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Wiener Morgenzeitung · 1927-03-15 · Heft 2890 (15.3.1927) · p. Seite 3

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
9 (1927)
Issue
Heft 2890 (15.3.1927)
Date
1927-03-15
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 2890 W!«n, Dienstag Wiener Morgenzeitung IS. März 1927 Seite 8 Der Rabbi und seine Wirtschaft«"^. m Prremyjler Stpressaagsprojib. Bor dem Przemysler Gericht hat soeberr eine Affäre chren Abschluß gefunden, die durch merkwürdige Sensationen die jüdische Bevölkerung Ga.iziens monatelang in Spannung hielt, um so mehr als die eigenartigen Vorgänge, die sich abspielten, ein Milieu zum Schauplatz hatte, das sonst peinliche Pikanterien meidet. Wir' haben bereits im September v. I. berichten können, daß am ersten Tage des Rosch-Haschanah unter großem Aufsehen der Przemysler Bevö.kerung Frau Slate Rubin, eine aus Newyork nach Galizic.» zu Besuch gekommene ältere Frau, in das Untersuchungsgefängnis des Strafgerichtes eingeliefert wurde. Sie stand unter der Beschu.digung der Erpressung, begangen an dem Rabbi von Radymno, dem einer alten und berühmten Rabbinerfamilie entstammenden Samuel Spira. Skate Rubin hatte, seit sie in Galizien weilte, unter der jüdischen Bevölkerung den Spitznamen „die Rabbiner!« von Radymno" und es gingen allerhand meruvürdige Gerüchte über ihre Beziehungen zu dem greisen Rabbi Spira um, der eine Frau und neun Kinder hat. Rabbi Spira war nämlich im Jahre 1922, als Amcrikareisen der Wunderrabbis aus Osteuropa auf der Tagesordnung standen, ebenfalls nach Newyork gekommen und hatte dort bei einem entfernten Verwandten, einem gewissen Rubin, Wohnung genommen. Dieser Rubin starb kurze Zeit später, und seine Witwe Slate Rubin führte dem Rabbi Spira die Wirtschaft. Welcher Art die Beziehungen zwischen dem Rabbi und seiner Wirtschafterin waren, läßt sich schwer festftcUen. Jedenfalls aber faßte Frau Slate Rubin den Entschluß, die Gattin des Rabbi zu werden. Eines Tages machte sie (sie war zur Z.it, da diese Ereignisse sich abspielten, bereits über sechzig Jahre alt, während sie sich als Frau von vierzig Jahren ausgab) dem greisen Rabbi Spira, einem Manne von etwa siebzig Jahren, die überraschende Mitteilung, sie sei durch ihn Mutter geworden. Das Kind bekam freilich Spira nicht zu Gesicht, doch sarrdte sie ihm später, als er schon nach Polen zurückgereist war, eine Beschneidungsurkunde. Anschließend an diese seltsamen Eröffnungen, die Frau Rubin dem Rabbiner in Newyork machte, drohte sie mit allerhand Skandalen und erpreßte durch die Drohung, ihn zu erschießen, von Spira die Unterschrift unter eine amerikanische Trauungsurkmrde sowie 2090 Dollar. Nicht lange darauf kehrte Rabbi Spira in seine Heimatstadt Radymno zurück und hatte auch einige Zelt *D«nin kam pbocf) d'r b-rnts fprW? Bri-f samt ilL. .LJ. Urkunde, und Slate Rubin schrieb dem Spira, sie sei seine rechtmäßige Gattin und er möge dafür sorgen, daß sie den ihr gebührenden Platz an seiner Seite eirmehme. Sie lege zu diesM Zwecke einige Pulver bei, die der Rabbi seiner Frau täglich vor dem Schlafengehen verabreichen solle. Schließlich faßte Slate Rubin den Plan, ihr „Recht" persönlich zu vertreten. Sie fuhr Mitte 1926 nach Polen, ging geraden Weges zum Rabbi von Radymno und Ließ sich erst wieder zum Abzug bewegen, nachdem er ihr weitere 1000 Dollar und Juwelen übergeben hatte. Sie erklärte, sie müsse noch 6000 Dollar bekommen, und reiste stehenden Fußes zu den zwei an Rabbiner verheirateten Töchter des Rabbi Spira, der Frau des Rabbiners von Neu-Sandez und der Frau eines Krakauer Rabbiners. Ihnen erzählte sie das Geheimnis ihres Vaters, von dem sie freilich schon ebenso wie die Gattin von Spira unterrichtet waren. Um weitere Skandale zu vermeiden, übergaben die Töchter des Rabbiners der Slate Rubin kostbare Schmuckgegenstände sowie weiteres Geld. Inzwischen hatte sich Rabbi Spira in seiner Not an den bekannten Przemysler Advokaten Dr. Landau gewendet,, der als Verteidiger des unter einer falschen Attentatsbeschuldigung angeklagten jüdischen Studenten Stanislaw Steiger unter der Judenschaft sehr berühmt geworden war. Dr. Landau riet dem Rabbi, die Erpressungsanzeige zu machen, und Slale Rubin wturde am ersten Rosch-Haschanah-Tage des Jahres 1926 verhaftet. Der nunmehr stattgefundene Prozeß, der ursprünglich für zwei Tage angesetzt war, dauerte fast vierzehn Tage und wuchs sich zu einer Sensation ersten Ranges aus. Slate Rubin verantwortete sich dahin, daß sie. die schon 27 Jahre, in Amerika gelebt Hatto und dort Witloe geworden war, zu Spira nur als Wirtschafterin gegangen und in nähere Beziehungen getreten war, da er sich ihr gegenüber als Witivek ausgab. Sie sei mit ihm eine gesetzliche Ehe eingegangen und Hab« ihm einige Atonale später in Gegenwart eines Zeugen 1090 Dollar und Schmuck im Werte von 2000 Dollar übergeben, als Rabbi Spira erklärte, er müsse zum Zwecke der Verheiratung zweier Töchter nach Polen fahren. Da er dann lange von sich nichts hören ließ, sei sie selbst nach Radymno gekommen und habe erst dort erfahren, daß Spira verheiratet sei und neun Kinder habe. Daraus habe sie dke Scheidung verlangt und sie. vom Rabbi auch zugesichert erhalten. Die Geldbeträge und Juwelen, die er ihr geg-ben heb«, sn"n frei- Feuilleton. Pariser Premieren. (Bon unserem Pariser Mitarbeiter.) Im Theater der Familie Guitry ging die Boxerkomödie nock-Out" zweier junger, hochbegabter Auwren, Jacques Natanson und Jacques Thery in Szene. Die Komödie hebt in einer Jahrmarktbude an. Pascal, der Boxer, fordert zum Preisringen heraus. Seine hübsche Frau lockt das Publikum verheißungsvoll. Das wäre ein Preis! Aber keiner gewinnt ihn.' Nicht einmal Fernes. Frankreichs Boxchampion, der just vorübergeht und sich den Spaß leistet, dem Jahrmarktboxer gegenüberzutreten. Er wird bezwungen und seine Niederlage macht Pascal zum berühmten Champion. Ein Manager macht mit den beiden Meistern, dem «altbewährten und auf dem Jahrmarkt entdeckten, seine Geschäfte — und die Frau Pascals zittert um ihr Glück: Bleibt ihr Mann weiter unüezwungen, dann verliert sie ihn. Aus Liebe zu dem Gatten — der Vorwurf ist allerdings nicht neu — verspricht sie sich Fernel, wenn er Pascal besiegt. Er besiegt ihre nicht — und alles kam wie es kommen mußte. Pascal vergißt das Weib, denn ihm winken Reichtum, Amerikafahrten, Weiber. Die Verlassene und der Champion von gestern, zwei Unterlegene, finden sich Herrlich die Spinelly in der Rolle der Frau, eine Charakterdarstellerin großen Formats, die das neue Stück hoch über seine Bedeutung hebt. Paul G e r a l d y, der erfolgreiche Dichter der „Hochzeitstage" har sich mit einem Kompagnon, Spitzeq. zusammengetan. Die Novität „Ihr Gatte" ist eine Art Gegenstück zu der eben angezeigten Komödie, nur gepflegter im Dialog, feiner in der Psychologie. Er ist eifersüchtig, sie treu. Er gibt keine Ruhe, hat klirre Ruhe, bevor ihn nicht Hörner schmücken. Auch nicht mehr neu. Aber der Ton macht die Musik und sie zart, anmutig, liebenswürdig. König des leichtbeschwingten Abends ist Victor Boucher, der Meister des unbeschwerten, federleicht dahinschwebenden, durch die Kunst der absichtslosen Pointe fesselnden Spiels. Es war ein starker Erfolg. Maughams „Regen", den Wienern von der Reinhardtbühne wohlbekannt, macht im Madeleinetheater volle Häuser. In der Rolle der rassigen Dirne macht die Murnac Furrore. Die Schlußszene, da die Betrogene in animalischer Wildheit losbricht, spielt ihr wvhl kejne nach G . . . ranzadenve. Cllirror Tordis. — Die Krösiorm. — Ioos und Seebet. — Maria Teresa. — Lisi Rinaldini. — ©iftuie Hellevau. Man kann tanzen; man kann Tanz zelebrieren? man kann demonstrieren, daß Tanz eine Kunst sei; man kann hupfen. Und man muß, Enthusiast, der man ist, all das über sich ergehen lassen. Die neuen Tanzformen, nach - denen man sucht, sind nicht immer neu.' Ansätze hierin sind in anderen Künsten vorhanden und sie transponieren wollen, dazu gehört ein Mut, ein Gestaltungsdrang, ein Si hvergessen, das fast mit der Philosophie verwandt ist. Ellinor Tordis versucht sich hierin und ihr ehrlicher Glaube, dem es an Ausdrucksvermögen nicht fehlt, zwingt zur Hvchachtrmg. Sie hat ihre Gemeinde, roas mehr ist als Publikum. Aus Prag kam Frau Kröslova mit ein paar lieblichen Mädchen. Sie brachte außer diesen auch einige mimische Scherze mit, allerdings ein Jahrzehnt zu spät. Auch Männer oder — schmeichelnd gesagt —■ Jünglinge können tanzen. Die zwei Norddeutschen I o o S und 2 e e d e r taten es. Die Befremdung, der das Publikum anfänglich erlag, galt der Ungeschultheit des Auges und der Phantasie, die auf die erotischen Wirkungen der weiblichen Rhythmik eingestellt ist. doch Scherz beiseite: auch der Prediger Lcchan und seine Jünger haben etwas Gutes. Sie führen zum Belvubtsein zurück, daß es in der Tanzkunst etivas Absolutes gibt. In der der Maria Teresa ist's die Bewegung, die sich mit einer wohltuenden Harmonie begnügt, wie sie unser Spätbiedermeier gelispelt hat. Im Tanzen der favorisierten Lisi Ninaldini blüht die vomantisckie Blume eines angenehm plätschernden Dilettantismus, dem man nichts Schlechtes nachsagen kann. Galanterie verpflichtet. Hellerau möchte mehr als ein Schlagwort sein: ein Zauberwort, dem sich alle Herzen, Beine und Busen öffnen. Ein Drill, dem man Schweiß nicht anmerkt, kommandiert jode Bewegung, eine „Schrie" teilt den Raum in Räume und ein Programm steckt die Grenzen. So kommt also »Schule" zustande, ähnlich der Schule der Weisheit in Davmstadt. Sei blond, geschlechtslos und brav, das ist der Text des Hellerauschen Katechismus. »Der Ochs auf Hern Dach" hieß die Groteske, in der ein freischaltender Humor sich ausleöen sollte. Er war ohne Spiritus ebenso wie die Bar. in der Milch ausgeschenkt wurde. Frau K r a t i n a ist klug wie eine Schlange, der man das Herz herausgenommen hat. Die Million Dollar und mehr gäbe mancher für seine Gesundheit! Tägliche Einreibungen mit LÖWOIt-Franzbranntwein mit Menthol sind wohlfeiler, erhalten Sie frisch und gesund. LOwan-Franzbranntwein mit Menthol soll daher in Ihrem Hause nie fehlen. Ueberall erhältlich. willige Alimentationswerte im Zusammenhang mit der Scheidung gewesen. Sie habe» mm auf die Scheidung gedrängt, doch diese sei immer wieder hinausgeschoben worden, bis dann ganz überraschend die Verhaftung erfolgte. Schon in der Untersuchung war festgestellt worden, daß Slate Rubin eine bewegte Vergangenheit hatte. Sie war bereits einige Male verheiratet gewesen und hatte bei einem ihrer Ehegatten ähnliche Manöver vollführt, um Geld zu erhalten. Noch vor ihrer ersten Ehe war sie Mutter von zwei Kindern gewesen. Im Prozesse ersch'eu der Nabbi von Radymno und seine ganze Verwandtschaft als Zeugen. D r Rabbi von Radymno erklärte feierlich unter großer Bewegung des den Verhandlungssaal bis auf das letzte Plätzchen füllenden Auditorium er sei Slate Rubin nie in intime« Beziehungen gestanden. Geld und Juwelen habe er ihr teils als Entgelt für ihre Wirtschaftsführung, teils um Skandalen, mit denen d'e Frau ihm drohte, aus dem Wege zu gehen, gegeben. Slate Rubin, die noch vor Gericht behaupt, te im An sang der Vicrzigerjahre zu stehen, obwohl ihr wahres Al er von 64 Jahren durch amtliche Matrikelerhebung festgestel.t war, und schließlich nur 54 Jahre zu gab, darüber hinaus jedoch um keinen Preis zu einer Konzession zu bewegen war, verteidigte sich, von dre Rechtsanwälten unterstützt, so gewandt, daß der die Anlage g7gen sie vertretende S'aatsanwalt mehrfach den Rabbi von Radymno mehr als Beschuldigten, denn als Zeugen behandelte. Der Staatsanwalt drohte auch im Verlaufe der Versandung einigemal, er werde gegen Rabbi Spira die Anklage wegen Bigamie erheben. Im Verlause der Verhandlung wurde eine Reihe von Angaben der Slate Rubin als fe rich'ig festgestellt und die erpresserische Absicht, die zur Erhebung der Anklage geführt hatte, in einer Reihe von Fallen erwiesen. Ms Freitag der Prozeß zur Urteilsverkündigung bereit war, waren, wie unser Prznnysler Berichterstatter meldet, aus der ganzen Umgebung, aus Przemyst, u'.rd insbesondere aus Radymno Scharen von Juden nach der Gerichtsstadt gekommen. Die Straßen zum Gerichtsgebäude waren von einer riesigen Menschenmenge übersü'lt, die erregt.das voraussichtliche Ergebnis des Prozesses besprach. Der. Sensationslust der Menge war reicher Stoff zur Betätigung geboten; war doch dem Wun'ch einer Rabbinerdeputcr- Eine Masken und Kostüme von Emmy F e r a n d tvaren der Gewinn des Abends, dem eine jugendliche Schar wie einem Hochamt bevwohnte. Sie Blinde. Uraufführung an der Volksoper. Eine Minde, welche eben durch einen operativen Ein», griff sehend geworden, entsagt, von der häßlichen, nüchternen Außenwelt angeekelt, freiwillig dem Sonnenlicht, indem sie sich zu fri'ch dessen grellen Strahlen aussetzt und so wieder erblindet. Sie ist die Heldin des kurzen Opernbuches von Ralph Benatzky. Also eine ähnliche Idee wie in d'Alberts «Toten Augen" und doch eine ganz andere Opern.we.lt. Die kleine Lisa, welche in dem Reichtum ihrer inneren Gesichte eine schönere und bessere Wirklichkeit erschaut, stellt der Tondichter Max Ast — dessen Oper »Abbe Jnnocent" schon früher an der Volksoper aufgeführt wurde — nicht in eine brutale Welt des Verismus, er umgibt die Blinde vielmehr mit einem musikalischen Halbdunkel und bettet sie weich und warm in sanfte lyrische Stimmungen. Ter feinfühlige Komponist geht den kraffen Theatereffekten förmlich ängstlich aus dem Wege, er bemüht sich, das Seelenleben des scheuen Geschöpfes in zarter Melodik, und in gedämpftem Orchesterkolorit blohzulegen. Flimmernde Tremoli der Geiger in Ganztönen, hingehauchte Solfeggien hinter der Szene und jungitalienische Lyrismen heben sich von dem Liebesduett ab, in dessen erregter Sinnlichkeit sich die unheilvolle Welt des Alltags auftut. In dem anmutigen, anspruchslosen Werkchen. welches fast wie ein Sketch in kaum Dreiviertelstunden in unkomplizierter Technik abrollt, sang Frau Josephine S t r a n ZI y. eine sehr begabte Anfängerin, welche in der Darstellung noch gegen Befangenheit ankämpft, die Titelrolle. Die übrigen Partien waren mit den Damen G a r d a und Schwarz und den Herren Hellgren, Brand und Beer entsprechend besetzt. Sehr gut spielte das von Kapellmeister Dr. Kaiser geleitete Orchester. Für das Werk, den Komponisten und die Darsteller gab es stürmischen Beifall. Es folgte eine von van D. Weirich geleitete, im instrumentalen Teil ganz vorzügliche Aufführung des Pnccimschen Einakters ianni S ch i c ch i" mit dem stets amüsanten Herrn Dandlerin der Titelrolle. An dem Erfolg des heiteren Spieles hatte das halbe Volksopernensemble teil, darunter die Damen Fichtinger, Strehlau und M a t h e, die Herren N e u m a n n, B r a nd und Rössel* M a j d a n. P

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