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Wiener Morgenzeitung · 1927-03-15 · Heft 2890 (15.3.1927) · p. Seite 2

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
9 (1927)
Issue
Heft 2890 (15.3.1927)
Date
1927-03-15
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 Wien, Dienstag Wiener Morgerrzetturrg 16. März 1927 Nr. 2890 WIENER MORGEN2EITÜNG KVPON zu dem Kreuzwort-Ratzel Nr. 31 Sächsische Strümpfe und Handschuhe Adolf Tarier, Wien, Kohlmessergasse 8 MF* Zar Neue: Hslbvrg, Saal 0* Kola 5332 Heute besinnt die Retlamationstrist! In allen magistratischen Bezirksämtern liegm ab heute -re amtlichen Wählerlistm zur Einsichtnahme auf. Jeder Wählerund jede Wählerin müssen sich dort erkundigen, ob sie tatsächlich in der Wählerliste ausgenommen worden sind. Sie müssen in daS amtliche Wählerverzeichnis Einsicht nehmen, um zu kontrollieren, ob ihr Name und ihre WohnungSadresse darin richtig enthalten sind, wenn sie nicht Gefahr laufen wollen, ihres Wahlrechtes verlustig zu werden. Jedermann hat daS Recht, innerhalb der ReklamationS« frist, die heute Vegimrt und vierzehn Tage währt, unter Bei« bringung feiner Dokumente (Meldezettel und Heimatschein) feine Aufnahme in die Wählerliste oder die Streichung Nicht« wahlberechtigter zu verlangen. Niemand versäume es, für sich und seine wahlberech« tigten Angehörigen und Freunde festzustellen, ob sie auch i» der Wählerliste Vorkommen! Rullv um die Kluheitsjrottt. Die Nationalsozialisten beiver milen haben ihre FLHrer Schulz und den Urgermanen Jant'ovic nach München zum Parteipapst Adolf Hitler entsendet. Unter seiner Aegide beschlossen die beid-n Gruppen, bei den kommenden Nationalratswahlen Burgfrieden zu halten. Hitler erteilte ihnen auch die Generalvollmacht für alle Verhandlungen, die mit den Wahlen zusammenhängen. Jetzt läßt nun der Parteiobmann Schulz, der bis vor kurzem noch mit den Großdeutschen sehr stark verhandelt war, erklären, daß die Verhandlungen zur Bildung einer nationalen Einheitsfront durch den Beschluß der Großdeutschen, eine antimarxistische Einheitsfront mitzumachen, endgültig gescheitert, seien .und daß feine Partei sich nunrueA: wieder völlig freie Hand vorbohalte. Die Ude-Gruppe, der unpolitische Wirtschastsverband der Gewerbetreibenden und Kaufleute, das Häuflein des Radauantisemiten Orel, die konservative Volkspartei des ebenso antisemitisch eingestellten Dr. Schager, der Verband der Tischlermeister und noch ein paar der breiteren Oeffenllichkeit völlig unbekannte Vereine wollen sich für die kommenden Wahlen zu einer Unabhängigen Wirtschaftspartei zusammenschließen, um so auf der christlrchsozial-großdeutschen Einheitsliste Mandate verlangen zu können. In einer Lokalkorrespondenz teilt das Mitglied des Parteivorstandes der bürgerlich-demokratischen Partei Kommerzialrat Presen mit, es sei sehr wahrscheinlich, daß noch heute nach entscheidenden Konferenzen mit den Vertretern der Leiden Regierungsparteien eine Einigung über den Eintritt der bürgerlichem Demokraten in die Einheitsfront zustande kommen werde. Durch das Ausscheiden der Hakenkreuzler sei das einzige große Hindernis für den Eintritt der bürgerlichen Denrokraten weggefallen. Es könne Lereüs mit aller Sicherheit angenommen werden, daß im ersten Wiener Wahlkreis der Führer der bürgerlichen Demokraten, Advokat Dr. Kling, an dritter Stelle auf der bürgerlichen EinheitsMe kendidi-r-n werde. Iie Lanvespolitik der tschechoslowakischen Sionistm. Die Prager „Selbstwehr" meldet: Das Zentralkomitee -er Landesorganisation der tschechoslowakischen Zionisten hielt in Prag eine Plenarsitzung ab und faßte folgenden Beschluß: Das Zentralkomitee stellt fest, daß über die Grundlagen und die prinzipiellen Richtlinien der nationalen Landespolitrk der jüdischen nationalen Minderheit, deren Notwendigkeit vom Zentralkomitee selbstverständlich grundsätzlich bejaht wird, volle Uebereinst i m m u n g herrscht, und daß daher für die Demission des Herrn Dr. Ludwig Singer ein Anlaß nicht gegeben ist. Herr Dr. Singer zog daraufhin ^ne Demission zurück. Keine Aufwertung der vemeindeanlelhe». In einer Sonnlag abgrhaltenen Versammlung des Verbandes der Sparer und Kleinrentner wurde mitgetült, daß Verhandlungen über die Aufwertung der Gemündsanlelheu geführt werden und vor einem günstigen Abschluß stehen. Wie aus dem Rathaus demgegenüber festgestellt wird, entspricht die Annahme, daß Sta'?trat Breitner einer Balorisierurtg zugestimmt habe, nicht den Ta^'ben. Ser Hakenkreuz-Terror. Neue SMe an tu {Miaut (Dt fltutmKL Der Diplom-Kaufmann Körber. der mnr schon die längste Zeit unbehelligt sämtliche Wiener Hochschulen terrorisiert, hat mich gestern in der Hochschule für Welthandel einen Krawall inszeniert. Wegen der Exzesse am Freitag wurde gegen Körber das Disziplinarverfahren eingeleitet und ihm das H a u s v e r b o t zugestellt. Nichtsdestoweniger erschien er gestem früh vor der Hochschule und verlangte Einlaß, obwohl er sich nicht alS Hörer der Hochschule für Welthandel legitimieren konnte. Cr wurde nicht eingelassen ulrd begann sofort zu randalieren. Er forderte den Zutritt, um vom Rektor persönlich das Hausverbot entgegennehmen zu können. Dann wollte er wieder im Rektorat Nachfragen, ob er sich nicht als außerordentlicher Hörer inskribieren lassen könne. Inzwischen war cW größerer Zug von Hakenkrenzlern von der Hochschule für Bodenkultur und von der Technik anmarschiert und forderten stürmisch Einlaß in das Gebäude. Die im Hause befindlichen hakenkreuzlerischen Studenten warfen ihren Kommilitonen Legitimationen aus den Fenstern auf die Straße, mit Hilfe derer es einer größeren Anzahl gelang, sich Eingang in das Haus zu verschaffen. Dort begannen die Radaubrüder Krakeel und sangen völkische Lieder. Mittlerweile verfügte der Rektor Hofrat Gruntzel die Sistierung der Vorlesungen und die gänzliche Sperrung der Anstatt. Die im Gebäude befindlichen jüdischen Studenten, etwa zwanzig bis dreißig an der Zahl, sammelten sich nun vor der Rektoratskanzler und wurden von den Hakenkreuzlern, die in riesiger Ueberzahl waren, zuerst angepöbell und dann geprügelt, wobei einige blutige Wunden davontrugen. Es kam zu einer argen Rauferei. Inzwischen erschien Hofrat Gruntzel und wollte Ruhe stiften. Er ivurde von den Hakenkreuzlern mit Gejohle und mit Pfuirufen empfangen, während ihm die jüdischen und sctzialistiscüen Studenten Ovationen darbrachten. Die Hakenkreuzler schickten einen Parlamentär zum Rektor und gaben du Juden fünf Minuten Zeit zum freien Abzug. Doch wurde dieses Anerbieten abgelehnt. Der Rektor, der befürchtete. daß die Hochschule bei einem neuerlichen. Zusammenstoß arg demoliert werden könnte, bewog die jüdischen Studenten, durch einen rückwärtigen Ausgang abzuziehen.. Während der Krawalle hatte Hofrat Gruntzel vom Polizeikommissariat Döbling Polizeiassistenz angesprochen und wandte sich, als ihm diese nicht obne weiteres bewilligt wurde, direkt an den Polizeipräsidenten Schober, der sofort ein größeres Wacheaufgebot vor die Hochschule dirigerte, um die Ordnung aufrecht zu erhalten. Während in der Hochschule die jüdischen Hörer von den Hakenkreuzlern, denen sich eine Anzahl bulgarischer Studenten zugestollt hatte, bedrängt wurden, hielt Körber draußen eine Brandrede, in der er erklärte, daß der Rektor Gruntzel, den ohnehin bald der Sensenmann holen werde, ihm den Eintritt in die Hochschule verwehre. Er, Korber, sei noch jung und könne warten, bis der Sensenmann über Gruntzel komme. Die Polizei hörte dieseaufreizende Rede, ohne gegen Körber einzu sch reiten. Bezeichnend für die Zustände auf den österreichischen Hochschulen ist der Umstand, daß ein Dozent, der vor die verschlossene Tür der Hochschule kam, sich dazu entschloß, seine Vorlesung unter freiem Himmel in dem der Hochschule benachbarten Park abzuhalten. Lange durfte er sich aber dieser Tätigkeit nicht erfreuen, denn bald kamen die Krawallmacher dahinter, daß irgendwo arbeitswillige Studenten dem Vortrag eines Hochschullehrers lauschten, und störten dieses frevelhafte Beginnen. Als die Hakenkreuzler sahen, daß sie bereits nach ihrem siegreichen Uebersall allein auf dem Kampfplatz geblieben waren, zagen auch sie unter Absingung von Liedern ckb. Die jüdischen Studenten, denen eine Abordnung von jugoslawischen Hörern ihre Sympathie ausgedrückt hatte, werden morgen um 7 Uhr abends im Cafe Helvetia, Langegässe 61, eine Protestvessammlung gegen diese Vorgänge abhalten, zu der auch die anderen arbeitswilligen Studenten ihr Erscheinen zugesagt haben. Grazer völkische gageadspirle. Samstag nachts kam in Graz wieder einmal der Furor teutonicus aus. Der tschechoslowakische Geselligkeits- und Unterstützungsverein „Prah a" hielt aus dem Schloßberg eine Tanzunterhaltung ab. Etwa hundert völkische Recken, die das Schwingen des Tanzbeins offenbar als Verstoß oder Eingriff in die edelvölktschen Belange ansahen, krawallierten vor dem Gastlokal, wurden aber schließlich von der Wache zerstreut. Ein Teil der im Kampfe um den deutschen Charakter des Grazer Schloßberges von der Wache verjagten Heldenschar, zog dann vor das Konsulat der Tschechoslowakischen Republik und schleudette unter Gejohle Steine gegen das Konsulatsgebäude, wodurch zwei Fensterscheiben in Trümmer gingen. Zwei der Stt! nmerfer wurden v er haftet. Wie nun amtlich gemeldet wird, ist der tschechoslowakische Gesandte Bavreeka gestern beim Bundeskanzler erschienen und hat diese Vorfälle zur Sprache gebracht. I Der Bundeskanzler, dem bereits ein Bericht der steiermärkischen Landesregierung vorlag, klärte den Gesandten über den Hergang der bedauerlichen Ausschreitungen auf und versicherte, daß die kompetenten österreichischen Behörden alles Erforderliche veranlassen, um die Schuldigen zu eruieren und der V e-- straf«ng zuzuführen. BMiger tltfttifdjtr Strom für die Reilamebellnchtung. Die Gemeiitde Wien gewährt den Geschäftsleuten, die ein volles Jahr hindurch täglich von sechs bis 10 Uhr abends ihre Reklamebe leuchtung benützen, einen 50prozentigcn Nachlaß aus den gewöhnlichen Strompreis. Es hat sich nun ergeben, daß eine große Zahl von Geschäften die Reklanvebeleuchtung wohl täglich bis IO Uhr abends und noch länger benützen, jedoch die Bindung auf ein volles Jahr nicht eingehen können. Für diese Reklamebeleuchtnng ivurde bis jetzt je nach der von sechs Uhr abends an verbrauchten Strommenge ein Nachlaß von fünf bis 20 Prozent gewährt. Um auch diesen Geschäften die Vorteile des ermäßigten Strompreises zu bieten, hat der Gememderatsausschuß für die städtischen Unternehmungen gestern einen Antrag beraten, nach dem für Auslagen- und Außenbeleuchtung von Sai'ongeschäften, die durch mindestens sechs au 'einander so 'ge nde Monate vom Einbruch der Dämmerung bis 10 Uhr abeirds in Betrieb sind, für den von sechs Uhr abends bis sieben Utyr früh verbrauchten Strom ein 36prozentiger Nachlaß gewährt wird. Diese Begünstigung w'rd sofort t-' twtr* Set zweite Messetag. In allen Messehäusern begann gestem in den meisten Branchen lebhaftes Geschäft. Im Mesfepalast standen inr Mittelpunkt des Interesses: Lederwaren, mechanische Spielwaren, Marmor- und Bronzewaren, Holzgalanteriewaren, Sportartikel, Groteskpuppen. — In der Neuen Burg wurden Abschlüsse in der Schuh- und Ledermesse, in Damenwäsche, Trikotagen und Ledergürteln nach den Bundesländern, Polen und Ungarn, England, Amerika Jugoslawien, Rumänien getätigt. In der Rotunde zeigte sich vorwiegend starkes Interesse für kleinere Am lagen und Maschinen. Königlich-ungarischer Mädchenhandel. Der Prozeß von Mlskolcz. Budapest, 14. März. Der M'.skolczer Strafgerichtshof setzte heute die Verhandlung im MädchenhäntLerprozeß gegen die Mi!g"ieder des dortigen staatlichen Arbeitstiermittlungsamtes fort. Die h ute vernommenen Zeug«, zumeist verführte Mädchen, betonten al.'e, daß sie unter dev Vorspiegelung nach Mezö-Csat gelockt wurden, daß sie dort als Kindergärtnerinnen Slel rmg finden würden. Einige Tage waren sie tatsächlich-als Kindergärtnerinnen beschäftigt, es wurde ihnen jedoch bald klargemacht, daß sie in den Nachtlokalen der Madame Großmann die männlichen Gäste zu unterhalten haben. — Auch tut Laufe der heutigen Verhandlung mußte wiederholt die Oefsentlichkeit ausgeschossen werden. Die Verhandlung wird morgen fortgesetzt werden. Das' teil dürfte erst am Ende der Woche gefällt werden. Las New Aorker Schachturnier. Die fünfzehnte Runde. Aus New Jork wird berichtet: Der dritte TurnuS des S-echsmeisterturnievs ist absolviert und es sind nur mehr noch 5 Runden zu erledigen. Nach dem bisherigen Ergebnis ist Capablanca kaum mehr zu schlagen: in der 1b. Runde hatte er Niemzowitsch zum Gegner und konnte in entscheidenden Vorteil gelangen; nach fünfstündigem Kampfe wurde die Partie übge-brochen. Vidmar gewann a!ls Nachziehender in einer französischen Partie gegen Marfhall. Aljechin remisierte mit Spielmann. Stand nach der 15. Runde: Capablanca 10 (1 Hängepartie), Aljechin 8, Niemzowitsch VA (1 Hänegpartie), Vidmar 7!/2, Spielmann 6, Marshall 5. Das nächste große internationale Turnier ist das P o t a 11 u r n t c r des Weltschachbundes, das in London ausgetragen tverden und zum erstenmal eine ansehnliche Zahl von Großmeistern vereinigen wird. Bisher haben zugesagt: Aljechin (für Frankreich), Dob» tor Tartakower und Przepiorka (für Polen), Dr. Tarraich, Mieses, CarleS und Wagner (für Deutschland), R e t i, Dr. Treybal und Gilg (für die Tschechoslowakei, au-S der vielleicht auch der Prager Großmeister D u r a S zu erwarten ist, der schon lange an interna« tionalen Turnieren nicht teilgenommon hat), G r ü n - selb und Kmoch (für Oesterreich), Dr. Vidmar und Vukovich (für Jugoslawien), Maroczy (für Ungarns Calle und Koltanovfly (für B§lgien), Dr. E u w e (flv Holland). Skdbebm in Neapel. Wie aus Neapel gemeldet lvird, haben Sonntag um 11 Uhr 40 Min. nachts die Seismographen des Besuv-Observatoriums einige Erdstöße vulkanischer Natur verzeichnet, die auch in Neapel und den Orten um den Vesuv von der Bevölkerung verspürt wurden. Jnfolg< der starken Regengüsse ist der Arno um viev Meter 20 Heu timeter gestiegen, doch sind bisher noch feine Ueberschweiw mungen eingetreten.

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