Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 2888 (13.3.1927)
- Date
- 1927-03-13
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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%t. 2888 'Stell, Gvnntag ÜKt099CftJ|4l(tMttQ M. MSq im mmt diesem Wahlkreis gibt eS mindestens 7 0.0 00 jüdische Stimmen und zur Erlangung eines Mandats werden voraussichtlich 18.000 Stimmen Notwendig sein. Mit btt Aussichtslosigkeit ist es also nicht weit her. Denn seinerzeit die Sozicckbemokraten diesem Schlagwort erlegen ivären —^ es gäbe heute keine fozialdemokratische Partei. Wenn die Juden sich auf sich selbst besinnen werden, dann gibt es keine Aussichtslosigkeit. Der Herden in stinkt mutz endlich getötet werden. (Stürmischer Beifall.) Der letzte Redner, Gemeinderat Dr. Plaschkes, gab eine Darstellung seines Kampfes für die jüdischen Interessen während seiner Mandatsdauer. Die „Arbeiter- Zeitung" wirft mir — so führt er ans — vor, daß ich ein Reaktionär bin, daß ich, der Oberzionist, die Ausschreitungen der Hakenkreuzler an den Hochschulen billige und daß ich mit Seipel über die Einheitsfront verhandle. Ich erkläre das alles als i n fä me Lüge. Wir sind als treue Bürger dieser Republik nicht geneigt irgend etwas zu tun, was die sozialen Errungenschaften schmälern könnte. Wir sind nicht geneigt, in der Frage des Mieterschutzes, der Alters-, Invalidität s- und E r w e r b s l o s c n f 6 r s o r g e Konzessionen zu machen. Wir verlangen aber, daß eine Solidarität herbeigefühvt werde zwischen den jüdischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern. Ich habe als Gcmeindcrat wiederholt Gelegenheit gehabt, mich mit der Finanzpolitik Breitners zu befassen. Ich habe in mehreren Budgetreden beispielsweise darauf hingewirkt, daß der 25proze»tigc Verzögerungszuschkag unhaltbar ist. Jetzt vor den Wahlen hat ihn Breitner auf 10 Prozent herabgesetzt. Auch den Mnobesitzern ist Breituer jetzt entgegen gekommen und seinen Steuerexokntoren hat er Höflichkeit ausgetragen. Auch Kienböck wetteifert jetzt vor den Wahlen mit ihm in der freundlichen Behandlung der Steuerzahler, Wenn wir alle sechs Monate Wahlen hätten, die österreichischen Staatsbürger brauchten sich wahrlich nicht über übermäßige Steuern zu beklagen. (Heiterkeit) Im Gnnelnderat bin ich immer für die Aufrcchterhaltung des städtischen Wohnhausbaues eingetreten, doch habe ich gefordert, daß zu diesem Zwecke eine Anleihe ausgenommen wird, die es ermöglichen würde, auf fast sämtliche städtische Steuern zu verzichten. Der Bund hat immer die Ausrede, daß er keine Möglichkeit hat, die Steuern herabzufetzen, Breitner hat die Möglichkeit, wir haben cS ihm gezeigt, er wollte unseren Weg aber nicht gehen. Die meisten Maßnahmen — ob sie nun vom Bund oder von der Gemeinde ausgehen — richten sich gegen Juden. Wir müssen deshalb dahin trachten, daß sowohl im Parlament als im Gcmeindcrat aufrechte jüdische Mandatare ihren Platz finden, die den Herren von rechts und links gehörig auf die Finger klopfen, wenn sie es wieder unternehmen sollten, Anschläge gegen das österreichische Judentum vorzubereitcn. (Lebhafter Beifall.) Es geht jeden an denn jeder ist den Unbilden einer Verkeilung ausgesetzt, die von vcrhflmtnlsvolleii folgen begleitet sein kann. Der beste Schutz gegen Verkühlung ist die Abhärtung und die Stählung des Körpers, die am besten durch s t ä n d i g e n Gebrauch des DIANA Franzbranntwein mit Menthol ermöglicht wird. lleberall erbaillKb. Unbekannte Briefe Adolf Nfchhofs. Sei» BerhSltnIs zum Judentum. Heute kehrt zum 34. Male der Todestag des „Wersau von Emmersdorf" wieder, der mit dem schicksalSbollen Märztag der Rsvolution des Jahres 1848 identisch ist. Ueber die Bedeutung Dr. Adolf Uschhofs in diesen Revolutionstagen über seine Tätigkeit als Präsident des SicherheitsauSschuffes, sowie über sein Wirken im Kremsterer Reichstag und schließlich über seine Persönlichkeit selbst ist bereits eine ganze Literatur vorhanden, und es erübrigt sich wohl, hierüber noch etivas zu sagen. Unbekannt ist aber sein Verhältnis zum Judentum. Der Ausruf, mit dem er im Jahre 1848 die Revolutionäre vor dem Landhause anfeuerte: „Wer keinen Mut hat, gehört in die Kinderstube", war Zeit .seines Lebens seine Devise in allen Fragen, auch in hezug auf das Judentum. Dabei beherrschte et noch vollkommen alle jüdischen Bräuche und Traditionen. Eine Bestätigung hiefür bietet eine Reihe von Privatbriefen Fischhofs, die bisher nicht veröffentlicht wurden. Wir lassen einige hier folgen, die wir der Freundlichkeit von Frau Rosa B a r b c r, der Tochter des Freundes Fischhoss, des Klagenfurter Kultuspräsidenten Mols Freund verdanken.' Am. 1. Tischri 5650 (1889) schrieb Fischhof Herrn Freund als Antwort aus eine ihn: von diesem zugekommene, in der noch bis heute sehr häufigen Form eines Wechsels gehaltene NeujahrSgvatulation: Hochgeehrter Herr! Wie konnten Sie, als jüdischer Schriftgelehrter einen Wechsel, wie den mir zugesendeten, ausstellen? Wissen Sie nicht, daß das jüdische Jahr nur 355 Tage hat, daß damit Jehoyah der Herr Ihre Wechsel nicht zu honorieren vermag? Ich Armer werde nun dafür bestraft werden, daß Sie schwer gesündigt. Ich sollte mit gleicher Münze bezahlen, ' aber aus Mitgefühl für Ihre sehr brave-Frau und Ihre zahlreiche Familie leiste ich auf die. Nekomeh Verzicht und stelle den Wechsel auf 355 Tage aus. Gott, der Herz und Nieren Prüft, und daher weiß, daß ich zwar kein koscherer, wohl aber ein ehrlicher Jüd bin, wird, wie ich hoffe, meinen Wechsel akzeptieren und es Ihnen, Ihrer hochgeehrten Frau Gemahlin und dem ganzen lieben Familienkreise so wohl ergehen lassen, als cs . wünscht Ihr hochachtungsvoll ergebener Emmcrsdorf, am 1. Tischri 5650. Dr. Fischhof. Daß Fischhof noch das jüdische Volksidiom beherrschte und auch den charakteristischen jiddischen Briefstil noch kannte, beweist eine an Freund gerichtete Karte vom Jahre 5652 (1891). Diese Karte ist hier im FaHm-Äe (Border¬ und Rückseite) wiedergegeben: tc -owp .-Op fä^nSJ pT^^r> *$&)J ° . Die Uebertragung lautet: „Vorgestern feierte ihren 5652 Geburtstag; das heißt, eine eiserne Gewnre haben. Gutes, laßt sich ihr nichts nachsagen. Alle Weisen, sogar unsere Großen, lassen an ihr kein gutes Haar. Bei. all dem soll sie hundert Jahre leBen. Es Kulturgeschichte Her Sisarette. 8« WMologte uni SMIoloole Bes ZaBafs. Von Armin T. Wcgncr. »Die Zigarette ist der vollkommene Typ des vollkommenen Genusses. Sie schmeckt immer und läßt immer unbefriedigt." Als Oscar Wilde im „Dorian Gray" diesen geistreichen Ausspruch tat, traf er damit eine der loeserttlichstenpsychologischen Merkmale der Zigarette; aber gewiß ahnte er noch nicht, daß man einmal geneigt sein würde, ein ganzes, noch in der Entwicklung befindliches Zeitalter vorahnend in ihr zu deuten. Daß die Kultur des Tees einen eigenen tiefen Kult, den TeeismuS, und eine Religion des Aefihetizismus mit sich, heraufführte, erstaunt uns bei so alten Völkern wie den Chinesen und Japanern nicht. Soll, vielleicht die Zigarette berufen sein, in Europa einmal eine ähniliche Rolle zu übernehmen? Noch vor nicht allzu langer Zeit war di« Kultur des Weines für die meisten von uns von nicht unwesentlicher Bedeutung, aber verglichen mit den östlichen Völkern Rieb doch immer etwas von Barbarismus an ihr hasten. ES gibt wenig Genußmittel, die für die Menschheit eine in gleichem Matze vercrllgemeinerungsfähige Bedeutung zu finden scheinen wie der Tabak, sagt Stephan Dirk in seinem Buch Mer die Zigarette, und man unterschätze eine solche Überlegung über ein bloßes Genußmittel nicht, weil sich mit der Kultur solcher Lebensgewohnheiten regelmäßig auch eine Kultivierung der Lebensformen überhaupt zu entwickeln pflegt, di« einen tiefen Einblick geivähren in das Wesen und die Seele der Völker. Es ist erstaunlich, wie wenige Raucher eine tiefere Kenntnis über das Wesen dtt Zigatette besitzen. Während es genügend Weinkenner gibt, die den Standort und Jahrgang einer Sorte nach dem Geschmack mrterscheiden können, ist dies bei der Zigarette in der Regel nicht der Fall. Bei dem Orientalen dagegen, der infolge des Moholvevbotes seiner Religion von vornherein viel mehr auf die Genußmittel des Kaffees, Tees und des Tabaks angewiesen war, begegnen wir einer Geschmackskrtttt, die unS geradezu als märchenhaft erscheinen mutz. Wie beim Wein spielt auch hier das Klima und die Lage des Landes, in der die Tabakpflanze gewachsen ist, für den Geschmack eine wesentliche Rolle. Aber damit sind die Vorbedingungen eines guten Geschmacks nicht erschöpft. Art und Bearbeitung des Bodens» die Sonnenlage, Zeit dtt Aussaat mb Ernte und schließlich die Stellung der einzelnen Blätter an der Pflanze siird von Bedeutung. Nur wäre es ein Irrtum, zu glauben, daß mit dem Trocknen und Zerkleinern dieser Blätter die Zubereitung des Rohmaterials beendet lvärc. Denn nun beginnt erst das eigentliche Problem. Selbst der denkbar edelste Tabak ist, für sich allein verarbeitet, überhaupt nicht rauchbar. Erst durch die Mischung Verschiedener Tabake entsteht das Täbakrnaterial für eine Zigarette. Die Regeln und Rezepte, in denen die Mischungen in den „Küchen des Tabaks" Vovgenommen werden, sind sehr komplizierter und verschiedener Art. Wie die meisten Speisen für sich genommen schal und leer schmecken und ihren Wert eigentlich erst durch entsprechende Goloürze,!vie z. B. Salz, Pfeffer, Ingwer, erhalten, so verhält es sich auch mit beit Tabaken. Die Gewürze selbst wiederum kynnen nicht allein genossen werden. Deshalb unterscheidet man, wie bei anderen gastronomischen Stoffen, „Würztabake" und „Fülltabake", die eine ruhige Grundlage für die Wirkung dieser Gewürze ausgeben. Das Gsheinlnis ihrer Mischungen ist das wesentlichste Besitztum jedes Zigarettenfabrikanten. In der Regel sind als „Köche" dieser Mischungen nur Orientalen brauchbar. Sie, die in ihrer Heimat oft nur durch den Geschmack der Zunge die Httkunst des Wassers der verschiedenen Quellen erraten, können mit nachtwandlerischer Sicherheit beim Rauchen auch die Heimat des in der Zigarette verwandten Tabaks sowie die Art der dabei vorgenommenen Mischung feststellen. Ja. es gibt Orientalen, die beim Rauchen einer Zigarette sofort die zehn odtt zwanzig maßgebenden Würztabecke aufzählen, die darin verwendet worden sind. Ehre weitere Rolle spielt das'Format, die Länge und Breite der Zigarette je nach der Schärfe oder Milde, nach der leichteren oder schweren Brennbarkeit des Tabaks,, und zwar in solchem Matze, daß die gleiche Mffchung in dem einen Format einen hervorragenden Genuß getvährt, in einem anderen dagegen nahezu ungenießbar sein kann. Zur.Kenntnis von dtt Msschung der Tabake rvird sich fegi; dem kultivierten Raucher die Erfahrung über den Äugenblickdes Genusses gesellen: das Wann, Wie und Wo des Rauchens, rmd damit kommen wir.zu der interessantesten Sette unserer Untersuchung, dem Zusammenhang des Tabakgemrsses mit der Psychologie der Menschen. Je nach der Stümmmg, der Tageszeit, dein Ort!>«3 Aufenthaltes, ob dies nach einem guten und reichlichen Essen., bei der Arbeit, in einer Theaterpause odtt. aus dtt Straße geschieht, wird der enrpfindsarnr Raucher eine Zigarette mit milder und versöhnlicher oder mtt erfrischender und anregender Wirkung vorziehen. Er weiß, baß e§ Tabake gibt, die einschläfernd wirken oder den „Rausch süßer Sinnlichkeit" erwecken und andere, die „kriegerisch srri-d wie Janitscharermrusck". Tatsächlich kann inan durch den Tabakgenuß einen völligen Gegensatz, sowohl eure Anregung wie eine Berhigmrg erzielen. Diese Wahl des Tabaks wird natürlich neben dom augenblicklichen Anlaß durch den Charakter und das Temperament des Rauchers beeinflußt,, wobei auch die Heißblütigkeit der Jugend oder die Gesetztheit des Alters ihre Rolle spielen. Und hier ergibt ch ein interessanter Rückschluß auf dm Zwmm.icnhang dcZ Täbakgenusses mtt dem Charakter der verschiedenen Völker. .Dtt genießerische und kultivierte Holländer der alten Zett, der die schweren Importen vorzieht, zeigt zmn Beispiel mtt der Beschaulich?'it des Gemrsses das Bild eines vergnügtem gut saturierten Menschen, der ein ruhiges, streng geregeltes Leben führt. Dtt Spanier dagegen, dessen. Pfeffersuppen schon für uns ungenießbar sind» zieht einen Tabak von einer Gaftigkett des Geschmackes vor, dem schon fast eine genicherische SeWstquälerri zugrunde liegt und die Vemnukmg aufiommen läßt, daß seine schon abgestumpften Sinne nach Sensationen verlangen, die an die grausamen Instinkte seiner Stierkämpfe erinnern. Worin abtt besteht nun eigentlich dtt gehe imrrisvolle Genuß des Rauchens? Es ist enr Irrtum, seine Ursache allein in der gelviß ausschlaggebenden narkotischen Wirkung zu suchen. Die Geschmacksempfindung des Tabaks wirb weniger durch die Zunge vermittelt als in erster Linie durch die GeruchSnerven der Nase, dann durch die Wärme des Rauches, der kalt geradezu eine unangenehme ' Wirkung Hervorrust, und schließlich tu nicht unerheblichem Grade auch durch das Lastgefühl. Dazu kommt die Lew» nähme des AugeS und die automatische Bewegung der Lippen und Hände, die in ihrer Wiederholung und Gleichartigkeit, ähnlich wie die verschiedenen Perlenketten, die der Orientale beinr Gebet drmh die Finger gleiten läßt, mit zur inneren Beruhigung beitragen. Der Europäer pflegt bei dem hastigen Tempo seines Lebens allerdings in der Regel mehr eine Anreizung als eine Besänftigung darin zu erblicken. So setzt sich.!vie bei den Kunstwerken der Musik, dtt Geschmacks- Mord des Rauchens <nkö dem Zusammenhang dtt berschte-