Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 2887 (12.3.1927)
- Date
- 1927-03-12
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Men, Samstag Wiener Morgenzeitrrvg 12. März 1927 Nr. 2887 WIENER MORGENZEITUNG KUPON zu de« Kreuzwcrrt-RStsel Nr. 28 QriENER MORGENZEITUNG [5] 0 Kupon Nr. 3 H |p| zu dem Ipl g SPORTPREISAUSSCHREIBEN ra Ci« Attentat ans die Bevölkerimg. —y, Wien, 12. März. An der Hochschule für Welthandel haben sich gestern die Exzesse der deutschvölkischen Studenten wiederholt. Es waren, obzwar die Invasion zu erwarten stand, keinerlei Vorsichtsmaßregeln getroffen worden und so war die Hochschule durch mehrere Stunden der Schauplatz widerlicher Vorgänge. Es wurde gcpfissen, geschrien, Tafeln wurden abgerissen, Vorlesungen gesprengt uub erst die Polizei, bei der in diesem verwunderlichen Staate alle Politik endet, komüe RuhL schaffen. Es war dies an der Hochschule für Welthandel, die man wahrlich vor der radikalen Infektion zu bewahren allen Grund hätte. Gerade an dieser Anstalt, an der die künftigen Träger des österreichischen Handels ausgebildet werden, rächt sich die Vergiftung sofort. Denn die Verbindungen, die von dort aus nach dem Ausland gesponnen werden, vertragen eine derartige Belastung nicht. Es ist aber kein Zufall, daß die Sturmtruppen der völkischen Hetzpolitik gerade jetzt losgelassen werden. Dies geschieht immer in Zeiten, in denen Fremde nach Wien kommen. Es soll ihnen vor Augen geführt werden, daß sie nicht erwünscht sind und daß die Ummauerung und Absperrung Wiens das Ziel einer Gruppe ist, die nicht stark an Zahl, aber an Lungenkraft ist und immer versichert^ daß sie das deutsche Volk vertrete. Jetzt kommt die Messe, der österreichische Handel und die österreichische Industrie wollen neue Verbindungen eingehen und die Produkte fleißiger Menschen, die wahrlich mit den Krawallisten nicht das geringste gemein haben, o-m sachverständigen Ausland vorführen. Neue Abschlüsse beleben das Geschäft und rvirken der Arbeitslosigkeit entgegen. Das paßt ober den Drahtziehern nicht. Sie sind gegen jede Berührung mit dem Ausland. Jeder Fremde bringt anderen Geist, andere Anschauungen und wohl auch andere Umgangsformen. Er sieht was hier geschieht, wer hier den Ton angibt und dann ivendet sich der Gast mit Grausen. Die vielen ausländischen Studenten an den Hochschulen nehnim wahr, daß hier eine Minorität zertreten werden kann und daß die Berüber der Schandtaten wohlgelittene Protektionskinder der regierenden Parteien sind, während die Oppositionspartei den Dingen mit kühler Reserve zusieht und sie höchstens als taktischen Wahlschlager wertet. Denn es ist nicht nur Messezeit; lvir stehen auch in den Wahlen und da scheint es Elemente zu geben; die eine Einschüchterung der jüdischen Bevölkerung anstreben. Einerseits aus Judenhaß an und für sich, andererseits als Ausgangspunkt für Beunruhigüng ünd Wahlterror. Wenn Krawalle in einer Hochschule entstehen, dann können sie leicht auf die Straße hinausgetragen werden, dann mengen sich Arbeitslose und andere Erbitterte und Verzweifelte ein und man hat einen lustigen Wirbel, dem nur die fernbleiben, die ihn anstiften. Was die jüdische Bevölkerung anbetrifft, so wird sie sich kejnem Terror fügen. Sie wird ihre Wahlvorbereitungen treffen und sie wird so wählen, wie das ihrem staatsbürgerlichen Interesse entspricht. Die nichtjüdische Bevölkerung aber ist ungleich nervöser und reagiert viel schärfer auf politische Reizungen. Es ist ein gut ersonnener Anschlag aus Oesterreichs Ansehen nach außen und auf seine demokratische Entwicklung. Er wird in einem Augenblick ausge-' führt, in dem alles daran liegt, daß die öffentliche Ruhe erhalten blefbt. Die studentischen Exzesse haben Oesterreich schon weit mehr geschadet als bekannt ist und der österreichische Handel nach dem Osten und dem Orient weiß ein Lied davon zu singen. Ganze g oz Gebiete des Exports sind verödet und Waren, die sciu-ee aus Oesterreich bezogen wurden, gehen heute aus Prag oder aus Rom nach den für Oesterreich verlorenen Ländern. Die Schuld hiefür liegt zum allergrößten Teil bei den Parteien und Regierungsstellen, die den Straßenradau dulden und als Temperamentsäußerung verirrter Jugendlicher sogar belächeln. Die Zeche zahlt die arbeitende Bevölkerung und der moralische und materielle Kredit des Staates. der zionistische Parteitag verschoben. Das Zionistische Lanveskomilee für Oesterreich teilt mit: Mit Rücksicht aus den unvorhergesehenen so kurzfristig angesetzten Termin der österreichisthen Wahlen und mit Rücksicht auf den Beschluß des Parteirates, aktiv an dem Wahlkampf teilzunehmen, sieht sich das Zionistische Landeskomitee für Oesterreich gezwungen, den in Aussicht genommenen Provinz, delegiertentag und Parteitag, in Graz auf den Monat Mai zu verschieben. Nähere Bekanntgabe des Termins erjolgt später. Sie Wahle«. Ae Hakenkreurler gegen Kit klorelttsroot. Dr. Seipel und die Grotzdeutschen sind über die Einheitsfront schon so ziemlich einig» die natürlich erst vollendete Tatsache fein wird, bis die gemeinsamen Kandidatenlisten cittgereichr sind. Das mutz längstens in drei Wochen geschehen fein. Inzwischen melden sich alle möglkchen Gruppen mit der Drohung an, wenn man ihnen nicht Mandate gibt, mit selbständigen Listen zu kandidieren. Hat schon die beharrliche Weigerung der Landbündle r, m der Einheitsfront mitzumarschieren, bei den Ehnstlüchsozialen in den Bundesländern allerlei Gedanken über den problematischen Wert einer Wahlgemeinschast mit den Großdeutschen ausgelöst, so steigen nunmehr auch den Wiener Ehristlichfozialen gewisse Bedenken auf, da die Hakenkreuzker beider Richtungen einmütig die antimarxistische Einheitsfront ablehnen. Wie sie in der „Korr. Herwei" Mitteilen, hätten die Grotzdeutschen nicht die Ermächtigung besessen, mit den Christlichsozialen auch im Namen der Nationalsozialisten zu verhandeln. Das haben sie auch jetzt offiziell dem grotzdeutschen Parteiobmann Dr. Wottawa und den führenden Parteipottttkem der Chrkstlichsoziaten er'l'irt. Die Wahlparole Seipels passe ihnen nicht, denn es nütze nichts, den Marxismus niederzuringen, wmn nicht >. u drKnmpf gegen die Korruption und die Geschäfts- Po l i t i k e r g eführt werde. In einer Partelleittmgftitzmn wurde weiters besthlotzen, an der nationalen Einheitsfront festzuhalten und mit jenen Wirtschaft-- und Stand^sgruppen gemeinsam vorzugehen, die auf dem Boden des Anschlusses an Deutschland stehen. Machen die Landbüngler und die Hakenkreuzler gemeinsame Sache, dann könnte der Fall eintreten, daß die ChristlWozialen den Grotzveutschen wohl sichere Mandate aus dem eigenen Besitzstand geben, datz aber die deutschnational gesinnten Wähler nicht für die Einheitsfront der Regierungsparteien ihre Stimmen avgeben, was natürlich den ganzen Zweck der Einheitsfront kn fein Gegenteil verkehren würde: Die Christlichsozialen liefen nämlich Gefahr, dann weniger Mandate als heute zu besitzen, während die an Wählerschwund laborierenden Grotzdeutschen ihren Bestand behaupten würden. I» de» Ländern geht es mit der Einheitsfront überhaupt nicht recht. In Salzburg zum Beispiel mik’ite Landeshauptmann Doktor Rehrl mit den Grotzdeutschen avschließen, doch will er, datz diese ihren derzeitigen Vertreter im Nationalrat Clessin nicht mehr als Kandidaten anfstellen. In Kärnten hat der Landbund nunmehr endgültig den Eintritt in eine bürgerliche Einheitsfront abgelehnt. Dort wird voraussichtlich eine nationalwirtschastliche Wahlgemeinschast zustande kommen. In Ob e rbste rreich werden nach einem gestern vom Landtag gefaßten Beschluß auch die Gemeinderat^wahlen in Linz und St ehr gleichzeitig mit den Nattonalratswahlen abgehalten. In Linz werden die Sozialdemokraten ihre bisherigen Nationalräte Weiser und S t r u n tz wieder kandidieren. Als Anwärter für das dritte Mandat, das sie izu erobern Höften, wird Proft^or Ernst Koref genannt. Der ZMM in der WMagitstion. Im Zoll.au.-schuß res Natronalrates wurde gestern die Generaldebatte über die Zolltarif Novelle fort g esetzt. Da die Sozialdemokraten jetzt überall in mannshohen Plakaten Ausrechnungen über die katastrophalen Auswirkungen der neuen Zölle hlnauSschreien, hat sich Abgeordneter Kunschak zu einer au?giebigen Berti iungseoe veranlaßt, in der er nachzmveisen suchte, daß der Zoll bei der Preisbildung eine sehr untergeordnete Rolle spielt. Dr. Bauer erwiderte, diese Zollvorlagen beschließen, heiße den ungarischen und den jugoslawischen Handelsvertrag unhaltbar machen, was die Arbeitslosigkeit noch mehr vergrößern würde. Er schloß mit der Erklärung: Ueberlassen wir doch die Zolldorlage dem nächsten Parlament: Lassen wir das Volk entscheiden und guü'en imr uns nicht mit einer Beratung, von der Sie selbst überzeugt sind, datz sie bis 24. April nicht erledigt fein kann." Die Debatte wird Dienstag fortgesetzt. Ueber die Sozialversicherung wird im UnterauMutz weiter beraten, aber auch hier treiben die Sozialdemokraten nur Wahlpolitik. Sie stellen unbekümmert um die Tragfähigkeit der Wirtschaft ihre Anträge nur zu dem Zweck, um dann in den Wälsterversammlungen Mitteilen zu können, welch reiche Beneftzien sie den Alten, den Kranken und den Unfallsletzten zwo enden wollten, datz sie aber daran duvch die Mehrheit, die die sozialdemokratischen Anträge ablehnte, gehindert morden seien. Die »stchsten Mischen Mhlerversammlungen. State camsißfl, präzise b ichr abends, findet eine jüdische Wählerversammlung im Saale der jüdischen Volksküche, 2. Bez., Krumbaumgasse 8, statt. Redner: Dr. Desider F.riedmann, Gemeinderat Doktor Plaschkes, Oberbaurat Stricker. Morgen Sonntag, präzise 10 Uhr vormittags, Massenmeeting in Gabriels Restauration „Zum Rad fahr er", 2. Bez., Ausstellungsstraße 86. Referenten: Oberbaurat Stricker, Dr. Desider Fried m ann. Ge meinderat Dr. Plaschkes, Vizepräsident der israeliti- , schen Kultusgemeinde Dt. Josef Löwenherz und Dij rektop Josef Brenner. I Wahlresorm in Pole«. Gegen die nationalen Mlllverhelten. W a rscha n, 11. März. Die Frage der Wahlreform, durch die die aus Erspamugsrücksichien von: amerikanisschen Finanzsachverständigen Professor Kemme rer anempfohlene Verringerung der Mltgliedcrzahl der beiden Häuser des Parlaments ins Rollen geriet, ist angesichts des Umstandes, daß die LccMatnrperiode des gegenwärtigen Sejm zu Ende geht, bereits Gegenstand eingehender Partcienbesprechungen. Sie wird zu schweren parlamentarischen führen, da die Rechtsparteien die Wahlresorm tazu benützen wollen, um die parlamentarische Vertretung der etwa ein Drittel der Gesamtbevölkerung Polens betragenden Minderheitsnationen (Ukrainer Juden, Weißrussen, Deutsche, Litauer) abzuwürgen. In der letzten Sitzung, des VersassungsausschusseZ des Sejm hat der irationa'demokratische Abgeordnete Glombinski die Einbringung eines Wahlresormentwurses angekündigt, der bei den Vertretern der Li cksparteien und der nationalen Minderten Widerspruch begegnet. Danach soll durch eine Verordnung des Staatspräsidenten also ohne Beschluß des Parlaments und des Ministerrates folgende Wahlordnung durchg-führt wer'-en: Die Zahl ker Deputierten, bisher 443, soll auf 300 reduziert toerden, von denen 250 gewählt und 50 den Staatslisten (den Ausdruck defi.üert der Antragsteller nicht) entnommen werden. Die Zahl der Senatoren soll auf 75 herab'eotzt irr In den städtischen Wahlkreisen Warschau, Lodz,. Posen, Krakau, L.mbevg und Wilna soll die Zahl der Mandate unverändert bleiben, dagegen sollen in den übrigen Wahlkreisen die Mandate durch den Staatspräsidenten ausgetnlt werden; als Schlüssel für diese Mandatsausteilung soll die Zahl der, Wähler gelten, die bei den letzten Wahlen im Jahve 1922 gestinunt haben. Was diese Bestimmung bedeutet, wird sofort klar, wenn mau sich erinnert, daß im Jahre 1922 die Ukrainer und Weißrussen die Wahlen zum größ'.en Teil boykottiert haben und z. B. in Ostgalizien nur etwa ein Drittel der Wähler zur Urne gingen, wenn also die Mandatszahl nach den Zahlen dieser Wahlbe'ei'i.mng bestimmt würde, so waren d-ie Wahlkreise mit überwiegend nichtpolnischer Bevölkerung benachteiligt. Wie Glombinstis Antrag weiter besagt, soll ä!uf diese Weise die Mandatsverwiwng so erfolgen, daß auf je 25.000 Wähler ein Sejmmandat, auf je 80.000 Wäkster ein Sonatsmändat entfällt. In den Wahlkreisen Lemberg, Sambor, Stryj und in den Wojtvodschasten Stauislau, Tarnopvl, Wolhynien, Polesie und Nowgorod sollen zwei Wahlkurien, eins polni.sche und eine nichtpoInische, geschaffen werden; die auf jede Kurie entfallen e Mandatszahl soll vom Staatspräsidenten bestimmt tverden. wobei grundsätzlich jede Gruppet ininvestms ein Dri""' Se'mmanwte und zwei Se^atsmanda'e zu ersa'ten hätte. D'xse letzte.:' BestimmunMN'follen! den po.m,chm W. h.. in den Randgebieten ans Kosten der Minderhei.en Vertretungen, sichern, die sihnen bei den letzten Wahlen nicht zufielen (in Wolhynien z. B. wurde kein einziger polnischer Abgeordneter gewählt)..'Dev Antrag Glombinski stellt eine der'gröösten Bersiäkschäüuängen des Wahlrechtes dar, die es in der Geschichte je gab. Er begegnet Mich in Regierungskreisen schtveren Bedenken. Exodus der Vertreter der nationalen Minderheiten und oer mMwteiea. Warschau, 11. Dtarz. In der heutigen Sitzung' des B.rsassungsausschusses des Sejm stand der vom Abgeordneten Glombinski im Namen M nationaldsmokratischm V.rbandes eingebrachte Antrag auf Äenderung der Wahlordnung für Sejm und Senat zur Beratung. Als der Antrag des Sozialdemokraten Nüdzialkowski, Über das nationaldemokratische Projekt als ^mit der Verfassung in Widerspruch stehend hinwegzugchen, mit den Stimmen der Rechten und der Mitte abgelehnt wurde, verließen die Vertreter der Linksparteien und der nationalen Minderheiten zum Zeichen des Protestes den Be^ ratungssaal., Die verblcGendcn Mitglieder des Ausschusses setzten dann die Beratungen fort. Dem Grundsätze, die Zahl der Mitglieder von 444 auf 300 zu vermindern, wurde zugestimmt. Es wurde ein Unterausschuß eingesetzt, der die Frage zu prüfen hat, wie den polnischen Minderheiten in den Ostmarken eine Vertretung im Parlament zu sichern wäre. PMsch'MMSer GrenzzwWenlall. Warschau, 11. März. „Kurier Pocanny" meldet aus Wilna, daß an der litauischen Grenze bei der Ortschaft Podblond ein Wachtturm des polnischen Grcnzschutzkorps von litauischen Grenzwachen beschoss e n worden sei. Die Beschießung soll von drei verschiedenen Punkten und aus naher Entfernung erfolgt sein. Wie das Blatt behauptet, Mehren sich derartige Fälle in den letzten Tagen. Eine S o n d e r k o m m i s s i o n ist entsandt worden, 'Um diese Zwischenfälle ärt Ort und zu prüfen; ' '