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Wiener Morgenzeitung · 1927-03-11 · Heft 2886 (11.3.1927) · p. Seite 6

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
9 (1927)
Issue
Heft 2886 (11.3.1927)
Date
1927-03-11
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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GeNe 6 Men, Freitag Wiener Morgevzettmrg 11. März 1927 Nr. 3886 JUDE ANS KREUZ! ROMAN von KURT MUN2ER Copyright 193? by K- Löwit Verlag, Wien — Leipzig. Das Geschäft in der Münzstraße hatte Gerson Adler verkauft. Er hatte den Sohn gefragt, und Abel, lachend über bürgerliche Ansässigkeit, gleichgü tig gegen mir beschwerenden Besitz, hatte aus Paris sein Ja geschrieben. Nun lagen die Papiere, Akten, Obligationen in einem Koffer unter Gersons Bett, täglich sinkend. Und Besitz, Rückhalt, Sicherheit lösten sich furchtbar schnell ins Nichts auf. 2lber auch die Möbel waren mitverkauft, die Bilder, selbst die Bücher, das alte Porzellan, die Teppiche. Gerson und Mirjam schnnndelte es, als die HLnd'er und Private, Ausländer, Schieber, Börsenmakler ihnen Tausende, Hunderttausende ftir den Plunder boten. Sie fieberten über den Kartons voll Geld. Mer acht Tage später war es nur iwch die Hälfte wert. Gerson, erschreckt vom Tempo der Zeit, verstört vom jähen Wechsel aller Umstände, verlor Vertrauen noch zu den Nächsten. Er glaubte niemandem mehr. Er hörte nicht auf den Rat der Freunde, legte das Geld in alter Weise an, und erst als es zu spät war, begann auch er in der Grenadierstraße in Devi en zu handeln. Devi'e t zn sammeln und andere Geschäfte zu machen. Silber, ja Blech und Eisen war wertbeständiger als das Geld. Jetzt hätte er den Laden zuruckgewünscht, die Teppiche, die alten Schränke. Als Abel kanr, war er arm, hatte er seines Sohnes Hab und Gut in Papier verwandelt. Er weinte, er schlug sich die Brust, in sechs Jahren ein Greis geworden. Mirjam hielt das Kind an die Brust gedrückt; sie war gealtert, aber aus ihrem welken, vergrämten Gesicht schimmerte mädchenhafte An nut immer noch. Unter dem entfärbten Scheitel leuchtete die stille klare Stirn, ein Haus reiner Gedanken. Ihr Bick bat mn Verzeihung für des Vaters Ungeschick. „Geh," flüsterte sie, „geh, mein Leben, tröst ihn nur. Er find't schon keine Ruh' mehr wegen dir." Mel umarmte ihn lachend. Er zog in die Prenzlauer Allee, in ein Haus mit achtundvierzig Familien. Noch im Vorderhaus war das Elend heimisch getvorden. Töchter gingen auf die Straße und verdienten nichts, denn allzu viele Frauen jetzt machten Geschäfte mit ihrem Körper. Die Kinder gingen stehlen, Kohle auf Lagerplätzen, Holz i^ den Anlagen. Sie schugen irrende Katzeil tot und brachten skelettierte Hunde mit heim. In den Schulen machte der Quäkerkakao ihnen nur Hunger,^Gelüst auf mehr, auf Süßes. Es gab Kinder, fürchie Schokolade nur im Schlaraffenland wuchs, sie hatten noch keine Orange gesehen und wußten nicht, wie Fleisch schmecktwie Eier ms Blut gehen. Dort wohnte er in einer Sticke, die mit Torf geheizt wurde. Immer roch es nach Kraut, vom Dach, wo heimlich in Verschlügen alte Männer hausten, bis in den Keller, wo ein schwindsüchtiges Mädchen starb, eine irre Frau den ganzen Tag sang und sich Bandreste ins Haar flocht, wo die Ratten sich furchtbar vermehrten. 2lbel kannte das Elend der Hinterhäuser und KÄler, aber nie war es so ungeheuerlich gewesen wie. jetzt, im Echo des Krieges. In Paris war es verklärt vom Lächeln des Südens, trug es sich leichter, weil es auch leichter war. Das Land spendete Früchte, Wein und Milch und Korn. Wer Oie volkstümliche Geschichte der Juden von HEINRICH GRAETZ ist soeben in neuer Ausgabe erschienen 3 Ganzleinenbande mit reicher Goldprägung auf holzfreiem Papier in Antiqua gedruckt PREIS 40 SCHILLING Ein Standardwerk des jüdischen Hauses Unentbehrlich für jede Bibliothek R. Löwit, Verlag, Wien I Fleischmarkt Nr. 1 Rotenturmstraße Nr. 22 (84. Fortsetzung.) dieser Norden lastete schon mit seinem bleiernen Licht, seinem Frost, den Stürmen tvie Messer, dem Regen ohne Ende. Dieser Himmel allein war schon Bedrückung und Entmutigung. Diese Straßen waren ohne Trost in ihrer steinernen Ausweglosigkeit. Es tvar die Stadt ohne Freude. Und die, die es heut gab, nächtlich, heimlich, war hoffnungsloser, schmerzhafter als der Schmerz selbst. Wel half. Er gab nicht rmr, was ev verdiente, er schmerte den hilflosen Alten die Stube nick setzte dem Blinden die Kartoffeln auf. Er nahm die Kinder der Mutter, die waschen ging, in seine gewärmte Stube. Er bewahrte den Hund vorm Totschlag, die Katze vor dem Messer. Äch, er tvußte: Damit sie anderen in die Hände fielen. Er wußte weiter: was war Hilfe! In diesem Haufe stillte er Hunger mck Schmerz, und gegenüber hing einer am Fensterkreuz, nebenan tötete eine Mutter ihre Kinder und sprang dann in den stinkenden Hof hinab, und an jeder S raßenecke b.'ttelte der, wenn nicht entartete, dann vom Schicksal zerstörte Mensch. Es war Sommer, als er heimkam, der Sommer einmckzwanzig. Er war zu Kaspar Zarcmba gegang n. „Sft?-- le", sagte der Meister, setzte sich ans Fenster. Er lösche das Licht', Wel spielte im Dunkel. Er ließ den Bo en sinken 7— er sggte: „Lieber Meister, wenn Sie die Peitsche nahmen — Er konnte nicht mehr spielen, es war Musik des Prinrgeigers, süßlich, schneidend, durchdringend, schluchzend, für Dirnengemüter nno sentimentale Schieber, für den Ans ivurf der Menschheit, den die angewiderte Erde jetzt nach oben gespien hatte. Da wimmelte das Gegorene, Zersetzte und stank. Zaremba saß regungslos. Er schüttelte nicht eimnaden Kopf. Es gab nichts mehr, was da ans Abel Adler noch hinauszupeitsch n gewesen rväre. Da schrie der G iger außer sich: „Ja, wo fotf Musik in der Seele bleiben, wenn sic sich am Elend überfrist? Ich bin voll von der Welt, ich Hab keinen Platz für Schönheit und Glück." „Komm her," sagte Zaremba zum erstenmal sanft, und drückte den jungen Menschen neben sich zu Boden, nahm sein kaltes Gesicht zwischen seine lebendigen warmen Hände. „Sei still, Junge, keinen Platz für Schönheit und Glück... Du bist ein lebendiges Herz. Ach, sei froh, daß es nicht in Kunst erstarrt ist. Sich uns an: Bn'oni ist wir eine erhaben waltende Gottheit, d'Mbert ein raender Dä mon, Kreisler hat den Ton vom geigenden Engel — Aber leben sie? Sind sie nicht eingemauert in ihre Musik? Mes wird ihnen Musik. Und du, deine Musik Ivird Leben. Du hast das bessere Teil erwählt, Junge. Was willst du? Spiele Leute nnndeliveich, presse Tränen aus Kriegsgewinnlern, Scham aus Verworfenen, Rene aus De'randanten! Wir — wir versäumen alles. Die Kunst ist das strengste Ghetto. Geh, du bist sehr glücklich." „Ich weiß nichts, Meister, ich sehe keinen Weg, es geht ünmer, tvie es will. Wohin?" „Wenn du das tveißt, wird das Leben schal und jeder treue Tag überflüssig. Aber ist nicht jetzt jeder nächste ein wunderbares Geheimnis?" „Gcheimnis, ja. Wer beängstigend und quälend. Ich möchte lieber einer sein, denr geholfen wird, als einer, der zu helfen versucht." „Wir sehen rrns innner irach dem u « gemäßen Zustand." „Kann es nicht Menschm geben, denen keiner gemäß ist?" (Fortsetzung folgt.) 66fl«we8eoeeeaefl0eee8eaefl8(»(»6Moeee8(Wfl<w9fl«eaflefl68flfleflefl8<HH>fle8aflfleee888(W8 I. Preis: Eine Bibliothek von 300 Binden II. Preis: Eine Gratisreise nach Palästina III. Preis: Eint Ounam Land in Palästina und weitere 47 Preise -Ausschneiden ~ SVr. 27 BEZEICHNUNG DER WORTE: Wagrecht: 1 Sturmwind an der Adria, 4 Europäische Währung, 7 Mineral, 9 Spielkarte, 11 Deutscher Kurort, 12 Doppelselbstlaut, 13 Temperaturbezelchnung, 15 Inselbewohner, 16 Stadt in Rußland, 17 Teil des Kopfes, 18 Artikel, 20 so wie 12 wagrecht, 21 Wintersportgerät 23 Abk. für Nachbemerkung, 24 Fußballtore, 26 Bibi. Person, 27 Planet. Senkrecht: 1 Babylonische Gottheit, 2 Aegypt. Sonnengott, 3 Engl. Bier, 4 Brei, 5 Vorwort, 6 Grünfutter, 8 E»dteil, 10 Ding, 12 Männl. Vorname, 14 Zeitmesser, 15 Chem. Element, 17 Ring, 19 Meeresb wegung, 21 Französ. kleine Münze 22 Insel (französ.), 24 Chem. Formel für Gallium, 25 Abk. für „Seiner“. Name:..... Adresse:... Ausschneiden Erklärung * Ab 13. Februar erscheint täglich in der „Wiener Morgenzeitung“ ein Kreuzworträtsel. Oie Diagramme sind auszuschneiden und mit Tinte oder Tintenblei auszufüllen und zu sammeln. Am Schlüsse unserer Serie sind dann die gesammelten Lösungen samt den in jeder Nummer befindlichen Rätselkupons an, die »Rätselredaktion der Wiener Morgenzeitung“ einzusenden. Jeder Einsender kann an der öffentlich stattfindenden Verlosung, deren genauer Zeitpunkt noch bekanntgegeben wird, teilnehmen. Blätter, in welchen unsere Rätsel erschienen sind, können jederzeit gegen Einsendung des Betrages in Briefmarken von unserer Administration nachbezo„en werfen NB. Der Belschlnß .des auf Seite 2 befindlichen Kupons ist unbedingt erforderlich. BENÜTZEN SIE NUR DIE EBlau-weissen Zünder Auskünfte im Keren Kajemeth, Wien, I., Kärntnerstraße 28 Erhältlich, in einer Reihe von Trafiken und Greislereien. Wo sie noch nicht da, sind, fordert sie! Telephon-Nummern 77-4-85 und 77-4-86

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