Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 2890 (15.3.1927)
- Date
- 1927-03-15
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 2890 Löten, DtenSwy Msrgenzsttrmg tS. MSrz E TMS'5 tUvk ANS KREUZ! ROMAN von KURT MÜNZER Copyright 1927 by R- Lftwit Verlag, Wien — Leh»lg. Er trat bei Adlers ein, Abel zu begrüßen. „Doch," sagte er, „sie heben auf! Was sollen wir tun, die wir mit der größten Sünde auf Md Welt kommen: Jude zu sein." „Der Herr verhüllte sich in VK)lke!" rief die Mutter und drückte den Sohn an sich. f „Es geht uns wie dem alten Pferd, das der Herr zum Schinder führt, Frau Wler. Er schlägt es noch, damit 's schneller zum Schlachten kommt." „Hörense auf mit solchen Geschichten, Gerechter. Wir wissen schon: die Freude der Welt ist nicht: für uns da. Mas brauchen Se 's noch zu sagen!" , „Wer unsere Freude, Mammelc, ist bei Go t dem Allmächtigen," sagte Gerson. Abel Wler bekam bald zu merken, daß seine Zu'chörigkeit zum Volk nur erschlichen war, daß er nicht ausgenommen war, nur geduldet. In einer mittäglichen Arbeitspause auf dem herbstheißen staubigen Hof kam die laute Rede auf Politik. Ein Genosse rief zum Zeugen seiner Parteibehaupturigen Abel Adler an. Aber andere, die er in ihre Versammlungen begleitet, nahmen ihn für sich in Anspruch. „Na, Menschmskind," sagte ein Aelterer gutmütig, „nu bekenn dir mal zu deine Jesinnung, wat biste denn Deutlich?" Und da rief grell eine Mädchenstimme: „Jottenee"' seid Ihr doof. Det is doch 'n Jude!" Ein Mann lach'.e heiser. Dann blieben alle stumm, und der junge Abel stand da in Schmach und Schinde seines iJudnitums. Und wenn er sich auserwählt fühlte: ob das nicht vielleicht bloß die Zuflucht des Geächteten tvar? Rettung des Geächteten in künstliches Selbstbewußte? Ein Jude — und er stand verlassen mitten in der Menschenheit: ein Jude — und Kinder zeigten mit Fingern auf ihn; ein Jude — und der Atem des Hasses vergiftete sein Leben... Die das gerufen hatte, war Frieda Wohlfahrt, ein /rankes Geschöpf, das sich vergeblich dem Ju'en genähert hatte. Damals küßte er schon Lotte Zimmermann, die Stenotypistin des Lagervorstehers, da hinauf gearbeitet von der Packerin, mit dem Ehrgeiz des Berliner Mädels. In den Abendstunden lernte sie Englisch und Spanisch u d schrieb Manuskripte ab, die sie geruckt in der „Roten Fahne" wiederfand. Sie ging in die Vorlesungen der Lessing-Hochschule, Sonntags in Museen, sie lebte bei der Mutter, die stickte und einen gelähmten Mann betreute. Es reiche für ein zierliches Hauswesen. Abel war der zweite Mann Lotte Zimmermanns. Der erste war 'Student gewesen; sie liebte Bildung und den Juden. Ihre Seele war nicht so einfach, daß sie nicht den Reiz empfunden hätte, sich einem Andersstammigen hinzugeben. Mer über diesen Reiz hinaus liebte sie ihren kleinen Mann wie eine ganze Frau. Es sollte noch schlimmer kommen. Es war schon Winter. Im Kesselhause glühte der Ofen, der die gesamten Fabriksgebäude mit heißem Dampf versorgte. In diees Haus der trockenen Glut sah Abel durch Zu'all Fr'e'a Wohl'ahrt verschwinden mit zwei Burschen, die er nicht einmal kannte. Es war kurz vor der Mittagspause. Bald darauf hörte er, der Kisten im Hof revidierte, Schreie von dort. Er lief und fand in einem der glühenden Räume vor den Ofentürm das Mädchen hingestreckt, in zerrissenen K eidern, wie einem Anfall, einen Schreikrampf. Er kniete neben ihr, und che er noch Hand anlegen konnte, war hinter ihm Lausen, Lärmen, Drängen, und man schrie: ,Da is er! Det es der Jude! Er hat ihr verjewaltigt! Dev Jude! Kooft 'n Euch!" Und einer ergriff ihn: „Aus dir mach ich! 'n Besen und feje damit die Straße uff." Nichts konnte plumper sein als diese Falle. Aber schon war Freund und Feind über dem Juden. Man zerrte ihn hinaus, und als die Masse der Arbeiter von ihm wich, lag er blutend im Schmutz des geschmolzenen Schnees, Stiefeltritte im Gesicht, auf den Händen. Der Lärm war überall gehört worden, aber zugleich gab es auch welche, die von ihren Fenstern aus den Hering hatten beobachten können, wie die Wohlfahrt mit den Burschen sich in das Kesselhaus geschlichen, wie Llbel Adler dann hineingelaufen und immittelbar nach ihm die Burschen hinausgesttirzt wären, um die Kamercchen zum Tatbestand der Vergewaltigung herbeizurufen. Ja, es gab solche Beobachter, aber sie schwiegen. Gerechtigkeit ist für dm Juden nicht da. H a t er das Berbvechm auch nicht begangen, so würde seine Verübung doch zu seinem Charakter passen. Also mag er das büßen, wozu er fähig sein könnte; für das büßen, was er heimlich begeht. lltur Lotte Zimmermaun konnte sprechen, auch sie hatte gesehen. Und ihr Zeugnis ermunterte einige andere. Nicht lange, und der Sachverhalt war klar, und Frieda Wohlfahrt selbst gab zu: „Ja, ick wollt mir rächen. Er hat mir beleidigt. Un Jude is er ooch!" Mel kam im Zimmer des Direktors zu sich. Er lächelte verstört. Es tat weh - - aber weher als Wunde und Tritt — das Herz. Es gab — für den Juden — keine Gemeinsamkeit. Bei den Fremden niemals, nur Haß, Neid, Scheelsucht. Und bei den Eigenen — da zitterte jeder für (38. Fortsetzung.) sich. Gemeinsamkeit der Schwachen: das ist vielleicht nur vergrößerte Schwäche; Gemeinsamleit der Schiffbrüchigen: dieses überlastete Floß ist umso sicherer dem Untergang bestimmt. Er stand schwankend auf. Die Herren der Fabrik warm verlegm und betreten um ihn. Man versprach ihm jede Rechtfertigung, sogar gerichtliche Belangung der Schuldigen. Er würde ihnen hier nicht mchr begegnen. Aber der Mißhandelte sagte: „I ch gehe." Er fühlte, alle Schuld lag bei ihnr: er war Jude.. v Er ivehrte alle Vorschläge ab und sah die Mienen beruhigt und das schlechte Gewissen schon wieder gelassen und im Unrecht frech. Als er hinaustaunielte, war auf dm Gesichtern der reichen Herrm bereits wi^er Erleichterimg sowohl wie Verachtung. Anwesenheit des Juden nahm ihnen die Luft, und sie brauchten viel für ihre verfetteten Herzen. Wenn man mit dem Juden keine Geschäfte macht, an denm er sie vorteilhaft beteiligt, wmn man vom Geschäftsgenie des Juden keinen Brocken erwischen kann: darüber hinaus ist der Jude des Fußtritts wert,!den er bekommt. (Fortsetzung folgt.) Bühne und Kunst. „2eatro bei Piccoli." Apottothealcr. Dieses entzückende Puppentheater, das wir in unserem Feuilletoutc.il bereits eingehend gewürdigt haben, erfreute gestern mit einem neuen Programm. Insbesondere die Szenen aus der Operette „D i e G e i s h a" rissen das Publikum zu Beifallsstürmen hin. Tatsächlich: Szenenbilder, Belichtung und ' die charakteristischen Bewegungen der wundervoll kostümierten Marionetten bringen der Phantasie des Zuschauers Japan weit näher als es irgend eine „Geisha"- oder „Butterfly"-Auffül'ung bisher vernrochte. Auch der „Barbier> von S e v i l l a", von R. Massarani für Teatro bei Piccoli bearbeitet, wurde zu außerordentlicher Wirkung gebracht. Nach. Schluß der Vorstellung wurden Direktor Dr. Vittorio Podrecca Mt seinm Sängern und „Drahtziehern" bejubelt. Svernlheater. Neu einstudiert: Der Gaukler unserer ließ«« Frau. Jules Massenet hat nicht nur den „Werther", die „Marion" und zahlreiche andere Opern geschrieben, sondern auch Oratorien und biblische Legenden, Mysterien und Ballette. Alle diese Kunstgattungen verbinden sich im „Gaukler", einem in der Erfindung nicht mehr ganz frischen Alterswerk, zu einer Art geistlichen Oper. Es ist eine ganz eigenartige, echt romanische Mischung von Theater und Kirche. Die Frauenstimmen fehlen, ohne deren sinnliches Fluidum die Oper nun einmal nicht auskommen kann. Indes spielt im „Gaukler" doch auch die Liebe eine entscheidende Rolle. Der Spielmann wirbt um die Madonna wie um ein. irdisches Weib mit seinen Liebesliedern und Tänzen, mit all der zärtlichen Süße, deren die Massenetsche Melodik fähig ist, und der Einfältige, der Arme im Geiste, findet Erhöruag. Dicscs „Mirakel" ist eine der wenigen dramatischen Szenen der Oper> welche mit den Weisen der alten Minnesänger und Spielleute, mit französischen Volksmelodien und parodierter Kirchenmusik, mit einer utrierten Konzertprobe und faidenscheiniger Polyphonie ein nicht immer kurzweiliges Spiel treibt. Ihr Schönstes bietet die Musik im zarten Pastorale, etwa in der Legende von der Rose und dem gesegneten Salbei, einem musikalischen „Blümlein wunderhold", welches Richard Mayr mit wahrhaft gesegneter Stimme sang. Herr Maikl in der Titelrolle sah für den halbverhungerten Spiclmann gar zu wohlgenährt aus, er distonierte und weckte wehmütige Erinnerungen an Herrn Miller, seinen Vorgänger in dieser Rolle. Eine durchaus würdige Gestalt war Herr Manowarda als Prior. Der von Kapellmeister Alwin geleiteten Aufführung merkte man die Eilfertigkeit der Einstudierung an. Man war sich offenbar im Operntheater von vornherein klar darüber, daß mit einem Dauererfolg des undramatischcn, verstaubten Werkes nicht zu rechnen sei. Wozu dann überhaupt dessen Wiederaufnahme in den Spielplan? Nh A«s de« Theatern. Burgtheater. Morgen, haW 8 Uhr, „Leonie". Akavemletheater. Morgens halb S Uhr, „Marik a". Operntheater. Morgen, halb 8 Uhr, „Turaud o t". Volksoper. Mittwoch, den 23. d. geht zum 1. Male in textlicher und musikalischer NculbLavbeitung von Theodor Waldau und Oskar Jascha die Osfenbach'sche Operette „Die schöne Helena" mit Jda RußIa ln der Titelrolle in Szene. Theater in der Josefstadt. Morgen, zum 1. Mal „Frau War re ns Gewerbe" von Bernard Shaw, mit Lucie Höflich in der Titelrolle. Modernes Theater. Freitag oglangt die Komödie „Man heiratet erst im dritten Akt" von Mexande'- Erdei zur Uraufführung. Die LolMverMtniste fret der „Ravag". Der Bühnern derern hat mit der Wiener „Ravag" eine kollektive Verernbarung getrosten, durchs welche die Arbeits- und Lohnverhältnisse bei Aufführungen im Senderaum geregelt werden. Es ist dies der erste Kollektivvertrag, den eine Schausprelerorganisation mit einer Radiogesellschaft tätigt. Im Vertrag wird bestimmt, daß für Chorleistungen ein Mindesthonorar von 35, dezm. 40 Schilling, und für solistische Leistungen ein Mindesthonorar von 50 Schilling bezahlt wird. Thomas Mann in Bkrrschau. Aus Warschau wird gemeldet: Thomas Mann, der in Warschau zu Besuch weilt, wurde mit außerordentlicher Herzlichkeit ausgenommen. Bei einem aulMich seiner Anwesenheit vom polnischen Penklub unter dem Vorsitze des Präsidenten der polnischen Akademie für Literatur veranstalteten Bankett hielten fieen der ekanntesten Schriftstelbbler Polens Tischreden zu seinen Ehren. Besonders herzlich war die Begrüßungsrede Stanislaw Przhvyszewskis. An das Bankett schloß sic!) ein Empfang, dem unter anderen auch der polnische Unterrichtsminister beiwohnte. Die polnische und jüdische Presse bringt zahlreiche Artikel über die Persöntlichreit Thomas Manns. I. Preis: Ehe Bibliothek von 300 Binden II. Preis: Eine Gratisreise nach Palästina III. Preis: Fünf Dunam Land In Palästina «Rd wsltera 47 Preise Kreuzworträtsel-Preisausschüben Unser Ausschneiden |l |2 j j8 IBM 4 i i 5 j 6 7 i m -! IBM SB 1! iH]|! 13 M M iflji 15 11°; »17 1 1 1 M is i [ ■ W 15 j i 20 ilHj 21 j 22 hi!■ “ i26 M36 .!. JHH. 28 1 | 1 I I! fl: 99 i i i SVr. 31 BEZEICHNUNG DBB WORTE: Wagrecht: 1 Spielzeug, 4 Sprengkörper, 7 Chem. Formel für Iridium, 8 Oriech. Buchstabe, 10 Abk. für eine Gesellschaftsform, 11 Teil des Fußes, 13 Fluß (spanisch), 15 Selten, 17 Land in Buropa, 13 Vorwort (lat.), 19 Zeitabschnitt, 21 Gefühl, 24 Ital. Musiknote, 26 Bete (lat.), 27 Fluß in Rußland, 28 Plunder, 29 Weibl. Vorname. Senkrecht: 1 Getränk, 2 Flächenmaß, 3 Männl. Vorname, 4 Zeichen, 5 Chem. Formel für Natrium, 6 Stadt in Böhmen, 9 Schauspielhaus. 11 Tschechische Turnerbezeichnung, 12 Feldersegen, 14 Abk. für jurls, 16 Drei gleiche Selbstlaute, 18 Briefbeförderungsanstalt, 20 Geschenk, 22 Chem. Element, 23 Meereseinschnitt, 25 Bejahung, 27 Mund (lat.). Name:_____ Adresse:___ Ausschneiden