckt, ist der Koch daran schuld, nicht das Salz. Der jüdische Kritizismus ist kein Programm, sondern ein Zustand. Das Volk, das gerade jetzt sein drittes Jahrtausend mit der Fabrikation von Wahrheiten verbringt, verschiedenen Wahrheiten, religiösen, sozialen, philosophischen und anderen — fabriziert diese Wahrheiten gewissenhaft und gewerbsmäßig, sozusagen en gros. Dieses Voll glaubt gar nicht an die Wirksamkeit seiner Fabrikate Man kann sich ja auch ganz grrt vorstellen, daß die verstorbene Witwe Cliquot vielleicht lieber Rum oder Brusttee getrunken hat als ihren vorzüglichen Sekt. Die einen fabrizieren so vorzügliche Dinge, wie es auch Wahrheiten sind — und die andern haben sie eben zu verbrauchen. Vor 600 Jahren hat ein Dichter, Rabbi San-Toö. dem spanischen König Pedro dem Grausamen ein Buch „Ratschläge" überreicht. Diese Gedichte eines Juden soll len über Schlaflosigkeit Hinweghelsen. Das Buch begann mit der Tröstung: „Es gibt nichts in der Welt, das ewig wächst — wenn der Mond voll geivorden ist, beginnt er clein.r zu werden." Natürlich ivar es ein wenig schwer, einen König mit solchen Wahrheiten zu trösten. Mer- Pedro der Grausame war ein geistreicher Kastilianer, und so antwortete er r.-inem Dichter: „So wie oft guter Wein in schlechtem Faß verborgen ist, so kann auch aus d«m Mund eines Juden eine gute Wahrheit kommen." Daraus geht hervor, daß der König nicht einmal bis zum neunten der „Ratschläge" gelangte, denn darin hätte er etwas lesen türmen, das mit dem Wein, den er bildlich gebrauchte, in sonderbarem Zusammenhang stand: „Was ist wirksamer? Andalusischer Wein — oder Lippen, die dürsten? Narr, der du fragst! Den besten Wein hast du bald vergessen — ungestillter Durst aber bmmt in alle Ewigkeit!" Als die Welt geteilt wurde, kam auf das Teil der Juden dieser brennende Durst. Sie waten es, die der Menschheit den Wein brachten und bringen, die Romantiker und Blödsinnige, -Monomanen und Dogmatiker erzeugten — sie aber waren und such es auch, die den Wein am wenigsten mögen. Sie lieben klaren Kopf, und brennende Lippen. Die Jud n sehen der kindlichen Begeisterung und d;r Ehrfurcht vor allem, die noch l-bensungewohute Bstlker zeigen, ruhig zu und lächeln. Die Augen der anderen Zum Verzweifeln ist es, wenn einem rheumatische Schmer* zen oder Gliederreißen plagen. Benützen Sie sofort LÖWM-Franzbranntwein mit Menthol zur täglich mehrmaligen Einreibung und ' Sie werden LÖWQIVFranzbranntwein mit Menthol niemals missen wollen. Es ist das beste Hausmittel! Ueberall erhältlich Nie Hochschule für Welthandel. sw Erlaß de« Rektors IM» die -almkrmrlek. Die Hochschule für Welthandel bleibt bis auf weiteres geschlossen. Es finden nur Inskriptionen statt. Der Legitimationszwang wird streng gehandhabt. Gestern vormittags ivar in der Nähe der Hochschule ein größeres Polizeiaufgebot postiert. Als gegen 8 Uhr vormittags völkische Studenten von der Bodenkulturhochschule her aufzogen, trat ihnen die Wache entgegen. Die Studenten hielten in einem Gasthaus eine Versammlung ab, 'welcher der Diplomkausmann Körber eine Rede hielt. gen halb 12 Uhr formierten die Versammlungsteilnehmer rvieder einen Zug. Sie durchbrachen den Wachekordon und gelangten bis unter die Fenster der Rektoratskanzlei. Hier blieben sie stehen, sangen „Wenn alle untreu werden" und brachte. Pfui-Rufe auf den Rektor aus. Als der Spektakel zu arg wurde, schritt die Wache wieder ein und nahm, zwei Verhaftungen vor. Dann wurde der Platz geräumt. « An der Türe zur Welthandelshochschule und auf dem schwarzen Brett wurde vormittags die folgende Kundmachung affichiert: „Infolge der wiederholten schweren Ausschreitungen an der Hochschule für Welthandel werden folgende Verfügungen getroffen: 1. Die Hochschule bleibt bis auf weiteres gesperrt. Die Prüfungen und Inskriptionen nehmen jedoch ihren normalen Fortgang. Sobald durch Verhandlungen mit den kompetenten Behörden für die Sicherheit auch innerhalb des Hochschulgebäudes vorgesorgt sein wird, werden die Vorlesungen nach vorhergegangener öffentlicher Bekanntmachung ausgenommen weiden. 2. Die Studenten, gegen welche Anzeigen erstattewurden, lverden sich im akademischen Disziplinarverfahren oder gerichtlichen Strafverfahren zu verantworten haben. Dem Universitätshöver Robert Körber wurde der Eintritt in die Hochschule untersagt. 3. Den studentischen Organisationen „Deutsche Studentenschaft" und „Institut zur Pflege des deutschen Wissens" werden, da die mit der Leitung des Kreises 8 im Vorjahre abgeschlossene Ver- 1 einbarung nicht ei »gehalten wurde, die Lokale im Hoch- Völter sind himmelblau und die der Juden von Trachom und Phantasie gerötete Das ergibt die sogenannte „romantische Ironie". Das ist keine Schule, keine programmatische Weltanschauung. Das ist Selbstschutz — wirksam durch künstliche Krallen. Die natürlichen Krallen sind längst verschtvunden, abgenützt durch die Wanderschaften auf allen Chausseen der Welt. Zurzeit sind zwar die Boxer und Motorradfahrer am nötigsten; immerhin kann man noch nicht gäirzlich die entbehren, die das Denken betreibe». Ein guter Bizeps und gute Disziplin ist heute große Mode, die Maschine lehrt Unterwerfung, und jede Schraube muß ihren Zweck kennerr. (Uebrigens dachten vor langen Zeiten die kirchlichen Päpste genau so und die Khane der Tataren.) Mer um eine Maschine zu erfinden, muß man oft aufüegehren, die gegebenen Reg-ln mißachten und sich sogar dagegen empören. Würde ein vollkommenes Leben alle Erfindungen überflüssig machen, so begänne eine Zeit bukolischer Olympiaden und herrlichster Gleichheit der Gesinnungen. Der Gärungsprozeß des Honigs wäre bis zur absoluten Reinheit vollendet. Der Teer aber blühe immer wieder nur Teer. Der Maler Menschitzky, ein polnischer Jude, erzählte mir einmal von seinem ersten Rabbiner. Das war einer von denen, die ihr schäbiges Bärtchen vom frühen Morgen bis zum späten Mend streichen und dabei denken und denken und wieder denken. Der Unterricht begaim damit, daß der Schüler den ersten Bibelsatz lesen mußte: ,Hm Anfang schuf Gott —Weiter ging es nicht. Der Lehrer fragte: „Weißt du, was ,Anfang' ist?" — und der Schüler fühlte sich gekränkt, denn er glaubte ja, lesen zu können: „Anfang ist eben Anfang." — „Ja, aber was ist eigentlich Anfang —? Du weißt es nicht! Ich tvriß es auch nicht. Mer wir woNen darüber Nachdenken." — Und er begann den Bart zu streichen. Der gleichen Tätigkeit waren die nächsten Lehrstunden gewidmet. Bald darauf brachte man den Rcibbiner ins Irrenhaus, aber das war Zufall. Wenn das nämlich allgemein rwtwendig würde, müßte man ein riesiges Irrenhaus baue:: für alle Juden der Welt; denn alle Juden sind dem Lehr«« Menschitzkhs ähnlich, sogar die, die sich täglich rasieren und alles andere lesen als religiöse Literatur. Bekannt ist, daß die Juden trotz ihrer allgemeinep Kraftlosigkeit andauerndes Umhergehen, sogar Umher

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