Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 2887 (12.3.1927)
- Date
- 1927-03-12
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 2887 «ren, Samstag 9Sf*fttt M-rgrszett«»- rs. März ISS» Tagesbericht. Ser Sowiet'AntikemittsMllS. Zoltuung eines Wische» Balseukvade» in einer Sabril. Die Sowjet-Zeitung „Rabotjchaja Gazetta" vom 19. Februar enthält, wie wir im „Hajnt" lese?, unter dem Titel „An das Arbeiter gericht", die furchtbare G-schichr eines jüdischen Waisenknaben. Es handelt sich um den Lehrling Nathan Bei ra ch, eines der zahllo'en Kinder, die tyre Eltern im Krieg oder Revolution verloren oder zur Zeiv der allgemeinen Unruhen von ihren Eltern losgerifsen wurden. Der kleine Brirach wanderte, wie die ganze große Armee der verlassenen Kinder Rußland, durch S äd e und Dürer, hungernd, vertvahrlost, bis er in der S adt Sereda, im Gouvernement Jwanowo Wosnjesensk, in einer Fabrik a*S Lehrling un ek^mmen konnte. Gleich am End: der ersten Arbeitswoche nahmen ihm eini-e Arbeiter seine bitter verdienten Kopelen unter schorren Drohungen und Beschimpfmr^en wie „j ü d i s che s S chw e i n" usw. ab. D.um wurde er arg verprügelt. Als Beirach bei der zwei e.l Auszahlung seinen kargen Wochenlohn verbarg, wurl« er un er fürchterlichen Sch ägen abermals gezwungen, das Geld he z ge'en. An dielen Exekutionen imhii.en i:ich nur Hijca.Leier, sonde.n auch die Meister teil. Wle sich herausftcllte, haude't es sich diesen Bestien nich: bloß um die wenigen Groschen, sondern darum, daß sie keinen Juden in der Fabrik d u l d e n w o l l t e n. Diese Exekutionen wurden immer grau'amer utb wurden auch an gewöhnlich:« Tagen ausgesührl. Durch die Drohung, ihn „kalt zu machen", ward: der Junge so eingeschüchtert, daß er sich nicht traute, über seine Qualen zu sprechen. Allmählich wurden alle Grade der Folterung an dem Jungen verübt. Eines Tages ging der Schreiber des Artikels an der Fabrik vorbei und hörte die Jammerschreie des Jungen. Als er mit einige:! anderen Genossen in die Fabrik kam, fanden sie Bewach in einer B lutlachc> aus dem Boden liegen, während die ihn umstehenden Arbei er lachten und ihn mit Füßen traten. Auf den Vorrat der in die Fabrik eingedrung.nen Len e e.k arten die Arbeite ', daß Beirach ein Epileptiker sei, der gerade seinen Anfall habe. Der J.:n,e tvurde sofort ins S,iia ü'erführt wo die ganze Foltergeschichte aufkam. Der A tikelschreibec fordert nun die sofortige Aburteilung der Schn digen durch das Arbeitergericht und ver'angt eine exemplarisch: Bestrafung, damit auch die übrigen antisemitischen und (u liganischen Elemente in der Arbeiterschaft erkennen, daß man solche antisemitisch: Grausamkeiten auch in Sowjctruß^aud nicht ungestraft verüben könne. Hiezu meldet der „Haj nt" weiters auS Ria, d«.ß bie Untersuchung in der Angelegenheit ergeben habe, daß am den Peinigungen des jüdischen Lehrlings B.i.ach auch zwei Kommuni st enMelnikom und S m i r n o w teilgenommm haben, und daß infolge der allgemeinen Erregung, welche diese Affäre in Sowjetrußland hervorgerufen habe, die Genannten ausderkommunistischenParteiausgeschlossen worden seien. Set Maler Josef Ftoch. Da sie von keinem physiologischen Ereignis begleitet -der verursacht wird, ist die Krise, die der Eintritt des Nenschen ins reife Alter h.rvorruft, wenig beachtet. Und »och ist sie, die in die Mitte des Lebens fällt, eine der tärlften Erschütterungen dos Seelenlebens. Bei Menschen, »eiten kein Gott erlaubt, zu sagen, was sie leiden, nur chwer kontrollierbar, macht sie sich um so bemi-rkbarer bei Künstlern aller Art. Ein Stilwechsel begleitet den Ueberlritt der Schwelle, die Lebensfrühling vom Lebenssommer lrennt oder für so viele Schaffende der Uebergang zum inneren Tod wird. Vielleicht, »veil sie an Meß an Punkt Me notwendige innere Umgruppierung nicht durchgreifend zenug zu vollziehen vermochten. , Bon einem gesunden Instinkt geleitet, zog der Maler stloch, an des Lebens Mittag-wende angelangt, nach Paris. Me er in voller Jugendblüte das nobelige Holland, das Land der verschleierten Farben und der . seelenvollsten DfaUrei aufsuchte und sich dann der klaren Sonne dos Lüdcns zuwandte, so kam cr, von guten Geistern geführt, ktr« nach Paris, wo alle, die sehenden Auges sind, Hölle, ^'gesever und Himmel der Malerei erleben können. Nach chiverem inneren Ringen, das der Tiefe dieses Künstlers mtspricht, nach monatelangem Schweigen, das in der Ehrlichkeit ß ineS Schaffens soinen Grund hat, steht er nun >or uns, gewandelt und doch derselbe. Der Mann, der des Jünglings Sohn ist, dessen Werke wir bisher kannten- und v sehr liebten. Porträts, Landschaften und Kompositionen malt Floch rach wie vor. Einfache Motive, oft gesehen an Meereslüften und in Fischerstädtchen sind es durchwegs. D':e Nenschen, die er darsttllt, bilden eine eigene Rasse. Immer dieselbe. Es sind meistens Frauen vom Typus der EmPindsame-li, Längliche Gesichter, zarte Gestalten, nervöse bände, schmaler Mund und verträumte, nachdenkliche klugen. In einen dunklen Raum gestellt, selbst dunkel und nlt wenigen Farben gemalt, besuchen sie durch keinerlei »ekorative Schönheit und ergreifen nur durch die Beseeltheit hres Wesens. Auch seine Kompositionen, in denen die krrungen-schaften der Landschaften und siguralen Gemälde >u eigenartiger Wirkung vereinigt sind, blieben chv.'M korwurfe nach die gleichen. In einer Phantasielandschaft um merkwürdigem Gepräge, wo die Ferne nicht per* Jas heimgesuchte Japan. UM) un StUOtt — ein teftitet etwa. Osaka, 11. März. Seit der vergangenen Nacht wittet in Westjapan, besonders im Bezirke Tango, ein heftiger Sturm. Die Baracken, die für die bei dem Erdbeben Obdachlos gewordenen Personen errichtet worden waren, wurden zerstört. Sie SttluftW. Tokio, 11. März. Nach den letzten im Ministerium des Innern eingcgangenen Nachrichten verzcichn-t jetzt die Verlustliste der letztett Erdbebenkatastrophe 2687 Tote, 6443 Verletzte und ungefähr 10.000 zerstörte Häuser« Sie Srippe flaut ab. Genf, 11. März. Das heute ausgegebene Grippebulletin der HygicneaHteilung des Völkerbundes meldet ein Abflauen der Epidemie in allen europäischen Ländern mit Ausnahme Schottlands, Irlands unv Ruhla ndS, wo die Epidemie erst zu beginnen scheint. AuS England werden für die evste Woche des Monats März 896 Todesfälle in den großen -Dätc-n gemeldet. M die Maschine den Dampf, so braucht der Körper ständige rationelle Pflege. Aber ständig, denn sonst kann die erwünschte Wirkung nicht erzielt werden. DIANA Franzbranntwein mit Menthol ist das geeignetste Mittel zur rationellen Körperpflege, und deshalb soll jeder Dlana*Franzbranntwein ständig benützen. Veberoll erhttMlidh. HalenKeiizlertuoiult in der Hochschule für Welthandel. guflriptiousstreik der Wischen und sozialistischen Studrnte«. Bor nicht allzulanger Zeit mußten es sich der Dekan der medizinischen Fakultät und znrei Mitglieder des Professorenkollegiums gefallen lassen, von hakenkreuzlerischen Studenten geprügelt zu werden. M-an hat bisher nichts darüber gehört, ob gegen die Schuldigen ein Diszipli-narverfahven ei>ngeleitet wurde. Man hat aber davon gehört, daß gegen einige „rasiensremde Element'?", die sich gegen die Ueberfälle zur Wehr gesetzt hatten, disziplinär vorgegangen wurde. Die bisher von den akademischen Behörden gehätschelte Clique der hakenkreuzlerischen Studentcn scheint den Herren vom akademischen Senat nachgerade sehr unangenehm zu werden. Sie haben sich nämlich jetzt das System zurechtgelegt, nicht nur jüdische Studenten, sondern nebst rass.nfremden Professoren auch deutsche Hochschullehrer zu prügeln, »venu sie nicht nach ihrer Pfeife tanzen. Da ist der Diplomkaufmann Robert Körb er, der Leiter des sogenannten Kulturamtes der deutschen Studentenschaft, der sich als Herr der Wiener Hochschulen gebärdet. Er kommandiert allwöchnilich ein bis zwei Sturmangriffe auf die Wiener Hochschulen und hat -sich zu seinem Kriegsschauplatz neuerdings die Hochschule für Welthandel gewählt, die unter der Leitung eines deutschen Hochschullehrers steht, dem Körber Urfehde geschworen hat,1 weil er sich unterfängt, im Präsidium eines B.ra-nstaltungskomitees für einen Studentenball zu figurieren, der nicht ausschließlich den hakenkreuzlerischen Studenten zugänglich ist. Schon vorigen Samstag gab es an dieser Hochschule K-ra wall. Gestern wiederholte Körber mit seiner Rotte, die sich aus Studenten (!) der Hochschule für Bodenkultur und dcr Technik zusammensetzte, seinen Ueberfall auf die Hochschule für Welthandel, wo jetzt wegen der bevorstehenden Schlußprüfungen inten« siver Studienbetrieb herrscht. Die Radaubrüder drangen in das Gebäude der Hochschule ein*, und randalierten dort. Besonders hatten sie es auf die An sch l ag kästen der jüdischen und sozialistischen Studenten abgesehen. In einem dieser Anschlagskästen stand nämlich zu lesen, daß Körber ein B u m m -e l st u d e n t sei. Der Diplomkaufmann hat sich a-nder juridischen Fakultät inskribieren lassen, offenbar deshalb, um so ungestörter als Student für die deutschen Belange raufen zu können. Nach dem siegreichen Einfall schwang Körber eine blutrünstige Rede und seine Getreuen sangen das Deutschland-Lied. Auf der Straße patrouillierte die Polizei und mußte untätig zusehen, wie in der Hochschule wehrlose Studenten verprügelt wurden. Den Rektor Gruntz e l, der Ruhe stiften wollte, herrschte ein Radaubruder an: „Wer sind Sie eigentlich?" Gegen Mittag war die Ruhe wieder hergestellt und die Vorlesungen konnten wieder beginnen. Zur Abwehr geg.cn dieses Treiben, das letzten Endes doch nur die arbeitswilligen Studenten büßen müssen, spektivisch vovgetäuscht, sondern durch Farbenwerte dargestellt wird, befinden sich am ersten Plan menschliche Gestalten, in das Gelände organisch hini.'ingedichtet. Und wie er in den Bildnissen, die meistens Doppelbildnisse sind, durch die Wiederholung und Bariierung desselben Motivs größere Eindringlichkeit zu erreichen sucht, so sind auch die Figuren, die, ohne Träger eines Geschehens zu sein, in einfachen Gebärden v.-rharren, desselben Geistes voll, der über der Landschaft seiner Kompositionen ruht und bilden mit ihnen zusammen eine Welt von ganz eigentümlicher Atmosphäre. * Obwohl aber der Gehalt seiner Werke im Prinzip ungeändert geblieben ist, sind sie doch in beiden Epochen ganz verschieden. Dit? Magie der Farbe nämlich macht die einen zu Melodien, die frei und warm sttömen, die anderen zu ernsten, verhaltenen Chorälen. Und umgekehrt ist die malerische Potenz Flochs vielleicht am stärksten dadurch bewiesen, daß bei ihm die Farbe dasjenige Element ist, an dem sich all sein? künstlerische und menschliche Entwicklung objektiviert. Blau und Rot sind die Farben seiner ersten Bilder und sie verschmelzen oft zu einem violetten Ton, in den die Dinge getaucht sind. Und da Flochs Maltechnik damals so beschaffen war, daß sie deutlich die einzelnen Piwselstriche voneinander abhebt, so erschien das Bild als eine bewegte, malerisch differenzierte Fläche, in der die Formen der Dinge nur wenig herausgearbeitet waren. Den figuralen Gemälden jener 'Zeit war diese Technik wenig bekömmlich. Sw verleiht den Menschen jener Bilder zwar den eigentümlichen Ausdruck, daß sie in die Umgebung sich auflösen', aber sie schwächt ihren Eigenbestand und wird, derb wie sie ist, der Bes vltheit ihrer Züge wenig gerecht. Dafür aber kommt sie den Landschaften ganz besonders zugute, die das Schönste sind, was Floch damals geschaffen hat. Es sind dies wirklich keim Gegenstände, dis da dargestellt werden, sondern Seelenzustände, die sich in Farbakkorden ausdrücken, deren Klänge an den Dingen zum Tönen gebracht werden. Es glüht zwar in einem tiefen Mau das Meer und es leuchtet der Himmel, doch weder Himmel, noch Mecr, noch überhaupt die Natur ist gemeint. ES find lyrische Ergüsse, gar keine Beschreibungen. Doch allmählich regt sich das Bewußtsein des Sonderdaseins der Gegenstände, die Sehnsucht nach Formgestaltung und Beherrschung. Der Künstler geht nach dem Süden und bald wächst von Bild zu Bild die Rolle der klaren Form in seinen Werken. Gleichzeitig verschiebt siÄ der Schwerpunkt seines Schaffens von den Landschaften gr den siguralen Gemälden. Sie werden jetzt der eigentlich- Träger seines Kunstprinzips, weil sich an der einderttigen Architektur des menschlichen Körpers am schnellste« jede Willkür zuschanden bringt und jene Zucht erwerben läßt, -nach der Flochs Bestteben geht. Me Technik wird immer ruhiger und kommt schließlich dazu, das Bild als eine vollkommen glatte Fläötie-erscheinen zu lasten. Die Farben beschränken sich nur noch aus zwci: ein merkwürdiges Rotbraun und ein Graugrüt', das sonst selten zu sehen ist. Die Linien werden immei einfacher und immer spärlicher die Modellierung, die nur durch Farbenwerte gewonnenist und trotz der -mmer knapperen Mittel immer mehr an Plastik gewinnt. Durch ihre gesammelte Ruhe erinnern diese Gemälde au die Köpfe der großen ägyptischen Kunst, die trotz ihres geometrischen Schemas kompliziertesten Ausdruck und gebc-nnte, lebendige Kraft zu veranschaulichen verstanden. Denn auch hinter Flochs Sparsamkeit steht ein Reichtum, der »m so größer erscheint, als er durch Zucht an äußerer Exponsion gehindert, aus der Tiefe hervorleuchtet. Schon in bei* beiden Grundfarben seiner Bilder schwingen alle ihre Komponenten mit, und das heiße Rot, das spärlich durch das Grau leuchtet, oder das Licht, das an den betonten Stellen spielt, oder gar das kalte, strenge Weiß, das unversöhnlich eindringt, bringen Spannungen und Akzente mit sich die diese scheinbar eintönigen Gemälde zu vielfältigen, inhaltsreichen Kunstwerken machen. Freilich ist es nicht mehr der Zaubcrkreis der Meder und Arien, und verlassen ist das holde Land der Ju-zend, -die offen dem Leben gegenübersteht und überströmend sich der Welt gibt. Doch: ,^Jn holder Jugendzeit zu fingen, macht vielen da. gelingen. Der Lenz, der sang für sie. Denen 's dann noch will gclingen, seht: Meister wenntman sie." Die Folgerichtigkeit und Intensität seiner Entwicklung, die Größe seines Talentes und nicht zeletzit die Resultate, die er schon erreichte, geben die feste Gewähr, daß wir es da mit einem zu tun haben, der am Wezrn ist, die Meisterschaft, den seltenen- Gipfel, zu erklimmen. Paris. Aurelie Gottlisd.