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Wiener Morgenzeitung · 1927-03-15 · Heft 2890 (15.3.1927) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
9 (1927)
Issue
Heft 2890 (15.3.1927)
Date
1927-03-15
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Jahrgang Sie Kaniontrnppen bei Nanking. London, 14. März. Heute abends aus Schanghai emgetrofsene Meldungen bestätigen die Nachricht, daß General Tschang-Tschung-Tschang beabsichtige, Schanghai zu räumen und sich nach Norden zurückzu ziehen, so daß die Kantontruppen Schanghai ohne Widerstand besetzen köimten. Die Kantontruppen stehen etwa 30 Meilen von N a uking entfernt, und der Fall der Stadt steht unmittelbar bevor. 2>ie Schanghai flotte hat sich als unabhäng i g erklärt. Ser Kampf gegen Strefemami. m Deutslynallonalen fürchten für ihre Portefeuilles. Berlin, 14. März. Die rechtsstehenden Blätter behalten größtenteils ihre ablehnende Haltung gegenüber Dr. Stresemann und der von ihm in G.nf eingeschlagenen Taktik bei. Wie jedoch das „Berliner Tageblatt" von gutunterrichteter Seite erfährt, scheint nur der völkische Flügel der Deutschnationalen entschlossen zu sein, gegen Dr. S t r efemann vorzustoßen. Dagegen soll die offizielle Leitung der deutschnational'n ReichstagöfraMon entschlossen stin. alle Konflikte zu vermeiden, die geeignet kein könnten, die Regierungskoalition zu erschüttern. Es soll daher auch von offiziellen deutschnationalen Kreisen versucht worden sein, in diesem Sinne auf die deutschnationale Presse einzuwirken. Da« Urteil im Fürgem-Prozeß. Jürgens natürlich freigesprochen. Berlin, 14. März. (Wolfs.) Die Verh nd'uni des Jürgens-Prozesses schloß mit der Veru-triung der Frau Jürgens wegen Meineids zu fünf Monaten Gefängnis, die durch die Unter uchung'ha t a s re büß an gesehen werden. In den übrigen Ankägspuukteri wur>e sie freigesprochrn. Der angek'ag e Landgerichtsdirektor Jürgens wurde freigespro chen. Vor dem Gerichtsgebäude in Moabit hat en sich aus Anlaß der Schlußverhandlung einige tau'end Kommunisten eingefunden und demonstrier en mit den Ru'e: , Rieder m't Jürgens! Klassen'ustiz!" Ein Bierkutscher sn',r versehentlich in einen Trugst Demonstrierend?r hinein. Er wurde vom Bock gerissen und verprügele ehe ihn die Poliz i befreien konnte. Es kam zu erheblichen Tumulten, wobei die Polizei mit Gummiknütteln vorging. Die Wischen Gemeindeira'ilen in Köln. Ein Hakenkreuzlerüoevfall. Köln, 14. März. Wie die „Kö nifche Zeitung" meldet, karn es hier gestern an'äßlich der jüdischen Gemeinde- Wahlen (über deren Ergebnis wir gestern bereits berichtet haben. — Die Red.) vor der Synagoge i n de r R o o n st raße zu einem Zu'ammenstoß zrichn An^h.'rigen de. nationalsozialistischen A r b e i t s p a r t e i un dischrn Gnn-indemitgie ern, wob i mehrerePersonen verletzt wurden. Die Po izei nahm mehrere Berha.tunken vor. Der Polizeipräsident hat, auch mit Rücksicht auf andere Vorkommnisse der letzten Zeit, öffentliche Umzüge der nationalsozialistischen deutschen Arbeiterpartei, der deutschvölkischen Freiheitsbewegung, des „Stahlhelm", des „I u n g st a h l h e l m", des „Werwol f", desFrontkriegerbundes, des „Treubundes Schageter", dcr „Eisernen Schar" und des Frontbundes ver boten. Horthhg H.'IVen. Exzesse dreier betrunkener Soldaten in Budapest. Budapest, 14. März. Sonntag in den frühen Morgenstur den began nen ohne jeden Anlaß auf dem Theresienring drei betrunkene Soldaten auf die Passanten mit dem Bajonett loszugehen. Männer und Frauen flohen nach allen Richtungen; wer flicht entkam, wurde blutig geschlagen oder gestochen. Fünf Detektivs traten den Soldaten entgegen, wagten jedoch nicht, von ihren Schußwaffen Gebrauch zu machen und wurden von den exzedierenden Trunkenbolden, die blind um sich stachen, durch Bajonettstiche schwer verletzt. Erst nach einer halben Stunde tauchte ein Polizist auf, der allein natürlich nichts ausrichten konnte. Erst als polizeilicher Sukkurs kam, wurden die Exzcdenten von drei Wachleuten, die von der blanken Waffe Gebrauch machen mußten, überwältigt und in Haft genommen. Bei diesem Erz ß der betrunkenen Söldner wurden 36 Personen, darunter ein'ge sehr schwer, verletzt. Las ungarische Pro Paiösiiaa-Komitee. B u d a p e st, 14. März, 'ur Förderung der Ausbaubewegung in Palästina und zur Bekundung der Sol darität mit der Judenheit der ganzen Welt hat sich hi.r ein Bund umer dem Titül „Pro Palaestina" gebildet. In der konstituierenden Versammlung wurden in den Präsidialrat gewählt: Hofrat Franz S z e k e l y, Dr. Baron Adolf K o ß n e r, Hofrat Karl B a r a c s, die Universitätsprof-cssoren Bernhard Alexander und Dr. Julius Donath, Oberralüiner Bertold Edelstein, Oberfiskalrat Alexander Fleißig, Oberrabbiner Dr. Julius Fischer, Oberrabbiner Dr. Benjamin Fischer, Professor Bernhard Heller, tzofrat Aladar Kaßab, Doktor Adolf K r i s h a b e.r, .Oberrabbiner Dr. Arnold Kiss, Professor Ignaz Pfeif f e r, Dri Leopold O ßt e r n, Oberrabbiuer Dr. Samuel Schlesinger (Debrecen), Hofral Samuel Stern, Rabbiner Dr. Max W e i ß. Das Ministerium des Innern hat die Statuten des Bundes genehmigt. Der Kolonisationsausschuß hat unter dem Vorsitze Professor Ignaz Pfeifers seine Tätigkeit bereits begonnen. Senator Borah über den jponistnj». Washingto u, 14. März. Senator Borah, der Vorsitzende der Senalskommission für auswärtige Angelegenheiten, wohnte dem Bankett bei, das am Vorabend der Eröffnung des amerikanisch-jüdischen Kongresses stattfand. Dr. Weizmann hielt eine längere Ansprache und, sich an Senator Boiah wendend, sagte er: „Palästina nimmt eine zentrale Position im jüdischen Leben ein. Wir haben uns entschied n, zu bestehen und nicht vom Schauplatz der Geschick).e zu verschwinden. Wir müssen noch in dieser Generation eine halbe Million Juden nach P a l ä st i n a bringen. Hiezu erbitten wir, nein, fordern wir, d:e Unterstützung der Staatsmänner." Senator B o r a h erwiderte: „Die zionistische Bewegung ist eines 'der ergreifend st en Geschehnisse in der Weltgeschichte. Die Rasse, die zum Aufbau aller Zivilisationen unter der Sonne beigetragen hat, will nun für sich selbst ein Heim errichten. Es ist dies ein wunderbares Unternehmen, wert der intellektuellen Kraft und des moralischen Mutes des Volkes. Ich hoffe bestimmt, daß der Erfolg eintreten wird. Ohne einen Schuß abzufenern, sagte Dr. Weizmann, wolle man das Land aufbauen. Dieses Wort sollte zum leitenden Prinzip in allen internationalen Angelegenheiten gemacht werden." Ser Streik in Lodz. SssammMSi mit I« Polizei. - eint neue BennMlM o» Regierung. Lodz, 14. März. (Tsch. P. V.) Trotz dcs behördlichen Versammlungsverbotes fanden heute in Lodz Massenversammlungen der st r e! k e n d en Arbeiterschaft statt. Nach den Versammlungen veranstalteten die Streikenden eine Straßendemonstration, wobei es zu einem Zusammenstoß zwischen den Manifestanten und der Polizi kam. Zahlreiche Arbeiter erlitten hiebei Kontusionen. Für morgen sind weitere Straßendemonstrationen und Versammlungen der. Streikenden angpkündigt. Der Arbeitsminister hat beschlossen, eine neuerliche B e r m i t t I.u n g s a k t i o n zu unternehmen. Im redaktionellen Teil enthaltene entgeltliche Mitteilungen sind durch ein vorangesetztes E gekennzeichnet. Die gesperrte Hochschule. —y, Men, 15. März. Das ist das Wien der Messezeit. Die Hochschule für Welthandel mußte gesperrt werden. Stundenlang wurde in der Aula gefunden und geprügelt, der Rektor, ein Mjähriger Mann, wurde von der Ehrenlegion beschimpft. Die Polizei stand draußen an den Türen und sah zu. Die Autonomie verbietet ihr den Eintritt, und da die Autonomie geschützt werden muß, so ist die Schließung der Anstalt die einzige Maßregel, die der Rektor treffen darf. Er ist seines Lebens nicht mehr sicher, und die fremden Kaufleute, die sich zur Messe eingefunden haben, sehen hier Dinge, die anderwärts nicht zu finden sind. Es gibt keine Stadt, in der ein solcher Vorgang auch nur eine einzige Stunde lang geduldet würde, mch wenn nichts anderes, so müßte die Rücksicht auf erneu alten verdienten Gelehrten das sofortige Eingreifen der für den guten Namen dcs Staates verantwortlichen Stellen erfordern. Das ist in Wien noch nicht erkannt worden. Hier hat die Autonomie den Vorrang. Sie ist mit einem Mildcrungsgrund ausgestattet: die Exzesse richteten sich nur deswegen gegm den Rektor, weil er die Juden seiner Anstalt schützen wollte. Damit hat er sich gegen ein geheiligtes Recht vergangen, und nicht nur deutschvölkische, sondern auch bulgarische Studenten seiner Hochschule nahmen erbittert gegm ihn Stellung. Mich diese Bulgarm sind in ihrer nationalen Würde gekränkt. ' Diese Hochschule nun ist gesperrt. Der Furor, der dort aus geschlossene Türen stößt, wird nun irgmdwo anders sich Luft machen, wo chm ebenfalls ein rbeitsseld offen ist, so an der Universität oder an der Technik oder an der Hochschule für Bodenkultur. Hochschulen sind hierzula»;e dazu da, daß der Numerus clcmsus als Forderung der bodenständigen Kultur in der ihr entsprechenden Weise verfochten wird. Er steht unter dem Schutz der Autonomie. Die Lehr- und Lernfreiheit ist nur ei» dummer Plunder, den Juden und Jkhmknechte verlangen, die nicht verstehen, was eigmtlich akademischer Boden ist. Er hat seine eigene Gerichtsbarkeit, und sie ist, wie sich das für diese Dame schickt, blind. Sie weiß nie, wann sie einzugreifen hay und wmn sie es einmal ja weiß und etwas wagt, wie in dem Falle des Rektors Gruntzel, dann ist die Antwort der Wink mit dem Sensenmann. Das ist gestern gerufen worden, nicht in der autonomiegeschützten Schule, sondern draußm auf der Straße. Der Rufer ist trotzdem nicht in Hast, obzwar doch, wie bekannt, die Autorität des Gesetzes oberstes Prinzip des österreichischen Staates ist. Dieses Prinzip besteht in der Schließung einer Anstalt, und es wird an der Schule angewendet, der in der Messezeit eine ganz besonders Bedeutung zukommt. Es ist auch Wahlzeit, und die Parteien beraten über .einen Burgfrieden, um die Atmosphäre nicht allzusehr überhitzen zu lassen. Der Appell an die Roheit soll vermieden werden. Das ist ein löbliches Beginnen, aber es scheint, daß alle Interessierten gerade an dem Wichtigsten Vorbeigehen. Sie sind mit Schuld beladen. Die krawalliercnde Ehrenlegion exerziert auf einem der Gemeinde Wien gehörigen Uebungsfeld; chre Mitglieder stammen zumeist aus den Bundesländern. Das sind für die Parteien sehr heikle Punkte. Noch heikler ist der Umstand, daß der Haß den Juden gilt. Die Sozialdemokraten sind keine Judenschutztruppe; die Christlich sozialen brauchen die Antisemiten der Tat für ihre antimarxistische Einheitsfront. Zu einer Front gehören Sturmtruppen, und die sind doch h:er in des Wortes voller Bedeutung vorhanden. Zudem sind ja die meisten der überfallenen Studenten zionistisch orientiert, und ihre Gesinnungsgenossen kommen für keine der um die Seele des Volkes ringenden Parteien in Betracht, da sie nur und ausschließlich jüdisch wählen. Es ist also nicht nötig, sich zu echauffieren und die Autonomie der Hochschule etwa zu verletzen. Wenn es zu arg wird, dann wird zugesperrt, und mit dem Sensenmann mag sich abfinden, wer will. Die Fremden, die zur Messe nach Wien gekommen sind und die in der Mehrzahl Juden sind, erhalten auf solche Weist einen guten anschaulichen Unterricht. *H*umatischen Beschwerden mehr nach einer ein fachen ^renecm-^rinkkur!

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