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Wiener Morgenzeitung · 1927-03-13 · Heft 2888 (13.3.1927) · p. Seite 2

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
9 (1927)
Issue
Heft 2888 (13.3.1927)
Date
1927-03-13
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Teile S «v.en, Sonntag Wiener Morgenzeitung IS. MLrz LS27 Nr. 2888 « WIENER MORGENZEITUNG KUPON za dem Kreuzwort-Rätiel Nr. 29 WIENER MORGENZEITUNG [gj] Hl Kupon Nr. 4 ID |p| zu dem (pj |~l SPORTPREISAUSSCHREIBEN g| Sie M.„. Des 24. «Pr«. —y, Wien, 13. Ntärz. Der 3?atiouaIrot hat sich aufgciüjt, h-ärt aoer tro^un noch Sitzungen ab. Es ist ein merkwürdiges Bild, dieses Parlament, das in seiner Agonie noch Lebensmut Vortäuschen will und das doch schon unter dem Druck der Wahlkampagne steht. Die Parteien und ihre Angehörigen versuchen sich noch als Gesetzgeber, aber draußen, in der Stadt und aus dem Lande, schreieil schon die Plakate voll den Wänden: „Wählet!" Es ist eine heitere Sache, Wahlasfichen nach dem Wahltag zu lesen; es ist aber diesmal eine noch heiterere Sache, di^se Mahnung an die Wrechnung zu sehen, während der zu Bestattende woch zugegen ist und nach der Wahlparole sucht. Er suggeriert sich noch Mut, aber draußen geraten schon die Wähler aneinander. Sie sind jetzt die Macht. Wer die Parteien, die sich um das Vertrauenbewerben, wist sen das noch nicht. Die süße intrigcngesättigte Couloirlusl benebelt sie noch. Die Christlichsozialen sammeln alle Süllden der Sozialdemokraten zusamlnerl, die Sozialdemokrateil schlagen rasch noch einmal nach, leas die Christlichsozialen begangen haben. Die Reden sind auf den Versammlungston gestimmt. Wer feilte Partei denkt an den Wähler. An den braven ruhigen Mann, dem es ekel ist vor diesem Treiben, das den Begriff der Politik, des Lebens der Gemeinschaft, besudelt und das so tut, als gebe es nichts Besseres, als was das schön und schwungvoll stilisierte Programm besagt. Der Wähler ist der Staat. Auf seiner Arbeit baut sich die Gesellschaft auf, und je kleiner er scheint, je verächtlicher er behandelt wird, um so wichtiger ist er für den Staat, der doch nur leben tarnt, wenn jeder feine Pflicht tut, jeder seine Steuer zahlt und jeder das Neides Gesetzes nach Möglichkeit vermeidet. Vom Wühler, von seiner Bedeutung und von seinen Sorgen, die so kleinlich scheinen und doch für ihn das Gewichtigste sind-, sollte in den Versammlungen gesprochen werden. Hat sich deine Lage in den vier Jahren gebessert? Was hat dir die Allgemeinheit, die sich Staat nennt, für deine Ab gaben geleistet? Kannst du deine Kinder besser erziehet!? Wohnst du besser? Ist dein Leben schöner, reicher an Werten geworden? Wird der Staat so verwaltet, daß dir und allen der Frieden gesichert ist? Ist die Republik, in der dir lebst, eine Republik, ein Gemeinwestm an dem du in Liebe hängst? Das sind die Fragen, die den Mann auf der Straße, die Frau in der Wirtschaft bewegen und die von. den großen herrschenden Volksparteien in dem Dunst der Versammlungsphrasen bis zur Unkenntlichkeit verwirrt worden. Vier Jahre lang war der Wähler, der Mann und die Frau ausgeschaltet, jetzt steht er der Demagogie gegenüber und sieht ihre verzerrte Fratze. Wir waren doch diese vier Jahre? Erfüllt von ellem Gezänk, von einer maßlosen ungenierten Korruption; nicht um die Macht, die nochimmerhin ethischen Inhalt haben kann, ging das Ringen, sondern um die Kasse. Der innere Frieden ist verloren gegangen,, die Jug-.nü zum Haß erzogen worden. Die Freiheit des Denkens, d^s Wissens und Gewissens ist zur Farce geworden, weil bi; zwei herrschenden Parteien sich der Kontrolle entziehen konnten und den Parteien, die nicht so wollen wie sie, den Zutritt zum Volkshaus verrammelt haben. In diesen vier Jahren ist gegen den Wähler gearbeitet worden. Immerhin aber konnte der deutsche Wühler, der in den Landtagen und in den Gemeindestuben vertreten ist, einen Schutz seiner Interessen finden. Er ist nicht so wehrlos gegen die Immunität der Demagogie. Wer der jüdische Wähler war ohne Vertretung, ohne Schutz, ohne Tribüne. Er hat in den vier Jahrm es bitter gebüßt, daß seiner damals im Oktober 1923 nicht so viele waren, als die Parlamentskoterie vorschreibt. 25.000 jüdische Männer und Frauen haben damals erklärt, daß sie ihre Vertretung nur jüdischen Personen anvertraut Nüssen wollen; daß sie nur bei diesen Personen ihres Stammes und Blutes Verständnis für ihre Beschwerden und Sorgen finden können. 25.000 jüdische Männer und Frauen hatten erkannt, daß die jüdischen Personen, die in der Sozialdemokratie sich befinden und dort oft an führender Stelle stehen, nicht als jüdische Vertreter im Parlament und vor ihrer Wählerschaft gelten wollen, da sie ihr Judentum als Fleck empfinden. 25.000 jüdische Männer und Frauen gelten diesem Wahlgesetz als eine zu geringe Zahl, obzwar sie doch einen sehr hohen Prozentsatz der jüdischen Bevölkerung darstellen. In diesem von den Wahlkreisschneidern zurechtgeflickten Gesetz gilt nicht der Sinn der Wahl, nicht der Gedanke, daß jede ln der Bevölkerung sich zeigende Strömung zum legalen Ausdruck kommen soll; in diesem Gesetz gilt nur die Zahl. Nun, so muß die Zahl der jüdischen Männer und Frauen anwachfen, fo sehr, daß sie auch den Verderbern dieses Staates genügend erscheint, so sehr, daß sie zu eitler riesigen Manifestation einer Bevölkcrungsschicht wird, die sonst im Schatten leben muß. Durch vier Jahre tvurde sie drangsaliert,. beleidigt, verhöhnt; Proskriptionslisteu gegen Juden, Ritualmordplakate konnten erscheinen, an den Hochschulen tobt sich ber Tekror aus, der jüdische Kaufmann wird in der Steuerschraube zerdrückt, und im Parlament konnte er nicht einmal Protest erheben. Die eine Partei fleht ihn als Exponenten des -ersetzenden jüdischen Einflusses an, die andere Partei alS bekämpfenswerten jüdischen Kapitalisten. Der jüdische Student gilt der einen Partei als eine Gefahr für den deutschen Charakter, der andvr-n als der Hakennäsler. Der jüdische Grundbesitzer ist den einen der Jud, den anderen der Jujd und Landesverräter. Die Schubimd Schulbestimmungen des Friedensvertrages Sächsische Strümpfe und Handschuhe Adolf Tarier, Wien, I., Kohlmessergasse 8 «V* x»r Hmni HMhaif, Saal 0, Kaja Mit -HM hängen irgendwo in einem Kamin. Es gab keinen jüdischen Vertreter, der von der Tribüne des Parlaments dieser permanenten Schände hätte entgegentreten können. Das müssen die jüdischen Männer und Frauen korrigieren, alle zusammen, alle ohne Ausnahme, Mann für Mann und Frau für Frau. Das ist die Ehrenpflicht, zu der das jüdisch' Volk Wiens am 24. April gerufen wild». Die Wiener Fndenschaft und die Wahlen. Sin Wisches Massenmeeting im zweiten Bezirk. In der Mischen Volksküche in der Krum m b aumgas s e fand gestern unter dem Vorsitz des Direktors Josef Brenner eine massenhaft besuchte jüdische Wählervec-- sammlung statt, in der als Referenten Dr. Desider Friedmann, Obevbaurat Robert Stricker und Gsmeinderat Dr. Leopold PlaschkeS angekündigt waren. Der erste Redner Dr. Friedmann beschäftigte sich eingehend mit beiden in Oesterreich um die Vorherrschaft ringenden politischen Parteien und beleuchtete ihre Einstellung zu den jüdischen Wählern. Der Wcchllkampf wivd — so sagte der Redner — fast ausschließlich mit Schlagworten geführt. Die Christlichsozialen führen das Schlagwort von der Breitnerei und die Sozialdemokraten von der Aufrechterhaltung des Mieterschutzes ins Feld. Das sind aber nur Punkte ihres Programms, mit denen eine Mandatsdauer von vier Jahren nicht einzig und allein ausgefüllt werden kann. Von den übrigen Forderungen ihres Parteiprogramms sprechen diese Parteien. nicht. Jtk^ierhalb der Mand-aispertodc ergeben sich die mannigfaltigsten Fragen, zu denen die Mandatare Stellung zu nehmen haben werden und zu deren Lösung sie nicht an die Weisungen ihrer Wähler gebunden sind. Gewiß, der Mieterschutz ist momentan eine Bekämpfen Sie das After durch Verwendung von SKLEROLSYRUP nach Unlv.-Prof. Dr. Mladejovsky. SKLEROLSYSUP ist ein bewährtes, erfolgreiches Mittel zur Vorbeugung u. Bekämpfung der Alterserscheinungen. In allen Apotheken erhältlich. HauptdepotjApotheker C. ER'VDY, Wien,!., Rotenturmstr.18 unserer vitalsten Fragen und seine Aufrechterhaltung mutz außer jedem Zweifel stehen. Es gibt aber noch viele andere Dinge, die tief in unser Wirtschaftsleben einschneiden und von denen die Sozialdemokraten nicht sprechen. Die Chrrstlichsozialen schieben wieder die Schuld an allein Elend den Breitner-Steuern zu. Breitner ist in her Durchführung seines sozialistischen Programms durchaus konsequent. Er will die gänzliche lleberführuttg der Privatwirtschaft in die Gemeinwirtschaft erzielen. Dadurch werden die Bürger dieser Stadt immer ärmer und die Gemeinde immer reicher. Bei der Eintreibung der Steuern ist Breitner rücksichtslos und richtet dadurch zahlreiche Existenzett zugrunde. Aber auch dieser Kampf gegen die Breitner-Steuern ist nicht der einzige Programmpunkt der christlichsozialen Partei. Sie hat es sich zur Ausgabe gesetzt, den jüdischen Einfluß in wirtschaftlicher und kultureller Beziehung zu brechen. Die christlichsoziale Partei ist eine spezifisch antisemitische Partei, und daran 'darf man nicht vergessen, wenn man auch mit ihrer Bekämpfungsmethode der städtischen Steuern sympathisiert. Wir verlangen von diesem Staate, daß wir, die wir alle P f l i chten dieser Gemeinschaft tragen, auch aller Rechte teilhaftig werden, die diese Gemeinschaft zu vergeben hat. Und. weiters fordern Ivir, daß wir neben' dieser Gleichberechtigung die Möglichkeit haben, uns und unsere Angehörigen durch ehrliche Arbeit zu ernähren. Der Mangel an tatsächlicher Gleichberechtigung führt dazu, daß wir Juden von der im Staate herrschenden Krise am schwersten betroffen werden. Der jüdische Arbeiter und Angestellte hat ein eminentes Interesse an der Erhaltung des jüdischen Mittelstandes, des jüdischen Handels und Gewerbes. Wir Juden, die wir immer als die Parias der Menschheit verfolgt tvurden, haben an unserem Leibe verspürt, was ftir Unheil verblendeter Haß anrichten kann. Deshalb werden wir nie den Klässenhatz schüren dürfen. Lassen Sie sich nicht von Schlagivorten verblenden, stellen Sie nicht aus wirtschaftlichen GründLn Ihre kulturellen Fovderungen zurück und vergessen Sie nicht über die kulturellen Forderungen Ihre wirtschaftlichenJnteressen. Wählen Sie aus Ueberzeugung die Partei, die Ihre kulturellen und wirtschaftlichen Interessen allein zu vertreten berechtigt und befähigt ist. lLebhafter Beifall.) OVerliaurat Stricker befaßte sich eingehend mit der Frage der Gleichberechtigung der Juden in diesetn Staate. Auf dem Papier — so führte er aus — sind die Inden in Oesterreich allen anderen Bürgern gleichgestellt. Es wird aber wohl keinen Menschen geben, der nicht eiitsehen wivd, daß diese Gleichberechtigung eben, nur auf dem Papier steht. Wenn es in Oesterreich auch keine Pogrome gibt, so ist der Jude doch in jeder Beziehung benachteiligt. Das primitivste Recht jedes Staatsbürgers ist es, sich nicht nur um öffentliche Aemter zu bewerben, sondern sie auch tatsächlich zu erhalten. Bewerben dürfen sich die Juden in Oesterreich sowohl beim christlichsozialen Bund als auch bei der sozialdemokratischen Gemeinde um Stellungen. Sie dürfen gestempelte Gesuche schreiben, aber angestellt werden sie nicht. Die Frage der Hochschulen ist durch die letzten Ausschreitungen an der Hochschule ftir Welthandel wieder akut geworden. Wir Juden haben immer davor gewarnt, die Dinge auf'.die Spitze zu treiben. Die große sozialdemokratische Partei über ist mit einem Achselzucken über die, Dinge hinweggegaitgen und hat die Krawalle als Raufereien unreifer Burschen hin-gestellt, mit denen das ernsta arbeitende Proletariat sich nicht zu befassen braucht. Aus diesen unreifen Burschen werden aber in wenigen Jahren Bezirksrichter, Lehrer, Steuerreferenten und die Zeche haben wieder nur die Juden zu bezahlen. Die Sozialdemokraten lehnen es ab, eine Judenschutztruppe zu sein. Dennoch gibt es in ihrer Leitung sehr viele führende jüdische Männer. Sie sind Juden, so lange sie sich i n d e r L e o p o l d st a d t um ein Mandat bewerben, wenn sie aber im Parlament sitzen, dann sind sie Vertreter der Arbeiter in Floridsdorf. Dann , wollen sie mit jüdischen Angelegenheiten so wenig als möglich befaßt werden. Kommt dann irgend einmal ein jüdischer Wähler zu einem sozialdemokratischen Mandatar und fordert seine Hilfe, wenn ihm als Jude Unrecht geschah, dann wivd dieser Mandatar, wenn er gewissenhaft ist, erst einen Beschluß des sozialdemokratischen Partcivorstandes einholen, der natürlich immer lauetet. du d a rf st dich für Juden nicht öffentlich e i n s e tz e n. Gin Sozialdemokrat darf sein Mandat nicht zu einer Judensache erniedrigen. Die jüdischen Führer der Sozialdemokraten sind womöglich noch antisemitischer als ihre christlichen Kollegen. Die „Arbeiter-Zeitung" wüibe lauge nicht so ausfallend gegen Juden sein, säßen nicht in ihrer Redaktion zum größten Teil Juden. Uober die antisemitische Einstellung der christliH- "sozialen Partei braucht man nicht erst viel Worte zu verlieren. Vor den Wahlen leugnet Seipel üderhaupt, Antisemit zu fein. Nach den Wahlen liest man anders. Mit der Partei des Herrn Benedikt zu rechten, hieße mit Gespenstern kämpfen. Nur der jüdische Mandatar, der auf das Mische Programm gewählt ist, ist seinen Wähler» verantwortlich, und nur er ist befähigt, die jüdi» scheu Interessen zu vertreten. Mit Argumenten kann man gegen unser Programm nicht ankäm-pfen, und so versucht man eS wieder mit einem Schlagwort. Man schleudert Ihnen das Wort „Aussichtslosigkeit" entgegen. Lassen Sie sich von diesem Schlagwort nicht einfangen. In gONOl VJ Plonos Eieferwagem für 230 ftg. 930 Arg. OOO /hg van S; SS*®®.— aufwärts „MONOS“- VERTRIEBSGESEUSCHAFT KOW, SCHWA«? 4» CO. KornmanditgeselIech»fi Wien, I., Stubenring 6, Teleph. 76-2-44 f

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