Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 2891 (16.3.1927)
- Date
- 1927-03-16
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Wien, Mittwoch Wiener Morgen-ettmrg 16. März 1027 Nr. 2891 Seite 2 WIENER MORGENZEITUNG KUPON dem K t e u z w o t I-R ä t « « 1 Nr. 32 Paul Nathan. Kr Wien. 16. März. $Si Paul Nathan, der gestern in Berlin gestorben ist, schivmdct eine der markantesten jüdischen Persönlichkeiten des letzten halbe,: Jahrhunderts. Jahrzehnte hindurch anerkannter Führer der Assimilationöpolitik in Mitteleuropa, standeil ihm alle jene moralischen und materiellen Mittel zur Verfügung, die geeignet gewesen wären, seiner Politik zu durchschlagendem Siege zu verhelfen» ivenn ihr nicht die wichtigste Voraussetzung hiezu gefehlt hätte: die Verankerung des Assimilationswillens in den breiten Massen des jüdische;, Volkes mrd der Wille der Wirtsvölker, die Juden in sich völlig aufzunehmen. Paul Nathan, der sonst hoch begabte fein gebildete Mann beseelt, von geradezu grenzenloser Energie, hat diesen fundamentalen Fehler seiner Politik nicht erkannt und er mußte daher den völligen Zusammenbruch der Assimilationsidee erleben. Er tat wirklich alles, was in seiner Macht fhmb, den Siegeszug des jüdischen nationalen Bekenntnisses von den ersten Tagen seines Auftretens in der jüdischen Geschichte aufzuhalten und den Assimilationsgedanken zu retten und in das jüdische Volk hi: emzutragcn Diesem Zwecke machte er auch den Hilfsverein der deutschen Juden, sein Werk und seine schärfste Waffe im Kampfe um die Assimilation dienstbar. Nichts unterfdjieb ihn mtb seine Aktionen von bm.n der Mliance Jsraelite zu Paris. Beide, Hilfsverein und Alliance, wollten den jüdischen Orient erobern unb gewissermaßen als Lebensgut ihren Regierungen präsentieren. Der Unterschied war bloß der, daß die Alliance ihre Politik nrit französischer Delikatesse, französischem Esprit führten, währmd Paul Nathan seiner Politik die derbere preußisch' Note aufdrückte. Dies führte auch zu jenem un'eä.en Sprachr'.'.kaurpf, den Paul 9!athan in Palästina entsesse'ts und der schließlich auch seine erste Mederlage im Orient herbeiführte. Dcün Bestreben, der Pariser Mliance den Einfluß auf die polüische Entwicklung im Orient streitig zu machen entsprang auch die Idee der Gründung des Technikums in Haifa. In der Vorkriegszeit waren Schulgründungen auswärtiger Organisationen von weit höherer Bedeutung als sonstige politische Exposituren. Das erkannte Paul Nathan in vollem Maße und deshalb war er darauf beacht, so viele Lehranstalten als nur möglich in seine Einflußsphäre zu bringen, die gleichzeitig die Einflußsphäre Deutschlands war. So kam er auch, da die österreichische Regierung und die österreichische Judenschaft kein Verständnis für die Beurteilung des Werkes einer österreichisch-jüdischen Lehranstalt in Palästina besaß, in den Besitz der Lenunel-Schule, die eigentlich eine österreichische Stiftung >var und unter dem Protektorat der Wiener jüdischen Gemeinde stand. Auch um. diese Schule entspann sich bald der Kampf zwischen Paul Nathan und dem Jischuw, der die assimilatorischen Tendenzen preußischer Marke mit noch heftigerem Widerstand ab-, lehnte als die Assimalation der ftanzöfischen Trikolore. Paul Nathan war ein vornehmer Gegner. Der Kamps, den er führte, war ein Kampf des Geistes jener Zeit, der er entstammte, betrieb seine Sache stets mit geistigen Wassern Wenn man mit Paul Nathan in Kampf geriet, tat m<nt es mit dem Gefühl des Bedauerns, ihn zum Gegner und nicht zum Freund und Weggenossen zu haben. Denn Paul Nathan, war durchaus von tiefem Gefühl für seine Stammesbrüder beseelt. Bon der Zeit des Berliner Kongresses bis an sein Lebensende hat. Paul Nathan in all den Stellungen, die er im öffentlichen Leben bekleidete, sich als scharfer, energischer Verfechter der politischen Rechte der Juden in alle,: Ländern bewährt. Er war dabei aufrichtig von der Ueberzeugung durchdrungen, daß die faktische Gleichberechtigung der Juden in den. einzelnen Staaten die Assimilation fördern und den Judenhaß aus der Welt schaffen Müsse.- Das war der grundlegende Irrtum seiner Politik. Die Gleichberechtigung der Juden wurde wohl da mrd dort vertraglich garantiert, sogar in die Verfassung ausgenommen, aber fast nirgends voll in die Tat umgesetzt. Das Problem der Assimilation ist aus dem politischen Kurs nahezu sämtlicher Staaten geschwunden, weil sich die Völker weder aufnahmstoillig noch ausirahmsfähig erwiesen, wenn es sich um die Absorbierung der Juden handelte. Mit der Niederlage der Mittelmächte ist das ganze Kartenhaus der Assimilation zusammengestürzt. Paul Nathan konnte die Entwicklrmg des nationalen zionistischen Gedankens noch verfolgen. Er war noch Zeuge der Balsour-Deklaration, des Sieges der Rechte der nationalen Minderheiten und des Aufschwunges des neuen Palästina als jüdischer Nationalheimstätte. Er mußte es aber auch über sich ergehen lassen, daß heute 'in Deutschland Personen die Träger des Assimilationsgedankens sind, die im Gegensätze zu Paul Nathan sich weitab von der jüdischen Volksseele hernmtummeln, ohne jüdische Selbstachtung und jüdisches Selbstbewußtsein, Eigenschaften, die man Paul Nathan nicht absprechen konnte, Personen, die nicht nur das Judentum bloßstellen, sondern auch ihre eigene Idee der Assimilation zur widerlichen Farce gestalten. Dieses Schicksal wäre der Mssimilation ohne Zweifel avf j dann beschießen gewesen, ivenn aus dem Weltkrieg die Mittelmächte siegreich hervorgegangen ivärm. Das wußte Paul Nathan, der während des Krieges Gelegenheit hatte, einen Blick hinter die Kulissen der Ereignisse zu werfen. Ein solcher Ausgang des Weltkrieges hätte den Lauf der Enttvicklnug des Zionismus vielleirA verlangsamen, aber nicht zu hemmen vernwcht. Auch das konnte Paul Nathan aus den Vorgängen in Frankreich ersehen. Trotz aller Anstrengungen der Alliaavce-Kreise ist der Zionismus in Frankreich heute ein Teil der Regierungs- und Volkspolitik. Denn die Assimilation war bloß ein Experiment, das von vorneherein zu schei- 'ni verurteilt war, während der Zionismus das Leben des jüdischen Volkes bedeutet Paul Nathan Umr ein ehrlicher Bekänrpser des Zionismus, doch soll ihm, indem wir von ihm Abschied nehmen, nicht das Zeugnis versagt werden, daß er der inneren, w«m auch irrigen UeberzeuMMg war, damit dem Judentum zu diemm. Der ungarische Pro-Palästina- Verband. Wie bereits kurz berichtet, hat die ungarische Regierung die Statuten des Pro-Palästina-Verbandes, dessen Gründung vor Wochen gemeldet wurde, bestätigt. Dies Mt um so mehr ins Gewicht, als, wie bekannt, seit Dezennien jede Bemühung, die zionistische Landesorganisation, sowie die Fonds in Ungarn zu legalisieren, am starren Widerstand der Behörden scheiterte. Auch die persönliche Intervention des seinerzeitigen Präsidenten unserer Bewegung, David Wolffsohn, und nach ihm anderer zionistischer Führer blieb erfolglos, zumal sich die Regierung auf das ablehnende Gutachten der Landeskanzlei des offiziellen Judentum Ungarns stützen konnte. Zu den Proponenten des Pro-Palästina-Verbandes gehört nebst einigen altbewährten Zionisten eine große Zahl von Männern in führender Stellung, voran Hofrat Karl von Baraez, welche bisher der Palästinabewegung gänzlich ferne standen. Es reizt, den G r ü n d e n dieses erfreulichen Umschwunges in der öffentlichen jüdischen Meinung Ungarns für Erez Israel nachzugehen. Die Gründe scheinen uns dreifacher Natur zu sein. Zunächst wirkte die schon von H e r z l gewürdigte vis a tergo. Der durch den Mißerfolg des Weltkrieges gereizte magyarische Chauvinismus, hat sich in aller Schärfe gegen die israelitischen Bundesgenossen von ehedem gewandt und an ihnen für alle Unbill der Geschicke Rache genommen. Doch nur die Schwachen und Chavaktevlosen knickten vor der Reaktion zusammen. Die wertvollen, selbstbewußten Elemente aber haben sich auf ihr Judentum besonnen. Als zweiter Grund trat der Fortschritt des Palästinawerkes in Erscheinung. Unter dem Druck des weißen Terrors war viel jüdische Intelligenz außer Landes gegangen, davon ein Gutteil nach Palästina, und dies gerads zu eintzr Zeit/ da man dort solche Kräfte brauchen konnte. So kam es, daß z. B. d i e w i ch t i g st e n Ingenieur Posten in Erez von Juden, aus Ungarn besetzt wurden, die sich dort glänzend bewährt und in das neue Leben glücklich eingefügt haben. Im Emek Jsreel schufen Kleinpächter aus der Gegend um Cluj, dem ehemaligen Koloszvar, das aufstrebende Dorf ,Ifar Gideon" und auf dem der Haifa Bay Comp, gehörigen Landkomplex nächst Akko steht — auf Anstoß des in Haifa angesiedelten Advokaten Dr. Chaim W e i ß b u r g — die Gründung der Vorstadtkolonie „Zur Schalem" von aus Ungarn und Transylvanien stammenden Juden bevor. Natürlich wirken diese Erfolge für die in den ungarischen Gebieten ansässigen Juden als schlagender Beweis, daß der Aufbau Erez Israels nicht eine romantische Chimäre,- sondern eine praktische, stolze Tatsache ist. Unter dem Eindruck der Bedrängnis in Ungarn und des Fortschrittes in Erez haben nun weite Kreise des ungarischen Judentums selbständig denken gelernt und lehnen es ab, sich länger der antizionistischen Diktatur zu fügen, die von jener Heves i -L ed e rer-Cli qu e der Pester Neologengemeinde ausging. Der Wert des neuen Pro-Palästina- Verbandes darf nicht unterschätzt werden. Wir müssen uns vom Alp der so oft vertretenen Vorstellung befteien, als wären alle ungarischen Juden unserem Volkstum und seinen hohen Idealen hoffnungslos entfremdet. Das ungarländische Judentum ist noch wurzelstark. Die Verheerungen der Assimilation blieben vorwiegend auf die großen Orte, besonders auf die Hauptstadt Budapest beschränkt. Da ist es nun interessant, daß getade die KultuSgemeinden Ofen und Neupest sich — in Emanzipierung von den Parnaffim der Schwestergemeinde Pest — an die Spitze der Palästinabewegung gestellt haben. Im heutigen Ungarn lebt die beträchtliche Zahl von 550.009 Juden, in der Hauptstadt allein über 200.000. Ihr Beispiel wirkt aber weit über die neuen, enggezogenen Grenzen des Landes hinaus, wo noch viele Tausende magyarischsprachiger Juden wohnen. Der palästinafreundliche Umschwung wurdenicht zuletzt durch die planmäßige Arbeit Dr. Joses Patais vorbereitet, der in seinem gediegenen illustrierten Blatt „Mu lt es I ö v ö" (Gegenwart und Zukunft) immer wieder auf die kulturellen Leistungen des Judentums hinwies und. seinen Landsleuten durch Veranstaltung von Gesellschaftsreisen nach Palästina dieses näherbrachte. Natürlich wirkte das auf Leute, denen man von jung aus vor dem Begriff „Zionismus" einen panischen Schrecken oingeimpft hatte, mehr als die in Kampfposition gedrängten : zionistischen Parteiblätter „Zf i b o © jjem I e" und „Egystertes". Die Verwertung dieses Umschwunges jaber ist vor allem . Herrn Bela Szekely, dem Emissär des Keren-Kajemeth-Hauptbureaus in Jerusalem, zu danken^ der trotz , aller Anfeindungen nicht müde wurde, sein Ziel, hie V-tsöhnung des ungarischen Judentums im Zet« chen Erez Israels, zu erreichen. Der neue Verband wird sich wohl auch zunächst der Stärkung der beiden Palästinw CHINA-WEIN MIT REW& FÜR SCI BH HRTIfTIS KRXnifiUMttMItTRI SCHWXCHilCHSo.RSROHVAI»mMtI fonds, Keren Kajemeth und Keren Hajesiod, gewidmet halten. Im Pro-Paläftina-Verband sind Zionisten und N i ch t z 1 o n i st e n zu fruchtbringender Arbeit vereinigt. Zu einer Zeit, da es gelang, durch die Gründung von Pro- Palästina-Komitees in Deutschland, Frankreich und anderwärts auch Palästknafreunde aus nichtjüdischen Kreisen organisatorisch zu erfassen, muß der neue Pro-Palästina- Verband in Ungarn als ein Glied in der Kette der Erfolge gewürdigt werden. Voll Vertrauen in das Verantwortungsgefühl der Zionisten im Pro-Palästina-Verband, begrüßen wir alle im Verband geeinten ungarländischen Brüder am Beginn ihrer Arbeit für das Land unserer Väter auss herzlichste. Dr. E. M. Zweig, Jerusalem. »er Wayimmpf um -♦ Dis Wahlhewogung zeigt, sich jetzt schon stärker im Wiener Stratzenbild. Mit allen möglichen Mitteln der Reklame suchen die Sozialdemokraten auf die Wähler einzmvivken. Sie haben die Laufschrift-Lichtreklamen an der LHernkreuzung und auf dem Gebäude des Dianabades gemietet und inserieren dort ihre mehr-oder minder schlecht gereimten Wahlparolen. Gestern ließen sie ihre übermannshohen roten Straßenplakate mit illustrierten Flugblättern in der Art der Münchner Bilderbogen überkleben. Ihre Versammlungstätigkeit ist weniger auffallend, aber doch sehr intensiv. Namentlich das weibliche HauSversonal wich in kleinen Versammlungen, bei denen.es auch Kino, Tanz- und Musikau'sführungen gibt, in eiirdrmglicher Meisefür die Wahlen präpariert. Für die Gewerbe- ■r-v v ketbenben werden Wahlzuckerln der verschiedensten Art bereitgehalten. Die Sözialdemo. kraten wollen oben SB; en uirter all en Umständ en Ratten, dafür ist ihnen nichts zu teuer. Die Dhristlichsozialen arbeiten vorerst mit großen Versammlungen, zu denen sie ihre Anhänger aus allen Bezirken aufbieten. Bundeskanzler Dr. S e i p e l erscheint dort mit der entsprechenden Aufmachrmg und sucht für den Feldzug gegen das Wiener Rathaus alles aufzurufen, was nicht auf die marxistische Heilslehre schwört. Am Dienstag stellte er in Alt - Ottakring in einer Wählerversammlüng die Behauptung auf, wenn die Alleinherrschaft der Sozialdemokraten im Rathaus gestürzt werde, so werde das für die ga^e Welt von Bedeutung sein, woraus zu ersehen ist, daß die Wahlbstvegung sich schon ihrem Höhepunkt nähert. Heute kommen die grotzdLutschen Landerbertreter nach Wien, um über den Stand der Verhandlungen ‘ über ein wahltaktisches Zusammengehen mit den Christlichsozialen zu berichten^ Nach dieser Länderkonferenz wird wohl die christlichsozial-großdeittfche Einheitsfront. Perfekt ' werden. In Wien ist die Sache so, gut wie abgeschlossen. Hier bekommen die Großdeutschen Dr. Waber und der Obmann der Partei, Dr. Wottawa sichere Stellen auf der Einheitsliste. In N i e d e r ö st e r r e i ch, O b e r ö st e rreich und Steiermark werden' die Grotzdeutschen gleichfalls ihre bisherigen Mandate, auf Grund eines Wahlkompromisses mit den Christlichsozialen garantiert erhalten; ein Gleiches ist für Kärnten und allenfalls für Salzburg wahrscheinlich. Eine der Wahlparolen ist .die S o z i,alv e rsi ch erung. Der Unterausschuß hat gestern'die Beratungen im großen und ganzen > abgeschlossen. Die Christlichsozialen drängen auf die formelle Fertigstellung des Geldes, um dadurch die Sozialdemokraten um einen Vjahlschlager ärmer zu machen. Auch die Beratung der Z oll ta r i f Novelle im Ausschuß steht ganz unter dem Einfluß der Wahlagitation. Währendsich die Mehrheit den Anschein gibt, als wolle sie mit den neuen Zöllen den Bauern in ihrer Absatzkrvse beispringen, sabotieren die Sozialdemokraten die ganze Verhandlung unter dem Vorgebön, daß sie ein Attentat auf die Taschen der^ städtischen Verbraucher abwehren. Den Wählem wivd hier Wohleinstudierte Komödie borgeführt, da ja die neuen Zölle nicht in Kraft treten tumuui, weil sie in Handelsverträgen gebunden sind. Von der bloßen Beschlußfassung des NattonalrateS über den Zolltarif hätten also weder die Bauer.n einen Vorteil noch die Konsumenten einen Nachteil. Der erste Erfolg der EmheitSfrynt wurde gestern im' 26er Ausschuß der BundesbeMntei; errungen. Die sozialdemokratischen' Beamtenvertreter hatten nämlich beantragt, es mögen an Dr. Seipel zwei Anfragen gerichtet werden, und zwar wie er sich „zu einer demnächst durchzuführenden Gehaltsregülierung und zur restlosen Wiedergutmachung deS an den P e nfioni^ten durch das Gehaltsgesetz begangenen Unrechtes" stelle. Die Antwort S.eip,els wäre selbstverständlich vonden Sozialdemokraten in der Wahlagitation ausgenützt worden, Durch die Rechnung der Sozialdemokraten machten jedochdie christlichsozialen und deutschnationalen Beamtenvertreter einen dicken Sttich, indem sie die 1 Fragestellung an den Bundeskanzler a b lehnten.